Fasernessel

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Fasernessel
Systematik
Ordnung: Rosenartige (Rosales)
Familie: Brennnesselgewächse (Urticaceae)
Tribus: Urticeae
Gattung: Brennnesseln (Urtica)
Art: Große Brennnessel (Urtica dioica)
ohne Rang: Fasernessel
Wissenschaftlicher Name
Urtica dioica convar. fibra

Die Fasernessel (Urtica dioica L. convar. fibra) ist eine Konvarietät der Großen Brennnessel (Urtica dioica). Sie wurde zwischen 1927 und 1950 von Gustav Bredemann im Hinblick auf einen höheren Faseranteil züchterisch ausgelesen, geriet jedoch danach in Vergessenheit, bis sie im Rahmen des neu erwachten Interesses an alternativen Faserpflanzen in den 1990er Jahren wiederentdeckt und züchterisch weiterbearbeitet wurde. Zwar ist sie keine etablierte Ackerfrucht, wird aber mittlerweile vereinzelt kommerziell angebaut.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fasernessel unterscheidet sich von der Wildart durch deutlich längere, gerade Stängel, nur geringe Verzweigung, wenige Brennhaare und den Abwurf der Blätter im August, was die spätere Verwertung des Strohs erleichtert. Sie erreicht Höhen von bis zu drei Metern.[1]

Am wichtigsten ist jedoch der im Vergleich zur Stammform stark erhöhte Faseranteil von bis zu 22 Prozent statt zwei bis fünf Prozent, wobei die einzelnen Fasern zugleich größere Zellwände haben.[2]

Eigenschaften der Faser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fasern, die aus textiltechnischer Sicht üblicherweise als Nesselfasern bezeichnet und den Bastfasern zugerechnet werden,[3] sind im Mittel 69,7 Millimeter lang (die Länge variiert aber um 50,8 Prozent und kann im Extremfall 215 Millimeter erreichen) und 40 bis 50 Mikrometer dick, im Querschnitt oval bis abgerundet vieleckig bzw. flach nierenförmig. Die Fasern sind im Gegensatz zu Hanf und Flachs nicht in Gruppen angeordnet, sondern liegen einzeln im Sklerenchym des Stängels eingebettet. Die stärksten und ältesten Fasern liegen im äußeren Teil der Rinde.[4]

Da die Faser von Natur aus sehr weich ist, von cremeweißer Farbe und zugleich aufgrund ihrer Feinheit (5 dtex) hervorragend spinnbar ist, eignet sie sich gut zum Einsatz als Textilfaser. Zugleich ist sie mit einer spezifischen Zugfestigkeit von 50 cN/tex (ohne Röste) bzw. 25 bis 35 cN/tex (nach Röste) eine relativ starke Faser (Baumwolle rund 20 cN/tex).[5][2] Die Brennnesselfaser besteht zu 86,5 Prozent aus Zellulose.[5]

Anbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als in gemäßigten Breiten weit verbreitete Pflanze eignet sich die Fasernessel für den Anbau außerhalb tropischer, subtropischer sowie polarer Gebiete. Zu gewährleisten ist vor allem eine gute Wasser- und Stickstoffversorgung. Darüber hinaus schätzt die Pflanze lehmige Böden, zu hohe Sandanteile können den Wuchs beeinträchtigen. Da die Pflanzen extrem wüchsig sind und dichte Bestände bilden, ist eine Unkrautbekämpfung ebenso wenig notwendig wie eine Schädlingsbekämpfung, da die Pflanze von Natur aus gegen zahlreiche Schädlinge resistent ist.

Zur Anpflanzung von Fasernesseln wurden zunächst Stecklinge genutzt.[4] 2013 wurde ein für den Anbau besser nutzbares Verfahren der In-vitro-Vermehrung entwickelt.[6] Im ersten Jahr können die Pflanzen noch nicht geerntet werden, danach sind über zehn bis 15 Jahre hinweg ohne Nachpflanzungen Ernten von sechs Tonnen Stängel pro Hektar möglich, was bei einem durchschnittlichen Fasergehalt von 15 Prozent rund 900 Kilogramm Fasern entspricht.

Verarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das lange bestehende Problem der Gewinnung der Faser aus den Stängeln ließ sich mit dem technischen Fortschritt lösen. Nach der Trocknung auf rund 15 Prozent Wassergehalt werden heute zur Röste meist Wasser, mechanischer Faseraufschluss oder Chemikalien sowie ausgewählte Bakterien zur Herauslösung der Faser verwendet, in einem nachträglichen Arbeitsgang auch eine Behandlung mit Enzymen. Wege, die eine vollständige Lösung der Faser durch Enzyme ermöglichen, werden derzeit erforscht.

