Cighid

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Cighid ist ein Kinderheim in Rumänien, nahe der Stadt Oradea auf dem Gebiet des Dorfes Ghiorac, Gemeinde Ciumeghiu an der ungarisch-rumänischen Grenze gelegen. Das Heim wurde in einem ehemaligen Jagdschloss errichtet, welches der ungarischen Adelsfamilie Tisza gehörte (ungarischer Name Csegőd).

Das Heim erlangte im Zuge der Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft in Rumänien weltweite Aufmerksamkeit, als kurz nach dem Sturz von Ceaușescu 1989 westeuropäische Journalisten dort vernachlässigte und verwahrloste Babys und Kinder mit Körperbehinderung und geistiger Behinderung sowie Entwicklungsverzögerungen fanden.

Diese Diskriminierung von Menschen mit Behinderung umfasste auch Sterbehilfe und Palliativmedizin. Der Fall wird auch aus Sicht der Medizinethik und Herrschaftssoziologie betrachtet.

Sechs Kilometer entfernt liegt der Friedhof für die Opfer von Cighid mit 137 Gräbern.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das kommunistische Regime Rumäniens unter Nicolae Ceaușescu strebte ab 1970 die mittelfristige Erhöhung der Einwohnerzahl des Landes an. Für Familien mit weniger als fünf Kindern wurde Empfängnisverhütung oder Schwangerschaftsabbruch unter Androhung von Freiheitsstrafen verboten. Notleidende oder kranke Mütter mussten gegen ihren Willen die Schwangerschaft austragen. Viele versuchten, mit Drähten oder Medikamenten einen Abort zu erreichen. Es wurden gehäuft behinderte Kinder geboren. Diese wurden daraufhin in Sozialwaisenhäuser abgeschoben, in die auch ungewollte Kinder eingeliefert wurden. Im staatlichen Auftrag begutachteten Ärzte die Kleinkinder im Alter von drei Jahren.[1]

Die „Stärksten“ nannte man „Sterne unserer Zukunft“. Ceaușescu plante, sie für seine Präsidentengarde, die so genannten „Falken des Vaterlandes“,[2] zu rekrutieren. Auch die Führer der Geheimpolizei Securitate trafen eine Vorauswahl für Rekruten. Kinder mit Geburtsschäden, Behinderungen, chronischen Krankheiten oder Entwicklungsverzögerungen wurden hingegen als „Unwiederbringliche“ (rumänisch: irecuperabili) bezeichnet. Diese Kinder starben in den „Heimen“ bereits nach wenigen Wochen an Hunger, Erfrierungen, Unterkühlung, an Krankheiten und an mangelnder Hygiene. Die Heime wurden auch als Kindergulag (in Anlehnung an kommunistische Lager, russisch: Gulag), Todeslager oder Wartesaal zum Jenseits bezeichnet. In Cighid sollte gestorben werden, ohne getötet zu haben: durch grobe Vernachlässigung und Verwahrlosung. Einige Frauen aus der Umgebung hatten die Anweisung, Brei zu verabreichen und die Türen dann sofort wieder zu verschließen. Ärzte stellten vorsorglich Totenscheine aus, da sie nur selten das Heim besuchten.

Weltweite Bekanntheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Heim Cighid nahe der Europastraße 671 erlangte kurz nach dem Sturz von Ceaușescu weltweites Aufsehen: 1989 fanden westeuropäische Journalisten eine Kartei, auf der mehr als 240 Kinder namentlich gelistet waren. In Cighid – ebenso wie in anderen rumänischen Anstalten (z. B. das Heim Bradca[3]) – fand man Babys und Kinder mit Körperbehinderung und geistiger Behinderung sowie Entwicklungsverzögerungen. Die internationalen Medien veröffentlichten Bilder der vernachlässigten und verwahrlosten Kinder. Ihre Lebensbedingungen bezeichnete die Presse als menschenverachtend: Der sogenannte Isolator beispielsweise war ein Verschlag mit vernagelten Fenstern, in dem 17 Kleinkinder gefangen gehalten wurden. In der Dunkelheit des Raumes mussten sie am Geruch erkennen, ob es sich um Brei, Kot oder Erbrochenes handelt. Schaufelweise habe man damals Exkremente aus dem Haus getragen.

