Disraelis

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Ilan und Esti Brunner

DisraeliS (kurz für disabled Israelis dt. versehrte, behinderte Israelis) ist eine private Initiative, die im Jahr 2002 von Ilan Brunner und seiner Frau Esti in Tel Aviv gegründet wurde. Das Projekt wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ilan Brunner, 1934 in Prag geboren, gehörte zu den jüdischen Kindern, die 1939 mit einem Kindertransport Deutschland verließen, nach England geschickt wurden und so den Holocaust überlebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er nach Israel und arbeitete dort über 40 Jahre lang als Pressesprecher und Fotograf des israelischen Verteidigungsministeriums.[1][2]

Während seiner Dienstzeit als Armeesprecher konnte Ilan Brunner in Israel zahlreiche deutsche Besucher begrüßen und kam so in Kontakt mit der neuen deutschen Generation, die sich für Israel und das Schicksal israelischer Soldaten interessierte. Durch langjährige Beziehungen konnten intensive Verbindungen und Freundschaften aufgebaut werden. So wurde auch der Gedanke geboren, junge Israelis, die bei ihrem Militärdienst oder durch Terrorangriffe verwundet wurden, zu einem Erholungsaufenthalt nach Deutschland einzuladen.

Begonnen hatte das Projekt 1997 in Israel. Dort waren Horst-Klaus Hofmann, der Gründer der Offensive Junger Christen, und Pfarrer Wolfgang Breithaupt aus Weitenhagen Ilan Brunner anlässlich einer internationalen Versöhnungs-Tagung begegnet. In Zusammenarbeit mit Hofmann und dem evangelischen Pfarrer Breithaupt sowie mit Unterstützung zahlreicher Spender wurde ein Aufenthalt im Sommer 2002 möglich: 18 junge Israelis kamen mit dem Ehepaar Brunner in das kirchliche Begegnungszentrum Haus der Stille (Friedrich-Wilhelm-Krummacher-Haus) in Weitenhagen.[3] Ab da fanden alle 2 Jahre Besuche von Disraelis Gruppen in Weitenhagen und in Reichelsheim/Odenwald statt.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Projekt hat drei Schwerpunkte: Persönliche Kontakte, Abbau von Vorurteilen und Verständnis für die Situation Israels. Es soll dazu dienen, Verständigung und Freundschaft unter Israelis und Christen verschiedener Nationen zu fördern. Junge israelische Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 28 Jahren, die während ihres Militärdienstes durch Terrorattentate verwundet wurden, bekommen so die Möglichkeit, Organisationen und Privatpersonen in Deutschland zu besuchen. Bis zum Jahr 2010 konnten insgesamt mehr als 1.000 Israelis im Ausland Urlaub machen. Sie erhielten Einladungen von Gruppen und Einzelpersonen aus Amerika, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern.

Für den Holocaust-Überlebenden Ilan Brunner haben diese Beziehungen eine ganz besondere Bedeutung: „Dienen sie doch der Verwirklichung der Idee der Versöhnung zwischen unseren Völkern, ohne dabei die Vergangenheit zu vergessen. Diese Beziehungen bauen Brücken - Stück für Stück.“[4]

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Projekt stieß bei Christen und Gemeinden auf ein starkes Echo. Die erste Gruppe kam im Jahr 2002 auf Einladung von Pfarrer Wolfgang Breithaupt ins Haus der Stille nach Weitenhagen. Im Mai 2003 besuchte eine zweite Gruppe mit 20 jungen Israelis die ökumenische Kommunität Offensive Junger Christen e.V. (OJC) in Reichelsheim.[5][6] Im August 2004 reisten neun Mitarbeiter der OJC nach Israel, um die Disraelis zu besuchen, die im Frühjahr 2003 zu Gast in Reichelsheim gewesen waren, um den begonnenen Dialog fortzusetzen. Im Mai 2006 waren wieder 18 junge Israelis zu einem 10-tägigen Besuch bei der OJC.[7] Im März 2007 folgte ein weiterer Gegenbesuch von OJC-Mitarbeitern in Israel. Im Sommer 2007 luden OJC-Mitarbeiter zusammen mit Wolfgang und Elke Breithaupt vom Haus der Stille israelische „verwaiste“ Ehepaare, die ein Kind verloren haben, nach Weitenhagen ein. Im Jahr 2008 kam eine 18-köpfige Gruppe junger Israelis nach Reichelsheim.[8] Im Juli 2010 fand der vierte Besuch einer Gruppe junger Israelis bei der Offensive Junger Christen in Reichelsheim statt.[9] Anlässlich einer der ersten Gruppenreisen nach Weitenhagen schrieb der Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche, Hans-Jürgen Abromeit, ein Grußwort.[10]

