Dispositionseffekt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Als Dispositionseffekt bezeichnet die Verhaltensökonomik die Neigung von Anlegern, jene Anteile abzustoßen, deren Wert gestiegen ist, und solche zu halten, deren Wert gesunken ist. Dabei werden Verluste etwa doppelt so stark empfunden wie Gewinne. So führt die asymmetrische Risikoaversion dazu, dass private und institutionelle Anleger gestiegene Positionen tendenziell zu früh verkaufen und gefallene zu lange halten.

Dieses Phänomen der Verlustaversion wurde 1979 in der Prospect-Theorie von Amos Tversky und Daniel Kahneman erstbeschrieben. 1985 wurden erste empirische Nachweise von Hersh Shefrin und Meir Statman[1] durch die Analyse von Individualdaten aus den Jahren 1964–1970 erbracht und das Phänomen erstmals als Dispositionseffekt (englisch disposition effect) bezeichnet. Empirische Evidenz wies auch Terrance Odean 1998[2] durch Auswertung detaillierter Daten der Jahre 1987–1993 von 10.000 zufällig bei einem Discountbroker ausgewählten Depots nach. Experimentelle Belege für diesen Effekt erbrachten Laborexperimente u. a. von Ferris/Haugen/Makhija (1988),[3] von Colin Camerer und Martin Weber (1991,[4] 1992[5]) sowie von Wolfgang Gerke und Horst Bienert (1993)[6]. Der Dispositionseffekt wurde nicht nur bei Privatanlegern (einschließlich sogenannter Daytrader) nachgewiesen, sondern auch bei professionellen und institutionellen Investorengruppen, so auch bei Investmentfonds.[7]

In der wissenschaftlichen Literatur werden unterschiedliche Ursachen für den Effekt diskutiert. So werden u. a. Erklärungsansätze über die Prospect-Theorie, das Konzept des Mental Accounting und den Mean-Reversion-Effekt hergeleitet sowie Parallelen zum Spielerfehlschluss (englisch Gambler’s Fallacy) gezogen.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sebastian Haase: Der Dispositionseffekt als relevantes Anlegerverhalten: Einführung in die Erklärungsansätze und in die empirischen Befunde. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-12423-6.

Weblink[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hersh Shefrin, Meir Statman: The Disposition to Sell Winners Too Early and Ride Losers Too Long: Theory and Evidence. In: The Journal of Finance, 40. Jg. Nr. 3, doi:10.2307/2327802, S. 777–790 (englisch).
  2. Terrance Odean: Are Investors Reluctant to Realize Their Losses? In: The Journal of Finance, 53. Jg., Nr. 5, Oktober 1998, doi:10.1111/0022-1082.00072, S. 1775–1798.
  3. Stephen P. Ferris, Robert A. Haugen, Anil K. Makhija: Predicting Contemporary Volume with Historic Volume at Differential Price Levels. In: The Journal of Finance, 43. Jg., Nr. 3, Juli 1988, doi:10.2307/2328191, S. 677–697 (englisch).
  4. Colin Camerer, Martin Weber: The disposition effect in securities trading: an experimental analysis. In: Journal of Economic Behavior & Organization, 33. Jg. Nr. 2, Januar 1991, S. 167–184 (englisch).
  5. Colin Camerer, Martin Weber: Ein Experiment zum Anlegerverhalten. In: Schmalenbachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung (ZfbF), 44. Jg., Nr. 2/1992, S. 131–148.
  6. Wolfgang Gerke, Horst Bienert: Überprüfung des Dispositionseffektes und seiner Auswirkungen in computerisierten Börsenexperimenten. In: Wolfgang Bühler (Hrsg.): Empirische Kapitalmarktforschung (= Schmalenbachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung. Sonderheft 31). Verlagsgruppe Handelsblatt, Düsseldorf / Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-7754-0072-9, S. 169–194.
  7. Sebastian Haase: Professionelle und institutionelle Investoren. In: ders.: Der Dispositionseffekt als relevantes Anlegerverhalten: Einführung in die Erklärungsansätze und in die empirischen Befunde. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-12423-6, S. 29–32.
  8. Martina Steul: Dispositionseffekt privater Anleger. In: dies.: Risikoverhalten privater Kapitalanleger: Implikationen für das Finanzdienstleistungsmarketing. Gabler Edition Wissenschaft, Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 2003, ISBN 978-3-8244-7965-8, S. 92–96 (zugleich: Univ. Frankfurt am Main, Dissertation, 2003).