Amusie

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Klassifikation nach ICD-10
R48.8 Sonstige und nicht näher bezeichnete Werkzeugstörungen
F80.8 entwicklungsbedingte Amusie
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Amusie (Syn. Amusia, Dysmusie oder Dysmusia; von altgriechisch ἄμουσος amousos, deutsch ‚unmusikalisch‘) ist die Unfähigkeit, trotz intakter Sinnesorgane Tonfolgen und/oder Rhythmen zu erkennen und diese vokal oder instrumental wiederzugeben.

Definitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Genauer wird mit rezeptiver Amusie ein Defizit in der Musikwahrnehmung und mit expressiver Amusie eine Störung der musikalischen Produktion bezeichnet. Die Amusie ist damit eine Form der (auditiven) Agnosie. Die Unmusikalität ist „die Unfähigkeit, im Musikbereich zweckmäßig zu handeln“ oder „eine nennenswerte Leistung zu erbringen.“[1] Betroffenen fehlt das Verständnis für Melodik, Harmonik und Intonation.

Analog wird in der Neurologie auch zwischen der sensorischen Amusie und der motorischen Amusie unterschieden. Die sensorische Unmusikalität heißt auch Tontaubheit; die Betroffenen sind unfähig, Melodien aufzufassen (Melodientaubheit). Bei der motorischen (oder konstruktiven) Unmusikalität kann man weder Lieder singen noch Töne pfeifen, weder Musik spielen noch Tänze tanzen. Musikinstrumente können also nicht angemessen genutzt werden. Drittens ist die musikalische Alexie abzugrenzen; das ist die so genannte Notenblindheit.[2][3] Das Lexikon der Medizin definiert die Amusie als Verlust der Musikalität als rezeptorische Leistung mit den drei Formen Störung des Musikverständnisses, Tontaubheit und Melodientaubheit.[4] Wilhelm Kühns Neues medizinisches Fremdwörterbuch definierte schon 1913 die Amusie als „Fehlen oder Verlust des musikalischen Verständnisses.“[5]

Der Duden definiert die Amusie als das Fehlen einer Musikalität (auch durch Verlust einer ursprünglich vorhandenen) als Symptom einer Erkrankung der Großhirnrinde[6] und allgemein als die „Unfähigkeit, Musisches (= Künstlerisches) zu verstehen, und im engeren Sinne als die Unfähigkeit zu musikalischem Verständnis sowie in der Medizin als eine krankhafte Störung des Singvermögens oder der Tonwahrnehmung.“[7]

Das Adjektiv amusisch bezieht sich im Alltagsgebrauch nicht auf die Amusie, sondern bedeutet nach dem Duden „ohne Kunstverständnis“[8] und „ohne Kunstsinn“[9] (zurückgehend auf die altgriechische Bedeutung "musenlos"). Nur fachsprachlich wird der Begriff gelegentlich verwendet, um auf die Amusie Bezug zu nehmen, meint dann aber nicht ein generelles Fehlen von Kunstverständnis oder Kunstsinn, sondern das Vorliegen einer neurologischen Funktionsstörung oder Normvariante wie oben beschrieben. Patienten mit expressiver Amusie sind nicht oder nur einschränkt in der Lage, Musik zu reproduzieren; es fehlt ihnen aber nicht notwendigerweise an Kunstverständnis oder Kunstsinn.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amusie ist in den meisten Fällen durch Hirnläsionen nach Schlaganfällen verursacht, kann aber auch angeboren sein. In letzteren Fällen ist sie genetisch mitbedingt und ist eine Teilleistungsschwäche. In manchen Fällen ist insbesondere die Tonhöhenwahrnehmung eingeschränkt und nicht die Rhythmuswahrnehmung.[10][11]

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etwa vier Prozent der Menschen leiden an einer angeborenen Form der Amusie. Nach einem Schlaganfall leiden, je nach betroffener Hirnregion, bis zu 70 Prozent der Betroffenen an einem Defizit im musikalischen Bereich, allerdings wird diesem Umstand oft weder diagnostisch noch therapeutisch Rechnung getragen, da die Problematik meist hinter anderen, schwereren Leiden zurücksteht und den Betroffenen oft nicht sofort auffällt.

Diagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Amusie ist oft mit einer sensorischen oder motorischen Aphasie vergesellschaftet.[12] Die Diagnose kann mittels der Montreal Battery of Evaluation of Amusia stattfinden.[13]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daniel Cerny beschreibt zwei Versuchsanordnungen zur Widerlegung einer angeblichen Unmusikalität:

Heinrich Jacoby suchte mit Zeitungsinseraten gezielt nach Menschen, die glaubten, unmusikalisch zu sein. Er spielte ihnen mit einem Musikinstrument Musikpassagen mit harmoniefremden Akkorden vor. Die Probanden erkannten diese und waren damit überführt.[14]

Stefan Kölsch spielte angeblich Unmusikalischen an der Universität Leipzig am Klavier teilweise sinnlose Akkordfolgen vor. Mit der Elektroenzephalographie konnte er während des absichtlichen Falschspiels Veränderungen der Gehirnaktivität als Beweis für ihre Musikalität feststellen.[15] Man könne diese „so genannte Unmusikalität in Musikalität verwandeln“.[16]

Diese Ansätze übersehen aber den Unterschied zwischen sensorischer und expressiver, d. h. produktiver oder reproduktiver, Amusie.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erfolgreiche Behandlungsverfahren sind nicht verfügbar. Weitere Forschungsergebnisse bleiben abzuwarten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel Cerny: Niemand ist unmusikalisch. Aura, Brügg 2005, ISBN 3-9523103-0-1, S. 2 und 57.
  2. Günter Thiele (Hrsg.): Handlexikon der Medizin. Band I (A–E). Urban & Schwarzenberg, München/Wien/Baltimore 1980, S. 79 f.
  3. Frieder Láhoda (Hrsg.): Wörterbuch der klinischen Neurologie. 3. Auflage. Einhorn Presse Verlag, Reinbek 1990, ISBN 3-88756-209-7, S. 21 f.
  4. Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Wörterbuch der Medizin (Abkürzung: WdM), 16. Auflage Lexikon der Medizin. Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X; 16. Auflage Lexikon der Medizin. Sonderausgabe, Elsevier, München, Fackelträger Verlag, ISBN 3-7716-4326-0, Köln ohne Jahr (2005), S. 76.
  5. Wilhelm Kühn: Neues medizinisches Fremdwörterbuch. 3. Auflage. Verlag von Krüger & Co., Leipzig 1913, S. 10.
  6. Duden: Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim / Wien / Zürich 1985, ISBN 3-13-437804-3, S. 94.
  7. Duden: Der große Duden, Fremdwörterbuch, Band 5, 2. Auflage, Bibliographisches Institut, Mannheim / Wien / Zürich 1971, ISBN 3-411-00905-5, S. 46.
  8. Duden (Hrsg.): Die deutsche Rechtschreibung. 25. Auflage. Band 1. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2009, ISBN 978-3-411-04015-5, S. 197.
  9. Duden: Der kleine Duden, Fremdwörterbuch, 3. Auflage, Dudenverlag, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 1991, ISBN 978-3-411-04673-7, 30.
  10. Isabelle Peretz, Stephanie Cummings, Marie-Pierre Dube: The Genetics of Congenital Amusia (Tone Deafness): A Family-Aggregation Study. In: The American Journal of Human Genetics. Band 81, 2007, doi:10.1086/521337.
  11. Julie Ayotte, Isabelle Peretz, Krista Hyde: Congenital amusia. A group study of adults afflicted with a music‐specific disorder. In: Brain. Band 125, Nr. 2, 1. Februar 2002, ISSN 0006-8950, S. 238–251, doi:10.1093/brain/awf028 (englisch, oup.com [abgerufen am 12. April 2017]).
  12. Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 1. Ordner (A–Carfimatum), ISBN 3-541-84000-5, S. A 171.
  13. Isabelle Peretz, Annie Sophie Champod, Krista Hyde: Varieties of musical disorders. The Montreal Battery of Evaluation of Amusia. In: Annals of the New York Academy of Sciences. Band 999, 1. November 2003, ISSN 0077-8923, S. 58–75, PMID 14681118 (englisch).
  14. Heinrich Jacoby: Jenseits von ‘Musikalisch‘ und ‘Unmusikalisch‘, Vorträge 1921–1929, 2. Auflage, Christians Verlag, Hamburg 1995, ISBN 978-3-7672-0871-1.
  15. Daniel Cerny: Niemand ist unmusikalisch. Aura, Brügg 2005, ISBN 3-9523103-0-1, S. 207 f.
  16. Daniel Cerny: Niemand ist unmusikalisch. Aura, Brügg 2005, ISBN 3-9523103-0-1, S. 202.