Erich Jung (Jurist)

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Grab von Erich Jung auf dem Hauptfriedhof in Mainz

Karl Adolf Valentin Erich Jung (* 1. Juli 1866 in Mainz; † 20. April 1950 in Marburg) war ein deutscher Jurist, zuletzt „Professor für Rechtsphilosophie, deutsches bürgerliches und römische Recht“ an der Philipps-Universität Marburg[1] und nationalsozialistischer Rechtsphilosoph.

Biographisches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn eines Mainzer Bezirksgerichtsrats und Urenkel von Franz Wilhelm Jung[2] besuchte dort das Gymnasium bis 1883, studierte zuerst in Berlin und München Bildhauerei, ab 1886 in Leipzig, Heidelberg und Gießen Rechtswissenschaft, daneben u. a. Philosophie und Kunstgeschichte. Während seines Studiums wurde er in Gießen 1889/90 Mitglied der Studentenverbindung Akademische Gesellschaft Das Kloster.[3] Er promovierte dort 1892 zum Dr. iur. und 1893 in der Assessorenzeit zum Dr. phil. über Francis Bacon. Im Jahr 1897 folgte die Habilitation und 1901 die Ernennung zum ao. Prof. an der Universität Gießen. 1904 erging ein Ruf an die Universität Greifswald, 1909 an die Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg (zwangsweise 1918 von Frankreich mit Enteignung des Hausbesitzes beendet). Es folgten Lehraufträge an den Universitäten Tübingen und München. Seit 1921 hatte Jung einen Lehrstuhl in Marburg.[4] 1934 wurde er emeritiert.

Erich Jung war der Schwiegersohn des Philosophen Johannes Rehmke. Mit Elisabeth, geborene Rehmke, (1890–1918) hatte er drei Kinder: Erica, die Mutter von Dierk von Drigalski, Gisela und Hans. Nach der Emeritierung von Johannes Rehmke 1921 in Greifswald und Erich Jungs Berufung 1921 nach Marburg kauften das Ehepaar Rehmke und Erich Jung das Haus mit der Adresse Calvinstr. 6 in Marburg.[4] Die Rehmkes bewohnten die 1. Etage, Erich Jung als Witwer mit seinen drei Kindern die 2. Etage.[5]

Tätigkeiten während der Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jung war ab 1917 Autor und ab 1920 Mitherausgeber der völkischen Zeitschrift ''Deutschlands Erneuerung'', die Positionen des Alldeutschen Verband, des Deutschen Schutz- und Trutzbundes[6] und der NSDAP durch den Verlag J. F. Lehmanns an einen bürgerlichen Leserkreis adressierte. Der Herausgeberkreis umfasste 1920 außer Jung folgende Personen: Georg von Below, Houston Stewart Chamberlain, Heinrich Claß, Rudolf Geyer, Max von Gruber, Dietrich Schäfer, Georg Schiele, Friedrich Wilhelm Ludwig von Schwerin und Reinhold Seeberg.[7] Jung war bis dahin der einzige Neuzugang zum Gründungsherausgeberkreis.[8]

Vom 14. September 1918 bis mindestens zum 28. September 1920 war Jung Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses des Alldeutschen Verbandes.[9]

Am 1. Oktober 1919 wurde er ins Führungsgremium des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes aufgenommen. Im Sommer 1919 verstärkte sich der Beirat durch den antisemitischen Schriftsteller Artur Dinter und den Gründer und Leiter der Deutschsozialistischen Partei, Alfred Brunner, bald auch durch drei ehemals führende Parteiantisemiten: G. Börner, W. Heins und O. Wittich.[10]

Jung war völkisch und antisemitisch orientiert.[4] Öffentlich griff er im Januarheft der Zeitschrift Deutschlands Erneuerung des Jahres 1922 den Politiker der Weimarer Republik Philipp Scheidemann als „Erzverräter an Volk und Staat“ an.[11] Nach Albrecht (2002) wurde das förmliche Disziplinarverfahren des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eingestellt, nachdem Jung mit Bedauern die Anschuldigungen zurückgenommen hatte.[11] Nach einer anderen Quelle erhielt er ein einjähriges Vorlesungsverbot. Da er in demselben Leitartikel Führerauslese der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“ nicht nur Philipp Scheidemann und Friedrich Ebert, sondern auch Wilhelm II. als erbbiologisch minderwertig charakterisiert hatte, mag es sich um ein universitätsinternes Vorlesungsverbot gehandelt haben.

Jung war ferner Mitherausgeber der Zeitschrift für Nationalwirtschaft und befasste sich auch mit Kunstdenkmälern und der germanischen Mythologie.

