Beichtstuhl

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Dieser Artikel befasst sich mit der eigentlichen Bedeutung des Begriffes. Siehe auch
Barocker Beichtstuhl in St. Jakob Innsbruck
Geschlossener Beichtstuhl in der Mannheimer Jesuitenkirche
Neogotischer Beichtstuhl

Der Beichtstuhl war ein obligatorischer Teil der Einrichtung katholischer Kirchen. Er ist der übliche[1] Ort für das persönliche Sündenbekenntnis der Gläubigen, dem die Lossprechung durch den Priester folgt. Bekenntnis (lat. confessio) und Lossprechung sind Bestandteile des Bußsakraments. Auch in den evangelisch-lutherischen Kirchen gibt es eine Beichtstuhltradition.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heutige Form des Beichtstuhls stammt aus der Barockzeit. Es ist ein fast geschlossenes, schrankartiges, hölzernes, oft mit kunstvollem Schnitzwerk verziertes Möbelstück, das in zwei oder (meist) drei Innenräume geteilt ist: einen für den Priester, einen (bzw. zwei) für die Beichtenden (zwei zur alternierenden, aber nicht gleichzeitigen Benutzung). Der Teil des Priesters enthält einen der Tür zugewandten Sitz, der Teil des Gläubigen eine Kniebank, ausgerichtet zu der vergitterten Öffnung in der Trennwand, durch die das Bekenntnis gesprochen wird. Daneben gibt es halb offene und ganz offene Beichtstühle, bei denen sowohl der Beichtende als auch der Priester von außen gesehen werden kann. Diese Formen sind näher bei der historischen Ausgangsform.

Die älteste Form des Beichtstuhls ist die eines wirklichen Stuhls für den Priester, vor oder später neben dem der Beichtende auf dem Fußboden oder einer Podeststufe kniete. Seitdem, ausgehend von den Klöstern, die sakramentale Einzelbeichte im Hochmittelalter immer stärker auch in der Pfarrseelsorge praktiziert wurde, errichtete man für sie als eigenen liturgischen Ort einen Stuhl, meist in der Nähe des Altars. Im Lehnstuhl (damals ein Möbelstück, das den Sitzenden als Amtsträger auszeichnete) symbolisierte sich der hoheitlich-stellvertretende Charakter der Beicht- und Absolutionshandlung (vgl. Kathedra). In der Variante eines thronartigen Sitzes mit seitlich angearbeiteter Kniebank ist dieser Typ mit einem ältesten Exemplar von 1607 in der Kirche St. Lorenzen ob Murau in der Steiermark materiell überliefert. Diese Variante blieb, in der Sakristei aufgestellt, vereinzelt bis ins 20. Jahrhundert üblich.[2]

Eingeleitet durch die Synode von Fritzlar (1234) entwickelte sich das (doppelte) Gitterfenster als Trennwand zwischen Priester und Beichtendem. Die zuvor übliche Absolution durch Handauflegen wurde seitdem abgelöst durch das segnende Kreuzzeichen. Seit dem Mittelalter enthält das Schnitzwerk vieler Beichtstühle auch Rosen als Symbol der Verschwiegenheit: dem Priester wurden die Beichtgeheimnisse „Sub rosa“ („unter der Rose“), also streng vertraulich mitgeteilt. Alle späteren Formen des Beichtstuhls kommen dem Bedürfnis entgegen, das Beichtgeheimnis gegenüber Dritten und eine gewisse Anonymität gegenüber dem Priester zu wahren.

Vor dem Hintergrund der Beschlüsse des Trienter Konzils befasste sich der Mailänder Erzbischof Karl Borromäus in seinen praktischen Bestimmungen[3] nur mit dem zweiteiligen Beichtstuhl. Die allgemeinere Bestimmung des Rituale Romanum von 1614 ließ dagegen mehrere formale Gestaltungsmöglichkeiten zu.[4] In den katholischen Kirchbauten der Moderne findet sich statt des Beichtstuhls manchmal ein Beichtzimmer, in dem sowohl kniend hinter einer gitterartigen Trennwand wie auch dem Priester gegenübersitzend gebeichtet werden kann.