Die optimale Verarbeitung von der Faser zum Tuch ist bislang sehr aufwändig. Derzeit werden vor allem Methoden entlang der Verarbeitung von Flachs, Hanf und Ramie genutzt. Schwierigkeiten verursacht dabei vor allem die sehr unterschiedliche Länge der Fasern, ein Mangel an Spinnsporen und die feste Verbindung der Fasern mit dem Ligninanteil im Pflanzenstängel.[4][7]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brennesselfäden aus Südsibirien, 19. Jahrhundert, Helsinki, Finnisches Nationalmuseum

Brennnesseln sind altbekannte Faserpflanzen, die bereits in der Bronzezeit zur Herstellung von Geweben verwendet wurden.

Erste systematische Auslesen aus 170 Wildnesseln aus ganz Deutschland betrieben Bauer und Friedrich Wilhelm Walther Laube[8] zwischen 1918 und 1921. Von den selektierten Nesseln wurden zwölf weiter kultiviert. Weitere Züchtungs- und Auslesearbeiten erfolgten von Gustav Bredemann zwischen 1921 und 1950, zuerst in Landsberg an der Warthe, dann am Institut für Angewandte Botanik der Universität Hamburg. Es konnten Zuchtfasernesseln mit Fasergehalten bis zu 15 Prozent der Stängeltrockenmasse entwickelt werden. Bredemann veröffentlichte 1959 ein umfassendes Werk, Die Große Brennnessel,[4] seine Arbeit geriet jedoch in Vergessenheit.

In den 1990ern entdeckte Jens Dreyer Pflanzenbestände von Bredemanns Versuchen im Institut für Angewandte Botanik in Hamburg wieder und forschte daran.[9] In Kooperation mit dem Faserinstitut Bremen wurden sie züchterisch weiterbearbeitet.[10] 2002 wurde den Sorten „Wulfsdorf“ und „Nesselgold“ vom Bundessortenamt Sortenschutz erteilt (2012 gelöscht).[11] Das Hamburger Zuchtmaterial wurde vom Institut für Pflanzenkultur (IFP) zusammen mit dem Faserinstitut Bremen bis 2013 weiter bearbeitet, so dass neue Klone einen Faseranteil von bis zu 22 Prozent aufwiesen.[6][12] Zwischen 2015 und 2018 arbeiteten die beiden Institute zusammen mit dem Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB), dem Netzwerk Nachwachsende Rohstoffe und der NFC GmbH Nettle Fibre Company[13] an einem Forschungsprojekt zur „Entwicklung einer industriellen Bereitstellungskette von Brennesseljungpflanzen bis zur Nesselfaser“ (InBeNeFa).

Neben der NFC GmbH haben sich seit den 1990er Jahren mehrere Unternehmen mit der kommerziellen Nutzung von Brennesselfasern und Fasernesseln beschäftigt. So produzierte die Stoffkontor Kranz AG in Lüchow von 1996 bis zu ihrer Insolvenz 2009 Fasern aus Fasernesseln.[14] Die als „Nettle“ beworbenen Brennnesselfasern wurde in Heimtextilien und Bekleidung verwendet.[15]

Von 2005 bis 2013 produzierte die niederländische Firma Brennels, später Netl, Kleidung aus Fasernesseln, die im Noordoostpolder und einigen osteuropäischen Ländern angebaut und in Italien zusammen mit Baumwollfasern im Verhältnis 1:3 verarbeitet wurden. Weil die Nesselfasern preislich aber bei weitem nicht mit Baumwolle konkurrieren konnten und wegen anhaltend niedriger Nachfrage wurde die Produktion 2013 eingestellt.[16][17]

In Meßstetten forscht der Textilhersteller Mattes & Ammann seit 2011 an Garn aus Brennesselfasern.[7] Dafür wurde die Fasernesselmarke Marlene sowie 2019 ein Patent zur Herstellung der Garne und Textilien angemeldet.[18][19]

