Ad orientem

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Ad orientem (lat. ad orientem solem‚ „in Richtung auf die aufgehende Sonne“) bezeichnet im christlichen Gottesdienst eine Gebetsrichtung des Liturgen, die heute noch in einigen Riten beachtet wird. Der Begriff ist historisch nicht identisch mit der Gebetsrichtung des Liturgen mit dem Volk, da in gewesteten Kirchen[1] der Liturg schon immer „zum Volk“ betete und die Himmelsrichtungen im Kirchenbau seit dem Barock eine immer geringere Rolle spielen. Dennoch wird der Ausdruck heute häufig in diesem Sinne verwendet.

Geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Brauch des Betens nach Osten ist in allen christlichen Liturgiefamilien früh bezeugt. Er dürfte ab dem 2. Jahrhundert die jüdische Sitte des Betens in Ausrichtung nach Jerusalem abgelöst haben und hatte konfessionsunterscheidende Funktion zwischen Christen und Juden. Dabei werden die aufgehende Sonne oder der Morgenstern auf den wiederkehrenden Christus gedeutet,[2] während die Juden den kommenden Messias in Jerusalem erwarteten.

In den ersten Jahrhunderten bildete die römische Thron- oder Palastbasilika das Vorbild für den christlichen Kirchenbau. Im Apsisscheitel standen die Kathedra des Bischofs und die halbrunde Priesterbank. Dadurch wurde ein hierarchisches Gegenüber von Priesterschaft und Volk ausgedrückt. Der Altar stand frei in der Apsis und konnte umschritten werden. In den ältesten Kirchen in Rom lag die Apsis mit dem Altar im Westen; so feierte der Priester oder Bischof die Messe gleichzeitig mit Blick nach Osten und zur Gemeinde (versus populum).[3]

Die Platzierung des Altars am östlichen Ende der Kirche und des Haupteingangs im Westen wurde zunächst im Fränkischen Reich üblich[4] und im 8. oder 9. Jahrhundert auch in Rom eingeführt.[5] Der Zelebrant stand jetzt nach Osten ausgerichtet am Altar, mit dem Rücken zur Gemeinde. Das Gegenüber von Zelebrant und Gemeinde wurde zu einem Beten und Bitten in die gleiche Richtung. Kathedra und Priestersitz wurden aus dem Apsisabschluss weg verschoben, und der Altar wanderte gegen die Ostwand und erhielt im Mittelalter dann Aufbauten mit Retabel und Tabernakel.[6]

Auch außerhalb von Rom baute man noch Kirchen mit dem Altar am westlichen Ende und dem Eingang auf der Ostseite, wie in Petershausen bei Konstanz, Bamberg, Augsburg, Obermünster, Regensburg und Hildesheim. Kirchen wurden auch auf keiner Ost-West-Achse gebaut.[7] In seinen Anweisungen auf dem Gebäude und Ausstattung der Kirchen hat Karl Borromäus, Erzbischof von Mailand († 1584), eine Präferenz geäußert, dass die Apsis um die genaue Osten aussähe; sagte aber, dass, wenn dies nicht möglich war, die Kirche sogar auf einer Nord-Süd-Achse gebaut werden könnte, mit der Apsis am Süden, aber nicht am Norden. Außerdem könnte sie am westlichen Ende sein, „wo am Hochaltar gewöhnlich die Messe wegen des kirchlichen Ritus von einem Priester mit dem Gesicht gegenüber dem Volk gefeiert wird“.[8]

Martin Luther hatte die Zelebration des Gottesdienstes versus populum (zum Volk gewandt) gefordert. Dies wurde jedoch in der Folgezeit durch die Ausstattung vieler evangelischer Kirchen mit Retabelaltären verhindert.[9]

Im Zuge einer im 20. Jahrhundert einsetzenden liturgischen Bewegung wurde begonnen, die Heilige Messe häufiger um einen frei stehenden, zum Volk gewandten Altar oder Volksaltar mit dem Blick zur Gemeinde (versus populum) zu feiern.

Etwa zur gleichen Zeit, begann man eine Bedeutung zum Begriff ad orientem zuzuschreiben, die nicht mehr unbedingt mit dem realen Osten verbunden war. Früher wurden die meisten von den Altären im Petersdom als nicht ad orientem beschrieben, weil ihre Richtungen sind vielfältig. Der Hauptaltar, an dem die Messe versus populum zelebriert wird, ist fast der einzige, der nach dem wahren Osten gerichtet ist.[10]

Mit dem Begriff ad orientem wird heute allerdings häufig die Zelebration „von der Gemeinde abgewandt“, „mit dem Rücken zur Gemeinde“ ausgedrückt, unabhängig von der geographischen Richtung. Papst Benedikt XVI. habe ad orientem gefeiert, als er mit Blick nach Westen in der Sixtinischen Kapelle zelebrierte, mit Blick nach Süden in der Paulinischen Kapelle.[11], Papst Franziskus mit Blick nach Norden in der Sebastianskapelle des Petersdoms, Ruhestätte des Papstes Johannes Paul II.[12] In diesem Sinne braucht man ad orientem und ad absidem (in Richtung der Apsis) wie gleichbedeutend, und ad orientem jetzt bedeutet nicht mehr „nach Osten“, sondern das direkte Gegenteil von versus populum.