Auch in lutherischen Kirchen wurden bis in das 18. Jahrhundert hinein teilweise prachtvolle Beichtstühle errichtet, von denen sich zahlreiche erhalten haben. Sie fehlen jedoch in den Räumen der reformierten Konfessionen wegen der unterschiedlichen Beurteilung der Einzelbeichte.

Evangelisch-lutherische Beichtstuhltradition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Evangelischer Beichtstuhl mit Kanzel – Kirche am Markt Neustadt-Breuberg

Nach der Confessio Augustana (1530), die erste Bekenntnisschrift der protestantischen Stände, wurde zwar die Ohrenbeichte abgeschafft, aber die Einzelbeichte (Beichte) beibehalten. Dafür wurde auch ein eigenes Beichtformular erstellt, das den theologischen Ansatz Martin Luthers hervorhob, dass nicht das Sündenbekenntnis im Mittelpunkt steht, sondern die Absolution als Ziel der Buße.[5] Ein zuverläßiger Zeuge dieser Beichtstuhltradition ist Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), zu dessen christliche Sozialisation in Frankfurt a. M. die Einzelbeichte im Beichtstuhl gehörte, die er u.a. so beschreibt: "Aber als ich in das Barfüßer Chor hineintrat, mich den wunderlichen vergitterten Schränken näherte, in welchen die geistlichen Herren sich zu diesem Akte einzufinden pflegten, als mir der Glöckner die Tür öffnete und ich mich gegen meinen geistlichen Großvater in den engen Raume eingesperrt sah und er mich mit seiner schwachen, nästelnden Stimme willkommen hieß, erlosch plötzlich alles Licht meines Geistes im Herzen, die memorierte Beichtrede wollte mir nicht über die Lippen, ich schlug in der Verlegenheit das Buch auf, das ich in Hände hatte, und lass daraus die erste beste kurze Formel, die so allgemein war, daß ein jeder sie ganz geruhig hätte aussprechen können. Ich empfing die Absolution und entfernte mich weder warm noch kalt, ging den anderen Tag mit meinen Eltern zu dem Tische des Herrn und betrug mich ein paar Tage, wie es sich nach einer so heiligen Handlung wohl ziemte."[6] Das evangelische Kirchenmöbel als Beichtstuhl gehört hier wie selbstverständlich dazu.

Evangelischer Beichtstuhl mit Kanzel - Vilmnitz auf Rügen

Beichtstühle in protestantischen Kirchen wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg eingeführt, als römisch-katholische Kirchen umgebaut wurden. Der bekannte Kirchenarchitekt Leonhard Christoph Sturm (1669-1719) setzte die Beichtstühle als typisch für den evangelisch-lutherischen Kirchenbau 1712 bereits voraus. Anders als in der römisch-katholischen Tradition wurden diese in der Nähe des Altarraumes positioniert.[7] Damit entwickelte sich eine besondere Beichtstuhltradition, die sich dann auch in der Form durchsetzte, dass der Beichtstuhl mit der Kanzel so verbunden wurde, dass der Pfarrer von der Kanzel direkt in den Beichtstuhl gehen konnte. In dieser Form finden sich ein paar gut erhaltene Exemplare in der ehemaligen Herrschaft Breuberg (Odenwald).[8] Bemerkenswert bei diesen Beicht- und Pfarrstühlen ist, dass sie über Schiebegittern verfügen, die darauf hinweisen könnten, dass die Beichtenden vor dem Beichtstuhl standen oder knieten, während sie die Beichte ablegten.[9] Denkbar ist auch eine neue Frömigkeits- und Standesentwicklung, die aus welchen Gründen auch immer diese Form des Beichtstuhls begünstigten.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edmund W. Braun, Otto Schmitt: Beichtstuhl (confessionale) (A. In der katholischen Kirche). In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Bd. II (1938), Sp. 183–194; in: RDK Labor, URL: [1] (vom 5. Februar 2015).
  • Alfred Wiesenhütter: Beichtstuhl (confessionale) (B. In der protestantischen Kirche). In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Bd. II (1938), Sp. 194–199; in: RDK Labor, URL: [2] (vom 5. Februar 2015)
  • Ralf van Bühren: Kirchenbau in Renaissance und Barock. Liturgiereformen und ihre Folgen für Raumordnung, liturgische Disposition und Bildausstattung nach dem Trienter Konzil. In: Stefan Heid (Hrsg.): Operation am lebenden Objekt. Roms Liturgiereformen von Trient bis zum Vaticanum II. Be.bra-Wissenschaftsverlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-95410-032-3, S. 93–119 (Volltext online).

