Eric Heinz Lenneberg

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Eric Heinz Lenneberg (* 19. September 1921[1] in Düsseldorf, gestorben am 31. Mai 1975 in White Plains, Westchester, New York, Vereinigte Staaten; in Deutschland häufiger als Eric H. Lenneberg[2] abgekürzt) war ein in Deutschland geborener US-Neurologe und Linguist. Lenneberg war einer der bekanntesten Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts und gilt als Mitbegründer der Biolinguistik. Sein wissenschaftlicher Einfluss in Deutschland war wohl eher unbedeutend. Von 1935 bis 1945 lebte er in Brasilien, wohin er als Jude mit seiner Familie vor den Nazis geflohen war.[3]

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Kindheit verbrachte er (bis 1933) in Düsseldorf. Dort besuchte er die Volksschule.

Er studierte (nach dem Aufenthalt in Brasilien) in den Vereinigten Staaten. Er machte seinen B.A. 1949 in Chicago und studierte dort Linguistik weiter[4].

Als Professor für Psychologie und Neurobiologie lehrte er an der Harvard Medical School, an der University of Michigan und an der Medical School der Cornell University mit den Forschungsschwerpunkten Spracherwerb und kognitive Psychologie.[5] Als Wissenschaftler war er in den USA Mitglied in mehreren wissenschaftlichen Organisationen; durch die Zusammenarbeit z. B. mit Noam Chomsky und George A. Miller war er ein angesehener Forscher.

In seinem Buch Biologische Grundlagen der Sprache (einziges Buch in deutscher Übersetzung) propagierte er die These von der „kritischen Periode“[6][7] in der Sprachentwicklung; ein Sachverhalt, der weltweit kontrovers diskutiert wurde und wird – häufig auch als Zeitfenster[8] bezeichnet[9]. Wer mit 14 Jahren nicht sprechen gelernt habe, würde es nie mehr (vollständig) erlernen, meinte Lenneberg. Die „Lateralisation des Gehirns[10][11] sei in diesem Alter eben vollzogen – und eine Verletzung des Sprachzentrums könne in diesem Alter den Verlust der Sprache bedeuten, wo er vorher noch kompensiert werden konnte[12]. Einfach ausgedrückt: "Wir müssen annehmen, dass das Vermögen des Kindes, Sprache zu lernen, eine Folge der Reifung ist (...) Primäre Sprache[13] kann nicht auf allen Altersstufen mit gleicher Leichtigkeit erworben werden."[14] Der Linguist David Crystal schreibt u. a.[15], die Hypothese von der kritischen Periode sei umstritten, da die pathologischen Beweise ungenau seien. Auch die Argumentation innerhalb der Sprachentwicklung sei alles andere als eindeutig. Selbst die Neuropsychologie gebe zu bedenken, dass die Lateralisation des Gehirns lange vor der Pubertät abgeschlossen, womit die Eingrenzung der "kritischen Periode" sehr ungenau sei. Die Beziehung zwischen Lateralisierung und Sprache sei uneindeutig. So wiesen auch Hannelore Grimm und Sabine Weinert[16] darauf hin, dass ältere Annahmen zur Lateralisierung unkorrekt seien, da es schon bei Neugeborenen erste Entwicklungen im Sinne der Lateralisierung gebe. Trotzdem ist nicht zu bestreiten, dass Lenneberg mit seinen zahlreichen Publikationen und Forschungen die Diskussion zum Spracherwerb ungemein bereichert hat.

Lenneberg wandte sich auch gegen Annahmen im Werk von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf[17], speziell gegen die Behauptung, Sprache beeinflusse das Denken. Die These war in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland unter Wissenschaftlern und Pädagogen sehr beliebt. Lenneberg meinte, bevor man zwei Sachverhalte in Beziehung setze, müssten sie zuvor getrennt als solche beschrieben werden können.

Obwohl Lenneberg in den USA ein angesehener Wissenschaftler war, blieb sein Einfluss in Deutschland begrenzt. So wurde sein Hauptwerk Biologische Grundlagen der Sprache in Deutschland erst drei Jahre vor seinem Tod publiziert.