Der christliche Brückenbauer- und Versöhnungsdienst Dienste in Israel lud im Jahr 2003 Terroropfer aus Israel nach Hannover ein, die in deutschen Familien zu Gast waren.[11] Im Frühsommer 2005 kamen 14 Disraelis auf Einladung des Vereins Israel Heute – Christen an der Seite Israels e.V. nach Kassel in Nordhessen.[12] Auch der christliche Verein Ebenezer Hilfsfonds Deutschland e.V., der sich zum Ziel gesetzt hat, Versöhnung zu fördern und Juden bei der Rückkehr nach Israel zu helfen, gehörte zu den Projektpartnern. Auf Einladung des Vereins Christen an der Seite Israels e.V. war im Mai 2004 eine Gruppe Disraelis zu Gast in der Region Kassel.[13] Auch Kirchengemeinden wie die Evangelische Kirchengemeinde Werben/Niederlausitz[14] und christliche Verbände wie der CVJM beteiligten sich am Disraelis-Projekt.

Daneben waren auch einige Städte und Kommunen Projektpartner von Disraelis. Im Juni 2007 besuchten 20 kriegsversehrte Soldaten die Stadt Schönebeck in Sachsen-Anhalt. Sie waren in Gastfamilien und beim CVJM untergebracht.[15] Anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht hielt Ilan Brunner einen Vortrag in der Georg-August-Zinn Schule in Reichelsheim.[16]

Im Juli 2009 fand eine Begegnung zwischen 20 jungen Disraelis und Mitgliedern der Hans Rosenthal Loge e.V. in Berlin statt.[17] Ferner unterstützen auch Bundeswehreinheiten, das Deutsche Verteidigungsministerium und die Deutsche Botschaft in Israel das Projekt.[18] Auch viele Privatpersonen und Familien luden seit Beginn des Projektes junge Israelis ein.[19][20][21]

Der MDR berichtete am 18. September 2004 in seiner Fernsehsendung „Glaubwürdig“ über das Disraelis-Projekt (Autor: Frieder Weigmann).[22]

Am 19. April 2014 feierte Ilan Brunner seinen 80. Geburtstag. Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, Andreas Michaelis, gratulierte ihm persönlich.[23]

Im Rahmen des OJC-Freundestages "Tag der Offensive" erhielt Ilan Brunner am 29. Mai 2014 in Reichelsheim den mit 3000 Euro dotierten ojcos-Stiftungspreis für sein großes Engagement in der Versöhnung zwischen Juden und Deutschen.[24]

