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Atopische Dermatitis des Hundes

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Chronische Ohrentzündung bei einem atopischen Hund

Die Atopische Dermatitis (AD) der Hunde ist eine häufigere, allergisch bedingte Hauterkrankung, die durch intensiven Juckreiz gekennzeichnet ist. Später können Selbsttraumatisierung und Begleiterkrankungen zu schweren Hautveränderungen führen. Eine Atopische Dermatitis entwickelt sich bei Hunden innerhalb der ersten drei bis fünf Lebensjahre. Die Behandlung ist oft erfolgreich, allerdings sehr langwierig. Sie beruht auf mehreren Säulen wie Allergenvermeidung bzw. -reduktion, Spezifischer Immuntherapie und/oder der Gabe immunsupprimierender Wirkstoffe.

Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der neueren Literatur wird die Atopische Dermatitis im weiteren Sinne weiter unterteilt:[1]

  • futterinduzierte Atopische Dermatitis (FIAD, siehe Futterallergie)
  • nicht-futterinduzierte Atopische Dermatitis (NFIAD)
    • Atopische Dermatitis im engeren Sinne (mit nachweisbarem spezifischen IgE)
    • Atopie-ähnliche Dermatitis (AAD, ohne nachweisbares spezifisches IgE)

Klinisch sind die Formen nicht voneinander abzugrenzen, in diesem Artikel wird im Weiteren auf die Atopische Dermatitis im engeren Sinne eingegangen.

Vorkommen und Ursache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Atopische Dermatitis ist eine häufige Hauterkrankung bei Haushunden. Etwa 10–15 % der Hunde leiden an einer Atopischen Dermatitis (Lit.: Peters, 2004). Es sind vor allem Hunde im Alter von sechs Monaten bis drei Jahren betroffen, eine Ersterkrankung jenseits des sechsten Lebensjahres ist unwahrscheinlich. Häufiger betroffene Rassen sind Boxer, Dalmatiner, English Setter, Golden Retriever, Irish Setter, Labrador Retriever, Lhasa Apso, Shar-Pei, Shih-Tzu und Terrier.

Die Ursache und Entstehung der Erkrankung ist, wie bei der Atopischen Dermatitis des Menschen, noch nicht vollständig aufgeklärt. Vermutet wird eine genetisch bedingte Überempfindlichkeit gegenüber Fremdstoffen, die durch die Interaktion mit Umgebungsfaktoren zum Ausbruch der Erkrankung führt. Die Erkrankung wird über eine allergische Reaktion vom Sofort-Typ ausgelöst, die durch Immunglobulin E vermittelt wird. Es wird angenommen, dass darüber hinaus auch andere immunologische Vorgänge mit Beteiligung von Immunglobulin G, Langerhans-Zellen, T-Lymphozyten eosinophilen Granulozyten und Mastzellen beteiligt sind.

Der allergieauslösende Stoff (Allergen) wird hauptsächlich über die Haut (perkutan) aufgenommen, aber auch durch Einatmung oder orale Aufnahme. Als Allergene kommen zahlreiche Antigene wie Hausstaubmilben, Vorratsmilben, Pollen, Schimmelpilze, Gräser, Insekten, Tierhaare und anderes in Betracht, wobei Milben für etwa 60 % der Fälle verantwortlich sind. Während durch Milben bedingte Atopien ganzjährig auftreten, sind durch Pollen und Gräser ausgelöste Formen vor allem im Frühjahr und Sommer zu beobachten. Vermutlich liegt der Erkrankung eine Störung der Barrierefunktion der Haut zugrunde, die das Eindringen von Allergenen ermöglicht. Hier ist vor allem die Zahl der zwischen den Zellen der Hornschicht liegenden Lipide reduziert, bei einigen Formen weniger Filaggrin vorhanden.[2]

Klinisches Bild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das wichtigste und anfangs auch einzige Symptom der Atopischen Dermatitis ist Juckreiz (Pruritus). Juckreiz kommt zwar auch bei zahlreichen anderen Hauterkrankungen vor, aber fehlender Juckreiz schließt eine Atopische Dermatitis bereits aus. Primäre Hautveränderungen (Primäreffloreszenzen) gibt es allenfalls in Form von Rötungen (Erythema) oder Knötchen (Papeln), diese können aber auch ganz fehlen.[2]

