Dieter Hall

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Dieter Hall (* 22. September 1955 in Zürich) ist ein Schweizer Maler. Charakteristisch für sein Werk sind farblich intensive, figurative und gegenständliche Kompositionen, Porträts, Stillleben und Landschaften.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieter Hall wurde am 22. September 1955 in Zürich geboren. Er wuchs zusammen mit einem jüngeren Bruder auf. Sein Vater wurde 1961 Chefarzt in der psychiatrischen Klinik Littenheid im Hinterthurgau, wohin die Familie umzog. Von 1968 bis 1974 besuchte Dieter Hall die Kantonsschule Trogen. Nach der Matura kehrte er nach Zürich zurück und begann dort zu studieren. 1977 starb der Vater. Dieter Hall schloss 1983 seine Studien der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft mit dem Lizentiat ab.

1981 begann seine künstlerische Tätigkeit. Zusammen mit seinem Künstlerfreund Martin Disler gründete er den Verlag „Nachbar der Welt“ (1981–1982). 1984 übersiedelte Hall nach New York. Er lernte dort einen amerikanischen Schauspieler und Regisseur kennen, mit dem er bis 2008 im East Village zusammenlebte. In NYC verbanden ihn Freundschaften zum Fotografen und Autoren Allen Frame, dem Fotografen Peter Hujar, den Ethnologen Hugh Raffles, der Kuratorin Sharon Simpson, den Autoren und Künstlern Bill Rice und Jim New, sowie den beiden Schweizer Künstlern Bruno Jakob und Hans Witschi. Trotz seines New Yorker Domizils und Ateliers blieb Hall der Schweiz eng verbunden, wo er auch regelmässig ausstellte. Seine erste Museumsausstellung richtete das Kunstmuseum Solothurn unter der Leitung von Christoph Vögele im Jahr 2000 ein. Nach der Trennung von seinem langjährigen Lebenspartner kehrte Hall 2011 nach Zürich zurück.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieter Hall malt seit dem Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit in leuchtenden Farben figurative und gegenständliche Bilder: Porträts, Akte, Stillleben, Interieurs und Landschaften, meist in Öl auf Leinwand, häufig auch mit Pastellkreide auf Papier. Dabei liefert die unmittelbare Umgebung, sowohl räumlich als auch sozial, die Inspiration für seine Werke. Der Alltag schafft andauernd poetische und ironische Situationen, die Hall erkennt, fotografiert und skizziert. Dabei verweisen Dinge häufig auf zwischenmenschliche Phänomene und Verhältnisse: ein leerer Stuhl auf die Abwesenheit eines bestimmten Menschen, ein Kleiderbügel darauf, dass dort vorher ein Hemd hing, das nun jemand über seiner Brust zuknöpft, eine Badewanne auf jemanden, der dort gebadet hat, ein Strauss Veilchen mit dem Titel „Domestic Violets“ auf Veilchen oder – auf häusliche Gewalt (ein „Veilchen“). Auch das Umgekehrte malt Hall, mentale Zustände, komische oder absurde Gedanken, die auf Wirklichkeiten verweisen, die uns durch Konventionen oft verborgen bleiben. So entstanden Ende der 90er Jahre neun überlebensgrosse, aufrechtstehende Aktporträts von Freunden des Künstlers. Jeder Porträtierte trägt dabei ein Musikinstrument.

1998 malte Hall den Film- und Opernregisseur Daniel Schmid (160 × 96 cm, Öl auf Leinwand). Vor dem Porträtierten, der mit angezogenen Beinen auf einem Sofa sitzt, den Kopf aufgestützt, mit schwarzem Rollkragenpullover, liegt ein offenes Notizbuch. An der Wand rechts im Hintergrund hängt ein japanischer Holzschnitt, der zwei maskierte Schauspieler darstellt. Beide Bildattribute bilden eine Diagonale, die vom Körper des Gemalten unterbrochen wird. Sie verweisen sowohl auf das Modell wie auch auf den Maler. Hall verwendet nicht selten Stilmittel, wie sie die japanische Malerei hervorgebracht und der französische Impressionismus in die europäische Malerei eingeführt hat: schmale Hochformate, angeschnittene Motive, Darstellungen ohne Tiefenhintergrund, „schräge“ Perspektiven.[1]