Jedoch verpflichtete das bis dahin geltende („tridentinische“) Messbuch Papst Pius' V. von 1570 den Priester keineswegs, die Messe im modernen Sinne von ad orientem zu zelebrieren, das heißt, an der Spitze der Gemeinde zu stehen und mit ihr in der gleichen Richtung zum Altar zugewandt zu sein.[13] Das Missale Romanum von 1962 verwendet wie alle früheren Ausgaben seit 1570 den Begriff ad orientem im Sinne von „zum Volk gewandt“ (versus populum): Si altare sit ad orientem, versus populum, celebrans versa facie ad populum, non vertit humeros ad altare, cum dicturus est „Dominus vobiscum“. („Wenn der Altar ad orientem, zum Volke hin, gerichtet ist, wendet der Zelebrant, mit dem Gesicht zum Volk, nicht die Schultern zum Altar, wenn er spricht ‚Dominus vobiscum‘.“) Der Zelebrant muss sich also nicht zum Volk umwenden. Die Zelebration mit dem Gesicht zum Volk war offenbar vom Messbuch als Möglichkeit vorgesehen, auch wenn sie selten praktiziert wurde.[14] Papst Pius XII. akzeptiert ebenfalls die Zelebration „zum Volk gewandt“ (face au peuple) als Möglichkeit, wenn er sagt, dass man einen Tabernakel auf dem Altar platzieren könne, ohne ein solches Feiern zu behindern.[15]

Basierend auf den Überlegungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, welches die tätige Teilnahme (Participatio actuosa) der Gläubigen und neben dem Opfer- auch den Mahlcharakter der Eucharistie besonders betonte, bestimmte Papst Paul VI. in der „Grundordnung des Römischen Messbuchs“: „Für gewöhnlich soll eine Kirche einen feststehenden, geweihten Altar haben, der frei steht, damit man ihn ohne Schwierigkeiten umschreiten, und an ihm, der Gemeinde zugewandt, die Messe feiern kann.“[16] In der heutigen römischen Liturgie ist die Richtung versus populum erwünscht, aber nicht verpflichtend.[17] In der Regel steht der Zelebrant nunmehr während des Wortgottesdienstes am Priestersitz seitlich vom Altar und bei der Eucharistischen Liturgie hinter dem Altar. Dies hat einen nicht geringen Einfluss auf die liturgische Praxis der anglikanischen, der evangelischen und z.T. der altorientalischen Kirchen gehabt, auch wenn dort das Beten "ad orientem" oder "ad altarem" weiter vorherrscht.

Liturgische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Die sogenannte celebratio versus populum wird von Liturgiewissenschaftlern auf die stadtrömische Besonderheit der Ausrichtung der Altäre nach Westen zurückbezogen. Derartige Altäre gibt es auch z. B. in den Westapsiden der Dome zu Mainz und Worms. Hier bedingte die celebratio ad orientem den Blick des - hinter dem Altar stehenden Zelebranten - in das Kirchenschiff. Allerdings war dennoch eine Gleichrichtung mit der Gemeinde intendiert, die sich ursprünglich mit dem Zelebranten nach Osten wenden (conversi ad orientem) sollte. Dadurch sprach der Zelebrant quasi in den Rücken der Gemeinde. Von manchen Liturgiewissenschaftlern wird unterstellt, dass diese Vorstellung theoretisch sei und man davon auszugehen habe, dass die Gemeinde selbstverständlich dem Zelebranten ins Gesicht schauten. Mit Blick auf den islamischen Ritus, in dem es ebenfalls Praxis ist, dass Texte "in den Rücken" der Gemeinde vorgetragen werden, ohne dass diese ihre Ausrichtung nach Mekka ändern, ist diese Unterstellung allerdings kritisch zu sehen.

Im Bereich der deutschen evangelischen Kirche ist die Gebetsrichtung zum Altar besonders in evangelisch-lutherischen Gemeinden üblich. Gelegentlich findet sich die Stellung hinter dem Altar, häufiger die Position des Liturgen vor dem Altar zur Gemeinde gewandt. Dies hat nicht nur den Nachteil, dass die ausgeprägt sakrale Ausstattung des Altars mit Kerzen, Blumen und Altarbibel mit der Nutzung als "Hintergrundbild" kontrastiert. Sie hindert auch den Liturgen, der die gottesdienstlichen Texte in der Hand hält, am Einsatz der Gestik. Handlungen am Altar können nicht mehr vortragsbegleitend vorgenommen werden.

