Demokratiemessung

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Der Begriff Demokratiemessung bezeichnet in der Politikwissenschaft und der Demografie den Versuch, die Länder der Erde in verschiedene Grade, also nach Demokratie gestaffelte Kategorien einzuteilen. Sie versucht dabei zu einer Beurteilung der Demokratiequalität eines Landes zu gelangen. Demokratiequalität zielt auf die demokratische Funktionsweise zentraler demokratischer Institutionen und Merkmale (z. B. Wahlen). Dabei korrelieren unterschiedliche Messmethoden oft miteinander.

Methodischer Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fragestellung, was Demokratie ist und wie sich der Grad der Demokratie im Sinne der Demokratiequalität eines Landes messen lässt, ist nicht unmittelbar zu beantworten. Demokratie ist wie Intelligenz, Gesundheit oder Kultur ein Gedanken-Konstrukt, der nicht direkt messbar („nicht sichtbar“) ist. Durch Operationalisierung seiner Merkmale ist eine indirekte Messung des Konstrukts möglich. Sie liefert aber nur Ausprägungen des Konstrukts, die grundsätzlich unvollständig sind. Die Untersuchung der Ausprägungen der Demokratien einzelner Länder wird in verschiedenen Demokratieindizes untersucht, die sich jeweils auf eine bestimmte Auswahl von – die Demokratie beschreibenden - Merkmalen abstützen.[1]

Die Ermittlung des Demokratieindex der Zeitschrift The Economist basiert auf 60 Fragen, anhand derer der Grad der Demokratie in 167 Ländern jährlich gemessen wird. The Economist stellt im Bericht „Democracy index 2012“ fest, dass es keinen Konsens darüber gibt, wie Demokratie gemessen werden soll. Obwohl die Förderung der Demokratie ganz oben auf der Liste der außenpolitischen Prioritäten der USA steht, herrscht innerhalb der US-Regierung kein Konsens, was eine Demokratie ausmacht.[2]

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland mit seiner einleitenden Aussage: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“, legt mit seinen 115 Artikeln fest, wie in Deutschland Demokratie zu gestalten ist und liefert zugleich einen Merkmalkatalog was Demokratie ist.[3]

Dichotome Messungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dichotome Messungen bewerten ein Land entweder als demokratisch oder als nicht demokratisch.

ACLP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Beispiel für eine dichotome Demokratiemessung ist ACLP. Diese Methode ist nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der beteiligten Wissenschaftler benannt (Michael Alvarez, José Antonio Cheibub, Fernando Limongi und Adam Przeworski). Die ACLP-Messung beginnt mit dem Jahr 1946 und definiert Demokratien als jene Länder, in denen die Regierenden durch freie Wahlen bestimmt werden. Weiterhin stellt sie dafür vier Bedingungen:

  1. einen frei gewählten Regierungschef,
  2. ein frei gewähltes Parlament,
  3. mindestens zwei Parteien treten zu Wahlen an,
  4. es hat mindestens ein Regierungswechsel unter identischem Wahlrecht stattgefunden.

Dabei zeigte die ACLP-Messung auch Probleme. Japan wurde aufgrund der vierten Bedingung bis 1993 als Diktatur klassifiziert. Dort regierte die LDP von 1955 bis 1993 ununterbrochen.

Kontinuierliche Messungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontinuierliche Messungen bewerten ein Land als mehr oder weniger demokratisch.

Polity-Index[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltkarte nach dem Polity IV Report 2011:
Je blauer, desto demokratischer − je roter, desto autokratischer ein Land.

Ein Beispiel für eine kontinuierliche Messung ist das von Ted Robert Gurr initiierte Polity-Project. Dabei werden zwei voneinander getrennte Messungen für die Variablen Demokratie und Autokratie durchgeführt. Für jedes Land werden auf jeder Skala Werte von 0 bis 10 vergeben. Der Polity-Indexwert berechnet sich dann aus dem Demokratie-Wert minus dem Autokratie-Wert. Daraus resultiert eine kontinuierliche Skala von −10 (maximal autokratisch; hereditäre Monarchie) bis +10 (maximal demokratisch, konsolidierte Demokratie).

Im Polity-Project werden fünf Dimensionen erfasst, anhand derer der Grad von Demokratie bzw. Autokratie festgestellt werden soll:

  1. Wie kompetitiv ist der Wettbewerb um Regierungsmacht?
  2. Wie offen ist der Wettbewerb um Regierungsmacht?
  3. Inwieweit ist die Macht der Regierung eingeschränkt?
  4. Wie kompetitiv ist die politische Partizipation?
  5. Inwieweit ist die politische Beteiligung reguliert?

Im Jahresbericht 2011 liegen Indexwerte für 164 Länder vor, die sich teilweise über einen Zeitraum seit 1800 erstrecken. Darunter werden 95 Staaten als Demokratien (+6 bis +10) klassifiziert.