Regionale Untersuchungen:

  • Hildegard Heidelmann, Helmuth Meißner: Evangelische Beichtstühle in Franken. Fränkisches Freilandmuseum, Bad Windsheim 2002, ISBN 3-926834-46-3.
  • Jutta Reisinger-Weber: Evangelische Beichtstühle in der Herrschaft Breuberg, in: Der Odenwald, 63. Jahrgang, Heft 4, Breuberg-Neustadt 2016, S. 131–147.
  • Wilhelm Schlombs: Die Entwicklung des Beichtstuhls in der katholischen Kirche. Grundlagen und Besonderheiten im alten Erzbistum Köln. Düsseldorf 1965.
  • Alexander Wieckowski: Evangelische Beichtstühle in Sachsen. Sax-Verlag, Beucha 2005, ISBN 3-934544-74-6.
  • Alexander Wieckowski: Evangelische Beichtpraxis in Sachsen und in der Dresdner Frauenkirche. In: Die Dresdener Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und Gegenwart, Jg. 12 (2008), Schnell & Steiner, Regensburg, S. 43–56, ISBN 978-3-7954-2084-0.
  • Helmut Ottenjann: Der älteste Beichtstuhl des Oldenburger Münsterlandes in der Sevelter St. Marienkirche. In: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland, 2005, S. 102–111.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Beichtstuhl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Beichtstuhl – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Can. 964 CIC – § 1. Der für die Entgegennahme sakramentaler Beichten eigene Ort ist eine Kirche oder Kapelle. § 2. Was den Beichtstuhl anbelangt, sind von der Bischofskonferenz Normen zu erlassen; dabei ist jedoch sicherzustellen, daß sich immer an offen zugänglichem Ort Beichtstühle befinden, die mit einem festen Gitter zwischen Pönitent und Beichtvater versehen sind, damit die Gläubigen, die dies wünschen, frei davon Gebrauch machen können. § 3. Außerhalb des Beichtstuhls dürfen Beichten nur aus gerechtem Grund entgegengenommen werden.
  2. Robert B. Witte: Das katholische Gotteshaus. Sein Bau, seine Ausstattung, seine Pflege. Mainz 1939, S. 168.
  3. Kapitel 23 seiner Instruktionen.
  4. Vgl. Bühren 2014, S. 113 f.
  5. Ernst Bezzel: Frei zum Eingeständnis. Geschichte und Praxis der evangelischen Einzelbeichte. In: Horst Bürkle und Manfred Seitz (Hrsg.): Calwer Theologische Monographien. Band 10. Calwer, Stuttgart 1982, S. 28.
  6. Johann Wolfgang von Goethe: Goethes poetische Werke. Vollständige Ausgabe. In: Autobiographische Schriften. Zweiter Teil. Siebentes Buch. Band 8. Phaidon, ISBN 3-88851-001-5, S. 190 f.
  7. Leonhard Chr. Sturm: Architektonisches Bedencken Von Protestantischen Kleinen Kirchen Figur und Einrichtung. Hamburg 1712.
  8. Jutta Reisinger-Weber: Evangelische Beichtstühle in der Herrschaft Breuberg. In: Winfried Wackerfuß (Hrsg.): Der Odenwald. 63. Jahrgang / Heft 4. Breuberg-Bund e.V., Neustadt 2016, S. 131–147.
  9. Jutta Reisinger-Weber: Evangelische Beichtstühle in der Herrschaft Breuberg. S. 139 ff.
  10. Alexander Wieckowski: Evangelische Beichtstühle in Sachsen. Sax, Beucha 2005, S. 44 f.