Ertrinken

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Das britische Kavallerieregiment 13th Hussars in Pretoria bei der Rettung ertrinkender Kameraden im Zweiten Burenkrieg (1902)

Das Ertrinken ist der Tod durch Einatmen von Flüssigkeiten. Ertrinken ist eine spezielle Form der Asphyxie, welche eine Unterform des äußeren Erstickens ist. Ertrinken gehört bei Kleinkindern zu den häufigsten Todesursachen. Es geschieht fast immer lautlos.

Statistiken und Studien zeigen, dass ein großer Teil von Ertrinkungsunfällen dicht am Ufer und an Booten passiert. Sehr häufig wurden die Betroffenen im Nachhinein als gute Schwimmer beurteilt. Forschungsergebnisse seit Beginn der 1980er Jahre erklären die ursächlichen Zusammenhänge und unterteilen den Ablauf des Ertrinkens durch plötzliches Eintauchen in Wasser in vier Phasen. Der Kälteschock als bestimmender Einflussfaktor bei Wassersportunfällen wird durch die Benetzung der Haut mit Wasser ausgelöst.

Die physiologische Antwort auf den Kontakt mit kaltem Wasser tritt bereits ab 20 °C Wassertemperatur auf, bedrohlicher ist der Bereich unter 15 °C Wassertemperatur. Je niedriger die Wassertemperatur, desto stärker ist die Antwort der beteiligten Organsysteme.

Das Einatmen von Flüssigkeiten führt zu einem augenblicklichen Verschluss des Kehldeckels.[1] Dieser Schutzmechanismus wird durch Rezeptoren ausgelöst, die sich im Bereich des Kehlkopfeingang befinden. Gleichzeitig wird versucht, die Fremdkörper, die Flüssigkeit etc. aus diesem Bereich durch Abhusten zu entfernen.

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Schätzungen der Non-Profit-Organisation „Blausand.de“, die sich für mehr Badesicherheit einsetzt, kommen jedes Jahr allein in Europa mindestens 20.000 Menschen bei Badeunfällen ums Leben.[2]

In Deutschland ertranken 2010 insgesamt 438 Menschen, 7,6 Prozent weniger als 2009. 80 Prozent der Ertrunkenen waren Männer. Es waren 18 Kinder im Vorschulalter als Opfer betroffen. Mehr als die Hälfte der Ertrunkenen war älter als 50 Jahre. In diesen Zahlen sind auch Ertrinkungsunfälle enthalten, bei denen die Opfer von Booten oder vom Ufer aus ins Wasser gestürzt, ins Eis eingebrochen oder nach Autounfällen ertrunken sind.[3]

Im Jahr 2005 gab es in Deutschland 477 Opfer bei Badeunfällen in Gewässern zu beklagen, wobei die Mehrzahl in unbewachten Badeseen ertrank. In heißen Sommern nimmt die Zahl der Badeunfälle deutlich zu: Im heißen Sommer des Jahres 2003 gab es 644 Todesfälle beim Baden in Seen und Flüssen; im Jahr 2006 waren es 606.[4]

In Asien ist der Tod durch Ertrinken die häufigste Ursache bei Ein- bis Vierjährigen und eine häufige Todesursache in der Altersgruppe der Fünf- bis 17-Jährigen. In Asien ertrinken etwa 20-mal mehr Menschen als in hochentwickelten Nationen. So meldet Bangladesch etwa 18.000, Vietnam 13.000 und Thailand 2.600 Todesfälle durch Ertrinken jedes Jahr.[5]

Pathophysiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kälteschock[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maximale Überlebenszeiten in kaltem Wasser[6]
Wassertemperatur Zeit bis zur Bewusstlosigkeit Mögliche Überlebenszeit
0.3 °C < 15 min bis 45 min
4.5 °C 30 min bis 90 min
10 °C 1 h 3 h
15 °C 2 h 6 h
21 °C 7 h 40 h
26 °C 12 h > 40 h