Freedom-House-Index[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltkarte nach Freedom in the World 2016:
  • frei
  • teilweise frei
  • nicht frei
  • Die Nichtregierungsorganisation Freedom House erstellt einen jährlichen Bericht, Freedom in the World, in dem sie den Grad an Demokratie und Freiheit in Ländern und umstrittenen Territorien auf der ganzen Welt bewertet. Dem Bericht liegen umfangreiche Checklisten zur Verwirklichung politischer Rechte und bürgerlicher Freiheiten zugrunde, anhand derer Bewertungen durch Länderexperten auf Skalen von 1 (am freiesten) bis 7 (am wenigsten frei) durchgeführt werden. Danach erfolgt eine Festlegung von Schwellenwerten für die Klassifikation eines Landes als „frei“ (1,0 bis 2,5), „teilweise frei“ (3,0 bis 5,0) und „nicht frei“ (5,5 bis 7,0).

    Freedom in the World erfasst drei Dimensionen im Bereich der politischen Rechte und vier Dimensionen im Bereich der bürgerlichen Freiheiten:

    Politische Rechte Bürgerliche Freiheiten
    Wahlprozess Meinungs- und Glaubensfreiheit
    Politischer Pluralismus und Partizipation Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
    Funktionsweise des Regierungssystems Rechtsstaatlichkeit
    0 Persönliche Autonomie und Individualrechte

    Der Bericht wird seit 1973 jährlich erhoben und umfasst derzeit 192 Länder und 18 Territorien. Im Jahresbericht 2013 werden davon 90 als „frei“, 58 als „teilweise frei“ und 47 als „nicht frei“ eingestuft.

    Kombinierter Index der Demokratie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Weltkarte nach dem Kombinierten Index der Demokratie 2012:
    Je grüner, desto demokratischer − je roter, desto autokratischer ein Land.

    Der von Hans-Joachim Lauth entwickelte Kombinierte Index der Demokratie (KID) orientiert sich an einem dreidimensionalen Demokratieverständnis, das aus den Dimensionen Freiheit, Gleichheit und Kontrolle besteht. Es werden die Messungen von Freedom House und der Polity-Projektgruppe dahingehend kritisiert, dass sie die Dimension der Kontrolle nicht abbilden. Deshalb versucht der KID durch eine Kombination der Datensätze des Polity-Projektes und von Freedom House mit dem Rule-of-Law-Indikator der Weltbank dieses Defizit zu beheben. Um darüber hinaus auch noch die Staatlichkeit in die Messung einzubeziehen, wird zusätzlich noch der Political-Stability-Indikator der Weltbank berücksichtigt. Die KID-Skala umfasst die Werte von 0 bis 10, wobei 0 für ein stark autokratisches System steht und 10 ein umfassend demokratisches System bezeichnet. Mithilfe von Schwellenwerten werden Länder als Autokratie (0 bis 5), defizitäre Demokratie (5 bis 7) und Demokratie (7 bis 10) eingestuft.

    Im Jahresbericht 2012 liegen Daten zu insgesamt 165 Staaten im Abstand von zwei Jahren über den Zeitraum von 1996 bis 2012 vor.

    Index der Demokratisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Der von Tatu Vanhanen konzipierte Index der Demokratisierung (ID) misst den Demokratisierungsgrad von Staaten anhand der Variablen Partizipation und Wettbewerb. Der Indexwert wird berechnet durch ungewichtete Multiplikation der Wahlbeteiligung (Anteil der aktiven Wähler an der Gesamtbevölkerung) mit dem Wettbewerbsgrad (100 – Sitzanteil der stärksten Partei in der nationalen Vertretungskörperschaft) und anschließende Division des Produkts durch 100. Auf diese Weise entstehen Werte zwischen 0 und 100. Demokratie besteht ab einem Indexwert über 6, d. h. ab einer Wahlbeteiligung größer als 20 % und einem Wettbewerbsgrad größer als 30 %.

    Vanhanen legt Indexwerte zu 187 Ländern vor, zum Teil seit 1810. Dabei werden 132 Staaten als demokratisch eingestuft.

    Demokratieindex[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Eine ebenfalls kontinuierliche Messung des Demokratiegrades verschiedener Länder ist seit 2006 der Demokratieindex der Zeitschrift The Economist. Als Faktoren gehen in die Berechnung des Demokratie-Indexes ein: Wahlprozess und Pluralismus, Bürgerrechte, Funktionsweise der Regierung, politische Teilhabe, politische Kultur. Innerhalb dieses Index spricht man von zwei Demokratietypen und zwei Regimetypen: Vollständige Demokratien und unvollständige Demokratien sowie Hybridregime und autoritäre Regime. Der Demokratieindex behandelt 167 verschiedene Länder.

