Andachtsraum im Reichstagsgebäude

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Andachtsraum im Reichstagsgebäude

Der Andachtsraum im Reichstagsgebäude ist ein in den Jahren 1998 und 1999 eingerichteter Raum der Besinnung für die Abgeordneten und Beschäftigten des Deutschen Bundestages in Berlin. Die Gestaltung stammt von Günther Uecker.

Lage, Raum und Gegenstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andachtsraum im Reichstagsgebäude

Der Andachtsraum liegt im südöstlichen ersten Obergeschoss des Reichstagsgebäudes zwischen Treppenhaus, Aufzügen und Toilette. Im Vorraum befinden sich in einer beleuchteten Vitrine Ritualgegenstände verschiedener Religionen. Eigens für den Andachtsraum erhielt Bundestagspräsident Norbert Lammert von der katholischen und evangelischen Kirche eine aufwendig gestaltete Bibel. Sie liegt im Eingangsbereich in einem Fach. Das Regal dort sollte eigentlich liturgische Gegenstände aller Weltreligionen beherbergen.

Eine nach Osten gerichtete Treppenstufe weist Anhängern der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam den Weg in Richtung Jerusalem und Mekka. In Richtung der Stirnseite des Raumes findet sich ein sandgestrahlter Altar aus Granit. Eigens konzipierte Bänke und Stühle vervollständigen den Raum. Durch den Einbau einer zum Innenraum offenen Zwischenwand wurde ein Kontrast zur lichtdurchfluteten Architektur Norman Fosters geschaffen. Das indirekte Licht bewirkt nun den Eindruck einer frühmittelalterlichen Krypta.

Insgesamt sieben Tafeln wurden von Uecker in seiner speziellen Stilrichtung mit einer Vielzahl von Nägeln, Farbe, Sand, Steinen und Asche gestaltet und an die Wand gelehnt. Eine Tafel an der Stirnwand lässt durch die Nagelform ein Kreuz erahnen; damit konnte auch die anfängliche Kritik mancher Abgeordneten am fehlenden Kreuz innerhalb des Raumes ausgeräumt werden.

Die Tafeln sind nicht verankert oder in irgendeiner Art befestigt und sollen dem andächtigen Menschen ohne konfessionelle Enge seine Unbehaustheit in dieser Welt nahebringen.[1]

Die Truhenorgel im Andachtsraum wurde von der Orgelbaufirma Karl Schuke (Berlin) nach einem Entwurf von Prof. Günther Uecker erbaut. In dem geschlossenen Gehäuse, das keinen sichtbaren Pfeifenprospekt hat, befinden sich vier Register, die weitgehend aus Holz gearbeitet sind (Gedackt 8′, Rohrflöte 4′, Prinzipal 2′, Quinte 223′).[2]

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingeladen durch das vom Band übertragene Glockengeläut des Kölner Doms versammeln sich während der Sitzungswochen donnerstags um 8:45 Uhr zehn bis fünfzehn Parlamentarier im Andachtsraum zu einer christlichen Morgenandacht. In dieser selbst organisierten Andacht liest ein Politiker einen Psalm oder eine kurze Textauslegung aus der Bibel. Während der Andacht stimmen die Versammelten ein Lied an. In den 1960er Jahren in Bonn waren es noch etwa 120 Abgeordnete, die sich zu einer Andacht versammelten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Deutsche Bundestag im Reichstagsgebäude, Abschnitt Kunst im Reichstag – Günther Ücker, Herausgeber Deutscher Bundestag, 2010
  • Günther Uecker: Der Andachtsraum im Reichstagsgebäude, callidus Verlag 2007, ISBN 978-3-940677-40-2
  • Michael F. Feldkamp: "Luxus der Stille" – Sakraler Raum im Parlament, in: Kirche und Gesellschaft im Wandel der Zeiten. Festschrift für Gabriel Adriányi zum 75. Geburtstag, hrsg. von Hermann-Josef Scheidgen, Sabine Prorok und Helmut Rönz unter Mitwirkung von Reimund Haas, Nordhausen 2012, S. 459–467 (gekürzte Fassung als online-Beitrag).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Günther Uecker - "Andachtsraum" im Reichstagsgebäude. Deutscher Bundestag. Archiviert vom Original am 18. September 2014; abgerufen am 18. September 2014.
  2. Truhenorgel im Deutschen Bundestag. Archiviert vom Original am 24. Dezember 2013; abgerufen am 29. August 2011.

Koordinaten: 52° 31′ 7″ N, 13° 22′ 34″ O