Bolzum

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Koordinaten: 52° 17′ 46″ N, 9° 56′ 46″ O

Bolzum
Stadt Sehnde
Wappen von Bolzum
Höhe: 71 m ü. NN
Fläche: 5,6 km²
Einwohner: 1300 (Apr. 2015)[1]
Bevölkerungsdichte: 232 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. März 1974
Postleitzahl: 31319
Vorwahl: 05138
Karte
Die Lage von Bolzum im Stadtgebiet von Sehnde

Bolzum ist ein Ortsteil der Stadt Sehnde, 20 km südöstlich von Hannover. Der Ort liegt am Rand der Hildesheimer Börde zwischen Mittellandkanal und Stichkanal Hildesheim. Bis zum Zentrum der Landeshauptstadt Hannover sind es ca. 20 km, bis zum Messegelände 10 km.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit etwa 10.000 v. Chr. sind menschliche Ansiedlungen in der Region nachgewiesen. In geschichtlicher Zeit gehörte sie zum Siedlungsgebiet der Cherusker, die in dem von Norden einwandernden Volk der Sachsen aufgingen.

Zwischen 1225 und 1247 ist ein Ludolfus de Boltessem in Hildesheimer Urkunden belegt. Bis ins 14. Jahrhundert begegnet uns diese Namensform. Danach wird sie abgewandelt in Bolzem, Bolthsem und Boltzem. 1593 erscheint im Erbregister der Ämter Ruthe und Coldingen erstmals die bis heute geltende Schreibweise Bolzum.

Boltessem dürfte aus Boltes-hem entstanden sein und ist demnach der Wohnort eines Bolte oder Boltes. Den Ursprung führt man auf einen altsächsischen Namen Bald/Baldo zurück, wobei sich später die Buchstaben a zu o und d zu t verändert haben. Die heutige Form entspricht der im Hildesheimischen üblichen Endungsform „um“, wie z. B. in Achtum und Harsum. Der Ortsname leitet sich also von einem Personennamen her. Der Familienname Bolzum ohne Adelsprädikat ist im Ort bis heute erhalten.

Bolzum gehörte zur Großen Grafschaft, die die Grafen von Lauenrode vom Hochstift Hildesheim als Lehen hatten. Ein Teil der Großen Grafschaft wurde zwischen 1200 und 1671 zum Freiengebiet und kam unter die Herrschaft der Welfen. Bolzum aber blieb schließlich hildesheimisch, bis es 1813 mit der Aufhebung der geistlichen Fürstentümer zunächst preußisch wurde, vorübergehend zum Königreich Westphalen gehörte, 1815 zum Königreich Hannover und ab 1866 wieder zu Preußen kam.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bzw. bis zu Ablösung der bäuerlichen Lasten und Abgaben stand Bolzum unter der Herrschaft des Ritterguts. Die meisten Höfe befanden sich mehr oder weniger in Abhängigkeit vom Gut.

Über den großen Brand am Bartholomäustag, dem 24. August 1857 berichteten Zeitungsmeldungen und Zeitzeugnisse, dass an diesem Tage, nachmittags gegen 15.00 Uhr, über Bolzum und Wehmingen der Himmel von dichten Rauchwolken verfinstert wurde.

