Enthornung

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Unter Enthornung versteht man das Zerstören von Hornanlagen bei horntragenden Tieren, z. B. Rindern, Schafen und Ziegen, in der Vieh haltenden Landwirtschaft. Die Enthornung wird im Wesentlichen bei Rindern durchgeführt. Auch in ca. 70 % der Bio-Betriebe wird die Enthornung praktiziert.

Begründungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In modernen Haltungsverfahren für Rinder werden die Tiere in Ställen frei laufend gehalten (Laufstall). Da Rinder wegen ihrer Hörner einen gewissen Mindestabstand zueinander einhalten, benötigen die Tiere in Laufställen mehr Platz. Hornlose Rinder halten weniger Abstand zueinander, wodurch die Ställe kleiner und die Kosten geringer gehalten werden können.

Durch Verletzungen am Horn (Hornbruch) ist es manchmal nötig, das verletzte Horn des Tieres zu entfernen.

Bei Einzeltieren kann es im Alter vorkommen, dass die Hornspitzen in den Schädel einwachsen können. Um dies zu verhindern, werden hier oftmals die Hörner abgesägt.

Ein weiter genannter Punkt ist die angeblich erhöhte Anzahl der Kämpfe zur Rangordnung in Rinderherden, die bei horntragenden Rindern weiter verbreitet seien und heftiger geführt würden als bei hornlosen Tieren, was eine zusätzliche Verletzungsgefahr darstellen würde. Wissenschaftliche Untersuchungen[1][2] zeigen jedoch, dass die Anzahl der Rangkämpfe bzw. die Auseinandersetzungen insgesamt bei Herden horntragender Kühe weniger häufig sind.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enthornungen von Kühen werden in Deutschland spätestens seit dem Ende des Mittelalters vorgenommen. Eine Polizeiordnung von 1497 der damals unter Nürnberger Herrschaft stehenden Stadt Altdorf schreibt dies sogar bei Strafandrohung vor: Item man soll auch den Kuen die hörrnner abschneyden, das eine der andern nit schaden thue. Unnd wo man spitzige hörrnner findt, den will man straffen von einer jeden Kue umb 60 Pfg. [3]

Gesetzliche Regelungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut deutschem Tierschutzgesetz (TierSchG) sind Eingriffe an Tieren ohne Betäubung nicht zulässig. Abweichend davon dürfen Kälber bis zum Alter von sechs Wochen ohne Betäubung enthornt werden. Die Unfallverhütungsvorschrift der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft "VSG 4.1 Tierhaltung" verlangt in § 10 (16), dass Kälber von Rinderrassen, von denen aufgrund ihrer Hörnerbildung und der Art der Tierhaltung eine zusätzliche Gefahr ausgeht, gegen Hörnerbildung zu behandeln sind. Die Durchführungsanweisung zu diesem Punkt beschreibt, dass diese zusätzliche Gefahr z. B. bei der Mastbullenhaltung oder der Haltung in Laufställen auftreten könne. Diese Vorschrift ist für alle bei der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft versicherten Betriebe bindend.

In Österreich ist nach Inkrafttreten der Novelle der 1. Tierhaltungsverordnung im Oktober 2017 die Enthornung oder das Zerstören der Hornanlage zulässig, wenn

  • der Eingriff bei Kälbern unter 6 Wochen durch eine sachkundige Person und unter Einsatz von Sedierung, Lokalanästhesie und postoperativ wirksamer Schmerzmittel durchgeführt wird oder
  • der Eingriff durch einen Tierarzt unter Einsatz von Sedierung, Lokalanästhesie und postoperativ wirksamer Schmerzmittel durchgeführt wird.[4]

Auch Bio-Betriebe dürfen enthornen. Der Bio-Verband Demeter verbietet die Enthornung.[5]

Methoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Methode ist die Verwendung eines Brenneisens, mit dem die Hornanlagen ausgebrannt werden. Durch das heiße Brenneisen wird gleichzeitig die dabei entstehende Wunde kauterisiert, wodurch Blutungen gestillt und desinfiziert werden. Üblicherweise verwachsen diese Wunden relativ problemlos und vernarben schnell.

Eine weitere Methode ist der Ätzstift. Dabei wird die Hornanlage mit einem ätzenden Medium (etwa Natriumhydroxid) verätzt und damit zerstört. Dieses Verfahren ist nicht so sicher wie das Ausbrennen, durch herunterlaufende Ätzflüssigkeit kann die Haut oder die Augen der Tiere verletzt werden. Die Zulassung für den Ätzstift ist in Deutschland allerdings weggefallen. Somit ist die Anwendung nicht mehr erlaubt.