    Demokratiebarometer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Das Demokratiebarometer versucht die Qualitätsunterschiede der Demokratie zwischen etablierten Demokratien besser messbar zu machen. Es wurde von einem Mitarbeiter der Universität Zürich, des Zentrums für Demokratie Aarau (Daniel Bochsler) in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (Wolfgang Merkel) entwickelt[4] und untersucht, wie sich die anerkannten Demokratien zwischen 1975 und 2014 verändert haben. Ziel ist dabei, die Qualität der Demokratien dieser Staaten zu messen, um anschließend verschiedene (demokratische) Länder ihre Demokratie betreffend vergleichen zu können. In das Demokratiebarometer fließen Kriterien wie Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, Partizipation, politischer Wettbewerb, Gewaltenkontrolle und die Fähigkeit, demokratische Entscheidungen umzusetzen, ein. An der Aussagekraft und Korrektheit wird teils jedoch stark gezweifelt, da u. a. die Schweiz, ein für direkte Demokratie bekanntes Land, schlechter abschneidet als z. B. die USA.[5][6][7] was auf nicht genügend entwickelte Systematik und Beurteilungskriterien zurückgeführt wird.[8][9]

    Demokratiematrix[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Die Demokratiematrix ist ein Messinstrument zur Bestimmung der Demokratiequalität von Staaten. Es untersucht dabei die Dimensionen Freiheit, Gleichheit und Kontrolle sowie fünf demokratisch zentralen Institutionen (Wahlen, Parteien und Zivilgesellschaft, Medien, Rechtsstaat und Funktionsweise des Regierungssystems). Die Datengrundlage bietet das Varieties-of-Democracy-Projekt, das Daten für alle Staaten von 1900 bis 2017 (Stand: Februar 2019) anbietet.

    Democratic Audit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Ein weiterer Ansatz, Demokratie in einem Land zu messen, ist der Democratic Audit. Nachdem britische Politikwissenschaftler einen solchen Audit für das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland durchgeführt hatten, übernahm das International Institute for Democracy and Electoral Assistance (IDEA) diesen Ansatz und unterstützt weltweit Bürger dabei, eine solche Untersuchung durchzuführen. Grundlegend unterscheidet sich dieses Unterfangen dadurch, dass Bürger des entsprechenden Landes statt externer Experten die Untersuchung leiten und durchführen sollen, und dass die Ergebnisse nicht zu einer „Endnote“ aggregiert werden. Die Untersuchung ist zudem qualitativ, versucht also nicht Urteile über z. B. den Stand der Menschenrechte in Zahlen auszudrücken, und soll explizit zur Debatte über die Verbesserung der Demokratie in dem untersuchten Land beitragen.

    Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    • David Beetham (Hrsg.): Defining and Measuring Democracy. SAGE, London 1994, ISBN 0-8039-7789-1.
    • Diego Giannone: Political and Ideological Aspects in the Measurement of Democracy: The Freedom House Case. In: Democratization. 17/1, 2010, S. 68–97.
    • Hans-Joachim Lauth: Demokratie und Demokratiemessung. Eine konzeptionelle Grundlegung für den interkulturellen Vergleich. 2. Auflage. VS-Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-33855-2.
    • Hans-Joachim Lauth, Oliver Kauff: Demokratiemessung. Der KID als aggregiertes Maß für die komparative Forschung. Empirische Befunde der Regimeentwicklung von 1996 bis 2010. (Würzburger Arbeitspapiere zur Politikwissenschaft und Sozialforschung, Nr. 2). Universität Würzburg, Würzburg 2012 (PDF).
    • Hans-Joachim Lauth, Gert Pickel, Christian Welzel (Hrsg.): Demokratiemessung. Konzepte und Befunde im internationalen Vergleich. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13438-8.
    • Thomas Müller, Susanne Pickel: Wie lässt sich Demokratie am besten messen? Zur Konzeptqualität von Demokratieindizes. In: Politische Vierteljahresschrift. 48/3, 2007, S. 511–539.
    • Susanne Pickel, Gert Pickel: Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden. Eine Einführung. VS-Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 3-8100-3355-3.
    • Manfred G. Schmidt: Demokratietheorien. Eine Einführung. 5. Auflage. VS Verlag, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17310-8, S. 370–398.
    • Tatu Vanhanen: A New Dataset for Measuring Democracy, 1810–1998. In: Journal of Peace Research. 37/2, 2000, S. 251–265.

    Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    1. Michael Stoiber, Eine neues, kontextualisierten Maß für Demokratie. Konzeptualisierung und Operationalisierung, Institut für Politikwissenschaft Technische Universität Darmstadt, abgerufen am 14. Februar 2019.
    2. Democracy index 2012, The Economist and Intelligence Unit Report.
    3. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
    4. Demokratiebarometer (ADF): Forschungsprojekt des NCCR Democracy zur Messung der Qualität von Demokratie in etablierten Demokratien (Daniel Bochsler und Wolfgang Merkel [WZB]). Laufzeit: 10/2009–09/2013 In: Jahresbericht ZDA 2012 (Memento des Originals vom 16. November 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zdaarau.ch (PDF; 476 kB). S. 11.
    5. IP 15: Demokratiebarometer.
    6. tagesschau.sf.tv
    7. democracybarometer.org
    8. Martin Senti: Schlechte Note hat auch Gutes – Eher liberale als egalitäre Schweiz. In: NZZ vom 28. Januar 2011. Online auf nzz.ch.
    9. Joachim Blatter: Demokratie – republikanische und liberale Sicht. In: NZZ vom 22. Februar 2011. Online auf nzz.ch.