Auf dem Pachthof Kronenberg in Bolzum hatten spielende Kinder in einem freistehenden Backofen mit Stroh ein Feuer entfacht. Durch Funkenflug gerieten die Hofgebäude in Brand und durch heftigen Ostwind sprang das Feuer weiter und weiter, sodass schließlich in Bolzum nicht weniger als 14 Höfe und die Synagoge, in der sich auch die Schulstube der jüdischen Gemeinde befand, den Flammen zum Opfer fielen. Es handelte sich durchweg um kleine landwirtschaftliche Betriebe, die Gebäude strohgedeckt und in Fachwerk errichtet. Und weil nach einem trockenen Sommer die Ernte schon fast vollständig eingebracht war, fand das Feuer reiche Nahrung. Brennende Speckseiten wirkten wie Brandgeschosse. Vieh und Hausrat ging zum großen Teil verloren. Das Feuer griff sogar auf das Nachbardorf Wehmingen über und legte 12 Anwesen in Schutt und Asche. Dort wurde nach dem Feuer ein Kind vermisst und ein Arbeiter wurde durch Brandwunden schwer verletzt. Feuerwehren aus der Umgebung kamen zu Hilfe und verhinderten noch größeres Unheil. Viele der Betroffenen waren nicht gegen Feuer versichert. Zur Linderung der ersten Not wurden von vielen Seiten Lebensmittel, Kleidung und Hausrat gespendet. Über den Wiederaufbau einiger Häuser – nun in massiver Bauweise – geben einige Hausinschriften Auskunft. So ist an dem Haus Marktstraße 16 zu lesen: „Feuer, furchtbar Element, du hast Freud und Leid gewend. Hast uns arm und bloß gemacht, in der Bartholomäusnacht. Herr, Du Lenker des Geschicks, Du hast wieder uns beglückt mit dem Haus, auch anderm Gut, bewahre uns vor Feuersglut!“

Am 1. März 1974 wurde die zum Landkreis Hildesheim-Marienburg gehörende Gemeinde Bolzum in die Gemeinde, heute Stadt, Sehnde eingegliedert.[2]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Erbregister von 1593 weist in Bolzum insgesamt 41 Anwesen aus. Das entsprach vermutlich einer Bevölkerungszahl von etwa 180. Eine Personen-Beschreibungs-Liste von 1773 zählt bei 55 Anwesen 239 Personen. Seit 1821 haben wir echte Bevölkerungszahlen:

Jahr Einwohnerzahl
1821
464
1848
499
1871
492
1885
557
1905
766
1925
910[3]
1939
719
1951
1.389[4]
1960
1.180
1970
1.385[5]
1975
1.696[5]
1980
1.300[6]
1990
1.227
2013
1.280

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die evangelische Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die evangelische St.-Nicolai-Kirche ist ein spätromanischer Bruchsteinbau, errichtet 1280–1282. Über die Entstehungsgeschichte wird Folgendes berichtet: Am Nikolaustag 1277 war der Bolzumer Bauer Luloff Dickewolt auf dem Kirchgang nach Lühnde schwer gestürzt. Er verfügte dann, dass aus seinem Besitz in Bolzum eine Kirche errichtet werden solle, was auch geschah. Sie wurde dem heiligen Nikolaus geweiht. Die Gutsherren von Bolzum übernahmen das Patronat.

Die Kirche ist im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet worden. Dabei wurden die romanischen Stilelemente – insbesondere der Fenster – weitgehend beseitigt. Das Kircheninnere ist barock geprägt. Um 1700 wurde für den Einbau einer Gutsprieche die Nordwand nach außen versetzt. Kanzel, Empore, ein Kronleuchter und Altargeräte stammen noch aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Besonders in Auge fallen 16 Wappenbilder früherer Gutsherren und ihrer Ehefrauen unterhalb der Gutsprieche. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Kirche lutherisch.

Die Kirchengemeinde St. Nicolai gehört zum Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt der Landeskirche Hannovers. Zu ihr gehört außer der Kirche (Am Mühlenberg 4) auch der Friedhof am östlichen Ortsrand.

Die katholische Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1682 übernahm die katholische Familie von Frens das Gut und richtete im Haupthaus eine Hauskapelle ein. Um 1725 wurde auch ein Pfarrer eingesetzt. Später wurde die Kapelle in ein umgebautes Gewächshaus im Garten verlegt. Die heutige St.-Josefs-Kirche stammt von 1897/98. Sie ist in neoromanischem Stil gehalten. Wertvollstes Inventar ist eine Sandsteintaufe aus dem Jahre 1591. Sie ist mit Reliefs verziert, die u.a. das Wappen des damaligen Gutsherrn Hermann von Haus und seiner beiden Gemahlinnen zeigen. Dazu kommen ein Kelch aus dem 15. und eine Monstranz aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kirche gehört seit 2014 zur Pfarrei St. Bernward in Lehrte, im Dekanat Hannover des Bistums Hildesheim. Zur Kirche gehört auch der Friedhof am südöstlichen Ortsrand.