Halls Werke sind in Titeln und Komposition vielschichtig und angereichert mit Zitaten und Verweisen auf die soziale Wirklichkeit und die westliche Literatur-, Kunst- und Kulturgeschichte. Immer wieder malt Hall (nicht selten farbige) Männer im schmalen Bad in seinem New Yorker Atelier und nimmt damit Bezug auf die Akte von Edgar Degas,[2] der ähnlich, wie Hall, seine Modelle aus seinem nahen Umfeld in sein Atelier einlud, bei Degas Frauen aus seinem Quartier, bei Hall Männer aus seinem Freundeskreis. 2005 schuf Hall, wiederum in einer gewissen Anlehnung an Degas, eine Serie von Bronzestatuetten, wiederum nicht Frauen, sondern Männer, und konterkariert schmunzelnd damit die gefälligen Tänzerinnen von Degas, indem er seinen Männern Alltagsobjekte, wie eine Bettflasche als Liegematte unterlegt, eine Seife als Sitzgelegenheit unterschiebt, oder einem „Fussabtrockner“ (in ähnlicher Haltung wie der berühmte Dornauszieher) einen echten Waschlappen in die bronzene Hand gibt.

Ein Gemälde zeigt nichts anderes als ein auf dem Asphalt mit weisser Kreide eingezeichnetes Schema für das Spiel „Himmel und Hölle“ – womöglich eine Anspielung auf das für die Weltliteratur bahnbrechende Werk von Julio Cortázar, „Rayuela – Himmel und Hölle“, das in seinem ersten Teil in Paris spielt, wohin Hall jeweils reist, wenn er Radierungen schafft, oder vielleicht ist die Idee bloss dem englisch-deutschen Wortspiel „Heaven and/und hell“ geschuldet. Am Eindrücklichsten kommen die vielschichtigen Bezüge, die der Maler poetisch zu fassen vermag, in dem grossen Gemälde „Bill&Jim“ aus der Serie „The Ship of Fools“ von 1999 zum Ausdruck. In diesem Bild porträtiert Hall seine beiden New Yorker Freunde Bill Rice und Jim New, zwei bekannte Künstler und literarische Grössen der Lower East Side, die, dem Betrachter zugewandt, ihre Blösse mit dunkeln Regenmänteln bedecken, sich an der Hand halten, ein Papierschiffchen, das davonzusegeln scheint, wie ein Schosshündchen an der Leine führen.[3]

Seit seiner Rückkehr nach Zürich widmet sich Hall vermehrt grossen Werkzyklen zu, so dem Zyklus „Heimat – eine Erfindung“, der 2012 in der Psychiatrischen Klinik in Littenheid gezeigt wurde, wo Dieter Hall in seiner Kindheit lebte; oder zu Trogener Motiven, Porträts und Landschaften, dem Appenzeller Zyklus, der 2017 in der Kantonsschule Trogen ausgestellt wird – an dem Ort, wo Hall seine Mittelschuljahre verbrachte. Weiterhin schafft er auch Porträts; so erhielt er 2016 den offiziellen Auftrag für die Zürcher Ahnengalerie der Kantonsratspräsidenten, das Porträt des Bundesrates Ueli Maurer zu malen, der 1991 Ratspräsident des Zürcher Kantonsrats war.