Nach dem unfreiwilligen Eintauchen in kaltes Wasser kommt es innerhalb der ersten Minuten zu parallelen Reaktionen mehrerer Körpersysteme. Die Atmung, der Kreislauf, die Muskulatur und das Nervensystem sind dabei beteiligt. Je größer die benetzte Hautfläche und je größer die Temperaturdifferenz, desto deutlicher erfolgt die physiologische Antwort auf diesen Umgebungsreiz. Über die Information durch die Thermorezeptoren der Haut wird reflektorisch eine intensive Einatmung (Inspiration) ausgelöst. Weitere Folgen sind ein starker Anstieg der Herzfrequenz (Tachykardie) und des Atemantriebs (Tachypnoe). Zuerst gibt es unfreiwillige Atemzüge, denen eine Hyperventilation (schnelles und ungeordnetes Atmen) folgt. Das Atemzugvolumen ist dabei wesentlich gesteigert. Unter 15 ˚C Wassertemperatur verringert sich dabei das Vermögen, die Luft anzuhalten, auf zehn Sekunden. Die Synchronisation von Einatmung und Schwimmbewegungen ist stark eingeschränkt.

Neben dieser Atemreaktion tritt Panik auf, die Lage im Wasser kann nicht mehr kontrolliert werden. Mund- und Nasenraum können nicht gezielt über dem Wasser gehalten werden. Wasser gelangt in die Atemwege und wird aspiriert. In der gleichen Phase tritt ein dramatischer Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdruckes auf: Insbesondere bei vorbelasteten Menschen mit der Gefahr eines Herzinfarktes (Myokardinfarkt) oder Schlaganfalles (Apoplex). Die veränderte Umgebungstemperatur bewirkt des Weiteren ein sofortiges Zusammenziehen der Hautgefäße (Vasokonstriktion), Herzrhythmusveränderungen (Extrasystolen) und eine Steigerung des Blutdrucks (Hypertonie). Die Herzarbeit steigt, die Herzdurchblutung sinkt, die Sauerstoffversorgung des Herzmuskelgewebes nimmt ab.

In Großbritannien, wo das Meerwasser oft sehr kalt ist, ertranken 55 Prozent aller Opfer nicht mehr als drei Meter vom Ufer oder von einem Boot entfernt, obwohl ein Drittel davon als gute Schwimmer galten.[7]

Zeitliche Abfolge der Phasen nach dem Eintauchen in Wasser

Ausprägung jeweils abhängig von der Wassertemperatur:

  • Phase 1: Kälteschock (ca. 1–3 Minuten)
  • Phase 2: Schwimmversagen (ca. 3–30 Minuten)
  • Phase 3: Unterkühlung (ca. 30–60 Minuten)
  • Phase 4: Kreislaufreaktion durch die Rettung (während der Rettung oder Stunden nach der Rettung)

Hypothermie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf hoher See, in kalten Binnengewässern und bei Einbruch im Eis sterben die Ertrinkenden auch direkt durch Unterkühlung. Bei tiefen Temperaturen schon nach wenigen Minuten, manchmal aber auch erst bei falscher Bergung (Bergungstod). Siehe Tabelle #Kälteschock.

In Wasser unter 28 °C kann die Körpertemperatur nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. Die Körperkerntemperatur fällt durch die Abgabe von Wärmeenergie an das umgebende Wasser ab. Die Geschwindigkeit dieses Abfalls ist abhängig von den Faktoren Wassertemperatur, Körpermasse, Körperfett, isolierender Bekleidung, der Wasserbewegung sowie dem Ernährungszustand vor dem Ereignis. Körperliche und mentale Fähigkeiten nehmen ab. Eine Unterkühlung tritt ein, wenn die Körperkerntemperatur unter 37 ˚C fällt. Je nach zeitlichem Verlauf werden die Übergänge über die Bewusstlosigkeit (Gefahr der Aspiration) bis zum Herzstillstand fließend sein.

Schwimmversagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem Einfluss auf die Thermoregulation beeinträchtigt die Wassertemperatur die Leistungsfähigkeit der Muskelzellen. Gleichzeitig verringert sich die Geschwindigkeit der Reizleitung über die Nervenbahnen. Die Muskelkontraktion, die Greifkraft und die Handkoordination nehmen rapide ab und machen es schwierig bis unmöglich, z. B. eine Schwimmhilfe anzulegen oder sich aus dem Wasser zu ziehen. Die Schwimmfähigkeit des Betroffenen ist verringert, da die Synchronisierung von Atmung und Schwimmstößen schwierig wird. Der Schwimmer kommt in eine aufrechtere Position, um den Mund über Wasser zu halten, was zu ineffizienten Schwimmstößen führt.

Die beiden vorgenannten Phasen erklären den zeitlichen Ablauf bei vielen Ertrinkungsunfällen, ohne dass dabei die Körperkerntemperatur beeinflusst wird.

Die nächste Phase der Unterkühlung schließt sich in der Folge an, sollte der Betroffene z. B. durch eine Schwimmhilfe (Schwimmweste/Rettungsweste, andere Auftriebshilfe) an der Wasseroberfläche gehalten werden.

Aspiration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pathophysiologisch unterscheidet man das Ertrinken in Süßwasser von dem in Salzwasser, was verschiedene Folgen für den Körper hat. Während diesen Mechanismen früher viel Beachtung geschenkt wurde, ist man heute der Ansicht, dass die resorbierten Wassermengen und die daraus resultierenden Elektrolytstörungen meist nicht relevant sind, und sieht als wichtigstes pathophysiologisches Prinzip des Ertrinkens die Hypoxie infolge des fehlenden Sauerstoffs sowie der lokalen Störungen der Lunge (Atelektasenbildung, Auswaschen von Surfactant) an.

Beim Ertrinken im Meer gelangt Salzwasser in die Lunge. Die Konzentration der Ionen in der Lunge ist höher als im anliegenden Gewebe, sodass ein Konzentrationsausgleich stattfindet. Da Biomembranen semipermeabel (für Ionen undurchlässig, für Wassermoleküle durchlässig) sind, muss der Konzentrationsausgleich mit Hilfe der Diffusion von Wassermolekülen erfolgen. Die Konzentration der Wassermoleküle in der Lunge ist geringer als im anliegenden Gewebe, sodass dem Gewebe Wassermoleküle entzogen werden und die Lunge weiter mit Wasser befüllt wird. Dieser Vorgang ist ähnlich der Plasmolyse (Wasser strömt aus den Zellen aus) bei Pflanzenzellen.

Auch beim Ertrinken im Süßwasser gelangt Wasser in die Lunge. Die Konzentration der Wassermoleküle in der Lunge ist nun höher als die in den Zellen des anliegenden Gewebes. Um diesen Konzentrationsunterschied auszugleichen, diffundieren Wassermoleküle aus dem Lungengewebe in die Erythrozyten, welche letztlich platzen. Dieser Vorgang ist ähnlich der Deplasmolyse (Wasser strömt in die Zellen ein) bei Pflanzenzellen.

Falls es nach dem Eindringen von Flüssigkeit (Wasser) in die Atemwege zu einem dauernden Stimmritzenkrampf kommt, kann dieser fortbestehen und zum Tode der Person führen. Man spricht dann vom trockenen Ertrinken, weil sich beim Toten kein Wasser in der Lunge findet. Besonders bei Kleinkindern (Pfütze, flacher Gartenteich) ist dies gefürchtet.

