Ecclesia und Synagoge

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Figur der Ecclesia mit Krone, römischem Vexillum und Messkelch. Straßburg, Cathédrale Notre-Dame
Figur der Synagoga mit verbundenen Augen, zerbrochener Fahne und Gebotstafeln. Straßburg, Cathédrale Notre-Dame

Ecclesia und Synagoge, auch Ecclesia und Synagoga, sind zwei allegorische weibliche Figuren, die in der christlichen Ikonographie des Mittelalters personifiziert das Christentum und das Judentum symbolisierten. Gemäß dem Schema von Typus und Antitypus wurden sie meist paarweise gegenübergestellt.

Bedeutung und Herkunft der Bezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name der Figur Ecclesia ist eine kirchenlateinische Ableitung vom antiken griechischen Begriff für Volksversammlung (altgriechisch ἐκκλησία ekklēsía, Ekklesie) und wurde zunächst auf die Lokalgemeinde der Christen und im Mittelalter auf das Kirchengebäude sowie das Christentum insgesamt übertragen.[1]

Der Figurenname Synagoge leitet sich von seiner Ursprungsbedeutung ab, die vor allem im Mittelalter nicht nur den jüdischen Sakralbau, sondern auch die jüdische Gemeinde und das Judentum als Ganzes umfasste.[2] Im Ursprung geht das Wort auf eine altgriechische Bezeichnung für „Versammlung“ zurück. Gelegentlich wird irrtümlich angenommen, die allegorische Figur müsse im Unterschied zum Gebäude als „Synagoga“ bezeichnet werden. Synagoga ist jedoch lediglich eine Latinisierung des Wortes Synagoge, beide sind synonym und haben dieselbe Mehrfachbedeutung.[3]

Symbolik der Darstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beiden Figuren sind künstlerischer Ausdruck der Substitutionstheologie und zeigen das mittelalterliche Verständnis des Verhältnisses von Christentum und Judentum, das von starkem Überlegenheitsgefühl der christlichen Kirche gegenüber dem Judentum geprägt war.

Nach einer weiteren mittelalterlichen Deutung stellt Ekklesia das neutestamentliche Evangelium und Synagoge das alttestamentliche Gesetz dar. Das Figurenpaar von Ecclesia und Synagoge flankiert bei der üblichen Aufstellung an den Portalen von Kirchen meist eine Darstellung Jesu im Bogenfeld. Das Kirchenportal wird dadurch ikonographisch als Tür des Himmels bzw. des Heiles gekennzeichnet. Unter Bezugnahme auf das jesuanische Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1–13 EU) sind die beiden Frauengestalten dabei als „Bräute Christi“ zu deuten. Während die Ecclesia auf das himmlische Hochzeitsmahl vorbereitet erscheint, wendet sich die Synagoge in blindem Unverständnis ab. Wenn auch blind für das christliche Heilsgeschehen, so wird nach neutestamentlichem Verständnis der aus christlicher Sicht wahre Messias am Ende der Welt schließlich den Schleier von den Augen der Synagoge, der Allegorie des von Gott erwählten Volkes (Dtn 7,6–9 EU),[4] entfernen, um sie ebenfalls zum Heil zu führen (Röm 11,1–36 EU).

Figur der Ekklesia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ekklesia ist als eine schöne, stolze Frauenfigur dargestellt. Meist trägt sie eine Krone als Herrschaftszeichen, hält ein Kreuz als Zeichen für das Christentum und einen Kelch als Zeichen für den neuen Bund in ihren Händen. In der paarweisen Darstellung triumphiert Ekklesia über Synagoge.

Figur der Synagoge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Synagoge wird meist als schwache, geschlagene Frau und oft mit abgewandtem Gesicht gezeigt, die gegen die Ecclesia nicht bestehen kann. Dazu gehören die am Boden liegende Krone und die gebrochene Lanze als Symbole der abgegebenen Vorherrschaft an das Christentum. Über den Augen trägt sie eine Binde, als Illustration für die Blindheit des Judentums gegenüber Jesus von Nazaret als dem „Messias“. Darüber hinaus besitzt Synagoge oft weitere symbolische Attribute wie eine der Hand entgleitende Torarolle oder sie hält einen Ziegenkopf (als Symbol des Sündenbocks). Manchmal wird sie gemeinsam mit dem Teufel abgebildet.

Bekannte Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders bekannt sind die bildhauerischen Darstellungen von Ekklesia und Synagoge an der Kathedrale Notre-Dame in Paris, am Bamberger Dom, am Freiburger, am Straßburger Münster, an der Kathedrale Metz, der Liebfrauen-Basilika Trier.

Mittelalterliche Darstellung der Kirche („Regina Ecclesia“) mit den Gläubigen im Hortus Deliciarum

Eine Einzeldarstellung der Ecclesia findet sich im Hortus Deliciarum, einer zwischen 1175 und 1195 entstandenen Enzyklopädie der Herrad von Landsberg, die in lateinischer Sprache das theologische und profane Wissen der damaligen Zeit zur Belehrung für Klosterfrauen zusammenfasst. Die Darstellung „Das Gebäude der Kirche mit den Gläubigen“ zeigt die Kirche als ein Gebäude mit zwei Stockwerken. Oben ist die Kirche als Person, Königin und Mutter („Regina Ecclesia“) zu sehen, neben ihr die Apostel, Päpste, Bischöfe und Ordensvorsteher, welche in der Kirche lehren, unten die Jugend sowie der hörende Teil der Kirche. An den vier Ecken des Bildes werden in vier Kreisen je ein Prophet und Evangelist gezeigt, über dem Bau ist der Kampf zwischen guten und bösen Geistern dargestellt.