Tätigkeiten und Haltung während des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der NS-Zeit war er Mitglied des Ausschusses für Rechtsphilosophie der nationalsozialistischen Akademie für Deutsches Recht Hans Franks[12] und im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen. 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. Die Oberhessische Zeitung schrieb zu seinem 70. Geburtstag am 1. Juli 1936, er sei „allgemein und den Lehrenden und Lernenden als der deutsche Rechtsphilosoph des Nationalsozialismus bekannt.“[13] 1935 gab Jung als Konfession an: „ev., ar.“, d. h. evangelisch und arisch.[1] Die Deutschen Christen vertraten die Position, dass das Christentum eine Religion der „Arier“ sei. Weiterhin teilte er mit: „FMSS“, d. h. Förderndes Mitglied der SS.[1]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Positives Recht. Ein Beitrag zur Theorie von Rechtsquelle und Auslegung, Gießen 1907.
  • Führerauslese; in: Deutschlands Erneuerung, 6. Jahrgang, Heft 1, Januar 1922, S. 2–8
  • Germanische Götter und Helden in christlicher Zeit: Urkunden u. Betrachtungen zur dt. Glaubensgeschichte, Rechtsgeschichte, Kunstgeschichte u. allgemeinen Geistesgeschichte, 2. völlig umgearb. Aufl., München ; Berlin : J. F. Lehmanns Verl. 1939 (zuerst 1922, zuletzt 2010).
  • Abstammung und Erziehung. Politisch-anthropologische Betrachtungen an einer hessischen Verwandtschaft, Leipzig 1927 (mit biografischen Angaben).
  • Deutsche Rechtsphilosophie, Zentralverlag der NSDAP, München 1935.
  • National, völkisch, sozial. Politische Aufsätze aus den Jahren 1918 bis 1927, Berlin 1936.
  • Das Judentum in der Rechtswissenschaft, Band 8: Rechtsquellenlehre und Judentum. Positivismus, Freirechtschule, neue Rechtsquellenlehre, Berlin 1937

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8., S. 291
  • Gustav Radbruch: Briefe I, in: Gesamtausgabe, Bd. 17, Heidelberg 1991, S. 335 (= Biographische Information des Herausgebers der Briefe Radbruchs über Erich Jung, der in einem Brief an Hermann Kantorowicz vom 19. Oktober 1905 lobend erwähnt wird.)
  • Dierk von Drigalski: Al andar se hace camino: Stationen eines langen Weges 1954–2002, 2011.
  • Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923, Hamburg: Leibniz-Verlag 1970

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Herrmann A. L. Degener: Degeners Wer ist 's? 1935. X. Ausgabe. Eine Sammlung von rund 18.000 Biographien mit Angaben über Herkunft, Familie, Lebenslauf, Veröffentlichungen und Werke, Lieblingsbeschäftigung, Mitgliedschaft bei Gesellschaften, Anschrift und anderen Mitteilungen von allgemeinem Interesse. Auflösung von ca. 5000 Pseudonymen. Berlin: Verlag Hermann Degener, 1935, Artikel „Erich Jung“, S. 767–68
  2. Glaubrecht, Martin: „Jung, Franz Wilhelm“ in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 672–674
  3. Der Schwarze Ring. Mitgliederverzeichnis. Darmstadt 1930, S. 23.
  4. a b c Dierk von Drigalski: Al andar se hace camino: Stationen eines langen Weges 1954–2002, 2011, S. 248 ff.
  5. Adressbuch Marburgs 1938/39
  6. Josef Stolzing: Das unerlöste Deutschland (Nach einem Vortrag, gehalten im Schutz– und Trutzbund zu München), in: Deutschlands Erneuerung, März 1921, S. 145–155.
  7. Titelblatt des IV. Jahrgangs der Zeitschrift Deutschlands Erneuerung. Vgl. zusätzlich den Artikel „Deutschlands Erneuerung (1917–1943)“ von Johannes Leicht im Band 6 „Publikationen“ des Handbuchs des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Berlin: de Gruyter und Sauer 2013, S. 145 f. Screenshot der Seite 145
  8. Titelblätter der ersten drei Jahrgänge der Zeitschrift Deutschlands Erneuerung.
  9. Otto Bonhard: Geschichte des Alldeutschen Verbandes, Berlin und Leipzig: Theodor Weicher 1920, Anlage 12, S. 271–273
  10. Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923, Hamburg: Leibniz-Verlag 1970, S. 98
  11. a b Niels H. M. Albrecht: Die Macht einer Verleumdungskampagne. Antidemokratische Agitationen der Presse und Justiz gegen die Weimarer Republik, Dissertation, Universität Bremen 2002, S. 214 f.
  12. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8., S. 291
  13. zit. n. Drigalski, S. 251