Fantasie für Klavier, Chor und Orchester

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester in c-Moll op. 80 (kurz Chorfantasie) ist ein Konzertstück von Ludwig van Beethoven und vereint Merkmale einer Klavierfantasie, eines Klavierkonzerts und einer Kantate. Die Melodie findet sich auch im Finale von Beethovens 9. Sinfonie wieder.

Entstehung[Bearbeiten]

Am 22. Dezember 1808 fand im Theater an der Wien eine „Akademie“ (damaliger Name für einen Konzertabend) mit Uraufführungen von Werken Ludwig van Beethovens unter seiner eigenen Leitung statt. Es ist eines der berühmtesten Konzerte und wäre in heutiger Zeit ob seiner Länge auch nicht mehr denkbar. Es erklangen bei dieser „Akademie“:

Der Idee folgend, der Akademie ein glanzvolles Ende zu setzen, schrieb Beethoven die Chorfantasie in sehr kurzer Zeit nieder. Das Werk enthält Variationen des unveröffentlichten Liedes Gegenliebe (WoO 118) aus dem Jahr 1794–95, dessen Melodie auch dem Finale der 9. Sinfonie zugrunde liegt. Die Einleitung jedoch vollendete er auf Papier noch nicht, sondern improvisierte sie während der Aufführung. In der Kürze der Zeit war die Chorfantasie nicht genügend geprobt worden und in der Aufführung unterbrach Beethoven das Orchester und setzte neu an.[1] Im Jahr 1810 veröffentlichte Muzio Clementi die Chorfantasie in England unter der Opuszahl op. 65. Der Verlag Breitkopf & Härtel veröffentlichte sie dann 1811 als op. 80 und widmete sie ohne die Zustimmung Beethovens dem König von Bayern, Maximilian I. Joseph.[2]

Text[Bearbeiten]

Den Text schrieb nach einer späteren Aussage von Beethovens Schüler Carl Czerny der Dichter Christoph Kuffner. Das bestätigt ein kürzlich aufgefundener Bericht über die Uraufführung in den Annalen der Litteratur und Kunst in dem oesterreichischen Kaiserthume (Februar-Heft 1809). Der vollständige Text lautet:

Schmeichelnd hold und lieblich klingen
unsers Lebens Harmonien,
und dem Schönheitssinn entschwingen
Blumen sich, die ewig blüh'n.

Fried und Freude gleiten freundlich
wie der Wellen Wechselspiel;
was sich drängte rauh und feindlich,
ordnet sich zu Hochgefühl.

Wenn der Töne Zauber walten
und des Wortes Weihe spricht,
muss sich Herrliches gestalten,
Nacht und Stürme werden Licht,

äuß're Ruhe, inn're Wonne,
herrschen für den Glücklichen
Doch der Künste Frühlingssonne
lässt aus beiden Licht entsteh'n.

Großes, das ins Herz gedrungen,
blüht dann neu und schön empor,
hat ein Geist sich aufgeschwungen,
hallt ihm stets ein Geisterchor.

Nehmt denn hin, ihr schönen Seelen,
froh die Gaben schöner Kunst.
Wenn sich Lieb und Kraft vermählen,
lohnt dem Menschen Göttergunst.


1951 wurde der Dichter und spätere Kulturminister der DDR Johannes R. Becher vom Zentralrat der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend beauftragt, anlässlich der im gleichen Jahr in Berlin (Ost) stattfindenden Weltfestspiele der Jugend für die Chorfantasie einen neuen Text zu verfassen. Becher schrieb über die Musik eine neue, der Zeitstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg entsprechende Friedensode (allerdings ohne konkrete ideologische oder politische Parteinahme), folgte dabei aber dem Text von Kuffner an einigen Stellen wörtlich. Die künstlerische Legitimation für diese weitgehende Neuschöpfung sah er in der überlieferten Ansicht Beethovens, dass der 1808 kurzfristig geschriebene Text eigentlich unzureichend sei. Sollte es im Auftrag des Verlegers zu einer textlichen Neufassung kommen, käme es ihm allein auf die herausgehobene Stellung des Wortes „Kraft“ an.[3] Bechers Textfassung kam in erster Linie in der DDR zur Aufführung, auch existieren nur wenige Einspielungen mit ihr. Ihre dichterische Qualität wird teilweise klar über der von Kuffners Text stehend bewertet.[4]

Anlage[Bearbeiten]

Thema der Chorfantasie

Die Klaviereinleitung umfasst im endgültigen Druck 26 Takte und ist mit Adagio überschrieben. Auch die alternative Einleitung mit Orchester umfasst 26 Takte, danach folgt das mit Finale überschriebene Ende der Fantasie, es beginnen die Bässe mit den Celli, Tempo: Allegro. Der Hauptteil beginnt in Takt 53 (Meno allegro) und es wird ein Thema in C-Dur vorgestellt, das Beethoven aus einem seiner frühen Lieder (Gegenliebe) entnommen hat. Es folgen mehrere Variationen im selben Tempo, dann eine c-Moll Variation in wildem Charakter, Allegro molto und eine langsame Variation, Adagio ma non troppo, wieder in C-Dur. In Takt 322 folgt ein Marsch in F-Dur über dasselbe Thema. Nach einer kurzen Überleitung beginnt in Takt 398 der eigentliche Schlussteil mit dem Einsatz der Gesangssolisten, zuerst der Frauen, dann der Männer, ehe der Chor einsetzt. Wieder folgen einige Variationen, bevor das Werk endet.

Bekanntheit und Rezeption[Bearbeiten]

Das Werk steht im Schatten der ähnlich angelegten 9. Symphonie und ist deswegen ziemlich unbekannt, obwohl es eines der interessantesten Werke Beethovens ist. Ein weiterer Grund, warum es selten in Aufführungen zu hören ist, liegt in der unkonventionellen Besetzung mit Chor, Orchester, Gesangssolisten und Klavier.

Das Stück „Chorphantasie“ des österreichischen Dramatikers Gert Jonke ist nach dem Werk Beethovens benannt und spielt auf die Umstände von dessen Uraufführung an.

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Martin Kopitz, Wer schrieb den Text zu Beethovens Chorphantasie? Ein unbekannter Bericht über die Uraufführung. In: Bonner Beethoven-Studien. Band 3 (2003), S. 43–46, als PDF-Datei (42,9 KB)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Barry Cooper: Beethoven. Oxford University Press, 2008, ISBN 0-19-531331-3, S. 193 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Entstehungsgeschichte der Chorfantasie
  3. http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=61646&template=forum_detail_da_en&_mid=Forum
  4. Reclams Chormusik- und Oratorienführer, 7. Auflage 1999, S. 339 f.