In vielen Ländern aber war Lenneberg als Sprachwissenschaftler bekannt und geschätzt. In Recife (Brasilien) hatte er eine Gastprofessur. Er war Lektor an der Academia Nacional de Neurologie do Brasil, Vorsitzender der Tübinger Tagung zu „Language as Behavior“ am Max-Planck-Institut; er war ständiges Mitglied des Internationalen Symposiums für Neuropsychologie und Teilnehmer an der Konferenz zur Mentalen Retardadion und Berater der UNESCO. 1964–1965 war er Gastdozent für Psychologie an der Universität Zürich.[4] 1975 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.[18]

Publikation (Übersetzung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Englische Titel (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Biological Foundations of Language. New York: John Wiley & Sons, 1967. ISBN 0-471-52626-6
  • The Capacity of Language Acquisition in Fodor and Katz, 1964. Fodor, Jerry and Jerrold Katz, eds. 1964.
  • New Directions in the Study of Language (Ed.). Cambridge, MA: MIT Press, 1964
  • The Structure of Language. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall. The Fodor & Katz volume is a collection of papers around early Chomskyan linguistics, phonology, grammar, semantics.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 50 Years Later: A Tribute to Eric Lenneberg’s Biological Foundations of Language. Sonderausgabe der Open Access-Fachzeitschrift biolinguistics, Band 11, 2017, Volltext (PDF).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. gemäß Leopoldina (1975)
  2. ein in Deutschland extrem seltener Name; siehe: http://geogen.stoepel.net/index.html
  3. Klappentext in „Biologische Grundlagen der Sprache“, Frankfurt 1972
  4. a b Ulric Neider, Daniel Tapper, Eleanor J. Gibson: http://ecommons.library.cornell.edo.handle/1813/17813@1@2Vorlage:Toter Link/ecommons.library.cornell.edo.handle (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. der Cornell University Faculty Memorial Statement
  5. Eric Heinz Lenneberg bei neurotree.org
  6. zur Problematik der "kritischen Periode": Norbert Kühne: Aspekte und Probleme früher Entwicklung und Erziehung (1); Sprachgestaltung - Sprache in Therapie und Erziehung (2); In: Unterrichtsmaterialien Pädagogik-Psychologie (Nr. 694), Stark Verlag/Mediengruppe Pearson, Hallbergmoos 2012–2016
  7. sowie Steven Pinker: Sprachinstinkt, München 1998, S. 337 ff
  8. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, in einem Werkstattgespräch der Initiative McKinsey; Süddeutsche Zeitung, 29. Juli 2001
  9. Der Begriff komme aus der Ethologie, schreibt David Crystal in der Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Frankfurt/New York 1993, die den Ursprung artspezifischen Verhaltens erforsche: "Man hatte festgestellt, dass bei manchen Arten (z. B. Ratten, Gänsen) als Voraussetzung einer normalen Entwicklung bestimmte Reize in bestimmten Phasen aufgenommen werden müssen."(S. 263)
  10. „Unter Lateralität versteht man die Ausprägung in Bau und Funktion von Paarorganen bzw. zweier in spiegelbildlicher Anordnung auftretender Bereiche eines unpaarigen Organs, welche sich auf die rechte und linke Gehirnhälfte verteilen.“ Aus: Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie, Bd. 2; Herder Verlag Freiburg, Basel, Wien 1971; S. 406
  11. in Steven Pinker: Sprachinstinkt; München 1998, S. 351 ff
  12. Biologische Grundlagen der Sprache, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1972
  13. Das ist die erste Sprache, die der Mensch erlernt; die Muttersprache als Grundlage der Sprachentwicklung
  14. Biologische Grundlagen der Sprache, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1972, S. 220
  15. Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1993, S. 263
  16. Sprachentwicklung; in: Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie, S. 517 ff, Beltz Verlag, Weinheim 2002, S. 541
  17. Benjamin Lee Whorf: Sprache, Denken, Wirklichkeit: Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1984. ISBN 978-3-499-55174-1; ein in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts in Deutschland sehr erfolgreiches Buch. Steven Pinker allerdings sagt in seinem Buch „Sprachinstinkt“, Whorf habe nie mit den Indianern gesprochen, über deren Sprachgewohnheiten er Aussagen mache; Steven Pinker, S. 71 ff
  18. Mitgliedseintrag von Eric Heinz Lenneberg bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 11. Mai 2016.