die Fleckenbühler

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Hof Fleckenbühl in Cölbe

die Fleckenbühler e. V. ist eine Lebensgemeinschaft und Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Suchtproblemen, die ohne Drogen, Alkohol, Tabak und Gewaltanwendung leben wollen. Organisationsform ist ein gemeinnütziger Verein.

Regelmäßig leben und arbeiten über 200 süchtige Männer, Frauen und deren Kinder aus ganz Deutschland an drei Standorten in Hessen zusammen: Auf dem Hof Fleckenbühl im Cölber Ortsteil Schönstadt bei Marburg, in Frankfurt am Main und in der Jugendhilfe Haus Leimbach in der Gemeinde Willingshausen.

Arbeitsweise[Bearbeiten]

Konzeption und Drogenhilfe Sofort[Bearbeiten]

Die Fleckenbühler arbeiten ohne angestelltes Fachpersonal, es gibt keine Therapeuten, Psychologen oder Sozialarbeiter. Als anerkannt gemeinnützige Selbsthilfe-Gemeinschaft werden Organisation und Verwaltung vollständig durch die Mitglieder selbst geleistet.[1]

Bereits länger in der Gemeinschaft lebende Menschen helfen auf der Grundlage eigener Erfahrungen und durch Vorbildfunktion den Neuankömmlingen zur Abkehr von ihrer Sucht, zu Gemeinschaftsfähigkeit, zu Stabilität, sozialer und beruflicher Kompetenz und somit zu Selbstständigkeit. Dieser Ansatz der Selbsthilfe geht davon aus, dass die Betroffenen selbstverantwortlich im Stande sind, sich die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen, um ein zufriedenes Leben zu führen, das heißt, dass Suchtprobleme eher als Lern- bzw. Kompetenzdefizite oder Fehlanpassungen aufgefasst werden. Deswegen ist die aktive freiwillige Teilnahme der Betroffenen an der Lösung ihrer Probleme Voraussetzung für den Aufenthalt in dieser Gemeinschaft.[2]

Aufnahmekriterien[Bearbeiten]

Eine Aufnahme in die Gemeinschaft kann sofort und jederzeit nach einem persönlichen Gespräch erfolgen (Ausnahmen bei BtM-süchtigen Verurteilten, s.u.) Anmeldung oder eine Kostenzusage werden nicht benötigt, es gibt keine Warteliste. Die Aufenthaltsdauer ist grundsätzlich unbeschränkt – man kann so lange bleiben, wie man es selbst für richtig hält. Jährlich kommen etwa 600 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zu den Fleckenbühlern.[3] Süchtige Eltern können ihre Kinder mitbringen. In einem eigenen Kindergarten in der Nähe von Hof Fleckenbühl werden die Kinder ganztägig betreut. Es ist die einzige staatlich anerkannte Kindertagesstätte in Deutschland, die von einer Suchthilfeeinrichtung betrieben wird.[4]

Es gelten für alle Bewohner drei verbindliche Regeln:[5]

  1. Keine Drogen, Alkohol oder andere Suchtmittel
  2. Keine Gewalt, keine Androhung von Gewalt
  3. Kein Tabak, alle sind Nichtraucher

Ein Verstoß gegen eine dieser Grundregeln bedeutet den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ein Wiederkommen nach 24 Stunden ist möglich. In den ersten sechs Monaten ist eine Kontaktpause einzuhalten, damit sich die Neuankömmlinge in ihrem neuen Lebensumfeld einleben können und Rückfälle verhindert werden. Nach drei Monaten kann man mit Angehörigen zunächst schriftlich in Kontakt treten. Verwandte können sich jederzeit nach dem Befinden erkundigen und erhalten Auskunft, wenn der Betroffene damit einverstanden ist.[6]

Fleckenbühl ist nach dem Betäubungsmittelgesetz (§§ 35/36) als Drogentherapieeinrichtung anerkannt. Es besteht die Möglichkeit, anstatt eine Haftstraße anzutreten, zu den Fleckenbühlern zu gehen und ein nüchternes Leben zu erlernen. Bei Haftgefangenen wird vom Prinzip der Soforthilfe auf Grund der rechtlichen Rahmenbedingungen abgewichen. In diesen Fällen muss eine schriftliche Bewerbung über die Drogenberatung erfolgen. Weiterhin muss der Sozialdienst des Gefängnisses eine Stellungnahme abzugeben, die den Aufenthalt bei den Fleckenbühlern befürwortet.

Lebensschule[Bearbeiten]

In der Anfangsphase durchlaufen die Neuankömmlinge eine Grundausbildung von zwei Monaten. Während dieser Zeit arbeiten sie in der Hauswirtschaft, lernen die Organisation von Fleckenbühl kennen, absolvieren Praktika in Arbeitsbereichen und üben eine Tagesstruktur ein. Danach wechseln sie in einen der Zweckbetriebe (Landwirtschaftlicher Demeter-Betrieb mit Bäckerei, Käserei, Metzgerei, Buffetservice, Verkaufsläden, Umzugsunternehmen und Töpferei) oder Arbeitsbereiche im Haus (Wäscherei, Küche, Haustechnik, Verwaltung).

