Eduard Baltzer

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Eduard Baltzer
Gedenktafel in der Baltzerstraße in Nordhausen

Eduard Baltzer (* 24. Oktober 1814 in Hohenleina; † 24. Juni 1887 in Durlach) war ein deutscher Demokrat und evangelischer Theologe. Er gründete den ersten Vegetarier-Verein in Deutschland und war der erste Präsident des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands. 1852 prägte er den Begriff der „Jugendweihe“.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Studium der Evangelischen Theologie 1834–1838 wurde Baltzer 1841 Diakonus und Hospitalprediger in Delitzsch. 1842 schloss er sich den „Protestantischen Freunden“ (Lichtfreunde) an, die sich zur Verteidigung des Rationalismus gegen die in Preußen aufziehende Neuorthodoxie gebildet hatten. Wegen seiner Gegnerschaft gegen das Apostolikum verweigerte der Regierungspräsident in Merseburg 1845 seine Wahl als Pfarrer an die St.-Ulrichs-Kirche in Halle (Saale). Eine zunächst bestätigte Wahl an die Nikolaikirche in Nordhausen wurde vom Kultusministerium in Berlin aufgehoben. Nach Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten gab er im Januar 1847 sein Pfarramt auf und gründete mit Kirchenvorstehern und Gemeindegliedern der Nikolaikirche die Freie Protestantische Gemeinde Nordhausen, als deren Prediger und Vorsteher er bis 1881 wirkte. Trotz des sogenannten März-Edikt von 1847, das die Rationalisten aus der Amtskirche herausdrängen sollte, war die erste Zeit der Gemeinde, aber auch die Jahre der Reaktionsära nach 1849, von heftigen Konflikten mit den Behörden geprägt, unter anderem um die Gründung eines Fröbelkindergartens. Baltzer vermerkte hierzu:

„Unsere freie Gemeinde, welche sich offen zu den innersten Grundsätzen dieser Erziehungsweise bekennt, hat die Kindergärten allein und besonders den freien Gemeinden empfohlen. Im Kindergarten ist in Allem, was geschieht, die Freiwilligkeit die treibende Kraft, wie sie der Grundsatz unserer freien Gemeinde im Großen ist.“[1]

1848 nahm Baltzer am Vorparlament der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche teil und war anschließend Abgeordneter der konstituierenden Preußischen Nationalversammlung in Berlin.

Wie die meisten weiteren unabhängigen Gemeinden wandte sich die Nordhäuser Gemeinde unter Baltzer bald vom protestantischen Rationalismus ab und einer pantheistischen Naturreligion zu. Christliche Feste wurden in der Freireligiösen Bewegung fortgeführt, aber umgedeutet, etwa die Konfirmation zur Jugendweihe. 1859 wurde Eduard Baltzer zum ersten Präsidenten des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands gewählt.

Durch einen bereits vegetarisch lebenden Amtskollegen bekam Baltzer 1866 Kenntnis von der Schrift Theodor Hahns Das praktische Handbuch zur gesunden Lebensweise. Er wurde Vegetarier und gründete Ostern 1867 in Nordhausen den „Verein für natürliche Lebensweise“, der rasch wuchs.[2] Auf der Vereinssitzung vom 9. Juli 1868 wurde die Umbenennung in „Deutscher Verein für natürliche Lebensweise“ beschlossen,[3] ab dem 19. Mai 1869 nannte man sich „Deutscher Verein für naturgemässe Lebensweise“.[4]

In den Jahren 1867–1872 verfasste Baltzer unter dem Titel Die natürliche Lebensweise ein vierbändiges Werk,[5] in dem er den Vegetarismus religiös, moralisch, politisch, volkswirtschaftlich und gesundheitlich zu begründen versucht. Baltzer entwarf darin die Utopie der Entstehung eines neuen und höheren Menschengeschlechts, das sich durch die Vermeidung des Verzehrs von Fleisch und eine naturgemäße Lebensweise „zum Wahren, Richtigen und Guten“ entwickelt, um sich schließlich „Gott zu nähern“. Auch sah er in der seiner Rechnung nach billigeren vegetarischen Kost die Möglichkeit, die ärmere Bevölkerungsschicht besser zu ernähren.[6]

Das von Baltzer ab Juni 1868 herausgegebene Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer) war die erste Zeitschrift der vegetarischen Bewegung in Deutschland. Nach dem Tod Baltzers wurde mit Thalysia ein neuer Name für das Blatt gewählt. Baltzer nannte Thalysianismus die „natürliche Lebensweise“ der Vegetarier, nach Thalysia, dem antiken Erntedankfest zu Ehren der Demeter und des Dionysus.