Der Juckreiz zeigt sich vor allem in Regionen mit einer dünnen Haut und einer erhöhten mechanischen Belastung, da mikroskopisch kleine Hautverletzungen (Mikrotraumen) offenbar den Eintritt der Allergene fördern. Die häufigsten Lokalisationen sind Kopf (Lefzen, Augenumgebung, Ohr) und/oder Pfoten. Weiterhin können die Beugeseiten des Ellbogens, des Vordermittelfußes und des Sprunggelenks, die Achselgegend, die Leistenregion und der Bauch betroffen sein. Als rassespezifische Lokalisation gilt bei Boxer, Staffordshire Bullterrier und Neufundländer die Halsunterseite. Der Rücken ist dagegen primär nie betroffen.

Im weiteren Verlauf kommt es aber schnell zu sekundären Hautveränderungen (Sekundäreffloreszenzen) durch das Kratzen, Scheuern, Belecken (Fellverfärbung) oder Benagen der juckenden Hautpartien. Hierbei können praktisch alle Sekundäreffloreszenzen (oberflächliche Hautdefekte, Knötchen, Eiterbläschen, starke Schuppenbildung), bei längerem bestehen auch Haarausfall und Hautverdickung auftreten. Durch bakterielle Sekundärinfektion kann eine eitrige Hautentzündung (Pyodermie), durch übermäßige Entwicklung der Hautflora eine Malasseziendermatitis auftreten. Am Ohr kann eine chronische Ohrentzündung (Otitis externa), an den Füßen eine chronische Pododermatitis entstehen.

Ähnlich wie beim Menschen prädisponiert die Atopische Dermatitis das Entstehen einer Mycosis fungoides (ein T-Zell-Lymphom der Haut). Der Mechanismus ist nicht bekannt, auch nicht, ob überhaupt ein direkter kausaler Zusammenhang besteht. Die Erkrankung tritt aber bei Hunden mit einer vorberichtlichen Atopie mit einer 12-fach höheren Wahrscheinlichkeit auf.[3]

Diagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Intrakutantest bei einem Hund

Die Diagnose ist klinisch nur schwierig zu stellen. Frühformen werden vom Besitzer häufig nicht erkannt oder nicht ernst genommen, so dass der Tierarzt zumeist Tiere mit fortgeschrittener Atopischer Dermatitis und den unspezifischen Sekundäreffloreszenzen vorgestellt bekommt. Einschlusskriterien sind:[1]

  1. Beginn vor dem dritten Lebensjahr
  2. vorwiegende Haltung im Haus
  3. auf Glucocorticoide ansprechender Juckreiz
  4. chronische oder immer wiederkehrende Malassezien-Dermatitis
  5. Vorderpfoten sind betroffen
  6. Ohrmuscheln sind betroffen
  7. Ohrränder sind nicht betroffen
  8. Rückenpartie ist nicht betroffen.

Treffen fünf der acht Kriterien zu, ist eine Atopische Dermatitis wahrscheinlich. Die Sensitivität liegt dann bei 0,85, die Spezifität bei 0,79. Dies bedeutet, dass bei 15 % der Tiere eine Atopische Dermatitis fälschlicherweise ausgeschlossen wird und bei fast 20 % eine solche fälschlicherweise vermutet wird. Sind sechs Kriterien erfüllt, liegt die Sensitivität nur noch bei 58 %, die Spezifität steigt aber auf 89 %.[1]

Differentialdiagnostisch müssen vor allem andere Allergien wie Flohbefall, Floh- und Futterallergie ausgeschlossen werden, die aber auch gleichzeitig mit einer Atopie auftreten können, sowie Räudemilbenbefall, Pyodermien anderer Genese und Demodikose, wobei letztere primär ohne Juckreiz verläuft.[2]

Die Ermittlung des Allergens kann über den sogenannten Fcε-Rezeptortest erfolgen, mit dem freie IgE-Antikörper im Serum nachgewiesen werden können. Aussagekräftiger ist ein Intrakutantest, bei dem verschiedene Allergene in die Haut gespritzt werden und – im positiven Falle – eine Reaktion an der entsprechenden Stelle auslösen. Allerdings können auch beim Intrakutantest sowohl gesunde Hunde als auch Atopiker gleichermaßen reagieren. Beide Allergietests dienen eher zur Erkennung allergieauslösender Faktoren, die eigentliche Diagnose „Atopische Dermatitis“ wird immer klinisch gestellt.[4]

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Atopische Dermatitis wird am wirksamsten durch eine Therapie, die auf mehreren Säulen beruht, behandelt.

