Alexander Aronowitsch Petschjorski

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Alexander Petschjorski
Petschjorski-Denkmal in Tel Aviv

Alexander Aronowitsch Petschjorski (auch Petscherski, russisch Александр Аронович Печёрский; * 22. Februar 1909 in Krementschuk, heute Ukraine; † 19. Januar 1990 in Rostow am Don) war ein sowjetischer Offizier. Er plante und leitete den bewaffneten Aufstand von Sobibór am 14. Oktober 1943, der zu einem Massenausbruch aus dem Vernichtungslager Sobibor führte.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor Sobibor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alexander Petschjorski wurde als Sohn von Aron Petschjorski, einem Rechtsanwalt, geboren.[1] 1915 zog seine Familie nach Rostow am Don. Sein Studium der Musik und Theaterwissenschaften schloss er mit einem Diplom ab. Anschließend arbeitete Petschjorski als Leiter verschiedener Kulturzentren, wo er sich mit dem Amateurtheater beschäftigte.

Beim deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde er 1941 zur Roten Armee eingezogen. Nach kurzer Zeit stieg er bereits im September 1941 zum Leutnant auf. Einen Monat später wurde er in der Region von Wjasma von deutschen Truppen festgenommen. Nach einem misslungenen Fluchtversuch aus einem Kriegsgefangenenlager in Smolensk deportierte man ihn in ein Straflager in Borissow. Als seine jüdische Abstammung erkannt wurde, deportierte ihn die SS in das Ghetto Minsk.

Am 18. September 1943 gab der SS-Kommandant den Lagerinsassen in einer kurzen Ansprache an, dass sie nach Deutschland in ein Arbeitslager gebracht würden. Mit 300 Gramm Brot pro Person wurden ca. 1500 Häftlinge in einen Deportationszug nach Sobibor gebracht, der den Bahnhof am 23. September 1943 erreichte.

Bei der Selektion an der Rampe des Bahnsteigs wurde Petschjorski als einer von 60 Häftlingen ausgewählt, um im Lager für die SS Instandhaltungsmaßnahmen als Zwangsarbeit zu verrichten. Die übrigen wurden am selben Tag in der Gaskammer umgebracht.

Bereits am Abend des Ankunftstages erfuhr Petschjorski von Mitgefangenen, dass der Rauch aus den Schornsteinen von den verbrannten Leichen der mit ihm eingetroffenen Häftlinge stammte.

Ausgangssituation im Lager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Militärisch hatte sich kurz vor Eintreffen Alexander Petschjorskis die Lage Deutschlands gewandelt. Die Zwangsarbeiter hatten von der Niederlage von Stalingrad erfahren. Auch der Aufstand im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 war den Häftlingen bekannt. Himmler hatte am 5. Juli 1943 angeordnet, Sobibor von einem Vernichtungslager zu einem Konzentrationslager umzuwandeln, was bei den Insassen die begründete Befürchtung auslöste, dass sämtliche Augenzeugen der Massenmorde beseitigt werden sollten. Bei den Gefangenen reifte unter Führung von Leon Feldhendler, einem Mitglied des Judenrates von Żółkiewka, der Plan, durch einen Massenausbruch ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Zwei kleinere Ausbruchsversuche waren zuvor gescheitert.

Planung und Umsetzung des Aufstandes von Sobibor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Aufstand von Sobibor

Als die Gruppe sowjetischer Gefangener unter Führung von Alexander Petschjorski im Lager eintraf, nahmen die Insassen umgehend Kontakt zu ihnen auf. Petschjorski besaß militärische Erfahrung, war mit dem Umgang von Waffen vertraut, besaß strategisches Denkvermögen und war noch nicht so demoralisiert wie viele, die ihre Familienangehörigen im Lager verloren hatten.

Petschjorskis Plan, der innerhalb von sechs Wochen entstand, sah vor, die Führungsstruktur, bestehend aus 17 SS-Leuten, durch selbstgebaute Hieb- und Stichwaffen außer Gefecht zu setzen. Gleichzeitig sollte die Kommunikation im Lager gekappt werden, wodurch Telefon und Strom ausfallen würden. Dies sollte die Möglichkeit bieten, Waffen zu erbeuten und die Wachmannschaft auszuschalten. Petschjorskis Plan, über den nur ca. 10 % der Häftlinge informiert waren, ließ sich zum großen Teil umsetzen. Am 14. Oktober 1943 um 16 Uhr gelang es den gefangenen Zwangsarbeitern, elf SS-Männer auf der Stelle zu töten. Etwa 365 der 600 aufständischen Häftlinge konnten die Sperren überwinden. Da nur ein Teil der Wachmannschaft ausgeschaltet wurde, waren die Verluste höher als erwartet. Etwa 150 Flüchtlinge entkamen dem Kugelhagel der Trawniki sowie den um das Lager angebrachten Minenfeldern und flohen in die nahegelegenen Wälder. 47 entflohene Häftlinge lebten noch am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Nach Sobibor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um eine bessere Chance zu haben, den Verfolgern zu entkommen, entschied Petschjorski, dass sich die Flüchtlinge trennen sollten.