Drei Jahre vor seinem Tod wurde er zu einem Monat Festungshaft verurteilt, weil er in einem Zeitungsartikel den Kronprinzen wegen dessen Teilnahme an einer Hetzjagd der Barbarei bezichtigte.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Delitzsch – Halle – Nordhausen oder mein Weg aus der Landeskirche in die freie protestantische Gemeinde, Nordhausen 1847
  • Deutsche Kirche. Mitteilungen aus der freien Gemeinde in Nordhausen, Nordhausen 1847
  • Alte und neue Weltanschauung. Vorträge, gehalten in der freien Religionsgemeinde zu Nordhausen, Nordhausen 1850–1859
  • Von der Arbeit. Oder die menschliche Arbeit in persönlicher und volkswirthschaftlicher Beziehung. Erste Ausgabe, Nordhausen 1864
  • Die natürliche Lebensweise 1. Teil: Der Weg zur Gesundheit und sozialem Heil, Nordhausen 1867
  • Die natürliche Lebensweise 2. Teil: Die Reform der Volkswirthschaft vom Standpunkte der natürlichen Lebensweise, Nordhausen 1867
  • Pythagoras, der Weise von Samos. Ein Lebensbild, Nordhausen 1868 (Reprint Heilbronn 1991. ISBN 3-923000-58-8)
  • Die natürliche Lebensweise 3. Teil: Briefe an Virchow über dessen Schrift „Nahrungs- und Genußmittel“, Nordhausen 1868
  • Gott, Welt und Mensch. Grundlinien der Religionswissenschaft in ihrer Stellung und Gestaltung systematisch dargelegt, Nordhausen 1869
  • Die natürliche Lebensweise 4. Teil: Vegetarianismus in der Bibel, Nordhausen 1872
  • Es lebe das Vegetariat – Vegetarismus und soziale Reform, Nordhausen 1873
  • Ideen zur socialen Reform, Nordhausen 1873
  • Apollonius von Tyana. Aus dem Griechischen des Philostratus, Rudolstadt 1883 (Nachdruck, Aalen 1970)
  • Vegetarianisches Kochbuch für Freunde der natürlichen Lebensweise
  • Erinnerungen – Bilder aus meinem Leben, Frankfurt a. M. 1907
  • Georg Herrmann (Hrsg.): Eduard Baltzer: Theologe und Revolutionär. Bilder aus meinem Leben. – Zur Jahrhundertfeier der Gründung des Bundes freireligiöser Gemeinden Deutschlands (= Die kleinen Kulturzeitschriften, Folge 4), Konstanz 1959

Ehrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baltzerbrunnen in Nordhausen, 1924

Der Bildhauer Adolf Jahn schuf im Jahre 1910 für Nordhausen einen Eduard-Baltzer-Brunnen, der bei den Luftangriffen auf die Stadt im April 1945 zerstört wurde.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Eduard Baltzer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitiert nach Karl Nacke: Ueber die äußeren Angelegenheiten der Volksschulen und ihrer Lehrer. In: Karl Nacke (Hrsg.): Pädagogischer Jahresbericht für Deutschlands Volksschullehrer. Siebter Band, Leipzig 1853, S. 355 f.
  2. Eva Barlösius: Naturgemäße Lebensführung. Zur Geschichte der Lebensreform um die Jahrhundertwende, Frankfurt 1997, S. 36–47; Hans-Jürgen Teuteberg: Zur Sozialgeschichte des Vegetarismus. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 81, 1994, S. 48 f.
  3. Eduard Baltzer: Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer), Nr. 2, 1. August 1868. In: Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer) 1868–1870, Nordhausen 1870; S. 26. PDF-Volltext, 114 MB.
  4. Eduard Baltzer: Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer), Nr. 10, 7. Juni 1869. In: Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise (Vegetarianer) 1868–1870, Nordhausen 1870; S. 145. PDF-Volltext, 114 MB.
  5. International Vegetarian Union (IVU): Eduard Baltzer (1814–1887)
  6. Claus Leitzmann: Vegetarismus: Grundlagen, Vorteile, Risiken., 4. Auflage, C. H. Beck 2012; S. 34–35. ISBN 978-3-406-64194-7.
  7. NordhausenWiki: Baltzerbrunnen. Abgerufen am 6. August 2016.