Ertrinken erkennen, Rettung und Erste Hilfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkennen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ertrinken ist ein stiller Tod. Die landläufige Annahme, Ertrinkende würden stets durch Rufen oder Winken auf sich aufmerksam machen, ist falsch. Das bedeutet nicht, dass ein Schwimmer, der um Hilfe ruft, sich nicht in einer Notsituation befände. Einem aufgrund des Kälteschocks Ertrinkenden fehlt für einen Hilferuf der Atem. Sprechen ist eine dem Atmen untergelagerte Funktion; wer nicht genug Luft zum Atmen bekommt, kann auch nicht rufen. Wer zu ertrinken droht, fällt am ehesten dadurch auf, dass er oder sie vertikal im Wasser steht und sich nicht bewegt oder aber Wasser tritt, also versucht, das Wasser unter sich wegzudrücken, statt klassische Schwimmbewegungen zu machen. Dabei wird das Wasser nicht oder nur unwesentlich stärker aufgewühlt als beim normalen Schwimmen. Zudem fallen Ertrinkende tendenziell in eine Stoßatmung und legen den Kopf in den Nacken. Liegen Haare im Gesicht, wird die ertrinkende Person diese nicht mit der Hand beiseiteschieben. Wer zu ertrinken droht, antwortet nicht auf einen Zuruf.[8]

Selbstrettungsmöglichkeit (1-10-1-Prinzip)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgehend von den Erkenntnissen zum Kälteschock wurde durch Giesbrecht et al. die Merkregel „1-10-1“ formuliert. Nach dem unfreiwilligen Eintauchen in kaltes Wasser, selbst im Eiswasser, bestehen gute Überlebenschancen, folgt man diesem Prinzip:

„1 Minute:“

  • Wenn Du ins Wasser gefallen bist, wirst Du für etwa eine Minute hyperventilieren.
  • Nutze die Zeit, um die Atmung zu kontrollieren, und halte Deinen Kopf über Wasser.
  • Keine Panik – Es hilft zu wissen, dass sich die Atmung wieder beruhigt.
  • Nimm Deine Umgebung wahr und plane die nächsten Schritte.

„10 Minuten:“

  • Als nächstes wirst Du etwa zehn Minuten nutzbarer Mobilität und Kraft haben.
  • Nutze diese Chance, um alle Handlungen zu Deiner Selbstrettung durchzuführen.
  • Aber versuche nicht, größere Strecken zu schwimmen. Selbst wenn noch Kräfte vorhanden sind, wirst Du nicht in der Lage sein, komplexe Handlungen durchzuführen.
  • Wenn möglich, reduziere den Wärmeverlust, indem Du Dich auf Dein Boot ziehst.
  • Auch wenn Dir die Kraft fehlt, Dich komplett auf einen schwimmenden Gegenstand zu ziehen, wird jeder Zentimeter außerhalb des Wassers Deine Überlebenszeit anteilig verlängern.
  • Solltest Du keine Schwimmweste tragen, sichere Dich so, dass Deine Atemwege freibleiben, falls Du bewusstlos wirst. Verlasse Dich nicht auf das Festhalten.

„1 Stunde:“

  • Hast Du bis jetzt überlebt, kannst Du mit etwa einer Stunde nutzbarem Bewusstsein rechnen.
  • Konntest Du noch keine Selbstrettung durchführen, nimm eine wärmehaltende Körperposition ein.
  • Falls Du noch schwimmen könntest, werden Deine Schwimmbewegungen nichts nützen und die Bewegungen werden Dich weiter auskühlen.
  • Trägst Du eine Weste, lebst Du wahrscheinlich lange genug, um an der Unterkühlung zu sterben, falls keine Hilfe Dritter eintrifft.

Auf jeden Fall hast Du die Zeit bis zur Rettung entscheidend erweitert.

Rettung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Rettungsschwimmen

Falls eine Person zu ertrinken droht, sollte man zunächst unter Beachtung des Eigenschutzes versuchen, sie zu retten. Dazu sollte man ihr, sofern möglich, einen schwimmenden Gegenstand zureichen, um direkten Kontakt zu vermeiden; sollte die Person nämlich in Panik sein, kann sie den Retter unter Wasser drücken. Sofern möglich, sind Fachkräfte (z. B. die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die Feuerwehr oder die Wasserwacht) hinzuzuziehen. In erster Linie sollte der Notruf über die Rufnummer 112 veranlasst werden.

Sofortmaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem der Patient in Sicherheit ist, sollte er bei Bewusstlosigkeit in die stabile Seitenlage gebracht werden. Auf Anzeichen für Atemtätigkeit achten. Bei nicht ausreichender Atmung oder bei Kreislaufstillstand muss sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen werden. Maßnahmen zum Entfernen von Wasser aus der Lunge und den Atemwegen sind nicht angezeigt.

Zur Verhinderung einer Unterkühlung ist eine schnelle Bergung lebensrettend. Bei niedriger Wassertemperatur und Verdacht auf eine Unterkühlung hat die Bergung besonders sorgfältig zu erfolgen (Horizontalbergung). Bei Unterkühlung nasse Kleidung entfernen und den Körper durch Körperkontakt langsam erwärmen. Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes sind der Patient sowie Kreislauf und Atmung (Vitalparameter) permanent zu beobachten. Anschließend Transport in eine Notfallklinik.

Maßnahmen durch den Rettungsdienst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansprechbare Patienten werden mit Sauerstoffinsufflation behandelt. Bei bewusstseinsgestörten Patienten wird die Indikation zur endotrachealen Intubation großzügig gestellt, wobei diese wegen der hohen Aspirationsgefahr bei Ertrinkungsopfern als Rapid Sequence Induction durchgeführt wird, gefolgt von einer PEEP-Beatmung.

Eine notwendige Reanimation wird ohne besondere Zusätze durchgeführt. Unterkühlte Patienten werden dabei ausdauernd reanimiert, da in solchen Fällen zuweilen schon erfolgreiche Wiederbelebungen auch nach längerer Zeit beobachtet wurden. Dies ist auf den bei unterkühlten Patienten extrem verlangsamten Stoffwechsel zurückzuführen. Nach den neusten Richtlinien soll der unterkühlte reanimationspflichtige Patient nur auf 34 °C erwärmt werden, diese Temperatur wird im Krankenhaus weitere 24 Stunden beibehalten, um Hirnschädigungen so gering wie möglich zu halten.

Prävention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl keine wissenschaftlichen Untersuchungen mit hohem Evidenzgrad existieren, gibt es Nachweise, dass Schulungsprogramme, Schwimmunterricht und das Einzäunen von Pools – besonders bei Kindern zwischen zwei und vier Jahren – Ertrinken verhindern können.[9] Es wird geschätzt, dass mit adäquater Beaufsichtigung, Schwimmunterricht und öffentlichen Bildungsmaßnahmen 85 % aller Ertrinkungsfälle verhindert werden können.[9]

Es gibt eine Reihe vorbeugender Maßnahmen und Verhaltensregeln, deren Befolgung die Gefahr des Ertrinkens deutlich einschränkt. Dazu gehören:

  • Zaun um Pools und Schwimmteiche
  • Kinder nicht alleine schwimmen lassen
  • Bei Bootsfahrten etc. passende Rettungswesten tragen
  • Nicht über zugefrorene Gewässer laufen
  • Nicht alkoholisiert baden oder schwimmen
  • Unbekannte Gewässer meiden
  • Unbewachte Gewässer meiden[10]
  • Warnungen vor Strömungen ernstnehmen: Brandungsrückströme sind am Meer die häufigste Ursache von Badeunfällen
  • Keine Kopfsprünge in unbekannte oder niedrige Gewässer
  • Bei hoher Lufttemperatur nicht ohne vorherige Abkühlung ins Wasser springen
  • Seine Kräfte nicht überschätzen und in Ufernähe bleiben

Schwimmer können auch diese Möglichkeiten nutzen:

  • In der Stellung "Toter Mann" kann man sich bei Erschöpfung erholen
  • Durch Dehnübungen im Wasser können Krämpfe gelockert werden[11]
  • Droht Erschöpfung, kann man einen weniger anstrengenden Schwimmstil wählen. Zum Beispiel Seitenschwimmen, bei welchem die unteren Extremitäten Schwimmbewegungen durchführen, während sich die oberen erholen.

