Dyslexie

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Klassifikation nach ICD-10
R48.0 Dyslexie und Alexie
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Unter Dyslexie (von altgriechisch δυς dys ‚schlecht‘, ‚schwer‘, ‚miss‘- [hier = Missverstehen], λέξις léxis ‚Sprache‘, ‚Redeweise‘, ‚Stil‘ [hier = Redeweise] schlechte/falsche Wiedergabe/Redeweise) versteht man Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Wörtern oder Texten bei normalem Seh- und Hörvermögen der betroffenen Person. Der Begriff Alexie (von griech. α- a- ‚nicht‘-, ‚un‘-) bezeichnet hingegen das völlige Unvermögen zu lesen.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während im englischen Sprachraum der Begriff Dyslexie bzw. dyslexia weit verbreitet ist und sich als Developmental Dyslexia insbesondere auch auf die Lese-Rechtschreibstörung bezieht (Legasthenie, ICD-10 F81.0 "Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten"), wird Dyslexie im Deutschen vorwiegend auf erworbene Formen von schriftsprachlichen Problemen bezogen, die z. B. bei Hirnschädigungen aufgrund von Unfällen oder Tumoren auftreten können (ICD-10 R48.0).

Erworbene Dyslexie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Erworbene Dyslexie tritt bei Kindern und Jugendlichen auf, die durch mangelndes Lese- und Schreibtraining eine unzureichende synaptische Verschaltung der einzelnen Sprachzentren aufweisen. Zunehmend betroffen hiervon sind Heranwachsende in den USA, aber auch in den europäischen Industrienationen.

Dyslexien können auch durch Hirnschädigungen (z. B. beim Schlaganfall oder nach Schädel-Hirn-Trauma) ausgelöst werden. Manche dieser Menschen lesen Wörter, die so nicht dastehen (z. B. „Katze“ statt „Hund“), als Paralexie bezeichnet, andere lesen nur mühsam buchstabierend. Auch die totale Unfähigkeit zu lesen wird als Dyslexie bezeichnet. Sie ist oft mit Aphasie verbunden. Dyslexien werden unter anderem von Logopäden, Sprachheilpädagogen und Klinischen Linguisten behandelt.

Lese-Rechtschreib-Schwäche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Lese-Rechtschreib-Schwäche

In der herkömmlichen Definition liegt eine Lese-Rechtschreib-Schwäche vor, wenn das Leseverständnis des Patienten deutlich unter Durchschnitt von Personen mit vergleichbarem IQ liegt. Seit den 1990er Jahren wurde die Praktikabilität dieser Diagnose aber angezweifelt; eine Reihe von Studien von fanden keine IQ-abhängigen Unterschiede zwischen Kindern mit schriftsprachlichen Problemen.[1] Es ist daher umstritten, ob Developmental Dyslexia überhaupt eine objektiv diagnostizierbare Störung darstellt. In The Dyslexia Debate (2014) vertreten die Autoren die These, Dyslexia sei eine "sinnleere, pseudo-medizinische" Diagnose, die vor allem eine soziale Funktion innehat.[2] Da keine einheitliche Definition der Diagnose allgemein akzeptiert ist, klaffen auch die Schätzungen zur Prävalenz auseinander; vermutlich kombiniert die Diagnose "Lese-Rechtschreib-Schwäche" bzw. Developmental Dyslexia eine Reihe von unterschiedlichen Ätiologien; zudem ist es möglich, dass verschiedene Schriftsprachen bzw. Orthographien unterschiedliche Auswirkungen auf die Prävalenz von Legasthenie haben.[3]

Die besondere Häufung von Dyslexie in bestimmten Familien lässt vermuten, dass diese Störung zumindest teilweise erblich bedingt ist. Neuere Studien unterstützen diese These: Sie zeigen, dass eine bestimmte Region auf Chromosom 6 mit einer Prädisposition für Dyslexie in Zusammenhang steht. Auf dem besagten Chromosomenabschnitt befindet sich ein Gen mit der Bezeichnung DCDC2. Bei Untersuchungen von 153 Familien, bei denen Dyslexie vorkommt, konnte immer dieselbe Deletion (eine bestimmte Chromosomenmutation) im DCDC2-Gen nachgewiesen werden. Die genaue Funktion des Gens ist noch unklar, allerdings gibt es experimentelle Hinweise, dass es eine wichtige Rolle bei der Entwicklung bestimmter Neuronen im Gehirn spielt.[4] Schumacher und Kollegen[5] fanden weitere zwingende Belege für die entscheidende Rolle des DCDC2-Gens bei der Entwicklung einer Dyslexie. Sie konnten bestimmte genetische Variationen, sogenannte Single Nucleotide Polymorphism (SNP), in diesem Gen nachweisen, die den Träger empfänglich für die Störung machen. Hierbei scheinen unterschiedliche SNP-Marker für unterschiedlich schwere Ausprägungen der Dyslexie verantwortlich zu sein.

Eine mögliche Therapieform ist nach Ansicht der Universität Haifa ein Lesetraining unter Zeitdruck, um die beteiligten Gehirnvorgänge zu synchronisieren.[6][7]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Dyslexie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Linda S Siegel, "Perspectives on dyslexia", Paediatr Child Health. 2006 Nov; 11(9): 581–587 (PMC2528651): "Until recently, the typical definition of dyslexia involved a discrepancy between an IQ score and a reading score. If the IQ score was found to be significantly higher than the reading score, then this discrepancy was used as an index of dyslexia. This definition has been discredited for a variety of reasons. [...] a number of studies [] in different countries have found that there are no differences in children who have reading problems between those who have a discrepancy between IQ and reading scores and those who do not." zitierte Studien: Fletcher JM, Francis DJ, Rourke BP, Shaywitz SE, Shaywitz BA, " The validity of discrepancy-based definitions of reading disabilities." J Learn Disabil. 1992 Nov; 25(9):555-61, 573; Siegel LS, "An evaluation of the discrepancy definition of dyslexia.", J Learn Disabil. 1992 Dec; 25(10):618-29; Vellutino FR, Scanlon DM, Lyon GR, "Differentiating between difficult-to-remediate and readily remediated poor readers: more evidence against the IQ-achievement discrepancy definition of reading disability.", J Learn Disabil. 2000 May-Jun; 33(3):223-38.
  2. Julian G. Elliott, Elena L. Grigorenko, The Dyslexia Debate, Cambridge Studies in Cognitive and Perceptual Development (2014), ISBN 9780521135870 (Rezensionen).
  3. Kristin Leutwyler, "Scientists Explain Rates of Dyslexia", Scientific American (16. März 2001).
  4. Haiying Meng et al.: DCDC2 is associated with reading disability and modulates neuronal development in the brain. In: PNAS. Bd. 102, Nr. 47, 2005, S. 17053–17058 (Online [abgerufen am 7. April 2014]).
  5. Schumacher, J., Anthoni H., Dadouh F., et al.: Strong genetic evidence of DCDC2 as a susceptibility gene for dyslexia.. (PDF) In: The American Journal of Human Genetics. 78, Nr. 1, Januar 2006, S. 52–62. doi:10.1086/498992. PMID 16385449.
  6. Schneller lesen = besser lesen. In: science.ORF.at. Abgerufen am 13. Februar 2013.
  7. Zvia Breznitz et al.: Enhanced reading by training with imposed time constraint in typical and dyslexic adults. In: Nature Communications. Bd. 4, Nr. 2, 12. Februar 2013, doi:10.1038/ncomms2488.
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