Combat 18 Pinneberg

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Combat 18 Pinneberg war eine von 2001 bis 2003 bestehende Neonazi-Gruppe aus Pinneberg bei Hamburg, von deren Mitgliedern einige bis zur Festnahme verschiedene Straftaten, darunter terroristische Gewaltakte, planten und begingen. Der Name spielt auf die britische Neonazi-Terrorgruppe Combat 18 an, als deren deutscher Arm sich die Pinneberger Gruppe verstand.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gruppe war im Raum Hamburg-Pinneberg und Schleswig-Holstein zwischen 2001 und 2003 aktiv und hatte geschätzte 20 bis 30 Mitglieder. Als ihr Anführer galt Klemens Otto, den Verfassungsschützer damals als bekannten norddeutschen Neonazi einstuften.[2]

Das Amtsgericht Pinneberg hatte Otto 1998 wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, weil er mit drei Skinheads am Pinneberger Bahnhof einen Togolesen fast zu Tode geprügelt hatte. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, weil Otto erklärte, er habe sich von der Neonazi-Szene distanziert. Danach trat Klemens Otto jedoch häufig bei Neonazi-Aufmärschen unter dem Banner des „Hamburger Sturms“ mit dem Zusatz „Pinneberg“ auf und pflegte gute Kontakte zum Hamburger Neonaziführer Thomas Wulff.[3] Er wurde Anführer der „Kameradschaft Pinneberg“, die ebenfalls durch Drohungen gegen Gewerkschafter und Antifaschisten bekannt wurde, und gehörte dem Neonazi-Netzwerk Blood and Honour an, das 2000 in Deutschland verboten wurde.[4] Er wurde 2001 auch mit Gewalt gegen Polizeibeamte aktenkundig.[5]

Die Gruppe trat erstmals durch Aufnäher auf Bomberjacken, Graffiti und Transparente in die Öffentlichkeit. Später veröffentlichte sie eigene Propaganda-Broschüren und Flugblätter. Ihr Schwerpunkt lag jedoch bei gewalttätigen und terroristischen Aktivitäten. Mitte 2000 gab es erste Hinweise auf diese Gruppe, als aus dem Umfeld der „Kameradschaft Pinneberg“ Morddrohungen gegen einen Chef der IG Metall aus Elmshorn auftauchten.[6] Bei Farbanschlägen auf das Verlagsgebäude des Pinneberger Tageblatts und den jüdischen Friedhof in Neustadt in Holstein war das Kürzel „C18“ aufgefallen.[7]

Auf den Gruppentreffen wurden nach späteren Ermittlungen Gewalttaten abgesprochen und Strafaktionen gegen vermeintliche „Verräter“ geplant. Viele ihrer Mitglieder trainierten verschiedene Kampfsportarten. Im Rahmen der Anti-Antifa führten sie Dossiers über „Feinde der Bewegung“ und bedrohten diese. Zum Teil richten sich die gewalttätigen Aktivitäten auch gegen die eigene Szene. So erpresste die Gruppe von Rechtsrock-Händlern Schutzgeld und wollte offenbar ein Monopol beim Handel mit rechtsextremer Musik und Devotionalien errichten.[8]

Am 28. Oktober 2003 durchsuchte die Polizei mit 300 Beamten etwa 50 Wohnungen und Treffpunkte in Neumünster, Kiel, Hamburg, Husum, Rendsburg, im Raum Itzehoe sowie im Kreis Pinneberg wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung, Waffenhandel, CD-Handel und Schutzgelderpressung. Dabei stellte sie unter anderem sechs Schusswaffen sicher. Gegen die fünf Hauptverdächtigen, darunter Klemens Otto und Peter Borchert, wurden Haftbefehle erlassen.[9]

Gerichtsverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2005 begann der Prozess gegen die fünf inhaftierten Mitglieder am Flensburger Landgericht. Die Anklage warf ihnen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Verstoß gegen das Waffengesetz und räuberische Erpressung vor. Das Gericht sah die Bildung einer kriminellen Vereinigung jedoch nicht als erfüllt an; Staatsanwaltschaft und Verteidigung einigten sich daraufhin, nur erpresserische Handlungen, Körperverletzungen sowie illegalen CD-Handel zu verhandeln. Am 25. April 2005 wurden vier der Angeklagten deswegen zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt, ein fünfter freigesprochen.[10]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heike Kleffner: Schleswig-Holstein: Rechte mit Terror-Tendenz gefasst. In: Der Pressespiegel im Klick nach Rechts. Taz, 29. Oktober 2003, abgerufen am 15. Januar 2006.
  2. Toralf Staud: Combat 18 - Pinneberg: Eine gut organisierte Neonazi-Gruppe. Die Zeit, 17. Juli 2003, abgerufen am 15. Januar 2006 (Die Zeit Nr.30/2003).
  3. Peter Müller, Andreas Speit: Naivität gegenüber Rechts. Taz Hamburg, 4. Februar 2000, abgerufen am 22. Oktober 2010 („Nachdruck“ bei Nadir.org).
  4. B. Ohne: Terror-Methoden. In: Ausgabe 17/24. August 2000. bnr.de, 23. August 2000, abgerufen am 22. Oktober 2010 (kostenpflichtig).
  5. Hamburger Behörde für Inneres und Sport, 29. Juni 2001: Zunehmende Gewaltanwendung in der Skinhead- und Neonazi-Szene (Memento des Originals vom 10. Januar 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hamburg.de
  6. Peter Müller: Rechtsextreme Sammelwut: Dossiers über Antifaschisten: Itzehoer Staatsschutz stellt umfassendes Neonazi-Material sicher und warnt Betroffene. Taz, 27. August 2001, abgerufen am 22. Oktober 2010.
  7. Peter Müller, Andreas Speit: „Es wird Tote geben“. Nazi-Farbanschlag auf Pinneberger Tageszeitung. Taz, 21. Juni 2001, abgerufen am 22. Oktober 2010.
  8. Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2003, S. 151@1@2Vorlage:Toter Link/www.hamburg.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (pdf)
  9. Peter Müller, Andreas Speit: Schleswig-Holstein: Polizei sprengt Otto-Versand. In: Der Pressespiegel im Klick nach Rechts. Taz, 29. Oktober 2003, abgerufen am 15. Januar 2006.
  10. Andreas Speit: Waffen für den „nationalen Kampf“: „Kampftruppe“ vor Gericht. Taz, 31. März 2005, abgerufen am 22. Oktober 2010.