Situationen mit erhöhtem Risiko für Ertrinken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Tod durch Ertrinken gibt es vielfältige Situationen mit erhöhtem Risiko.

Schiffsunglück[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn Schiffe kentern, ertrinken mitfahrende Personen, insbesondere wenn sie keine Rettungsmittel wie Rettungsboote, -inseln, -floße, -ringe erreichen und keine Schwimmwesten tragen. Schiffbrüchige sind in fließenden Gewässern, aber auch in einer Meeres- oder Gezeitenströmung der Gefahr des Anstoßens an Hindernisse wie Felsen, Brückenpfeiler oder festgemachte Schiffe ausgesetzt, besonders bei letzteren zusätzlich mit der Gefahr, von der Strömung unter einen Schwimmkörper gedrückt zu werden. Sitzt ein Schiff in nicht zu großer Tiefe auf Grund, besteht eine gewisse Chance des Überlebens in einer eingefangenen Luftblase, allerdings bei einem anschließend zu raschen Aufstieg auch die Gefahr der Dekompressionserkrankung.

Mann-über-Bord[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Mann über Bord

In der Seefahrt fallen Menschen im Sturm oder auch einfach durch Unaufmerksamkeit über Bord. Die Rettung ist meist schwierig und wird deshalb in der Ausbildung intensiv geübt und ist Bestandteil der Prüfung von Schiffsführern und Seeleuten.

Flugzeugabsturz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stürzen Flugzeuge ins Meer oder andere Gewässer, folgt zur Verletzungsgefahr durch den Aufprall das Risiko des Ertrinkens.

Sportunfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Sportschwimmer können bei Wettbewerben ertrinken. So starb 2010 ein Schwimmer bei einem 10-km-Wettbewerb in 30 °C warmem Wasser, eine insbesondere für Langstrecke belastend hohe Temperatur. Für Wettkämpfe im Becken wird der Bereich 26 °C bis 28 °C empfohlen.[12] Danach wurde unter anderem die Zahl der Begleitboote erhöht. Beim 10-km-Bewerb der Schwimm-EM 2014 in Berlin wurde eine Schwimmerin entkräftet und bewusstlos aus dem Wasser gezogen und so gerettet.[13]

Foltermethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Waterboarding ist das simulierte Ertränken.

Medizinische Mythen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es existieren einige medizinische Mythen zum Thema Ertrinken, für die es keine wissenschaftlichen Belege gibt.

Klassifizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus medizinischer Sicht wird die Attributierung eines Ertrinkungsfalls mit „beinahe“, „nass“, „trocken“, „sekundär“, „aktiv“ und „still“ nicht empfohlen.[9][14] Sie kann verwirrend sein und die Behandlung erschweren.[9] Solche Attributierungen entsprechen außerdem nicht der WHO-Definition von Ertrinken und wurden bei der Erarbeitung einer WHO-Definition explizit abgelehnt.[14]

Dry Drowning[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das sogenannte Dry Drowning („trockenes Ertrinken“) existiert wahrscheinlich nicht. Wird während einer Obduktion kein Wasser in der Lunge gefunden, war die Person beim Eintreten ins Wasser nicht mehr am Leben. Es lag kein Ertrinken vor.[15]

Sekundäres Ertrinken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das „sekundäre Ertrinken“ ist eine physiologische Reaktion auf Fremdinhalt in der Lunge nach Ertrinken in Form eines Lungenödems. Diese Bezeichnung ist unrichtig, unpräzise und gilt deshalb als veraltet.[16][17]

