Barockgarten Großsedlitz

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Barockgarten mit Friedrichschlösschen und Oberer sowie Unterer Orangerie

Der Barockgarten Großsedlitz mit dem Friedrichschlösschen liegt auf einer Anhöhe südöstlich von Dresden, in der Stadt Heidenau im Freistaat Sachsen.

Der etwa 18 Hektar große Garten gilt als überragendes Beispiel für französische Gartenbaukunst in Sachsen; er ist eine der authentischsten Barockanlagen Deutschlands. Bemerkenswert ist auch die Vielzahl an Pomeranzen, welche die Architektur des terrassenförmigen Gartenraumes unterstreichen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen Wackerbarths im Giebelfeld der Oberen Orangerie
Schloss und Garten um 1723
Schloss und Garten um 1840
Friedrichschlösschen und Obere Orangerie heute

Der Barockgarten im Heidenauer Stadtteil Großsedlitz wurde 1719 bis 1723 vom Reichsgrafen August Christoph von Wackerbarth als Landsitz mit Orangerie erbaut. Dieser hatte es bereits 1715 erworben.[1] Der Schöpfer der Konzeption des beabsichtigten dreiflügeligen Schlosses nach französischem Barockstil ist unbekannt. Entwürfe von Pöppelmann, Longuelune und Knöffel für die Anlage sind bekannt. Bis 1720 errichtete man den Rohbau; eine Entwurfsplanung von Knöffel ist jedoch nicht belegt.[2]

Bereits 1723 kam das Anwesen in den Besitz von Kurfürst August dem Starken, der es gartenbaulich und architektonisch bis 1727 unter anderem durch Longuelune vergrößern und umgestalten ließ. Ein ursprünglich geplantes kastellartiges Schloss wurde nie errichtet.

Während das Schloss in Pillnitz dem Vergnügen diente und das in Moritzburg der Jagd, sollte Großsedlitz zum Ordensschloss für die Stiftungsfeste des polnischen Weißen-Adler-Ordens werden. Am 3. August 1727, seinem Jahrestag, begann August der Starke dieses eintägige Fest zum ersten und einzigen Mal in Großsedlitz.[3] Nach dem Ableben Augusts 1733 führte sein Sohn, Kurfürst Friedrich August II., seit 1734 als König von Polen August III., diese Tradition weiter. Zwischen 1740 und 1756 fanden diese Festlichkeiten noch zwölfmal hier statt. Höhepunkt war dabei jedes Mal das Preisschießen im Unteren Orangerieparterre; als Zielscheiben dienten bemalte Tafeln an der Rückwand des Bassins der „Stillen Musik“.[3]

Die Anlage verfiel nach 1750. Schwere Schäden brachte insbesondere der Siebenjährige Krieg (1756–1763); beim Friedensschluss 1763 war der Garten verwüstet. Auch in den Koalitionskriegen (1792–1815) wurden der Park und insbesondere die Baulichkeiten schwer beschädigt. Frühe Sicherungsarbeiten erstreckten sich über einen langen Zeitraum von 1846 bis 1878. Den verbliebenen hinfälligen Baukörper des Schlosses riss man 1871 ab und errichtete in den Folgejahren ein zweigeschossiges Neues Schloss an der Stelle des ursprünglichen Ostflügels, später Friedrichschlösschen genannt.[1]

Teilbereiche der Anlage des Barockgartens werden Johann Christoph Knöffel zugeschrieben. Plastiken stammen von Johann Christian Kirchner; einige andere schreibt man Johann Benjamin Thomae zu. Viele weitere Figuren lassen sich hinsichtlich ihrer Bildhauer nicht mehr bestimmen.[4]

Aufgrund der leichten Hanglage wurde der Barockpark terrassenförmig angelegt. Seine Struktur folgt den Gartenbauprinzipen eines französischen Gartens und ist von den Besonderheiten des Dresdner Barocks zur Zeit Augusts des Starken beeinflusst. Als Lustgarten wurde die Anlage bis 1763 für Festlichkeiten des Dresdner Hofes genutzt. Der Garten blieb im westlichen Teil unvollendet und wurde auch in den folgenden Jahrhunderten kaum verändert.