Am 6. Mai 2015 wurde Ilan Brunner in der Deutschen Botschaft Tel Aviv von Botschafter Andreas Michaelis mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Diese Ehrung des Bundespräsidenten wurde ihm aufgrund seines Engagements für die Versöhnung zwischen Juden und Israelis und Deutschen verliehen.[25]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hilfe für israelische Terroropfer. haGalil.com, 22. März 2003, archiviert vom Original am 20. Oktober 2010; abgerufen am 20. Oktober 2010.
  2. Daniel ben Simon: My Independence Day - 1972: One hand, three generals. haaretz, 23. April 2007, archiviert vom Original am 15. Dezember 2010; abgerufen am 15. Dezember 2010.
  3. Uwe Siemon-Netto: Faith: German haven for wounded Israelis. United Press International, 17. Juli 2002, archiviert vom Original am 20. Oktober 2010; abgerufen am 20. Oktober 2010.
  4. Hilfe für israelische Terroropfer. haGalil.com, 22. März 2003, archiviert vom Original am 20. Oktober 2010; abgerufen am 20. Oktober 2010.
  5. Otto Josef: Suche nach dem Leben. FOCUS online, 23. Juni 2003, archiviert vom Original am 20. Oktober 2010; abgerufen am 20. Oktober 2010.
  6. Hans Sigrist: „Wir müssen den Deutschen verzeihen“. (PDF; 3,3 MB) Bausteine, Juni 2003, S. 18, archiviert vom Original am 22. Oktober 2010; abgerufen am 22. Oktober 2010.
  7. 18 Terroropfer zu Besuch in Reichelsheim/Odenwald. Newsletter der Botschaft des Staates Israel in Berlin, 26. Juni 2006, archiviert vom Original am 21. Oktober 2010; abgerufen am 21. Oktober 2010.
  8. Sonja Jordans: Alltag zwischen Krieg und Angst. Odenwälder Echo vom 9. Juli 2008, S. 9
  9. Wenn der Jordan die Gersprenz erreicht. Echo online, 14. Juli 2010, archiviert vom Original am 21. Oktober 2010; abgerufen am 21. Oktober 2010.
  10. Hans-Jürgen Abromeit: Grußwort. www.disraelis.org, archiviert vom Original am 25. Oktober 2010; abgerufen am 25. Oktober 2010.
  11. Terroropfer aus Israel zu Gast in deutschen Familien. Die Gemeinde, 23. Oktober 2003, archiviert vom Original am 22. Oktober 2010; abgerufen am 22. Oktober 2010.
  12. 14 DisraeliS in Kassel. Newsletter der Botschaft des Staates Israel in Berlin, 17. Juni 2005, archiviert vom Original am 21. Oktober 2010; abgerufen am 21. Oktober 2010.
  13. Hans-Jürgen Krug: „DisrealiS“ – verwundete Soldaten und Überlebende von Terroranschlägen zu Gast in Deutschland. Christen an der Seite Israels e.V., abgerufen am 8. Februar 2011.
  14. Benjamin Lassiwe: Wenn deutsche Normalität Erholung ist. Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche, 27. April 2006, archiviert vom Original am 21. Oktober 2010; abgerufen am 21. Oktober 2010.
  15. Olaf Koch: „Danke für eure humanitäre Hilfe“. Schönebecker Volksstimme, 26. Juni 2007, S. 7, archiviert vom Original am 22. Oktober 2010; abgerufen am 22. Oktober 2010.
  16. koe: Besuch aus Israel an der GAZ. GAZ Reichelsheim, 19. August 2010, archiviert vom Original am 8. Februar 2011; abgerufen am 8. Februar 2011.
  17. Michael Osipow: A meeting between injured Israeli Soldiers and Young Lodge members in Berlin. B'nai B'rith Europe, archiviert vom Original am 22. Oktober 2010; abgerufen am 22. Oktober 2010.
  18. Hannah Schubert: Kontinuität und Umbruch – Die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen. (PDF; 5,8 MB) In: 3/2004. ifa-Dokumente, 2004, S. 117, archiviert vom Original am 21. Oktober 2010; abgerufen am 21. Oktober 2010.
  19. Ilan Brunner: Berichte. www.disraelis.org, archiviert vom Original am 10. März 2005; abgerufen am 25. Oktober 2010.
  20. Thomas Lachenmaier: Eine heilsame Erfahrung. Factum 5/2010, S. 24–26
  21. Verständigung und Freundschaft. Frankenpost, 17. Oktober 2009, archiviert vom Original am 22. Oktober 2010; abgerufen am 22. Oktober 2010.
  22. Kirchenbote. In: Nr. 37. 12. September 2004, S. 8, archiviert vom Original am 15. Dezember 2010; abgerufen am 15. Dezember 2010.
  23. Den Austausch zwischen Israel und Deutschland fördern. (Nicht mehr online verfügbar.) Deutsche Botschaft Tel Aviv, 9. Mai 2014, ehemals im Original; abgerufen am 21. Mai 2015.@1@2Vorlage:Toter Link/www.tel-aviv.diplo.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  24. Ilan Brunner ist erster ojcos-Preisträger der Offensive Junger Christen. echo online, 1. Juni 2014, archiviert vom Original am 4. Juni 2014; abgerufen am 4. Juni 2014.
  25. Ilan Brunner mit Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. (Nicht mehr online verfügbar.) Deutsche Botschaft Tel Aviv, 14. Mai 2015, ehemals im Original; abgerufen am 15. Mai 2015.@1@2Vorlage:Toter Link/www.tel-aviv.diplo.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.