In nahezu allen Betrieben und Arbeitsfeldern können Qualifizierungen (auch mit IHK-Abschluss etc.) und Fortbildungen gemacht werden, die später ermöglichen, außerhalb der Gemeinschaft wieder eine Erwerbstätigkeit zu finden.[7]

Neben Ausbildung und Qualifizierung ist das Gruppengespräch Teil der Suchtselbsthilfe, um zu einem dauerhaft abstinenten Leben hinzuführen.

Finanzierung[Bearbeiten]

Fleckenbühl finanziert sich zu zirka 50 % aus den Einnahmen der Zweckbetriebe, außerdem durch Spenden (Sach- und Geldspenden) und Geldauflagen (Urteile), durch ALG II und Zuwendungen des Landes Hessen, der Aktion Mensch, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung u. a.[8]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Gründer von Fleckenbühl waren Gründungsmitglieder und langjährige Mitglieder von Synanon. Fleckenbühl steht also in der Tradition der Selbsthilfe, angefangen bei den Anonymen Alkoholikern, Synanon USA und den Therapeutischen Gemeinschaften[9], wie sie im gleichnamigen Buch von Lewis Yablonsky beschrieben wurden.[10]

Hof Fleckenbühl wurde 1984 von der Selbsthilfe Synanon in Berlin übernommen, 1995 trennte sich Hof Fleckenbühl von Synanon, um sich als „Suchthilfe Fleckenbühl e.V“. selbstständig zu machen, seit 2009 tritt Fleckenbühl unter dem Namen „die Fleckenbühler“ auf.

Hof Fleckenbühl[Bearbeiten]

Der Hof Fleckenbühl bei Cölbe ist ein ehemaliger Gutshof der Stadt Kassel. Die Wohnhäuser wurden ausgebaut und erweitert, so dass hier im Jahr 2000 140 Erwachsene und 20 Kinder lebten. 2001 richteten die Fleckenbühler im Nachbarort Ginseldorf einen Kindergarten ein, 2005 wurde der dortige städtische Kindergarten integriert. Der dem Demeter Verband angeschlossene Hof bewirtschaftet über 250 ha nach biologisch-dynamischen Prinzipien. Die Produkte werden in einer eigenen Bäckerei, Metzgerei und Käserei verarbeitet und selbst vermarktet. Der Hof ist Mitglied im Netzwerk der Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau.[11]

Haus Frankfurt[Bearbeiten]

Das Haus in Frankfurt wurde – mit Unterstützung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Willi-Robert-Pitzer-Stiftung, der Software-AG-Stiftung, der Aktion Mensch und der Hessischen Landesregierung – 2003 erworben und bezogen. Es befindet sich im Stadtteil Niederrad.[12]

Jugendhilfe Haus Leimbach[Bearbeiten]

Die Jugendhilfe Haus Leimbach im hessischen Schwalm-Eder-Kreis wurde 2004 eröffnet – ein bundesweit einmaliges Konzept aus Selbsthilfe und Pädagogik, speziell ausgerichtet für die Bedürfnisse männlicher Jugendlicher. Die Aufnahmeindikation reicht von Dissozialität, Devianz bis hin zur Sucht und Suchtgefährdung. Außerdem führt die Fleckenbühler Jugendhilfe Untersuchungshaftverkürzungs- und Untersuchungshaftvermeidungsmaßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) durch.[13]

Kritik[Bearbeiten]

Häufige ins Feld geführte Kritik ist der Sektencharakter auf Hof Fleckenbühl sowie das Fehlen professioneller Therapeuten. Explizit wird diese Kritik[14] – neben anderen – in der Fachliteratur an Synanon geübt, ist jedoch prinzipiell auch auf Fleckenbühl übertragbar. Dieser Vorwurf und der Umgang mit Privateigentum taucht immer wieder in der Diskussion – vor allem von Betroffenen – auf. Die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Synanon ist vermutlich nicht zuletzt auf die unterschiedlichen Sichtweisen in Finanzierungsfragen und der Richtung der Lebensführung in der Gemeinschaft zurückzuführen. In der Eigendarstellung wird dieser Schritt 1995 von Synanon eher kryptisch mit den Worten Als Suchthilfe Fleckenbühl e. V. arbeitet das Gut nach Synanon-Regeln weiter. Mit der Abtrennung im Sinne einer Zellteilung beginnt in der über 20-jährigen Geschichte Synanons ein neuer Abschnitt. Die Muttergemeinschaft Synanon lässt eines ihrer erwachsen gewordenen Kinder in die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ziehen im Vertrauen darauf, dass das erwachsene Kind seinen weiteren Weg nach den Grundsätzen Synanons gehen wird.[15] beschrieben. In einigen Foren wird Fleckenbühl dagegen positiv erwähnt, da hier der ursprüngliche Gründungsgedanke nach wie vor verfolgt werde.[16]