Das Haupteingangstor des Barockgartens ist eine verhältnismäßig junge Anlage. Es wurde 1960 vom Vorhof des alten Landhauses in Dresden (heute Stadtmuseum) hierher umgesetzt. Die Toranlage entstand in der Zeit von 1960 bis 1963. Die Delphinbrunnen im Eingangsbereich sind das Werk von Johann Christian Feige.[1]

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrichschlösschen

Die heute noch erhaltenen, im Barockstil erbauten Gebäude sind das Friedrichschlösschen und die Obere sowie die Untere Orangerie.

Das 1847 nach Plänen des Hofbaumeisters Bernhard Krüger fertiggestellte Friedrichschlösschen verkörpert den ehemaligen Ostflügel des von 1719 bis 1720 errichteten und wegen Baufälligkeit 1871 abgerissenen Schlosses.[5]

Die Obere Orangerie wurde nach Plänen von Johann Christoph Knöffel von 1720 bis 1721 als Zweckbau zur winterlichen Aufnahme von Orangenbäumchen erbaut.[6] Sie ist eingeschossig und hat 23 Fensterachsen sowie an beiden Seiten Eckpavillons mit hohen Mansarddächern. Der Dreiecksgiebel in der Mittelachse ist mit dem Wackerbarthschen Wappen geschmückt.

Die ebenfalls eingeschossige Untere Orangerie wurde 1727 fertiggestellt; sie ist durch 31 Fensterachsen und eine gelungene Integration in die Terrassenstruktur des Gartens charakterisiert.

Das Friedrichschlösschen beherbergt heute eine historische Gaststätte, die Obere Orangerie ein Standesamt und ein Geschäft. Die Obere und die Untere Orangerie werden für Konzerte und Ausstellungen genutzt; die Untere Orangerie dient darüber hinaus als Winterquartier für die Kübelpflanzen des Gartens.

Barockgarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untere Orangerie
Untere Orangerieparterre mit der „Stillen Musik“ am Südende

Das nach einer Nordwest-Südost-Achse ausgerichtete Parkareal umfasst heute etwa 18 Hektar.[7] Obwohl niemals vollendet, ist die Anlage eine der authentischsten Barockgärten Deutschlands. Der Garten ist durch eine Hanglage mit Terrassierung, Freitreppen und Kaskaden charakterisiert, vollendet durch Sichtachsen für Landschaftsausblicke.

Das geometrische Wegenetz orientiert sich an den drei Hauptachsen der Anlage.

Das in der östlichen Parkseite befindliche Untere Orangerieparterre bildete den Festsaal des Gartens; hier fand u. a. das Preisschießen statt. Die abgesenkte, U-förmige Anlage wird auf der Nordseite von der Unteren Orangerie begrenzt, im Süden schließt sich eine eigenwillige Treppenanlage an. Diese Freitreppe, aufgrund der sie schmückenden musizierenden Putten „Stille Musik“ genannt, wurde vom Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann entworfen. Hier umgreifen zwei geschwungene Stufenläufe ein Bassin, das mit seinen drei Fontänen den Zielpunkt der Schießbahn darstellte.[8]

Im westlichen Teil des Gartens verkörpert die Waldkaskade mit einem als „Steinernes Meer“ bezeichneten oberen Bassin die Intention, eine „Wasserachse“ als lebendigsten Teil des Gartens zu schaffen.[8] Ebenso wie die im tiefsten Punkt befindliche Parterre d’eau als auch die von den Stützmauern des Oberen Orangerieparterres umfassten beiden Wasserstufen blieb sie jedoch unvollendet.

Von den ehemals zahlreichen[9] Sandsteinskulpturen aus der römischen und griechischen Mythologie schmücken heute noch 64 die Gartenanlage, darunter 24 Originale.[10] Bemerkenswert sind die vom Hofbildhauer Johann Christian Kirchner geschaffenen Figurengruppen „Vier Jahreszeiten“ (Winter, Frühling, Sommer, Herbst), „Vier Erdteile“ (Europa, Asien, Afrika, Amerika; Australien war damals noch unentdeckt) und „Vier Elemente“ (Feuer, Wasser, Luft, Erde), die alle noch als Originale existieren. Bei letzterem sind zwei entgegengesetzte Elemente in jeweils einer gemeinsamen Figur zusammengefasst: Feuer und Wasser sowie Luft und Erde werden hier vereint.

Orangerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Panorama der Unteren Orangerie

Sammlungen von südländischen Pflanzen, oft als „Orangerie“ bezeichnet, kamen im 17. und 18. Jahrhundert in Mode. Neben Orangen wurden auch Myrten, Granatäpfel, Lorbeeren und Feigen in Großsedlitz gepflegt.[11]

Durch ihren Bezug zum griechischen Herkules-Mythos hatten Orangen damals eine besondere Bedeutung. Nach diesem Mythos sollte Herkules, als eine von zwölf Aufgaben, goldene Äpfel aus dem Garten der Hesperiden holen. Durch die offensichtliche Ähnlichkeit von Orangen mit goldenen Äpfeln ließ sich eine schmeichelhafte Beziehung ihres Besitzers mit den tugendhaften Merkmalen von Herkules ableiten.[11]

Laut dem Inventarverzeichnis von 1736 hatte der Barockgarten zu dieser Zeit 1.250 Orangenbäume, wobei der Bestand an Pomeranzen (Bitterorangen) besonders wertvoll war. Jahrelange Vernachlässigung und vermutlich ein Heizungsausfall im strengen Winter 1928/29 vernichteten die letzten verbliebenen Bestände.[12][13]

Im Jahr 1997 wurden erstmals wieder 150 Orangenbäumchen aus der Toskana angeschafft; der heutige Bestand ist auf über 400 Kübelpflanzen, darunter 140 Pomeranzen, angewachsen.[13] Deren Überwinterung erfolgt bei Temperaturen von 5 bis 8 Grad Celcius in der Unteren Orangerie.

Aktuelle Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Barockgarten gelangte 1992 in den Besitz des wieder entstandenen Freistaates Sachsen. Gleichzeitig begann eine umfassende Restaurierung und Rekonstruktion von Garten und Gebäuden.

Zur heutigen, öffentlich zugänglichen Anlage gehören neben dem Friedrichschlösschen das Alte Gärtnerhaus, die Obere und Untere Orangerie, das Obere Parterre, das Wasserparterre (Parterre d’eau), die „Stille Musik“, das Untere Parterre, die Waldkaskade und das Naturtheater.

Von Ostern bis Oktober eines jeden Jahres findet eine Vielzahl von Veranstaltungen im Garten statt. Höhepunkt ist dabei das Gartenfest am ersten Wochenende im August. Es soll an das erste Fest des Polnischen Weißen Adlerordens erinnern, das unter August dem Starken erstmals in Großsedlitz begangen wurde.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bd. Dresden. München, Berlin (Deutscher Kunstverlag) 2005, S. 235–238, ISBN 3-422-03110-3
  • Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7
  • Andrea Hessler/Sächsisches Staatsministerium der Finanzen, Sächsische Schlösserverwaltung (Hrsg.): Sächsische Schlösser, Burgen und Gärten. Dresden 1994, S. 35–42.
  • Hugo Koch: Großsedlitz einst und jetzt. In: Mitteilungen des Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Band XIV, Heft 9–12/1925, S. 373–395
  • Simone Ruby: Barockgarten Grosssedlitz. Edition Leipzig 2013, ISBN 978-3-361-00689-8
  • Friedrich August Wendler: Das königliche Schloss und der Garten zu Gross Sedlitz. Pirna um 1850 (Digitalisat)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Barockgarten Großsedlitz – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bd. Dresden. München, Berlin (Deutscher Kunstverlag) 2005, ISBN 3-422-03110-3, S. 235
  2. Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 23ff.
  3. a b Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 33, 55–57
  4. Georg Dehio Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bd. Dresden. München, Berlin (Deutscher Kunstverlag) 2005, ISBN 3-422-03110-3, S. 237
  5. Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 67
  6. Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 27ff.
  7. Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 84
  8. a b Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 44–52
  9. Die in der älteren Literatur genannte Zahl von 360 ist heute nicht belegbar, siehe Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 79
  10. Skulpturen (PDF; 137 kB) Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. 2011. Abgerufen am 28. Mai 2013.
  11. a b Jürgen Loose: Fünf Ohnegleichen in Sachsen. Reinhardsgrimma: Saxacon 2008, S. 53
  12. Hans G. Hartmann: Barockgarten Großsedlitz. Edition Leipzig 2002, ISBN 3-361-00550-7, S. 68
  13. a b Orangerien (PDF; 130 kB) Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. 2011. Abgerufen am 28. Mai 2013.

Koordinaten: 50° 57′ 5″ N, 13° 53′ 24″ O