Alfred Schulz (Mediziner)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Karl Eugen Alfred Schulz (* 13. September 1890 in Dresden; † 1. November 1947 in Zwickau) war ein deutscher Psychiater und NS-Arzt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schulz studierte nach Erhalt des Reifezeugnisses am humanistischen Gymnasium ab dem Sommersemester 1914 Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).[1]

Als Medizinstudent meldete er sich 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Kriegsfreiwilliger beim Heer und wurde 1915 als Feldunterarzt beim Königlich Sächsischen Reserve-Infanterie-Regiment 242 nach dem Kriegseinsatz in Flandern mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und der Militär-St.-Heinrichs-Medaille ausgezeichnet.[2] Dem Studierendenverzeichnis des Sommersemesters 1919 an der LMU ist zu entnehmen, dass er sich in französischer Kriegsgefangenschaft befand.[3]

Er schrieb seine Dissertation mit dem Thema Ein Fall von schwerer Oesophagus-Dilatation mit Spasmus und einem Divertikel im unteren Teile der Speiseröhre 1921 an der Universität Leipzig.[4]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1933 trat Schulz dem Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten bei.[5] Er war ab 1934 Mitglied der SA (dort auch SA-Sturmführer) und ab 1937 Mitglied der NSDAP.[6]

Schulz war bis April 1939 als Regierungsmedizinaldirektor in der Beratungsstelle für Nerven- und Gemütskranke des Gesundheitsamts des Stadt Leipzig tätig. Zum 1. Mai 1939 wurde er einhergehend mit der Beförderung zum Oberregierungsmedizinalrat[7] Direktor der Landesanstalt Großschweidnitz (heute Sächsisches Krankenhaus Großschweidnitz). Dazu war er ab dem 7. Mai 1943 als „T4“-Gutachter.[8][9][10] Seit Juli 1940 wurden Patienten seiner Anstalt, die als Zwischenanstalt für die NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein fungierte, in diese verlegt. Zudem fand in Großschweidnitz 1940 eine sogenannte „Tablettenaktion“ gegen Kinder aus dem zuvor größtenteils aufgelösten Katharinenhof Großhennersdorf statt. Er ließ diese mit Phenobarbital (Luminal) vergiften. Ihm unterstand ebenso die seit Dezember 1943 aus Leipzig-Dösen nach dort evakuierte „Kinderfachabteilung“ unter Arthur Mittag.

Schulz selbst bezeichnete die medikamentöse Tötung, die mit systematischem Nahrungsentzug einherging, mehrfach als „Tablettenaktion“, der ebenso beteiligte Gerhard Wischer als „Dämmerschlafkuren“. Beide gaben bei späteren Ermittlungen an, dass sie ausdrücklich von Alfred Fernholz zur „Sterbehilfe“ aufgefordert wurden.[11] Allein zwischen Mitte 1943 und September 1944 wurden in Großschweidnitz rund 2400 Patienten durch Mangelernährung kombiniert mit Medikamentenüberdosierung getötet. Mitwissend bzw. mitbeteiligt waren Ärzte und Pflegepersonal.[12]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schulz wurde von den russischen Truppen am 13. September 1945 inhaftiert, durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland zuerst zu den Ermordungen vernommen und am 21. Juni 1946 den deutschen Behörden überstellt.[6] Er wurde im Dresdner Euthanasie-Prozess nach dem Krieg von Günther Nollau rechtlich vertreten. Eine Befragung seiner Person erfolgte am 27. Juni 1947 im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt. Zu den Vorwürfen, dass unter seiner Leitung der Anstalt, insbesondere 1945, die Sterbezahl massiv anstieg, äußerte er, dies habe daran gelegen, dass damals besonders viele Medikamente gegeben worden seien.[13]

Kurz nach der Anklageerhebung erkrankte Schulz und starb im Haftkrankenhaus Zwickau.[14] Einigen Quellen ist zu entnehmen, dass er sich während der Untersuchungshaft seiner Verantwortung durch Selbsttötung noch vor Eröffnung des Dresdner Ärzteprozesses entzog.[15] Anderen Quellen nach starb er an Lungentuberkulose und schweren Herzstörungen.[16]

Er war verheiratet und Vater zweier Kinder.[17]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Personalstand der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sommer-Halbjahr 1914. C. Wolf & Sohn, München 1914, S. 160. (pdf)
  2. Personalstand der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sommer-Halbjahr 1915. C. Wolf & Sohn, München 1915, S. XXII u. XXXIII. (pdf)
  3. Personalstand der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sommer-Halbjahr 1919. C. Wolf & Sohn, München 1919, S. 113. (pdf)
  4. Karl Eugen Alfred Schulz: Ein Fall von schwerer Oesophagus-Dilatation mit Spasmus und einem Divertikel im unteren Teile der Speiseröhre. E. Lehmann, Leipzig 1921.
  5. Kerstin Schneider: Maries Akte: Ein unglaublicher Kriminalfall. neobooks, 2014, S. 110.
  6. a b Joachim Stephan Hohmann: Der „Euthanasie“-Prozess Dresden 1947. Eine zeitgeschichtliche Dokumentation. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1993, S. 270 ff.
  7. Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und ihre Grenzgebiete. Bände 111–112, Deutschlands Irrenärzten (Hrsg.), G. Reimer, 1939, S. 408.
  8. Maike Rotzoll: Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion „T4“ und ihre Opfer. Geschichte und ethische Konsequenzen für die Gegenwart. Ferdinand Schöningh, 2010, S. 417.
  9. Boris Böhm; Julius Scharnetzky: „Wir fordern schwerste Bestrafung.“ Der Dresdner „Euthanasie“-Prozess 1947 und die Öffentlichkeit. In: Jörg Osterloh (Hrsg.); Clemens Vollnhals (Hrsg.): NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit. Besatzungszeit, frühe Bundesrepublik und DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, 2012, S. 189 ff.
  10. Theo R. Payk: Psychiater und Psychotherapeuten. Berufsbilder in der medizinischen und psychologischen Heilkunde. Kohlhammer Verlag, 2011, S. 138.
  11. Der sächsische Sonderweg bei der NS-„Euthanasie“. Fachtagung vom 15. bis 17. Mai 2001 in Pirna-Sonnenstein. Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation, Klemm & Oelschläger, 2001, S. 83.
  12. Gerald Hacke; Birgit Sack (Hrsg.): Münchner Platz, Dresden. Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, 2001, S. 137.
  13. 116. Aussage Dr. Schulz, Anstalt Großschweidnitz (Sachsen), zum Anstieg der Sterbezahlen 1945. In: Ernst Klee: Dokumente zur „Euthanasie“. Fischer Taschenbuch, 1985, S. 323.
  14. Detlef Krell; Andreas Schönfelder: Kinder Material. Der Katharinenhof in Grosshennersdorf und die nationalsozialistische Vernichtung des „lebensunwerten Lebens“. Bildungswerk Weiterdenken e.V. Heinrich-Böll-Stiftung, 1966, S. 117.
  15. Vergl. Thomas Schilter: Unmenschliches Ermessen. Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41. Kiepenheuer, 1999, S. 136.
  16. Vergl. Anmerkungen der Autorin. Kerstin Schneider: Maries Akte: Ein unglaublicher Kriminalfall. S. 196.
  17. Kerstin Schneider: Maries Akte: Ein unglaublicher Kriminalfall. S. 110 f.