Das Handelshaus Grüne Erde bietet seit 2021 Bettdecken mit 40 Prozent Nesselfaseranteil an.[20]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • J. Dreyer, G. Edom: Nettle. In: Robert Franck (Hrsg.): Bast and other plant fibres, Cambridge / Boca Raton, 2005, S. 331–343, ISBN 1855736845 / ISBN 0849325978.
  • K.U.Heyland, H. Hanus, E.R. Keller: Ölfrüchte, Faserpflanzen, Arzneipflanzen und Sonderkulturen, In: Handbuch des Pflanzenbaues, 2006, Bd. 4, S. 307–308, ISBN 3800132036.
  • Gisela Dreyling: Die Fasernessel (Urtica dioica L.), eine wiederentdeckte alte Kulturpflanze. In: Umweltwissenschaften und Schadstoff-Forschung. Band 14, Nr. 125, März 2002 (springeropen.com [PDF]).
  • Günter Wurl, Torsten Graf, Armin Vetter, Andrea Biertümpfel: 10 Jahre anbautechnische Versuche zu Fasernesseln (Urtica dioica L.) in Thüringen. Hrsg.: Thüringer Zentrum Nachwachsende Rohstoffe der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft. (tll.de [PDF]).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anonymus: Auf die Nesseln gesetzt, in: dlz Agrarmagazin, 4/2008, S. 170–173
  2. a b Fasernessel: Die nächsten Schritte auf dem Weg zurück in die Praxis. In: fnr.de. Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe, 4. Mai 2020, abgerufen am 1. Januar 2022.
  3. Paul-August Koch, Günther Satlow: Großes Textil-Lexikon: Fachlexikon für das gesamte Textilwesen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1966, 2 Bde., Bd. L – Z, S. 109.
  4. a b c d Gustav Bredemann: Die Große Brennnessel: Urtica dioica L. Forschungen über ihren Anbau zur Fasergewinnung. Mit Anhang über ihre Nutzung für Arznei- und Futtermittel sowie technische Zwecke von Kurt Garber. Akademie-Verlag, Berlin 1959.
  5. a b L. Bacci, S. Baronti, L. Angelini: Manuale Di Coltivazione e Prima Lavorazione Dell'Ortica Per Uso Tessile, 2007 (PDF; 711 kB), S. 29.
  6. a b Fasernessel: Neue Klone mit gut 25 Prozent mehr Fasergehalt. In: fnr.de. 13. Dezember 2013, abgerufen am 1. Januar 2022.
  7. a b Bernd Schlupeck: Stofffaser aus Brennnessel. In: deutschlandfunk.de. 10. April 2017, abgerufen am 2. Januar 2022.
  8. Walther Laube: Beiträge zur Kultur und Züchtung der großen Brennnessel [Urtica dioica]. Diss. [1920], Särchen, Berlin 1924.
  9. Jens Dreyer: Die Fasernessel als nachwachsender Rohstoff Leistungsprüfung von Fasernesseln (Urtica dioica L., Große Brennnessel) unter besonderer Berücksichtigung der phänotypischen Differenzierung anbauwürdiger Klone. Diss. 1998. Hamburg 1999, ISBN 978-3-86064-989-3.
  10. Holger Fischer: Projekt InBeNeFa: Entwicklung einer industriellen Bereitstellungskette von Brennnesseljungpflanzen bis zur Nesselfaser. Teilvorhaben 4: Qualitätskontrolle entlang der Wertschöpfungskette. In: faserinstitut.de. 25. April 2016, abgerufen am 1. Januar 2022.
  11. Bundessortenamt: Sorteninformationen. Datenbankabfrage "Urtica L.". Abgerufen am 1. Januar 2022.
  12. Nachwachsende Rohstoffe. In: Institut für Pflanzenkultur GmbH & Co. KG. Abgerufen am 1. Januar 2022.
  13. Homepage der NFC GmbH Nettle Fibre Company. Abgerufen am 1. Januar 2022 (deutsch).
  14. Angelika Blank: Stoffkontor Kranz AG hat Insolvenz angemeldet. In: wendland-net.de. 19. Juni 2009, abgerufen am 1. Januar 2022.
  15. Dino Schröder: Lüchower Unternehmen produziert aus Brennnesselfasern erfolgreich Textilien: Hemden und Hosen aus einer eher ungeliebten Pflanze. In: DIE WELT. 21. April 2007 (welt.de [abgerufen am 1. Januar 2022]).
  16. Emy Demkes: Deze multimiljonair wilde met brandnetels de wereld verbeteren (maar legde het af tegen katoen). In: decorrespondent.nl. 4. Januar 2019, abgerufen am 2. Januar 2022 (niederländisch).
  17. Eckard Grundmann: Versuche zum ökologischen Anbau der Fasernessel. In: Faserpflanzen aus ökologischem Anbau. Anbau – Verarbeitung – Markt. Tagungsband, 19. Juni 2007. Lebendige Erde, Kassel 2007, S. 44, ISBN 978-3-921536-68-1.
  18. Mit neuer Faser in die textile Zukunft. In: SN-Home.de. Februar 2013, abgerufen am 2. Januar 2022.
  19. Nesselfasern. DE202019103174U1, 14. Juni 2019 (google.com [abgerufen am 2. Januar 2022]).
  20. Nesselfaser. In: grueneerde.com. Abgerufen am 2. Januar 2022.