Allergenvermeidung und Hyposensibilisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachenbeseitigung ist, weil das auslösende Allergen entweder unbekannt ist oder nicht aus der Umgebung des Hundes entfernt werden kann, nur selten möglich. Auf jeden Fall kann eine Bekämpfung der Hausstaubmilben (ein häufigerer Auslöser einer Atopischen Dermatitis) versucht werden.

Ist das Allergen durch Allergietests bekannt, kann eine Hyposensibilisierung durchgeführt werden. Hierbei wird durch eine langsam ansteigende Verabreichung des Allergens versucht, die allergische Reaktion zum Stillstand zu bringen. Die Behandlung ist langwierig und erfordert viel Kooperationsbereitschaft und Geduld seitens des Hundehalters, die Erfolgsquote liegt aber bei etwa 50 bis 80 %, etwa die Hälfte der Hunde benötigt zumindest temporär eine zusätzliche symptomatische Behandlung. Neue technische Ansätze der Hyposensibilisierung sind die Verabreichung des Allergens über die Maulschleimhaut (sublingual immunotherapy, SLIT) oder in einen Lymphknoten (intralymphatische Immuntherapie) bzw. die Verwendung chemisch modifizierter Allergene (Allergoide). Während die SLIT nebenwirkungsärmer als die klassische Verabreichung durch Injektionen ist, scheinen die beiden anderen Verfahren eine schnellere Hyposensibilisierung mit nur wenigen Injektionen zu erzielen. [5]

Medikamentöse Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dritte Behandlungsmöglichkeit ist die Bekämpfung des Juckreizes. Hier stellen sich zwar schnell Erfolge ein, aber die Behandlung hat zahlreiche Nebenwirkungen und sollte damit zeitlich auf maximal 3 Monate beschränkt werden.

Am wirksamsten ist die orale Verabreichung von Prednisolon, wobei die Dosis und Verabreichungsfrequenz möglichst schnell gesenkt werden müssen. Da Prednisolon das Immunsystem abschwächt, können sich nach Anfangserfolgen die Symptome plötzlich wieder verstärken, da natürlich vorhandene Bakterien, Malassezien und Demodex-Milben plötzlich eine klinisch manifeste Hauterkrankung auslösen. Zudem besteht ein hohes Risiko, eine Zuckerkrankheit auszulösen.

Alternativ können Antihistaminika wie Cetirizin, Chlorpheniramin, Hydroxyzin oder Terfenadin angewendet werden, allerdings spielt Histamin bei Hunden nur eine untergeordnete Rolle als Vermittler des Juckreizes, so dass Antihistaminika nur in wenigen Fällen wirken. Bei Pyodermie sind sie vollkommen wirkungslos.

Vielversprechend ist die orale Gabe von Ciclosporin, welches die Entzündungsreaktionen in der Haut stark herabsetzt und damit den Juckreiz wirkungsvoll beseitigen kann. Wie bei der Prednisolon-Therapie wird die Dosis allmählich gesenkt. Die Behandlung ist aber relativ teuer und hat bei etwa einem Viertel der Patienten Nebenwirkungen wie Erbrechen und Durchfall. Ein ähnliches Wirkungsspektrum zeigt Tacrolimus, welches lokal auf die Haut aufgetragen wird.

Der 2013 auf den Markt gekommene Inhibitor der Januskinase-1 Oclacitinib hemmt Entzündung und Juckreiz und hat sich bereits vielfach in der Behandlung der Atopischen Dermatitis bewährt. Der Wirkstoff zeigt keine Wechselwirkung mit anderen Wirkstoffen und auch nicht mit Allergietests, er sollte aber nicht bei schweren Infektionen, Demodikosen oder Neoplasien eingesetzt werden.[5]

Die Gabe von Pentoxifyllin hemmt auf Grund seiner immunmodulierenden Wirkung die Freisetzung von Zytokinen und führt meist zu einer Reduktion des Juckreizes und damit einer klinischen Besserung. Interferone vermindern die Aktivität von Th2-Zellen und damit die IgE-Produktion, ob sie als alleinige Langzeittherapie geeignet sind, bedarf weiterer Untersuchungen. [2]