Im Frühjahr 1990 wurde der Kinderarzt und spätere Heimleiter Pavel Oarcea beauftragt, sich um das Heim Cighid zu kümmern. Oarcea weigerte sich, die Schuld für die Zustände allein dem System zuzuschreiben. Die Aussage der dort tätigen Helferinnen, die Verhältnisse seien so gewesen, Schuld hätten „die da oben, die Befehle erteilen“, ließ er nicht gelten, denn: „Ceausescu hat hier nicht gearbeitet.“[4][5]

Spenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Spendengelder dienten zum Aufbau von vier neuen Häusern. Auch das alte Schlossgebäude wurde von ehrenamtlichen Helfern renoviert. Auf dem Heimgelände wurde eine Thermalquelle entdeckt, die für das Heizungssystem und für ein Therapiebecken genutzt wird. 137 Kinder starben in Cighid, die restlichen Waisenkinder blieben in dem Heim.[6]

Weitere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europäische Union verweigerte Rumänien vorerst die Aufnahme in die EU, u. a. weil sich das Land nicht um seine Waisen kümmerte. Bukarest hat daraufhin Kinderheime besser ausgestattet. Jedoch waren die Kapazitäten überlastet, da die Zahl der rumänischen Heimkinder auf 150.000 gestiegen war. Nach Ende der Diktatur in Rumänien wollte der ehemalige Besitzer des Jagdschlosses das Gut zurückerstattet bekommen.

Mit dem Erreichen des Erwachsenenalters drohte jenen Kindern die Einweisung in die Psychiatrie, da es in Rumänien keine Behinderteneinrichtungen für Erwachsene gab. 112 Kinder und Jugendliche überlebten Cighid. In Oradea, zu dessen Einzugsbereich Cighid gehört, entstand eine Einrichtung für behinderte Erwachsene (vgl. Betreutes Wohnen). Damit Heimkinder später nicht in die rumänische Psychiatrie müssen, wurde das Projekt 18 plus gegründet.[7]

2007 wurde das erste Diagnose- und Therapiezentrum für Behinderte „Panduri“ in der Hauptstadt Bukarest eröffnet, nach 16 Jahren Bauzeit. Finanziert wurde das Projekt stark aus Frankfurt, deshalb trägt es in Bukarest auch den Beinamen „Haus Frankfurt“.[8] Es ist der erste Krankenhausneubau Rumäniens seit dem Ende des Kommunismus. Bisher hat sich das Land darauf konzentriert, seine meist heruntergekommenen Spitäler zu sanieren.

In der Psychologie kam es durch die Kinderheime in Rumänien zu einer verstärkten Untersuchung des sogenannten Überlebenden-Syndroms und auch des Mutterverlustes.[9]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Claudia Lepping: Rumäniens vergessene Kinder: In der Heimat der wunden Seelen – Nach der Ceausescu-Diktatur dürfen sie wieder leben. tagesspiegel.de, 7. September 2000, abgerufen am 12. Januar 2015.
  2. Die Bestien. Die „Securitate“, Ceausescus gefürchtete Geheimpolizei, erwies sich als unerbittliche Terrortruppe. In: Der Spiegel vom 1. Januar 1990.
  3. Maxim Leo: Lästige Waisen. berlinonline.de, 27. November 1999, abgerufen am 12. Januar 2015.
  4. Der Kampf um die Kinder von Cighid. spiegel.de, archiviert vom Original am 22. Dezember 2002, abgerufen am 12. Januar 2015.
  5. Das zweite Leben der Kinder von Cighid. welt.de, 26. Mai 1997, abgerufen am 12. Januar 2015.
  6. Heike Vohwinkel: Einst lebten hier Kinder wie Tiere – „Schloß des Grauens“ im rumänischen Cighid wurde dank deutscher Spenden zu einem Vorzeigeheim. welt.de, 8. Juli 1998, abgerufen am 12. Januar 2015.
  7. Claudia Lepping: Rumäniens vergessene Kinder: In der Heimat der wunden Seelen – Nach der Ceausescu-Diktatur dürfen sie wieder leben. tagesspiegel.de, 7. September 2000, abgerufen am 12. Januar 2015.
  8. Hans Riebsamen: „Haus Frankfurt“ in Bukarest. faz.net, 20. September 2007, abgerufen am 12. Januar 2015.
  9. Nathalie Jung, Christine Martin, Saskia Hellwig, Johanna Schirm, Johannes Schaden, Jörg Sesterhenn: Mutterverlust bei Mensch und Tier. uni-koblenz.de, abgerufen am 12. Januar 2015 (PDF (1,06 MB)).

Koordinaten: 46° 41′ 58″ N, 21° 38′ 22″ O