Akkulturation

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Die vier Formen der Akkulturation (nach Berry)

Der Begriff Akkulturation bezieht sich als weit gefasster Oberbegriff auf alle Anpassungsprozesse von Personen oder Gruppen an eine Kultur (Wertvorstellungen, Sitten und Bräuche, Sprache, Religion, Technologie u.a.). Der Begriff wird jedoch je nach Fachgebiet unterschiedlich definiert. Im Wesentlichen werden zwei verschiedene Begriffsbestimmungen in den Sozialwissenschaften und demgegenüber in Psychologie und Pädagogik verwendet. Eine verbindliche Definition gibt es nicht.

Sozialwissenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insbesondere in Anthropologie und Ethnologie werden die wechselseitigen Anpassungsprozesse bei der Begegnung zweier unterschiedlicher Kulturen als Akkulturation bezeichnet.[1] Dabei werden fremde geistige oder materielle Kulturgüter übernommen. Dieser Kulturwandel kann sowohl Einzelpersonen als auch ganze Gruppen betreffen.

Akkulturation entsteht einerseits durch ungeregelte, defensive Kontakte, bei denen die Beteiligten vollkommen frei entscheiden, ob sie sich von einem Wandel wirtschaftliche Vorteile oder eine anderweitige Bereicherung versprechen. Es ist eine bewusste Auseinandersetzung mit den Eigenarten des Fremden im Vergleich mit der eigenen Kultur und der Bereitschaft zur Veränderung der eigenen Verhaltensweisen.[2]

Der zweite Weg zur Akkulturation entsteht durch gezielte, offensive Maßnahmen der dominanteren Kultur (häufig mit der Absicht der Integration in das eigene Gesellschafts- und Wirtschaftssystem oder auch der vollständigen Assimilation der dominierten Kultur). Solche Maßnahmen werden mit mehr oder weniger Druck ausgeführt: entweder direkt durch Gewaltandrohung, Zwangserziehung, Erpressung u.ä. oder indirekt durch freiwillige Bildungsangebote, wirtschaftliche Anreize u.ä. Dabei sind die Vorbehalte oder Widerstände der Dominierten naturgemäß größer als bei der vollkommen freiwilligen Annäherung.

Intensität, Richtung und Tempo des Akkulturationsprozesses hängen in erster Linie von der Motivation der dominierten Menschen ab: Je aktiver, bewusster und engagierter sie sich eigene Entwicklungsziele stecken, desto schneller, selbstbestimmter – und damit zumeist vorteilhafter – geht der Wandel vonstatten. Je passiver, unbewusster und gleichgültiger sie den Veränderungen gegenüber sind, desto langsamer und fremdbestimmter der Wandel.

Politische Entwicklungsprogramme mit dem Ziel einer gelenkten Akkulturation lokaler Gemeinschaften scheitern häufig sowohl an der vorgenannten Eigendynamik der Dominierten (die entweder zu selbstständig oder zu ablehnend reagieren), als auch an den unkalkulierbaren Einflüssen anderer Akteure mit jeweils eigenen Interessen (Wirtschaftsunternehmen, Missionare, Nichtregierungsorganisationen, Ethnologen, Touristen uva.), die den Menschen fast immer diverse Alternativen bieten.

In der öffentlichen Debatte wird die Akkulturation von „Stammesvölkern“ überwiegend mit negativen Begleiterscheinungen in Verbindung gebracht: kulturelle Entwurzelung und Zerfall der Gemeinschaften mit Apathie und Resignation, Werteverfall, Kriminalität, Generationenkonflikte, Alkoholismus, Drogenkonsum, Diskriminierung, wirtschaftliche Abhängigkeit uvm. Je größer die kulturellen Unterschiede und je aggressiver der Druck der dominanten Kultur, desto größer ist das Risiko für solch negative Entwicklungen.[1]

Entscheidend für das Ausmaß der Akkulturation ist schlussendlich die Dauer und Intensität des Kontaktes. Eroberung und Kolonialismus sind dabei die extremsten Formen.[3]

Formen der Akkulturation (Migrationsforschung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach John W. Berry lassen sich aus der Migrationsforschung vier Strategien bzw. Formen der Akkulturation ableiten, je nachdem, ob die Minderheitengruppe die eigene Kultur beibehalten will/soll oder nicht und ob irgendeine Form des Kontaktes zwischen Mehrheit und Minderheit bestehen soll oder nicht:[4]

  • Segregation oder Separation: Beibehaltung der eigenen Kultur ohne Kontakt zur Mehrheit. Die Minderheit strebt eine weitgehende kulturelle Isolation an und lehnt die dominante Kultur ab.
  • Integration: Weitgehende Beibehaltung der eigenen Kultur mit Kontakt zur Mehrheit und gegenseitiger Beeinflussung. Beide Gruppen streben nach Multikulturalität.
  • Assimilation, auch Inklusion: Aufgabe der eigenen Kultur mit Kontakt zur Mehrheit. Der Prozess führt zur Verschmelzung mit der dominanten Kultur.
  • Marginalisierung, auch Exklusion: Aufgabe der eigenen Kultur ohne Kontakt zur Mehrheit. Diese Form folgt häufig auf eine kulturelle- oder ethnische Entwurzelung.

Psychosoziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein ausgefeiltes Modell von Akkulturation hat der deutsch-amerikanische Sozialpsychologe Erik Erikson 1950 in seinem Buch Childhood and Society (New York; deutsch Kindheit und Gesellschaft 1957) vorgelegt. Auch anhand eigener Feldforschung bei zwei US-Indianerstämmen entwickelte er ein aus acht Phasen bestehendes, Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung, das die gesamte Lebensspanne umfasst. Schlüsselbegriffe dieses Konzeptes sind „Ich-Identität“ bzw. – bei misslungener Identitätsbildung – „Identitätsdiffusion“.

Psychologie und Pädagogik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Psychologie und Pädagogik versteht man unter Akkulturation das Hineinwachsen einer Person in ihr eigenes kulturelles Umfeld durch Erziehung. In der Regel bezieht sich der Begriff auf Heranwachsende in der Phase der Adoleszenz. Dagegen bezeichnet Enkulturation die unbewusste ungesteuerte Sozialisation, besonders vor der Phase der Adoleszenz bei Heranwachsenden, z. B. bei Neugeborenen, Kleinkindern und Kindern.

Erziehung und Akkulturation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Akkulturation aus psychologischer Sicht vollzieht sich überwiegend durch Erziehung und teilweise auch durch ungeplantes Lernen. Die Erziehung in Familie oder Schule dient mitunter dazu, Heranwachsende mit den Regeln und Traditionen der eigenen Kultur vertraut zu machen, aber auch die Art der Erziehung wird unter dıesem Kulturprozess gefasst. Jedes Kind und jeder Jugendliche macht immer auch Erfahrungen, z. B. in Gruppen Gleichaltriger, die sich den von Erwachsenen geplanten Erziehungsprozessen entziehen. (Zitat Karl Marx: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.“)

Am Ende einer gelungenen Akkulturation ist der junge Mensch mit der eigenen Kultur vertraut, kennt ihre ungeschriebenen Gesetze und ist „gesellschaftsfähig“, sprich erwachsen.

Akkulturation und Substanzkonsum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer 2016 erschienenen repräsentativen Studie bei 15-jährigen Jugendlichen in Deutschland zeigte sich, dass diejenigen, die die Wertvorstellungen ihrer Herkunftskultur beibehielten, mit einer geringeren Häufigkeit Rauschtrinken betrieben. Demgegenüber war die Wahrscheinlichkeit für regelmäßige Erfahrungen mit übermäßigem Alkoholkonsum bei den Jugendlichen höher, die stark zu einer Assimilation mit der deutschen Kultur tendierten. Auch bei Jugendlichen, deren Eltern eine starke Bindung zu den Traditionen des Herkunftslandes aufwiesen, war das Risiko für Rauschtrinken geringer.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Roland Spliesgart: „Verbrasilianerung“ und Akkulturation. Deutsche Protestanten im brasilianischen Kaiserreich am Beispiel der Gemeinden in Rio de Janeiro und Minas Gerais (1822–1889). Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05480-8 (Studien zur außereuropäischen Christentumsgeschichte (Asien, Afrika, Lateinamerika), Band 12).
  • Johannes Kopp, Bernhard Schäfers (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. Lehrbuch. 10. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 9ff, ISBN 978-3-531-16985-9.

Weblink[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Akkulturation – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Heiko Feser: Die Huaorani auf den Wegen ins neue Jahrtausend. Ethnologische Studien Bd. 35, Institut für Völkerkunde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, veröffentlicht bei LIT Verlag, Münster, 2000, ISBN 3-8258-5215-6. S. 7–14, 495–496.
  2. Débora Maehler u. Ulrich Schmidt-Denter: Migrationsforschung in Deutschland. Leitfaden und Messinstrumente zur Erfassung psychologischer Konstrukte. Springer, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-19244-4. S. 18–19.
  3. Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll, Andre Gingrich (Hrsg.): Lexikon der Globalisierung. transcript Verlag, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1822-8, Schlagwort: „Kulturwandel“ S. 220–223.
  4. Institut für Interkulturelle Didaktik e.V.: Stichwort „Begriffserklärung – Definition Akkulturation“ im Glossar von www.ikud.de
  5. Donath, C., Baier, D., Graessel, E. & Hillemacher, T. (2016): Substance consumption in adolescents with and without an immigration background: a representative study – What part of an immigration background is protective against binge drinking? BMC Public Health 2016, 16:1157. doi:10.1186/s12889-016-3796-0 (freier Volltext)