Seit 2014 entstehen auch lithografische Arbeiten in der Steindruckerei Wolfensberger in Zürich.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1987: Robertson Gallery, New York
  • 1989: Buchhandlung am Zürichberg, Zürich
  • 1992: Swiss Institute, New York (Katalog)[4]
  • 1993: Ruth Bachofen Gallery, Santa Monica
  • 1995, 1994, 1991, 1989: Galerie Marie-Louise Wirth, Zürich
  • 1996: Galerie Margrit Gass, Basel (Katalog)
  • 2000: Kunstmuseum Solothurn (Katalog)
  • 2001, 1999, 1996: Galerie Schedler, Toronto, Zürich und Warth
  • 2009, 2003, 1999: La MaMa La Galleria, New York
  • 2010, 2009, 2007, 2006: Galerie Stefan Witschi, Zürich
  • 2011, 2010, 2005, 2003, 2000: Galerie Martin Krebs, Bern
  • 2012: Littenheid, Heimat – eine Erfindung (Katalog)
  • 2013: Coffee drawings, Peter Bichsel Fine Books, Zürich / Museum Eduard Spörri, Wettingen[5]
  • 2014: Stiftung Kunstsammlung Albert & Melanie Rüegg, Zürich / Auf dem See – Am See – Über dem See, Kreuzlingen – Uttwil – Sommeri / Max Frisch Bad Letzigraben, Zürich[6]
  • 2015: Restaurant Sento im Hotel Plattenhof, Zürich / Steindruckerei Wolfensberger, Zürich / Estate, Galleria Wolf, Ascona
  • 2017: Helmhaus Zürich, A Fine Romance, My Friend, This Is (zusammen mit David Chieppo und Annlies Coste) / Galerie Werner Bommer, Zürich / Kantonsschule Trogen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzeller Bilderzyklus[7]
  • 2018: last tango. Zus. mit Xenia Lucia Laffley, Lasttango, Zürich
  • 2018: "Die göttliche Ordnung und die Ungereimtheiten der Welt", zus. mit Filib Schürmann, Lokal 14, Zürich
  • 2018: Buchhandlung Hirslanden, Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1984: Bill Rice Gallery, New York
  • 1986: Jerusalem Gallery, New York
  • 1990: Salon Shedhalle, Zürich
  • 1992: Galerie M/2, Vevey / PS 122 Gallery, New York
  • 1993: Delta Axis Contemporary Arts Center, Memphis (Katalog mit einem Text von Jim New)
  • 1997: Museum Bellerive, Zürich / Galerie Schedler, Zürich
  • 2000: Galerie Schedler, Zürich / 31 Grand Gallery, New York
  • 2008: Am Nabel der Welt, Bündner Kunstmuseum, Chur / Haus für Kunst, Uri[8]
  • 2009: Aargauer Kunsthaus, Aarau
  • 2011: Museum Langmatt, Baden
  • 2012: Helmhaus Zürich
  • 2015: Heimspiel 2015, Kunsthalle St. Gallen / Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich, Helmhaus / Die Welt retten, Kunsthalle Palazzo, Liestal (Katalog)[9]
  • 2016: Salzhaus Brugg, Salon der Gegenwart
  • 2017: Villa Flora, Winterthur, Salon der Gegenwart
  • 2018: Salon der Gegenwart, Villa Renata Basel
  • 2018: Museum Eduard Spöoerri, Wettingen
  • 2018: Impression, Ausstellung für Druckgrafik, Kunsthaus Grenchen

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Hall – Hans Witschi – Paintings. Carin Kuoni, Swiss Institute, New York 1992.
  • „So unverwandt betrachtet“, Dieter Hall – Konstantin Kavafis. Edition Patrick Frey, Zürich 1992.
  • ‚i’aint no place‘, Bilder / Paintings. Beiträge von Ulla Dydo und Christoph Voegele. Offizin Verlag, Zürich 1996.
  • Bed, Bathroom and Beyond. Mit Beiträgen von Christoph Vögele und Allen Frame. Kunstmuseum Solothurn, Kehrer Verlag, Heidelberg 2003.
  • Wasser, Berge und Gesichter. Edition Stephan Witschi, 2006.
  • Heimat – eine Erfindung. Mit Beiträgen von Alex Bänninger und Christoph Vögele. Littenheider Bilderzyklus, 2012.
  • coffee drawings. Peter Bichsel Fine Books, 2013.
  • A Fine Romance, My Friend, This Is. Mit Texten von Simon Maurer und Patrik Schedler. Wolfsburger Verlag, Zürich, 2017.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dominique von Burg: Dieter Hall. In: Kunstbulletin, November 2014, Dieter Hall. (Memento des Originals vom 8. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kunstbulletin.ch
  2. SIKART, Lexikon zur Kunst der Schweiz, Artikel Dieter Hall
  3. Carin Kuoni. Eines Malers Metier. Zu den Werken von Dieter Hall, in: Kunstbulletin 1.2/200 (Memento des Originals vom 8. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kunstbulletin.ch
  4. Swiss Institute
  5. Museum Eduard Spörri, Wettingen
  6. Stiftung Kunstsammlung Albert & Melanie Rüegg, Zürich
  7. Helmhaus Zürich
  8. Haus für Kunst (Memento des Originals vom 8. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hausfuerkunsturi.ch
  9. Palazzo