Die jüdische Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine „Personen-Beschreibungs-Liste“ von 1773 führt einen „Juden Nathan“ und einen „Juden Meyer“ auf. Durch Zuzug stieg die Zahl 1843/44 auf 45 Personen. Sie ging 1871 zurück auf 27, 1905 auf eine Person und 1925 hatten alle Juden den Ort verlassen. In den Registern stehen sie als Kötner und Abbauern, ihren Haupterwerb fanden sie aber als Kleinfabrikanten, Kleingewerbetreibende und Schlachter und in einem Falle als Gastwirt. Noch vor 1843 gab es eine Synagogengemeinde, 1837 wurde der Bau einer Synagoge genehmigt, in der 1839 auch eine Schule eingerichtet wurde. Nach dem rapiden Rückgang der Gemeinde wurde 1905 das Synagogengrundstück verkauft. Heute erinnert noch das Haus Marktstraße 15 an die jüdischen Mitbürger, das in einem Balken eine hebräische Inschrift trägt: „Gebenedeit seist du bei deinem Eingang, gesegnet bei deinem Ausgang“.

Am Rande der Ortslage besteht noch der jüdische Friedhof, auf dem die älteste nachweisbare Bestattung im Jahre 1825 erfolgte. Die letzte Bestattung fand 1939 statt. Anfang der 1940er Jahre begannen Bolzumer Bürger den Friedhof einzuebnen und wollten die Grabstätten entfernen. Das Kriegsende verhinderte dies, und 1946 begann der Gemeinderat die Wiederherstellung. Die zuvor entfernte Hecke wurde neu gepflanzt und die Grabsteine wieder aufgerichtet.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsbürgermeisterin ist Silke Lesemann (SPD).

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wappen zeigt auf rotem Grund drei nach (heraldisch) rechts schräg aufgerichtete goldene Bolzen. Ein solches Wappen führten die hier auf dem Gut ansässigen Gutsherren der Ritter von Boltessem. Die Entwicklung des Ortsnamens zeigt allerdings, dass der Name Bolzum nichts mit Bolzengeschossen zu tun hat.

Mittellandkanal bei Bolzum

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Gutshof liegt an der Marktstraße.
  • Die 1282 erbaute evangelische St.-Nicolai-Kirche wurde im Jahr 1282 errichtet.
  • Die Bolzumer Schleuse am Stichkanal nach Hildesheim ist als Architekturdenkmal eingestuft und bleibt neben dem größeren Schleusenneubau erhalten.
  • Das Rittergut Bolzum war ein „adeliger Sitz“. Zu ihm gehörte das Dorf Bolzum und er hatte die niedere Gerichtsbarkeit. Die heutige Anlage geht auf Statius von Münchhausen Ende des 16. Jahrhunderts zurück. Das Herrenhaus stammt aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Gutsareal war einst durch eine Mauer und einen Graben umschlossen. Es ist noch heute ein beeindruckendes Ensemble.
Die ersten Gutsherren waren die de Bolthessem. Es folgten ihnen die von Haus und andere Adelsgeschlechter, u. a. ein Baron von Münchhausen. 1769 erwarb der Fürstbischof Friedrich Wilhelm das Gut für das Hochstift Hildesheim. Durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 fiel es an das Königreich Preußen, 1806 an das napoleonische Königreich Westfalen und 1815 nach dem Wiener Kongress an das Königreich Hannover. Nach der Annexion 1866 durch Preußen wurde das Gut preußische Domäne. 1876 wurde es verkauft und wechselte mehrfach den Besitzer. Die Landwirtschaft wurde aufgegeben, und 1972 erwarb die Kaufmannsfamilie Böhm das Gut als Familiensitz.
Die Gebäude sind stilvoll restauriert und dienen zuweilen auch als Rahmen für kulturelle Veranstaltungen.
  • Für Bolzum ist die Existenz von drei Mühlen belegt. Eine Bockwindmühle stand auf dem großen Mühlenberg südlich von Bolzum. 1651 wurde sie in einer Chronik erwähnt. Sie gehörte dem Gut Bolzum. Vermutlich 1892 wurde sie zum Wehmfelde, nordwestlich von Bolzum, umgesetzt. Sie stand dort, bis sie 1942 in einem Sturm zerstört wurde.
  • Eine weitere Gutsmühle stand auf dem Kleinen Mühlenberg, dort wo sich heute der katholische Friedhof befindet. Es war vermutlich ebenfalls eine Bockwindmühle. Genaue Daten gibt es über sie nicht.
  • Eine Wassermühle ließ 1705 der damalige Gutsherr errichten. Die sogenannte Teichmühle lag nördlich an der Grenze zu Sehnde. Der angestaute Mühlenteich löste eine heftige „Wasserfehde“ zwischen den Welfen und dem Bistum Hildesheim aus, da die Sehnder Landwirte sich beklagten, dass ihnen das Wasser für ihre Viehtränken entzogen würde. Der Streit zog sich über 90 Jahre hin und wurde letztlich nie entschieden. Die Teichmühle war in Betrieb, bis in den 1920er Jahren durch den Bau des Mittellandkanals der Wellspring versiegte, der das Wasser für die Mühle geführt hatte.

Baudenkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 18. und 19. Jahrhundert war Bolzum ein bedeutender Marktflecken. Es gab jährlich drei Markttage: Einen Viehmarkt, den Johannis-Markt und den Martini-Markt, die für den Ort und das Umland von großer wirtschaftlicher Bedeutung waren.

Als 1849 die Eisenbahn gebaut wurde, wollte Bolzum keinen Bahnhof; er wurde dann in Sehnde gebaut. Dadurch ging der Handel hier zurück. Manche Kaufleute, vor allem die jüdischen Händler, verließen Bolzum. Nur der Martini-Markt ist bis heute als Brauchtumsmarkt erhalten geblieben. Dennoch hatten sich weiterhin Ladengeschäfte, Handwerker und verschiedene Unternehmer hier entwickelt und zum Teil lange gehalten. 1995 gab es noch 55 selbständige Unternehmen. Prägend ist bis heute die Landwirtschaft. Die Bolzumer Mühlen sind gesondert erwähnt.

Im 20. Jahrhundert boten der Kali-Bergbau und die Zuckerfabrik in Sehnde Arbeitsplätze. Ansonsten haben die Bolzumer heute ihre Arbeitsplätze in der näheren und weiteren Umgebung bis in Hannover, Hildesheim und Göttingen.

Brauchtumspflege und Vereinsleben sind sehr ausgeprägt. Unter den Vereinen fallen ein Ponyclub, ein Motorrad-Club, die Junggesellschaft Bolzum und der Shanty-Chor besonders in Auge.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rosalia Stähr (* 1990), Tischtennis-Nationalspielerin, spielte für den SV Bolzum

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig Bückmann: Orts- und Flurnamen (in Lüneburger Heimatbuch)
  • Hans Goedeke: Erbregister der Ämter Ruthe und Coldingen von 1593. Hildesheim 1980
  • Manfred Kotter: Mühlen im Großen Freien und in der Stadt Sehnde. Sehnde 2011
  • Manfred Kotter: Das Sehnder Feuerwehrbuch. Sehnde 2007
  • Carolin Krumm: Baudenkmale in Niedersachsen Band 13.2. 2005
  • Lothar Massold: Geschichte und Geschichten. Bolzum 1996
  • Ohainski/Udolph: Die Ortsnamen des Landkreises Hannover und der Stadt Hannover. 1998
  • Wappenbuch des Landkreises Hannover. Hannover 1985

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bolzum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zahlen – Daten – Fakten. sehnde.de, abgerufen am 22. Dezember 2015.
  2. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 223.
  3. Die Zahl von 1925 erklärt sich durch den Kanalbau (Mittellandkanal und Stichkanal nach Hildesheim) in den Jahren 1919 bis 1928, als viele Arbeiter hier vorübergehend wohnten.
  4. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Bevölkerungszahl durch Flüchtlingszuzüge.
  5. a b Erschließung von Neubaugebieten
  6. Klein Bolzum zählt seit 1976 statistisch zum Kernort Sehnde.