Codex Bruchsal 1, Bl. 31r, Badische Landesbibliothek

Der Codex Bruchsal 1, aus der Bruchsaler Bibliothek der Speyrer Bischöfe, enthält ein Blatt mit der Kreuzigungsszene, auf der das allegorische Gegensatzpaar Ecclesia (Christenheit) und Synagoga (Judenheit) dargestellt wird. Auf dieser Illumination des Evangelistars, eine um 1220 geschaffene Handschrift, schwebt die Ecclesia auf einer Muschel zur Rechten des Gekreuzigten (auf dem Bild links) und fängt mit einem Kelch das Blut aus seiner Wunde auf. Eine Fahne symbolisiert den Sieg über das Judentum. Auf der anderen Seite des Gekreuzigten trägt die Gestalt der Synagoga eine Augenbinde und hält zwei Marterwerkzeuge Christi, die Dornenkrone und den Essigstab, in den Händen.

Statue.cathedrale.Strasbourg.2.png Statue.cathedrale.Strasbourg.png
Ecclesia und Synagoga
Straßburger Münster um 1230

Spätere Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl seit der Reformation die Verwendung dieses Bildmotivs deutlich abnahm, findet es sich in nicht wenigen Fällen (ca. 30) in Kirchenbauten aus dem Deutschen Kaiserreich (z. B. Gnadenstuhlmosaik in der Sakramentskapelle der Basilika Maria Laach 1910–1912; Hauptportaltympanon der Heilig-Kreuz-Kirche (Dortmund) 1914–1916; Chorbogen in der Herz-Jesu-Kirche (Berlin-Prenzlauer Berg) 1911–1927; St. Lamberti (Münster) 1911; auch an der Kirche S. Pierre-le-Jeune in Strasburg um 1900). 1932/33 wurde das Motiv vom Maria Laacher Künstlermönch Notker Becker für die Anstaltskirche zur Hl. Familie in Branitz/tschechische Grenze aufgegriffen.[5] Aber auch nach dem Zäsurjahr 1945 (Ende des Nationalsozialismus) und in einer Zeit zunehmender theologischer Neubewertung des Verhältnisses zum Judentum ist die Figur der Synagoge mit dem zerbrochenen Stab noch in mindestens einem Dutzend Fällen anzutreffen, z. B. am Hochaltar des Passauer Doms (1947–1953 durch den Bildhauer Josef Henselmann; Relief Steinigung des hl. Stephanus), auf einem Glasfenster der Kirche Namen Jesu (Wien) (1950 durch den Künstler Oswin Amann; zusätzlich Abbildung eines zerfallenen Synagogengebäudes) oder auf dem Ambo im Mönchengladbacher Münster (1991 durch den Bildhauer Elmar Hillebrand). Darstellungen, die das erneuerte Verhältnis zwischen Juden und Christen reflektieren und auch auf negative Konnotationen verzichten, sind auf einem Glasfenster der Kirche St. Barbara in Bonn-Ippendorf zu sehen (1995 durch den Glasmaler Paul Weigmann, Synagoge hält eine Thorarolle) wie auch bei der Statue (1999) des Bildhauers Franz Hämmerle in der Versöhnungskirche (Dachau).[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernward Dörner: Art. Ecclesia und Synagoga (Darstellungen im Mittelalter). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 7 Literatur, Film, Theater und Kunst. de Gruyter, Berlin 2015, S. 85–87.
  • Maria Heinsius: Der Paradiesgarten der Herrad von Landsberg. Ein Zeugnis mittelalterlicher Kultur- und Geistesgeschichte im Elsass. Alsatia Verlag, Paris/ Freiburg im Breisgau 1968.
  • Herbert Jochum (Hrsg.): Ecclesia und Synagoga. Das Judentum in der christlichen Kunst. Ausstellungskatalog Alte Synagoge Essen. Regionalgeschichtliches Museum Saarbrücken, Ottweil 1993.
  • Alfred Raddatz: Die Entstehung des Motivs "Ecclesia und Synagoge". Geschichtliche Hintergründe und Deutung. Dissertation. Humboldt Universität, Berlin 1959.
  • Nina Rowe: The Jew, the cathedral and the medieval city. Synagoga and Ecclesia in the thirteenth century. Cambridge 2011.
  • Wilhelm Stählin: Ekklesia und Synagoge. In: Das Christentum und die Juden. (= Arbeiten der Melanchthon-Akademie Köln. Band 1). Köln 1966, S. 101–105.
  • Markus Thurau: Art. Ecclesia und Synagoga (Darstellungen nach 1945). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 7: Literatur, Film, Theater und Kunst. de Gruyter, Berlin 2015, S. 87f.
  • Marie-Theres Wacker: Ecclesia und Synagoga im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. (= Franz-Delitzsch-Vorlesung 2017). Münster 2018, ISBN 978-3-947760-00-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ekklesia und Synagoge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden. Band 5: Das Fremdwörterbuch. Duden-Verlag, Mannheim 2007.
  2. Meyers Großes Universallexikon. Band 13, Bibliographische Institut Mannheim, 1985.
  3. Duden online. Bibliographisches Institut, Berlin, abgerufen am 5. Juli 2014.
  4. siehe auch: (Dtn 28,10 EU), (Dtn 32,9–12 EU), (Dtn 33,29 EU), (Joh 4,22 EU)
  5. Marie-Theres Wacker: Ecclesia und Synagoga im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Münster 2018.
  6. Markus Thurau: Ecclesia und Synagoga (Darstellungen nach 1945). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 7: Literatur, Film, Theater und Kunst. de Gruyter, Berlin 2015, S. 87 f.; vgl. dazu die Tabelle mit insgesamt 16 Belegen nach 1945 in Wacker: Ecclesia und Synagoga. 2018.