Palmitoylethanolamid (PEA) ist ein bioaktives Lipid, dass von geschädigten Hautzellen gebildet wird und Entzündung und Juckreiz vermindert. Eine Studie mit oraler Verabreichung von PEA führte zu einer deutlichen Verbesserung der Hautveränderungen und Verminderung des Juckreizes. Allerdings ist PEA in Deutschland bislang nicht erhältlich, soll aber 2016 auf den Markt kommen. [5]

Probiotika können zu einer Verbesserung der Barrierefunktion der Haut und zu einer Senkung der Interleukin-10-Ausschüttung führen. Ihr Einsatz bei der Atopischen Dermatitis zeigt aber widersprüchliche Ergebnisse. Auch die Behandlung mit Eiern von Fadenwürmern wie Trichuris vulpis (Hundepeitschenwurm) oder Uncinaria stenocephala kann – ähnlich wie der Einsatz von Eiern von Trichuris suis beim Menschen – bei schweren Hautveränderungen zu einer Verbesserung der Symptomatik führen.[6]

Zeigen Prednisolon, Oclacitinib oder Ciclosporin keine oder keine ausreichende Wirkung, kann auch der Einsatz von Masitinib erwogen werden, wobei aber in 16 % der Fälle mit mittleren bis schweren Nebenwirkungen zu rechnen ist.[2]

Unterstützende Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterstützende Maßnahmen sind in jedem Fall sinnvoll, als Alleintherapie aber nur selten ausreichend. Die Gabe von essentiellen Fettsäuren (hochwertige Speiseöle, Spezialpräparate) kann die Symptomatik nach einigen Wochen deutlich verbessern. Ein Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren von 5–10:1 wird als optimal angesehen.[5]

Eine Shampoonierung ist stets unterstützend sinnvoll. Sie sollte zweimal pro Woche durchgeführt werden. Vor allem Shampoos auf der Basis von Chlorhexidin verhindern sekundäre Begleiterkrankungen durch Malassezien oder Bakterien. Darüber hinaus entfernen sie Allergene, Schweiß und Entzündungsprodukte von der Hautoberfläche und unterstützen die Verheilung von Hautschäden und damit die Herstellung der natürlichen Barrierefunktion der Haut.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beat Bigler: Hautkrankheiten. In: Peter F. Suter und Hans G. Niemand (Hrsg.): Praktikum der Hundeklinik. Paul-Parey-Verlag, 10. Auflage 2006, S. 332–391. ISBN 3-8304-4141-X
  • Favienne Dethioux: Die Herausforderung: Canine atopische Dermatitis. Waltham Focus, Sonderausausgabe, 2006, 55 S.
  • Chiara Noli und Fabia Scarampella: Atopische Dermatitis. In: Praktische Dermatologie bei Hund und Katze. Schlütersche Verlagsanstalt, 2. Aufl. 2005, S. 252–259. ISBN 3-87706-713-1
  • Stefanie Peters: Atopische Dermatitis beim Hund. Eine Dauertherapie auf mehreren Säulen. In: Kleintier konkret 7(5)/2004, S. 20–26.
Einzelnachweise
  1. a b c C. Favrot et al.: A prospective study on the clinical features of chronic canine atopic dermatitis and its diagnosis. In: Vet. Dermatol. 21 (2010), S. 23–31.
  2. a b c d e Katrin Timm und Petra Roosje: Die atopische Dermatitis des Hundes. In: Kleintierpraxis 57 (2012), S. 588–608.
  3. D. Santoro et al.: Investigation on the association between atopic dermatitis and the development of mycosis fungoides in dogs: a retrospective case-control study. In: Veterinary Dermatology 18 (2007), S. 101–106.
  4. Ralf S. Müller: Intradermale Reaktionen gegen die Vorratsmilbe Lepidoglyphus destructor bei normalen Hunden und Hunden mit atopischer Dermatitis. In: Kleintierpraxis 56 (2010), S. 5–10.
  5. a b c d Chiara Noli: Atopische Dermatitis beim Hund – aktuelle Therapieansätze. In: Der Praktische Tierarzt. Band 96, Nr. 10, 2015, S. 996–1007.
  6. Ralf S. Müller: Immunmodulierende Therapien der caninen atopischen Dermatitis. In: Kleintierpraxis 56 (2011), S. 642–648.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!
Dieser Artikel wurde am 17. Juni 2009 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.