Corporate Digital Responsibility

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Corporate Digital Responsibility (CDR) bezieht sich auf die Unternehmensverantwortung in der digitalen Gesellschaft und kann als „Unternehmerische Digitalverantwortung“ übersetzt werden. Der Begriff bedeutet freiwillige Selbstverpflichtung zum nachhaltigen Wirtschaften von Unternehmen, das die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung mit berücksichtigt. Vgl. CSR-News Definition zu Corporate Digital Responsibility.[1]

„Corporate Digital Responsibility ist eine freiwillige Selbstverpflichtung. Sie beginnt mit der Notwendigkeit, gesetzliche Anforderungen und Standards zu erfüllen – für den Umgang mit Kundendaten, vertraulich, geistiges Eigentum usw. – aber sie erstreckt sich auch auf umfassendere ethische Überlegungen und die grundlegenden Werte, nach denen ein Unternehmen arbeitet.“[2] (Global Intelligence for the CIO, eigene Übersetzung)

CDR bezieht sich einerseits auf die Beachtung digitaler Nachhaltigkeit (d. h. die Nachhaltigkeit von Daten und Algorithmen, vgl. Stuermer u. a. 2017[3], Smart Data Begleitforschung 2018[4]) und anderseits auf Berücksichtigung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Wirkungen digitalen Unternehmenshandelns in der Welt (vgl. Esselmann & Brink 2016[5], Jänig & Mühlner im Druck[6], Thorun 2017[7]).

Aufgrund des tiefgreifenden digitalen Wandels der alle Branchen umfasst, handelt es sich nicht nur um ein Verantwortungsgebiet der Digital-, IT- oder ITK-Branche. CDR ist für alle Unternehmen mit (teilweise) digitalem Geschäftsmodell von Bedeutung.

Bezug zur Unternehmensverantwortung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff CDR wird in unterschiedlichen Facetten gebraucht. Er leitet sich in seiner Wortbildung von „Corporate (Social) Responsibility“ (CR, gesellschaftliche Unternehmensverantwortung) ab und wird etwa seit 2016 verwendet (vgl. Accenture 2016[8]). Die vorhandenen Erkenntnisse, Instrumente und praktischen Erfahrungen des CR-Managements bieten eine „Blaupause“ für CDR (vgl. Esselmann & Brink 2016).[5] Die Umsetzungsverantwortung kann im Kompetenzbereich von CR-Beauftragten oder Nachhaltigkeitsabteilungen in den Unternehmen liegen, aber ist dort bislang nicht angekommen (vgl. Knaut 2017[9], Schaltegger & Petersen 2017[10]).

Gesellschaftliche Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Digitalisierung bietet Chancen zur Beschleunigung der Umsetzung der 17 „Sustainable Development Goals“ (SDG) und damit zur nachhaltigen Entwicklung (vgl. BMZ 2017[11], Global e-Sustainability Initiative 2016[12]). Sie stellt aber auch selbst Herausforderungen für eine faire, gerechte und umweltfreundliche Entwicklung dar (vgl. Lange & Santarius 2018[13]). Darüber hinaus stellen „digitale Artefakte“ (Algorithmen und Daten) den inzwischen größten Teil des Wissens der Menschheit dar. Es ist damit eine Ressource, die es nachhaltig im Sinne des Gemeinwohls heute und in Zukunft zu gestalten und zu nutzen gilt („Digitaler Nachhaltigkeit“).

Handlungsfelder der Corporate Digital Responsibility[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele mittels Digitaltechnologie bietet gleichzeitig immense Geschäftschancen: 12 Billionen US-Dollar Umsätze und Kosteneinsparungen könnten im Jahr 2030 erzielt werden (vgl. Report Vision 2030[14]). Dabei geht es beispielsweise um eine klima-resiliente Landwirtschaft mittels Wettersensoren, um „Smarte Mobilität“ mittels autonomer Fahrzeuge oder um personalisierte Medizin, in der „Wearables“ relevante medizinische Daten aufzeichnen und es damit Ärzten ermöglichen Patienten von der Ferne aus zu begleiten.

Die Digitalisierung selbst hat jedoch eine Reihe "unerwünschter Nebenwirkungen", die dem Ziel der globalen Entwicklung und auch der grundlegenden Verfassungswerte wie Humanität, Solidarität und Verantwortung entgegenläuft. Es bestehen bereits heute eine Reihe von Risiken, mit denen die Gemeinschaft und die Individuen aktuell umgehen müssen, z. B.