Mit Hilfe eines Kleinbauern gelang es seiner neunköpfigen Gruppe, den Bug zu überqueren und in der Nacht vom 19. zum 20. Oktober 1943 die Grenze zur Sowjetunion bei Brest-Litowsk zu überschreiten. Zwei Tage später erreichte die Gruppe um Petschjorski eine Partisanengruppe, der sie sich anschloss. Sabotage von Nachschubwegen und gezielte Angriffe auf kleine deutsche Stützpunkte gehörten zu seinen Hauptaufgaben in den nächsten Monaten.

So rasch wie möglich schloss er sich wieder der Roten Armee an. Nachdem Petschjorski im August 1944 am Bein schwer verletzt wurde, erhielt er eine Tapferkeitsmedaille und schied aus der Armee aus.

Nach seiner Rückkehr nach Rostow am Don heiratete er zum zweiten Mal (von seiner ersten Frau hatte er sich noch vor dem Krieg scheiden lassen). Seine zweite Frau war eine Krankenschwester namens Olga, die ihn während seiner Verwundung im Krankenhaus gepflegt hatte. 1945, als er als Musiklehrer arbeitete, veröffentlichte er seine Erinnerungen über das Lager Sobibor und über den Aufstand. Er korrespondierte mit zahlreichen Überlebenden aus dem Lager, die im Westen lebten. Diese Briefe führten zu seiner Entlassung im Jahre 1948 wegen „Verbindungen mit imperialistischen Staaten“. Er wurde nicht verhaftet, konnte aber während fünf Jahren nicht in seinem Beruf arbeiten, sondern war auf Gelegenheitsjobs angewiesen. Nach Stalins Tod im Jahre 1953 konnte er wieder als Kunstlehrer arbeiten.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Petschjorski wurde in der Sowjetunion nie geehrt. Die damalige Geschichtsschreibung blendete ihn gänzlich aus. In seiner Heimatstadt war seine bedeutende Rolle als Organisator des Aufstands nicht bekannt.[2]

1963 war er Hauptzeuge der Anklage in einem Prozess gegen zehn ukrainische Wächter im Lager Sobibor, von denen neun zum Tode und einer zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Obwohl er in den Siebziger- und Achtzigerjahren mehrmals ins westliche Ausland eingeladen wurde und nach mehrmaliger Verweigerung im Jahre 1987 schließlich doch ein Ausreisevisum erhielt, konnte er der Einladung aus Krankheitsgründen nicht folgen.

Eine Straße in Israel trägt seinen Namen wie auch ein Denkmal in Boston. Präsident Wladimir Putin hatte vor dem 70. Jahrestag des KZ-Aufstands das russische Verteidigungsministerium damit beauftragt, ein Gedenkprojekt zu entwerfen. Der russische Menschenrechtsrat forderte zuvor, Petschjorski postum mit dem höchsten Orden als „Held der Russischen Föderation“ auszuzeichnen.[2] Anlässlich des 70. Jahrestags des Aufstands war ein Festakt in einer Moskauer Synagoge in Anwesenheit von Vertretern des Verteidigungsministeriums und der Politik in Planung.[3]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Petschjorski nahm an folgendem Dokumentarfilm über den Ausbruch aus Sobibor teil:

  • „Aufstand in Sobibor“ (Opstand in Sobibor, 1990), Regie Pavel Kogan und Lily van den Bergh[4]

Ferner wurde über ihn in folgenden Dokumentarfilmen berichtet

Darüber hinaus ist er die Hauptfigur in folgendem Spielfilm über den Ausbruch aus Sobibor:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas „Toivi“ Blatt: Nur die Schatten bleiben : der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór, aus dem Amerikanischen von Monika Schmalz, Aufbau-Taschenbuch-Verlag Berlin 2001, ISBN 3-7466-8068-9.
  • Thomas „Toivi“ Blatt: Sobibór – der vergessene Aufstand, Aus dem Englischen übersetzt und mit Nachbemerkungen versehen von Heike Kleffner und Miriam Rürup, Unrast Verlag Hamburg/Münster 2004, ISBN 3-89771-813-8.
  • Israel Gutman (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust – Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Piper Verlag, München/Zürich 1998, 3 Bände, ISBN 3-492-22700-7. (Eintrag: Alexander Petscherski)
  • Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. Aus dem Holländischen von Gero Deckers (= Zentrum für Antisemitismusforschung: Reihe Dokumente, Texte, Materialien; Bd 24). Metropol, Berlin 1998, ISBN 3-926893-33-8.
  • Franziska Bruder: Hunderte solcher Helden; Der Aufstand jüdischer Gefangener im NS-Vernichtungslager Sobibór, Berichte, Recherchen und Analyse, Reihe antifaschistischer Texte. Unrast Verlag, Hamburg/Münster 2013, ISBN 978-3-89771-822-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Biografische Angaben nach: Sobibor The Forgotten Revolt
  2. a b tlz.de: Anoek de Groot: Russland gedenkt Revolte in KZ Sobibor vor 70 Jahren, vom 14. Oktober 2013, abgerufen am 15. Oktober 2013.
  3. welt.de: Russland gedenkt Revolte in KZ Sobibor vor 70 Jahren. Erinnerungen an einen vergessenen Helden, vom 14. Oktober 2013, abgerufen am 15. Oktober 2013.
  4. http://www.imdb.com/title/tt0486885/
  5. http://www.medienbuero-oldenburg.de/cine_k_1003_sobibor.html Medienbüro Oldenburg.
  6. http://www.imdb.com/title/tt1631444/
  7. Beschreibung des Films