Neben diesen Methoden, die nur bei Kälbern Anwendung finden, kann es nötig sein, auch bereits ausgewachsene Tiere zu enthornen (Hornverletzung, Neueinstallung in eine Gruppe enthornter Rinder etc.). Die Enthornung älterer Rinder, bei denen die Entwicklung der Hörner schon abgeschlossen ist, wird mit einem Sägedraht vorgenommen. Während die Zerstörung der Hornanlagen bei Kälbern auch von den Tierhaltern (Landwirten) selbst vorgenommen wird, muss die Enthornung älterer Tiere von einem Tierarzt durchgeführt werden - die nach deutschem Recht (TierSchG) vorzunehmende Schmerzausschaltung (in diesem Fall meistens allgemeine Sedierung und lokale Anästhesie der die Hörner versorgenden Nervenäste) darf nur von Tierärzten vorgenommen werden.

Um die Hornlosigkeit in bewährte Milchviehrassen wie zum Beispiel Holstein einzuführen, sind sehr aufwendige Zuchtprogramme notwendig, um die erwünschten Eigenschaften für eine gute Milchleistung in den hornlosen Nachkommen zu erhalten. Als Alternative wurde im Jahr 2016 erstmals die Enthornung durch Genome Editing beim Holstein-Rind mit Erfolg durchgeführt.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ökolandbau-Verband Demeter, der die Enthornung wie auch die Zucht auf Hornlosigkeit untersagt, vertritt die Ansicht, die Hörner seien unabdingbar für die Verdauung und den Stoffwechsel der Tiere. Erste Versuche einer Hornloszucht werden von dem Verband ebenfalls als Einmischung in das Ökosystem verurteilt. Außerdem soll die Milch behornter Kühe weniger Allergene beinhalten, was besonders für Menschen mit Milchallergie wichtig sein könne; dies ist allerdings wissenschaftlich nicht bewiesen. Zudem wird das Sozialverhalten beeinträchtigt, da die Hörner auch der Kommunikation untereinander dienen.[6]

Gegen eine Enthornung spricht auch die Einschränkung der Kuh in der Regulierung ihres Wärmehaushaltes.[7] Der Einfluss der Horngröße auf den Wärmehaushalt wird bereits seit geraumer Zeit vermutet. Hier beobachtet man eine Zunahme der Länge und des Umfangs der Hörner in Abhängigkeit von der Temperatur. Je heißer also das Klima ist, desto größer sind die Stirnbeinfortsätze / Hörner der Wiederkäuer. Dies ist besonders gut bei Antilopen und Rinderrassen in Afrika und Asien zu sehen. Insofern spielt das Horn gerade auch für Weidekühe im Sommer eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden.

Grundsätzlich verboten ist die Enthornung außer bei Demeter nur noch bei Neuland. Der Verband Gäa sowie einige weitere Verbände und Marken (Bioland, Naturland, Biokreis u. a., teilweise auch Eigenmarken von Supermärkten[8]) gestatten sie ausschließlich in Einzelfällen und nur nach ausdrücklicher Genehmigung (Stand 2015), von der allerdings unterschiedlich häufig Gebrauch gemacht wird. Teilweise wächst jedoch auch in manchen Bio-Betrieben das Interesse für eine Zucht auf Hornlosigkeit.

Enthornung wird auch von Tierrechtsorganisationen kritisiert. So fordert die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt ein Verbot der betäubungslosen Enthornung, da diese Praktik zu den schmerzhaftesten Eingriffen bei landwirtschaftlich genutzten Tieren zähle.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Graf, B.: Aktivitäten von enthornten und nicht enthornten Milchkühen auf der Weide. ETH Zürich, Zürich 1974.
  2. Menke, C., Waiblinger, S., Fölsch, D.W., Wiepkema, P.R.: Socialbehaviour and injuries of horned cows in loose housing systems. Animal Welfare 8, S.36-39, 2016.
  3. Hans Recknagel (mit Erika Recknagel): Häuserchronik der Altdorfer Altstadt. Altnürnberger Landschaft e.V., Neuhaus 2009, ISBN 978-3-00-027611-8, S. 269.
  4. Gesamte Rechtsvorschrift 1. Tierhaltungsverordnung, Rechtsinformationssystem des Bundeskanzleramts der Republik Österreich, abgerufen am 26. Juli 2017
  5. Demeter-Kühe haben Hörner, Demeter e.V., abgerufen am 26. Juli 2017
  6. Demeter verzichtet auf das Enthornen von Rindern. topagrar online, 30. Juli 2013; abgerufen am 21. Dezember 2014.
  7. Baars, Ton: SHörner und Wärmeregulierung - Schlüsse aus Hornformen und Wärmebildern. Lebendige Erde 3/2016, S.243-258, 1999.
  8. http://www.kuhplusdu.de/files/Milchratgeber_Welttierschutzgesellschaft-eV.pdf Milchratgeber der Welttierschutzgesellschaft e.V., abgerufen Januar 2015
  9. Milchkühe. Vermeidbarkeit und Forderungen. Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt; abgerufen am 8. Dezember 2015.