  • die Lücke digitaler Fähigkeiten, z. B. sieht sich heute ein Viertel aller Deutschen – immerhin 16 Millionen – aufgrund fehlender Kompetenzen im „digitalen Abseits“,
  • die „unethische“ Nutzung von Kundendaten und Korruption der digitalen Selbstbestimmung,
  • der ökologischer Fußabdruck der Digitaltechnik,
  • der ungleiche Zugang zu Digitaltechnologie und ihren Vorteilen und damit das Entstehen weiterer sozialer Ungerechtigkeiten,
  • der Druck auf Gemeinschaft und Wohlbefinden, z. B. durch einen „Kollaps der Realität“ in Sozialen Medien, und
  • eine intransparente digitale Welt, deren Regeln von der Gemeinschaft nicht kontrolliert werden können, z. B. die Funktionsweise von Künstlicher Intelligenz (vgl. Lange & Santarius 2018[13]).

Es geht also in gleicher Weise um die Nutzung von Chancen und das Abwenden von Risiken.

Gesellschaftlich wertvolle Digitalisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziel von CDR ist die Generierung eines sog. „Shared Value“ digitalen Wirtschaftens für Gesellschaft und Unternehmen, d. h. Nutzung der Chancen und Minderung der negativen Effekte (vgl. Porter & Kramer 2006[15], Esselmann & Brink 2016[5]). Nur wenn dadurch ein gesellschaftlicher Wert durch Digitaltechnologien und Vernetzung entstehen, kann eine entsprechende Wertschöpfung in Unternehmen erfolgen.

Dabei sind freiwillige Selbstverpflichtungen essentiell, um die verantwortungsvolle Umsetzung von Digitalisierung in der Gesellschaft unterstützen, denn das Regelungsmonopol der Nationalstaaten ist durch die immer weitergehenden Verflechtungen der globalen digitalen Märkte in Frage gestellt. (vgl. Charta der digitalen Vernetzung 2018[16], Bitkom 2018[17], Schäuble 2017[18]).

Wettbewerbsvorteile für Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Unternehmen bedeutet der digitale Wandel neuer Wettbewerb um Innovation und erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle – darüber hinaus aber vor allem Wettbewerb um das Vertrauen von Kunden und Öffentlichkeit. Mit einer nachhaltigen digitalen Unternehmenspolitik könnten Unternehmen das Vertrauen ihrer Stakeholder gewinnen (vgl. Thorun 2017[7]). Unternehmen, die die Stakeholder-Ansprüche frühzeitig erkennen und in geeigneter Weise reagieren, haben die Möglichkeit strategische Wettbewerbsvorteile zu erzielen und eine einzigartige Marktposition zu erreichen (vgl. z. B. Porter & Kramer 2006[15]; Schaltegger u. a. 2010[19])

Die Aufgabe der CDR besteht in einer systematischen Abwägung von sozialer, kultureller, ökologischer sowie wirtschaftlicher Interessen als Frühindikatoren und Treiber von Geschäftschancen und -risiken entlang der digitalen Wertschöpfungskette (vgl. Schmidtpeter 2017[20], Thorun 2017[7]).

Aktueller Stand in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Interesse von Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft an der Thematik wächst (vgl. Deloitte 2018[21], Dörr 2018[22], Politik-digital.de 2018[23]).

Die „Charta digitalen Vernetzung“, die aus einem IT-Gipfel hervorgegangen ist, bietet Unternehmen in Deutschland eine Plattform für eine freiwillige Selbstverpflichtung. Bisher haben ca. 80 Unternehmen und Organisationen die Charta mit zehn Grundsätzen unterzeichnet. Allerdings handelt es sich bei den Grundsätzen um unternehmenspolitische Statements; sie bieten keine handlungsorientierten Ansätze für eine managementpraktische Umsetzung.

