E-Mental-Health

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

E-Mental-Health ist die Anwendung neuer Medien bei der Behandlung und Vorbeugung psychischer Erkrankungen.[1] Es stellt einen Teilbereich von E-Health dar.

Angebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl psychosozialer Angebote, die sich der neuen Technologien bedienen, so zum Beispiel Psychoedukation durch Informationswebseiten, Onlineberatung, Onlineforen, Einzel- und Gruppenchats, Nachsorge per SMS, oder psychotherapienahe Interventionen wie E-Mail-Therapie oder computergestützte kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren (computerized Cognitive Behavioral Therapy, cCBT).

Psychoedukation und Selbsthilfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt inzwischen viele Gesundheitsportale und Websites, die Informationen zu psychischen Krankheiten liefern und/oder Diskussionsforen anbieten, wie zum Beispiel die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.[2][3]

Online-Angebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Je nach Art der psychischen Erkrankung gibt es heutzutage zahlreiche Online-Angebote, die bei der Vorbeugung, Diagnose, Behandlung und Überwachung der Krankheit unterstützen sollen.

Entscheidet sich ein Nutzer für eines der zahlreichen Online-Therapieprogramme, füllt dieser zu Beginn der Anwendungen einen diagnostischen Fragebogen aus. Wird eine psychische Erkrankung diagnostiziert, erhält der Nutzer erst einmal grundlegende Informationen zur Erkrankung. Daraufhin wird das individuelle Behandlungsprogramm auf Grundlage der Diagnose erstellt.

Die therapeutische Anwendung richtet sich vollkommen nach dem Krankheitsbild des Nutzers und wird an dessen Bedürfnisse angepasst. Die Bearbeitung der zur Verfügung gestellten individuellen Aufgaben und Übungen erfolgt allein durch den Nutzer. Dieser kann jedoch optional durch einen Online-Therapeuten unterstützt werden.[4]

Nachsorge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Online-Programme können sowohl zur Vorsorge, als auch zur Nachsorge verwendet werden.

Ein Beispiel für ambulante Online-Nachsorge ist das Projekt Internetbrücke der Forschungsstelle für Psychotherapie. Bei diesem Projekt werden ehemalige Patienten einer psychosomatischen Klinik über Online-Chatgruppen nachbetreut.[5][6]

Eine weitere Studie bestätigte zudem die Wirksamkeit der Nachsorgeprogramme im Bereich der Essstörungen. Bei dieser Art von Programmen erhalten die Patientinnen, die an Bulimie oder Essanfällen leiden, nach ihrer Entlassung regelmäßige Erinnerungsnachrichten auf ihr Smartphone. Hierbei konnte eine Verbesserung des gesundheitlichen Zustands bei 51,2 % der Teilnehmerinnen festgestellt werden.[7]

Vorteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verwendung unabhängig von Ort und Zeit
  • Anonymität
  • unbeschränkter Zugriff
  • Prävention
  • "geringe[r] Nutzungshemmschwelle"[4]

Wirksamkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Meta-Analyse (2009) zu internetbasierten psychologischen Therapien bei Depressionen ergab für diese eine positive Wirkung (durchschnittliche Effektstärke von d=0,41). Des Weiteren stellte man fest, dass therapeutisch unterstützte Interventionen („supported treatments“) bessere Erfolge erzielten (d=0,61) als reine Selbsthilfe-Programme ohne Unterstützung („unsupported treatments“, d=0,25).[8]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Bezug auf psychotherapienahe Angebote wird unter anderem diskutiert, inwieweit z. B. die Erstellung einer Diagnose oder der Aufbau einer therapeutischen Beziehung über das Internet möglich ist. Eine Gefahr wird darin gesehen, dass bei unzureichender Diagnostik eine nicht geeignete Behandlung erfolgen könnte. Zudem ist eine schnelle therapeutische Intervention wie z. B. eine Klinikeinweisung im Bedarfsfall kaum möglich. Aufgrund des rein schriftlichen Austauschs gehen andere Aspekte der Kommunikation (z. B. Modulation der Stimme, Blickkontakt etc.) verloren. Auch sind z. B. modular aufgebaute Internettherapien meist auf nur ein isoliertes Erkrankungsbild ausgerichtet, wogegen es in der Praxis häufig so ist, dass verschiedene Erkrankungen und Probleme nebeneinander bestehen. Zudem ergibt sich bei der Kommunikation im Internet das Problem der Datensicherheit (in der Berufsordnung für Psychotherapeuten wird dagegen absoluter Vertrauensschutz verlangt).[9] Im November 2009 wurde von der Landespsychotherapeutenkammer Hessen eine kritische Stellungnahme[10] zum Online-Therapie-Programm Deprexis in Reaktion auf einen Artikel der FAZ[11] veröffentlicht. Am 17. April 2010 wurde von der Landespsychotherapeutenkammer Hessen eine Resolution mit folgendem Wortlaut einstimmig beschlossen:

„Die Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen erfordert eine persönliche Beziehung zwischen Patient/in und Arzt/Ärztin, Psychologischem Psychotherapeuten/in oder Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten/in. Eine Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen ohne persönlichen Kontakt ist nicht mit der Berufsordnung vereinbar. Das Angebot nicht wissenschaftlich überprüfter Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten über das Internet und andere Medien wächst und es bedarf eines deutlichen Signals an die Öffentlichkeit, dass diese keine Alternative zur professionellen medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung darstellen.“[12]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2009 fand das erste internationale E-Mental-Health-Treffen in Amsterdam statt.[13] Anlässlich des Deutschland-Besuches von Prinz William und Herzogin Catherine im Juli 2017 hat die Britische Botschaft den Wettbewerb "Mental Health Hero" ausgerufen.[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Andersson, Pim Cuijpers: Internet-Based and Other Computerized Psychological Treatments for Adult Depression: A Meta-Analysis. In: Cognitive Behaviour Therapy. 38 (4), 2009, S. 196–205. doi:10.1080/16506070903318960.
  • Azy Barak, Liat Hen, Meyran Boniel-Nissim, Na’ama Shapira: A Comprehensive Review and a Meta-Analysis of the Effectiveness of Internet-Based Psychotherapeutic Interventions. In: Journal of Technology in Human Services. 26(2/4), 2008, S. 109–160. doi:10.1080/15228830802094429.
  • Stephanie Bauer, Hans Kordy (Hrsg.): E-Mental-Health. Neue Medien in der psychosozialen Versorgung. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-75735-1 (Rezension im Psychotherapeutenjournal. 4/2009, S. 398. online (PDF))
  • J. Bennett-Levy u. a. (Hrsg.): Oxford Guide to Low Intensity CBT Interventions. Oxford University Press, New York 2010, ISBN 978-0-19-959011-7. (verschiedene Kapitel zu E-Mental-Health)
  • Pim Cuijpers, Tara Donker, Robert Johansson, David C. Mohr, Annemieke van Straten, Gerhard Andersson: Self-Guided Psychological Treatment for Depressive Symptoms: A Meta-Analysis. In: PLOS ONE. 6 (6), 2011, e21274, doi:10.1371/journal.pone.0021274.
  • Christiane Eichenberg, Ralf Ott: Klinisch-psychologische Intervention im Internet. Review zu empirischen Befunden störungsspezifischer Angebote. In: Psychotherapeut. 57 (1), 2012, S. 58–69, doi:10.1007/s00278-011-0832-5.
  • Viola Spek, Pim Cuijpers, Ivan Nyklicek, Heleen Riper, Jules Keyzer, Victor Pop: Internet-Based Cognitive Behavior Therapy for Symptoms of Depression and Anxiety: A Meta-Analysis. In: Psychological Medicine. 37, 2007, S. 319–328, doi:10.1017/S0033291706008944.
  • Das Ich und das Netz. In: Die Zeit. Nr. 47/2007.
  • H. Thiart, D. Lehr, D. D. Ebert, M. Berking, H. Riper: Log in and breathe out: internet-based recovery training for sleepless employees with work-related strain – the results of a randomized controlled trial. In: Scand J Work Environ Health. doi:10.5271/sjweh.3478
  • Treffen im virtuellen Sprechzimmer. In: Die Zeit. Nr. 22/2017 vom 24. Mai 2017, abgerufen am 27. Mai 2017.
  • Internetbasierte Interventionsprogramme bei Depression: Vergleichbare Effektgrößen wie herkömmliche Therapie In: Deutsches Ärzteblatt. 2013; 110(26): A 1310−3, abgerufen am 9. Juni 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Depression lässt sich auch online mildern, Ärzte Zeitung online vom 14. Juni 2017, abgerufen am 19. Juni 2017
  2. Anne Blume, Ulrich Hegerl: Internetbasierte Kommunikation im Kompetenznetz „Depression, Suizidalität“: Erfahrungen und Chancen. In: Stephanie Bauer, Hans Kordy: E-Mental-Health. Neue Medien in der psychosozialen Versorgung. 2008.
  3. Stiftung Deutsche Depressionshilfe
  4. a b Chancen und Risiken beim Einsatz von neuen Medien in der Psychotherapie | Ausgabe 3/2014 - Medienpsychologie | In-Mind. Abgerufen am 3. Februar 2019.
  5. H. Kordy, V. Golkaramnay, M. Wolf, S. Haug, S. Bauer: Internetchatgruppen in Psychotherapie und Psychosomatik. Akzeptanz und Wirksamkeit einer Internet-Brücke zwischen Fachklinik und Alltag. In: Psychotherapeut. 51 (2), 2006, S. 144–153, doi:10.1007/s00278-005-0458-6.
  6. Stephanie Bauer, Markus Wolf, Severin Haug, Hans Kordy: The effectiveness of internet chat groups in relapse prevention after inpatient psychotherapy. In: Psychotherapy Research. 21 (2), 2011, S. 219–226, doi:10.1080/10503307.2010.547530.
  7. Bauer, S., Okon, E. & Meermann, R.: Nachsorge nach stationärer Psychotherapie für Essstörungen. Wirksamkeit eines SMS-basierten Programms. In: Psychotherapeut. Band 56, 2011, S. 509–515.
  8. Andersson & Cuijpers, 2009, PMID 20183695.
  9. Jürgen Hardt, Matthias Ochs: „Internettherapie“ – Chancen und Gefahren – eine erste Annäherung. In: Psychotherapeutenjournal. 1/2011, S. 28–32. psychotherapeutenjournal.de (PDF).
  10. Stellungnahme der Landespsychotherapeutenkammer Hessen zu Deprexis vom 25. November 2009; abgerufen am 4. Januar 2012
  11. Online-Therapie gegen Depressionen. In: FAZ, 8. September 2009; abgerufen am 4. Januar 2012.
  12. Resolution der Landespsychotherapeutenkammer Hessen vom 17. April 2010 abgerufen am 4. Januar 2012.
  13. ementalhealthsummit.com
  14. Preisträgerin vom "Mental Health Hero"-Wettbewerb ausgezeichnet, PM Bundesministerium für Gesundheit vom 20. Juli 2017, abgerufen am 3. August 2017