Akademische Verlagsgesellschaft

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Die Akademische Verlagsgesellschaft (AV), später Akademische Verlagsgesellschaft Geest & Portig, in Leipzig war ein bedeutender Wissenschaftsverlag, der 1906 gegründet wurde und nach dem Ende der DDR abgewickelt wurde.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Akademische Verlagsgesellschaft wurde 1906 von Leo Jolowicz gegründet (* 12. August 1868 in Posen; † 1940 in Leipzig), der zuvor 1898 die Buchhandlung von Gustav Fock übernahm und sie zum größten und bekanntesten wissenschaftlichen Antiquariat in Deutschland ausbaute.[1] Sein Verlag wurde zu einem der bekanntesten Wissenschaftsverlage, in dem bekannte Zeitschriften erschienen wie die Zeitschrift für physikalische Chemie, das Handbuch der Experimentalphysik, das Handbuch der Radiologie, Rabenhorsts Kryptogamen Flora, Bronns Klassen und Ordnungen des Tierreichs, die Ergebnisse der Enzymforschung und die Ergebnisse der Vitamin- und Hormonforschung. Zu den Autoren gehörten neben der Leipziger Koryphäe der Physikalischen Chemie Wilhelm Ostwald, Svante Arrhenius, Pierre Curie und Marie Curie. Sie gaben auch ab 1921 die bekannte Reihe von Neuausgaben wissenschaftlicher Klassiker Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften heraus (übernommen vom Verlag Wilhelm Engelmann in Leipzig). Das setzten auch die Nachfolger des Verlags in West- und Ostdeutschland fort. Jolowicz verlegte auch Hebraica und Judaica.

An der Expansion war auch der Schwiegersohn von Jolowicz Kurt Jacoby (* 1893 in Insterburg; † August 1968 in New York) beteiligt, der 1923 stellvertretender Geschäftsleiter wurde und vorher bei Ferdinand Springer gewesen war. 1930 trat der Sohn Walter Jolowicz (1908–1996, der sich nach Emigration in die USA Walter J. Johnson nannte) in das Geschäft ein. Bei Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Verlag „arisiert“ (Jolowicz war Jude) und Jolowicz schrittweise herausgedrängt. 1937 verließ er den Verlag. Er beantragte 1939 die Ausreise, konnte aber Deutschland nicht mehr verlassen und starb 1940, möglicherweise durch Suizid.[2] Der Buchbestand der Gustav Fock GmbH verbrannte 1943 bei einem Bombenangriff auf Leipzig.[3] Sein Sohn Walter und Schwiegersohn Kurt Jacoby kamen 1938 in ein Konzentrationslager, konnten dann aber noch Deutschland verlassen und emigrierten über Russland, Japan und andere Länder nach New York, wo sie 1941 bzw. 1942 ankamen und den Verlag Academic Press gründeten. Andere ehemalige Mitglieder gründeten als Emigranten 1940 Interscience in New York, und der Niederländer M. D. Frank, der im Verlag in den 1930er Jahren gelernt hatte, baute nach dessen Vorbild den Verlag North Holland auf (später Teil von Elsevier).

Auf Jolowicz folgten Johannes Geest und Felix Portig als Verlagsleiter. 1940 wurden aber ihre Namen im Handelsregister ersetzt (durch Becker & Erlig). Formal waren sie eine Kommanditgesellschaft (KG).

1947 gründeten Geest und Portig die AV in der sowjetischen Besatzungszone neu, und sie erhielten 1951 auch eine erneuerte Lizenz von der DDR. Johannes Geest war 1947 gestorben und seine Erbin Marianne Lotze übernahm die Anteile; nach dem Tod Portigs 1953 wurde die Mehrheit der Anteile der KG vom Staat übernommen. 1959 wurden diese auf den VEB Gustav Fischer Verlag übertragen, und die verbliebene Erbin Gertrud Margarete Portig wurde bis 1972 ganz hinausgedrängt (der Verlag ging in den Besitz von VEB Gustav Fischer über). Die Verlagsprogramme von Fischer und AV waren aber sehr unterschiedlich. Ab 1964 wurde AV, was die verlegerische Tätigkeit anbelangte, deshalb praktisch dem B. G. Teubner Verlag angegliedert. Gemeinsam gaben sie weiter Ostwalds Klassiker und die Reihe von Biografien bedeutender Naturwissenschaftler heraus. Außerdem gab die AV Geest & Portig auch zahlreiche Hochschullehrbücher in der DDR heraus (wie den Grundriss der anorganischen Chemie eines Autorenkollektivs, der eine Auflage von 100.000 hatte). Nach der Wende fiel die AV Geest & Portig an die Treuhandanstalt, die den Verlag 1991 schloss. Noch vorhandenes Archivgut des Verlags befindet sich im Sächsischen Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig und bildet dort den Bestand 21091 Akademische Verlagsgesellschaft Geest & Portig KG, Leipzig.[4][5]

In Westdeutschland gab es nach dem Krieg ebenfalls eine Akademische Verlagsgesellschaft als Nachfolger in Frankfurt am Main. Sie bestand bis 1983.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 50 Jahre Literaturschaffen 1906–1956. Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig 1956.
  • Richard Abel, Gordon Graham (Hrsg.): Immigrant Publishers. Transaction Publ., New Brunswick 2009.
  • Erich Carlsohn: Gustav Fock und Dr. Leo Jolowicz. In: Erich Carlsohn, Lebensbilder Leipziger Buchhändler. Erinnerungen an Verleger, Antiquare, Exportbuchhändler, Kommissionäre, Gehilfen und Markthelfer. List & Francke, Meersburg am Bodensee 1987.
  • Andrea Lorz: Strebe vorwärts. Lebensbilder jüdischer Unternehmer in Leipzig. Passage Verlag, 1999, S. 83–123 (zu Leo Jolowicz).
  • Fritz Homeyer: Deutsche Juden als Bibliophilen und Antiquare. Mohr Siebeck, 1966 (zu Leo Jolowicz).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nature, Band 142, 1938, S. 244, zum 70. Geburtstag von Jolowicz
  2. Abel, Graham (Hrsg.): Immigrant Publishers, S. 70.
  3. Barbara Kowalzik: Jüdisches Erwerbsleben in der inneren Nordvorstadt Leipzigs 1900–1933. Leipziger Universitätsverlag, 1999, S. 40 (mit Lebensdaten von Jolowicz).
  4. Staatsarchiv Leipzig, Bestand 21091 Akad. Verlagsges. Geest und Portig
  5. Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-595-9, S. 306ff. (gleichzeitig Dissertation von Links).