Seit Beginn 2018 besteht die Kompetenzplattform für Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Mittelstand „nachhaltig.digital“. Sie bietet die Chance für einen unternehmenspraktischen branchenübergreifenden Kompetenzaufbau zu CDR. Für November 2018 ist die erste Konferenz in Deutschland zu den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit geplant, die "Bits & Bäume". Dort werden im Track "Alternative Wirtschaften" auch einige Sessions zu CDR angeboten.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Corporate Digital Responsibility | CSR NEWS - Das Nachrichtenportal zur gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung. Abgerufen am 27. Oktober 2018 (deutsch).
  2. The rise of corporate digital responsibility | I-CIO. Abgerufen am 27. Oktober 2018 (britisches Englisch).
  3. M. Stuermer, G. Abu-Tayeh und T. Myrach: Digital sustainability: basic conditions for sustainable digital artifacts and their ecosystems. In: Sustainability Science. Band 12, 2017, S. 247–262.
  4. Smart-Data-Begleitforschung: Corporate Digital Responsibility. Fachgruppe Wirtschaftliche Potenziale & gesellschaftliche Akzeptanz. 2018, https://www.digitale-technologien.de/DT/Redaktion/DE/Downloads/Publikation/2018_02_smartdata_corporate_digital_responsibility.pdf?__blob=publicationFile&v=8 (Zugriff am 15. Juni 2018)
  5. a b c F. Esselmann und A. Brink: Corporate Digital Responsibility: Den digitalen Wandel von Unternehmen und Gesellschaft erfolgreich gestalten. In: Spektrum. Band 12, Nr. 1, 2016, S. 38–41.
  6. J.-R. Jänig und J. Mühlner: Corporate Digital Responsibility: Verantwortung in der digitalen Gesellschaft. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt im Druck.
  7. a b c C. Thorun: Corporate Digital Responsibility: Unternehmerische Verantwortung in der digitalen Welt. In: C. Gärtner, C. Heinrich (Hrsg.): Fallstudien zur Digitalen Transformation. Springer Gabler, Wiesbaden 2018, https://www.springerprofessional.de/corporate-digital-responsibility-unternehmerische-verantwortung-/15214480
  8. Accenture (2016): The Corporate Digital Responsibility Gap. https://www.youtube.com/watch?v=0phpVXSbxL0  (Zugriff am 15. Juni 2018)
  9. Knaut. A. (2017): „Corporate Social Responsibility verpasst die Digitalisierung“, in: Hildebrandt, A. & Landhäußer, W. (Hrsg.): CSR & Digitalisierung. Berlin: Springer, 51–59.
  10. Schaltegger, S. & Petersen, H. (2017): Die Rolle des Nachhaltigkeitsmanagements in der Digitalisierung. B.A.U.M. e.V. Jahrbuch 2017 Digitalisierung und Nachhaltigkeit. S. 17–20.
  11. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, BMZ: Technologien für nachhaltige Entwicklung nutzen. In: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. (bmz.de [abgerufen am 27. Oktober 2018]).
  12. #SystemTransformation. Abgerufen am 27. Oktober 2018 (amerikanisches Englisch).
  13. a b Tilman Santarius: Smarte grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit. München 2018, ISBN 978-3-96238-020-5.
  14. Introducing 2030Vision - Technology partnerships for the Global Goals | 2030Vision. Abgerufen am 27. Oktober 2018 (britisches Englisch).
  15. a b M. Porter und M. R. Kramer: Strategy & Society. The Link Between Competitive Advantage and Corporate Social Responsibility. In: Harvard Business Review. 12, 2006.
  16. Die Charta im Wortlaut - Charta der digitalen Vernetzung. In: Charta der digitalen Vernetzung. (charta-digitale-vernetzung.de [abgerufen am 27. Oktober 2018]).
  17. Bitkom: Empfehlungen für den verantwortlichen Einsatz von KI und automatisierten Entscheidungen. Corporate Digital Responsibility and Decision Making. 2018, https://www.bitkom.org/noindex/Publikationen/2018/Leitfaeden/180202-Empfehlungskatalog-online-2.pdf (Zugriff am 10. Juni 2018)
  18. W. Schäuble: Grußwort. In: A. Hildebrandt und W. Landhäußer (Hrsg.): CSR & Digitalisierung. Springer, Berlin 2017, S. XXV–XXVIII
  19. S. Schaltegger, S. E. Windolph und D. Harms: Corporate Sustainability Barometer. Wie nachhaltig agieren Unternehmen in Deutschland? PricewaterhouseCoopers AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Hrsg.), 2010.
  20. R. Schmidtpeter: Digitalisierung – die schöpferische Kraft der Zerstörung mit Verantwortung managen. In: A. Hildebrandt und W. Landhäußer (Hrsg.): CSR & Digitalisierung. Springer, Berlin 2017, S. 595–602.
  21. Deloitte Deutschland: Corporate Digital Responsibility. 9. Oktober 2018, abgerufen am 27. Oktober 2018.
  22. Vom „Wilden Westen“ zur Digitalisierung mit Verantwortung | tbd.community. Abgerufen am 27. Oktober 2018.
  23. Corporate Digital Responsibility: Vertrauen schaffen, doch was heißt das eigentlich? Abgerufen am 27. Oktober 2018 (deutsch).