Hypo- und Hypervolämie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ertrinken in Salzwasser verursacht keinen Flüssigkeitsmangel (Hypovolämie). Ertrinken in Süßwasser verursacht keinen Flüssigkeitsüberschuss im Blutkreislauf (Hypervolämie), keine Hämolyse oder Hyperkaliämie.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ertrinken – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikibooks: Erste Hilfe bei Ertrinken – Lern- und Lehrmaterialien
  • DLRG – Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft
  • SLRG – Schweizerische Lebens-Rettungs-Gesellschaft
  • www.wasserwacht.de – Wasserwacht
  • DGzRS – Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger
  • Blausand – Organisation für mehr Badesicherheit in Europa
  • Canadian Red Cross: Drownings in Canada, 10 Years of Research Module 2 – Ice & Cold Water Immersion, (PDF-Datei; 3,74 MB) 2006
  • www.coldwaterbootcamp.com – Visualisierung des Kälteschocks und der Selbstrettungsmöglichkeiten nach dem 1-10-1-Prinzip
  • www.umanitoba.ca – Filmbeitrag zur Darstellung der Selbstrettungsmöglichkeiten nach dem Sturz durch Eis

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.thieme.de/viamedici/medizin/notfall/ertrinken.html
  2. http://www.blausand.de/index.php?option=com_content&task=section&id=1&Itemid=26&lang=de_DE
  3. http://www.dlrg.de/newsdlrgde/meldung-im-detail/artikel/32896.html
  4. Zeitreihe Todesfälle durch Ertrinken 1993 bis 2010, Auf Basis der Ertrinkungsstatistik 2010 des DLRG von Statista.com zusammengestellt.
  5. Konferenz 2011 der Australia's Royal Life Saving Society und The Alliance for Safe Children in Da Nang, Vietnam; zitiert in Viet Nam News, Ausgabe 11. Mai 2011, Seite 1 und 2
  6. Zitiert nach: Unterkühlung (PDF-Datei; 85 kB)
  7. Zeit Wissen, Oktober/November 2008, S. 86
  8. Drowning doesn’t look like drowning, deutsche Übersetzung auf http://www.nordsee24.de/nordsee-urlaub/familienurlaub/ratgeber/anzeichen-des-ertrinkens
  9. a b c d T. F. Mott, K. M. Latimer: Prevention and Treatment of Drowning. In: American family physician. Band 93, Nr. 7, April 2016, S. 576–582, PMID 27035042.
  10. Der Wasserrettungsdienst (WRD) der DLRG / Wasserrettungsdienst stationär
  11. http://www.wasserwacht-trostberg.de/themenbereiche/15-selbstrettung?showall=&start=2
  12. https://www.welt.de/sport/article10528648/500-Meter-vor-dem-Ziel-kam-der-WM-Dritte-ums-Leben.html 500 Meter vor dem Ziel kam der WM-Dritte ums Leben, Welt.de vom 25. Oktober 2010, abgerufen am 14. °CAugust 2014
  13. Dramatische Rettung bei 10-km-Bewerb - Hilfe mit Verzögerung, ORF.at vom 13. August 2014
  14. a b E. F. van Beeck, C. M. Branche, D. Szpilman, J. H. Modell, J. J. Bierens: A new definition of drowning: towards documentation and prevention of a global public health problem. In: Bulletin of the World Health Organization. Band 83, Nr. 11, November 2005, S. 853–856, PMID 16302042, PMC 2626470 (freier Volltext).
  15. a b J. P. Orlowski, D. Szpilman: Drowning. Rescue, resuscitation, and reanimation. In: Pediatric clinics of North America. Band 48, Nr. 3, Juni 2001, S. 627–646, PMID 11411297 (Review).
  16. David Szpilman, Joost J.L.M. Bierens, Anthony J. Handley, James P. Orlowski: Drowning. In: New England Journal of Medicine. Band 366, Nr. 22, 31. Mai 2012, S. 2102–2110, doi:10.1056/NEJMra1013317 (englisch).
  17. Adrian Arab: Sekundäres Ertrinken „Er atmete tief ein, ohne auszuatmen“. In: welt.de. 12. Juni 2017, abgerufen am 11. Juni 2017.
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