Literatur/Quellen[Bearbeiten]

  • Brigitte Roth: Fleckenbühl. Eine Lehre im geschützten Raum der Drogenhilfe (Memento vom 20. April 2008 im Internet Archive). In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. März 2008, abgerufen am 5. August 2009
  • Fünfteilige Reihe: Suchthilfe Fleckenbühl. In: ZDF, Volle Kanne – Service täglich. 11.–15. Juni 2007
  • Brigitte Roth: Suchthilfe Fleckenbühl. Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2007, aufgerufen am 5. August 2009
  • Jennifer Katharina Reents: Clean werden, clean leben, clean bleiben: Leben in einer therapeutischen Gemeinschaft am Beispiel der Suchthilfe Hof Fleckenbühl. Marburg 2005
  • Suchthilfe Fleckenbühl (Hrsg.): Willkommen im Leben: (2004)20 Jahre Suchthilfe Fleckenbühl. 2004
  • Christian Lang: Suchthilfe ohne Kompromisse und der Kompromiss als Suchthilfe am Beispiel des Selbsthilfeprojekts „Hof Fleckenbühl“: eine Studie zur Identitätsentwicklung und biographischen Selbstdeutung abstinent lebender Süchtiger anhand narrativer Interviews. Frankfurt 2004
  • Sebastian Stranz: Lebensreform heute. Frankfurt am Main 2009. ISBN 3-8370-3467-4, ISBN 978-3-8370-3467-7
  • Suchthilfe auf dem Hof Fleckenbühl. In: Nachrichten Parität, (2003) 2 , S. 2, ISSN 0011-510X
  • Brigitte Roth: Suchthilfe Fleckenbühl – Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2007
  • Suchthilfe Hof Fleckenbühl (Hrsg.): Neuer Platz für Nüchterne Tage: 1984–1998; ansteckende Gesundheit. Cölbe 1998
  • Franz-Josef Hanke: Hilf dir selbst!: Wie es andere machen: z. B. Fleckenbühl. In: Suchtreport, Nr. 4/1997, S. 46–49
  • Sabine Dauth: Selbständig: Suchthilfe auf Fleckenbühl. In: Deutsches Ärzteblatt; VOL: 93 (40); p. A-2522 vom 4. Oktober 1996, ISSN 0012-1207

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. 30 Jahre Suchtselbsthilfe. Bild. 29. Juli 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  2. Perspektiven schaffen – drogenfrei leben. Internetauftritt Hof Fleckenbühl. 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  3. Die Fleckenbühler sind meine Familie. Frankfurter neue Presse. 8. Juni 2013, abgerufen am 17. Mai 2015.
  4. Gesa Coordes: Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:@1 @2 Vorlage:Toter Link/www.giessener-anzeiger.deFester Ablauf vermittelt Ruhe und Verlässlichkeit. In: Gießener Anzeiger, 8. September 2004, abgerufen am 5. August 2009
  5. Die Fleckenbühler sind meine Familie. Frankfurter neue Presse. 8. Juni 2013, abgerufen am 17. Mai 2015.
  6. Die Fleckenbühler sind meine Familie. Frankfurter neue Presse. 8. Juni 2013, abgerufen am 17. Mai 2015.
  7. Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. Juli 2007, abgerufen am 11. März 2015.
  8. Mittel zum guten Zweck. Internetauftritt Hof Fleckenbühl. 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  9. Keine Drogen, keine Gewalt, kein Privates Eigentum. Deutsches Ärzteblatt. 13. Februar 1985, abgerufen am 17. Mai 2015.
  10. Lewis Yablonsky: Synanon. Selbsthilfe der Süchtigen und Kriminellen (Aus dem Amerikanischen übersetzt von Wolfgang Krege unter Beratung von Ingo Warnke), Klett, Stuttgart 1975, ISBN 3-12-908830-X; sowie ders.: Die Therapeutische Gemeinschaft. Ein erfolgreicher Weg aus der Drogenabhängigkeit (Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gudrun Schrott-Ben Redjeb), Beltz, Weinheim 1990, ISBN 3-407-55736-1.
  11. Das Betriebsportrait der Fleckenbühler als Demobetrieb
  12. Die Häuser. Internetauftritt Fleckenbühl. 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  13. Die Häuser. Internetauftritt Fleckenbühl. 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  14. Bernhard Albrecht: Drogenselbsthilfegemeinschaft Synanon: Eine Alternative zur professionellen Suchthilfe? Deutsches Ärzteblatt. 2009, abgerufen am 17. Mai 2015.
  15. 1995 – Hof Fleckenbühl wird selbständig. Internetauftritt von Synanon. 2010, abgerufen am 17. Mai 2015.
  16. Synanon-serioes oder Sekte-5? hilferuf.de. 22. Dezember 2011, abgerufen am 17. Mai 2015.

Weblinks[Bearbeiten]