Blutwunder

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Blutrote Kolonien von Serratia marcescens
Raffael: Die Messe von Bolsena

Als Blutwunder, auch Heiliges Blut,[1] gelten blutungsähnliche Erscheinungen an konsekrierten Hostien, an Bildern Christi oder auch Wiederverflüssigungen von Blutreliquien. Blutwunder sind ein Begriff der katholischen Volksfrömmigkeit. Speziell im Zusammenhang mit Hostien spricht man auch von Hostienwundern.

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Glaube an Blutwunder war besonders im 14. und 15. Jahrhundert verbreitet. Orte solcher Blutwunder wurden zum Ziel von Wallfahrten.

Schon bei der Belagerung von Tyros 332 v. Chr. unter Alexander dem Großen sollen „Blutflecken“ auf dem Brot der Soldaten aufgetreten sein, die Alexander als Glückszeichen gedeutet haben soll.

Der Priester Peter von Prag soll nach Zweifeln am Dogma der Transsubstantiation 1263 in Bolsena das Brot für die Kommunion gebrochen und dabei Blutstropfen darauf entdeckt haben. Papst Urban IV. ließ das Altartuch mit den vermeintlichen Blutflecken nach Orvieto bringen. Das Blutwunder von Bolsena war Anlass für die Einführung des Fronleichnamsfestes 1264. Papst Nikolaus III. veranlasste den Bau des Doms von Orvieto, in dem das Altartuch (Korporale) heute noch als Reliquie aufbewahrt wird. Heute nimmt man an, dass die „Blutstropfen“ durch Prodigiosin rot gefärbte Kolonien von Serratia marcescens waren, die auf Brot und Hostien einen guten Nährboden finden („Hostienphänomen“) und darauf wachsen, wenn diese Materialien nicht ausreichend trocken gehalten werden. Der Grund dafür, dass dieses Phänomen erst im 13. Jahrhundert auftrat, dürfte sein, dass erst seit dieser Zeit ungesäuerter Teig für Hostien verwendet wird. Auf Sauerteigen kann das Bakterium nicht wachsen. Das Wunder von Bolsena ist auf einem Fresko des italienischen Malers Raffael in der Stanza d'Eliodoro dargestellt (Die Messe von Bolsena).

Auch später kam das Phänomen der „blutenden Hostien“ wiederholt vor, vermutlich bei Aufbewahrung von Hostien in Sakristeien, die im Sommer noch kühl sind und deren Luft deshalb eine hohe relative Luftfeuchtigkeit aufweist. Das Phänomen führte unter anderem in Bad Wilsnack (Prignitz) 1383 zu Wallfahrten zum Wilsnacker Wunderblut mit zahlreichen Beteiligten, die etwa 170 Jahre andauerten. Seit dem 17. Jahrhundert ist das eucharistische Wunder von Lanciano dokumentiert, wo wohl seit dem 13. Jahrhundert neben einer Hostie Klümpchen geronnenen Blutes verehrt werden, in das sich der Wein aus einem Messkelch verwandelt haben soll.

„Blutende“ Hostien wurden auch oft zum Vorwand für Judenverfolgungen genommen. Man warf den Juden vor, sie hätten die Hostien gestochen und so zum Bluten gebracht. Herzog Wenzel von Luxemburg soll 1369 Juden vertrieben haben, weil in Brüssel „Blutflecken“ auf Hostien aufgetreten waren. 1825 will man in Enkirch an der Mosel Blut in Mehl gefunden haben.

Eine in Neapel verwahrte Reliquie, deren eingetrockneter Inhalt sich wiederholt an bestimmten Tagen verflüssigt hat, wird als das Blut des Heiligen Januarius (ital.: San Gennaro) angesehen. Die Verflüssigung scheinbar fester Substanzen ist mit thixotropen Stoffen nachzuvollziehen. Eine Rezeptur zur Herstellung einer blutähnlichen, nichtnewtonischen Mischung aus Eisen(III)chlorid-Hexahydrat und Calciumcarbonat in Wasser war schon im Mittelalter bekannt.

Blutwunder sind keine historisch belegten Ereignisse; auch lässt sich meist nicht sicher sagen, ob es sich im Einzelfall um Selbsttäuschungen, Täuschungen oder eine anderweitig erklärbare Erscheinung gehandelt hat. Insbesondere bei Hostienwundern gilt das Bakterium Serratia marcescens als mögliche Erklärung. Auch der Schimmelpilz Neurospora crassa kann befallene Hostien rot verfärben und so ein Blutwunder vortäuschen.[2] Der ursprüngliche Name von Serratia marcescens, Bacterium prodigiosum, und die Bezeichnung des von ihm gebildeten Farbstoffs Prodigiosin gehen auf den Zusammenhang mit diesen scheinbaren Wundern zurück: lateinisch prodigium „Wunderzeichen“.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für bekannte Blutwunder siehe etwa:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carl Andersen, Georg Denzler: Wörterbuch der Kirchengeschichte. Kösel, München 1982, ISBN 3-466-20227-2.
  • Peter Browe: Die eucharistischen Wunder des Mittelalters. Müller & Seiffert, Breslau 1938 (Breslauer Studien zur historischen Theologie NF 4, ZDB-ID 501483-9).
  • Alois Döring: Bluthostien. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 2. Freiburg 2006, Sp. 539.
  • Johannes Heuser: Heilig-Blut in Kult und Brauchtum des deutschen Kulturraumes. [Bonn] 1948, DNB 481653996 (Dissertation Universität Bonn, Philosophische Fakultät, 12. August 1948, 262 Seiten).
  • Werner Köhler: Blutwunder und Wunderblutbakterien. In: Angelika Lozar, Sybill De Vito-Egerland (Hg.): Mittelalter und Renaissance. In honorem Fritz Wagner. Saur, München 2004, ISBN 3-598-73018-7, S. 47–72.
  • Walter Michel: Blut und Blutglaube im Mittelalter. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. VI. Berlin 1980.
  • Olaf B. Rader: Hokuspokus. Bluthostien zwischen Wunderglaube und Budenzauber. Wilhelm Fink, Paderborn 2015, ISBN 978-3-7705-5738-7.
  • Luigi Garlaschelli: Chemie der Wunder. In: Chemie in unserer Zeit, Band 33 (1999), Nr. 3, S. 152–157.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg Christian Friedrich Lisch: Hauptbegebenheiten in der ältern Geschichte der Stadt Sternberg. In: Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde: Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde- Bd. 12 (1847), S. 207.
  2. US-Bistum: Vermeintliches Blutwunder war nur ein Schimmelpilz. kath.net vom 18. Dezember 2015