Dem heutigen Empfinden vieler Menschen kommt die Zuwendung des Liturgen oder Zelebranten entgegen. Persönliche, gar auratische Wirkung war dagegen früher in der Liturgie nicht vorrangig gewünscht. So bestimmten die Rubriken des römischen Messbuchs, wenn der Zelebrant sich zur salutatio (liturgischer Gruß) der Gemeinde zuwendet, dabei den Blick zu senken.

Gleichwohl verliert die gottesdienstliche Darstellung beim Gebet versus populum an Deutlichkeit. Die Anrede Gottes erscheint weniger als Wirklichkeit denn als rhetorische Form für die Ansprache der Gemeinde.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stefan Heid: Gebetshaltung und Ostung in frühchristlicher Zeit. In: Rivista di Archeologia Cristiana 82 (2006 [2008]) S. 347–404 (online; PDF; 3,04 MB)
  • Stefan Heid: Haltung und Richtung. Grundformen frühchristlichen Betens. In: communio 38 (6/2009), S. 611–619 (online; PDF, 50KB)
  • Uwe Lang: „Conversi ad Dominum“. Zu Geschichte und Theologie der christlichen Gebetsrichtung. Johannes Verlag, Einsiedeln 20105, ISBN 978-3-89411-384-1.
  • Joseph Ratzinger: Der Geist der Liturgie. Herder, Freiburg i. Br. 2000/20066, ISBN 3-451-27247-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. so im Petersdom
  2. Vgl. hierzu in der Bibel Mal 3,20 EU: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen, wie die Kälber, die aus dem Stall kommen.“
  3. Oscar Mothes, Die Basilikenform bei den Christen der ersten Jahrhunderte (Leipzig 1865), S. 54 (Digitalisat).
  4. Jürgen Hübner: Theologie und Kosmologie: Geschichte und Erwartungen für das gegenwärtige Gespräch. Mohr Siebeck, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148475-4, S. 214 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Artikel „eastward position“ In: The Oxford Dictionary of the Christian Church. Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 978-0-19-280290-3, S. 525 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Johannes H. Emminghaus: Der gottesdienstliche Raum und seine Gestaltung. In: Rupert Berger u.a. (Hrsgg.): Gestalt des Gottesdienstes. Sprachliche und nichtsprachliche Ausdrucksformen. Regensburg 1987, S. 347–416, hier S. 378ff (Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Teil 3), unter Verweis auf E. Peterson: Frühkirche, Judentum und Gnosis. Freiburg/Br. 1959, S. 1-14
  7. Heinrich Otte: Handbuch der kirchlichen Kunst-Archäologie des deutschen Mittelalters. Leipzig 1868, S. 11–12 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  8. Carlo Borromeo: Instructiones fabricae et suppellectilis ecclesiasticae (Fondazione Memofonte onlus. Studio per l'elaborazione informatica delle fonti storico-artistiche), liber I, cap. X. De cappella maiori, S. 18–19 (online; PDF; 487 KB).
  9. Rainer Volp: Art. Altar. d) Neuzeit. Ad orientem. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 1, Mohr-Siebeck, Tübingen 1998, Sp. 340.
  10. Bartholomaeus Gavantus: Thesaurus Sacrorum Rituum. Wien 1763, S. 195 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  11. „Papst taufte in der Sixtinischen Kapelle und zelebrierte versus Orientem“
    Papst zelebriert ad orientem, Katholisches.info, 17. April 2010
  12. Tim Stanley, „Pope Francis says Mass ad orientem“ (The Telegraph, 1. November 2013)
  13. Otto Nußbaum: Die Zelebration versus populum und der Opfercharakter der Messe. In: Zeitschrift für katholische Theologie, Vol. 93, No. 2 (1971), S. 148–167 ([1]).
  14. Ritus servandus in celebratione Missae, V, 3 (Ausgabe von 1962); Manlio Sodi, Achilla Maria Triacca (Hrsg.): Missale Romanum. Editio Princeps 1570. Libreria Editrice Vaticana, 1998, ISBN 88-209-2547-8, S. 12.
  15. Discours du pape Pie XII aux participants au Congrès international de liturgie pastorale, 22.IX.1956
  16. Missale Romanum. Editio Typica Tertia 2002. Grundordnung des römischen Messbuchs. Vorabpublikation zum Deutschen Messbuch (3. Auflage) 12. Juni 2007, V. Kapitel, Nr. 299 online; (PDF; 532 KB).
  17. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, „Pregare ad orientem versus“ in Notitiae 29 (1993), S. 245–249, zitiert in Paul Bernhard Wodrazka, „Dokumente zur Zelebration zum Herrn hin“