Eginald Schlattner

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Eginald Schlattner (2015)

Eginald Norbert Schlattner (* 13. September 1933 in Arad, Königreich Rumänien) ist ein deutsch-rumänischer Pfarrer und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlattner wuchs in Făgăraș am Fuße der Karpaten auf. 1952 legte er sein Abitur in Brașov ab und studierte anschließend evangelische Theologie, Mathematik und Hydrologie in Cluj. Dort initiierte er einen deutschsprachigen Literaturkreis mit über 100 Mitgliedern. Er schrieb für deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften und hatte zwei Prosaarbeiten (Gediegenes Erz und Odem) verfasst, die 1957 im rumänischen Staatsverlag für Literatur und Kunst (Editura de Stat Pentru Literatura și Arta, ESPLA) erscheinen sollten. Aufgrund seiner Verhaftung im Dezember 1957 konnten die Texte nicht erscheinen. Schlattner war zwei Jahre in einem Gefängnis des rumänischen Geheimdienstes, der Securitate, inhaftiert. In dieser Zeit wurde er zum Zeugen der Anklage im Kronstädter Schriftstellerprozess aufgebaut. 1959 wurde Schlattner wegen „Nichtanzeige von Hochverrat“ verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete er als Tagelöhner und später als Ingenieur. 1973 nahm Schlattner noch einmal das theologische Studium auf. Er ist als evangelischer Pfarrer in Roșia bei Hermannstadt und als Gefängnisseelsorger für evangelische Gefangene in rumänischen Gefängnissen tätig.

Seine drei bisher erschienenen Romane behandeln in autobiographisch angelehnter Art das Leben der Rumäniendeutschen, besonders aber der Siebenbürger Sachsen im 20. Jahrhundert. Die Werke sind von teils skurrilen Gegebenheiten und Wandlungen der Figuren gekennzeichnet. Maßgebliche Persönlichkeit ist jeweils ein Knabe oder junger Siebenbürger Sachse bürgerlicher Herkunft, in dem der Leser Züge des Autors erkennen kann. Seine Werke wurden vom überregionalen Feuilleton hoch gelobt.

In seinen Romanen, die mittlerweile in acht Sprachen übersetzt sind, erhebt Eginald Schlattner keinen Anspruch auf historisch dokumentierte Abbildungen. Inwieweit die Kritiker der modernen Erzähltechnik einer fiktionalen Romanwirklichkeit mit autobiographischen Zügen gerecht werden, wird intensiv diskutiert. Sein erster Roman, Der geköpfte Hahn, der in die 9. Auflage geht, wurde 2006/07, sein Roman Rote Handschuhe 2009/2010 von Radu Gabrea verfilmt.

Nach dem Erscheinen des Romans Rote Handschuhe (2001), in dem Eginald Schlattner die Hauptfigur ihre Situation als Gefangene der Securitate beschreiben lässt, wurde seine Rolle im Kronstädter Schriftstellerprozess Ende der 1950er Jahre sehr kontrovers diskutiert (u. a. im Spiegel, der Siebenbürgischen Zeitung, der NZZ, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie im Hörfunk des Österreichischen Rundfunks). Schlattner war zwei Jahre in Untersuchungshaft. Aus den Folterverhören dieser Zeit gingen Protokolle hervor, die in der Verhandlung gegen die fünf Autoren Wolf von Aichelburg, Hans Bergel, Harald Siegmund, Andreas Birkner und Georg Scherg – neben zahlreichen weiteren Beweismaterialien – verwendet wurden. Der politische Prozess trug Züge eines Schauprozesses nach stalinistischem Vorbild. Er sollte zur Destabilisierung der rumäniendeutschen Gemeinschaft beitragen, indem „Opfer“ und „Täter“ inszeniert wurden. Schlattner wurde die Rolle des „Verräters aus den eigenen Reihen“ zugeschrieben, die bis heute – trotz neuer Erkenntnisse – die Bewertung von Person und Werk prägt.

2016 erschien im Böhlau-Verlag die Untersuchung Die Unentrinnbarkeit der Biographie der Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick. Die Autorin weist darin unter anderem nach, wie nicht gesicherte sowie manipulierte Informationen zu Eginald Schlattner Einzug in Standardwerke hielten und die Werkrezeption nachhaltig beeinflussten.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michaela Nowotnick: Die Unentrinnbarkeit der Biographie. Der Roman „Rote Handschuhe“ von Eginald Schlattner als Fallstudie zur rumäniendeutschen Literatur. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2016, ISBN 978-3-412-50344-4.
  • Michaela Nowotnick: Es ging uns nicht um die Zukunft des Regimes, sondern um unsere Zukunft im Regime. Eine Untersuchung zum Literaturkreis der deutschen Studenten in Klausenburg / Literaturkreis Josef Marlin (1957–1958). In: Spiegelungen, 6 (60) Jg., Heft 3, 2011, S. 277–289.
  • Michaela Nowotnick: „95 Jahre Haft“. Kronstädter Schriftstellerprozess 1959: Darstellungsformen und Deutungsmuster der Aufarbeitung. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 24. Jg., Heft 1–2, 2012, S. 173–181.
  • William Totok: Empathie für alle Opfer. Eginald Schlattner, ein Leben in Zeiten diktatorischer Herrschaft. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 24. Jg., Heft 1–2, 2012, S. 181–198.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]