Fatma Aydemir

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Fatma Aydemir in der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin 2018

Fatma Bahar Aydemir (* 1986 in Karlsruhe) ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fatma Aydemir wuchs in einem Vorort von Karlsruhe auf. Ihre Großeltern kamen als kurdisch-türkische Gastarbeiter nach Deutschland, als ihre Eltern Teenager waren.[1] Sie studierte Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2012 lebt Aydemir in Berlin und arbeitete bis 2023 als Redakteurin bei der Tageszeitung taz,[2] wo sie sich mit den Themen Popkultur, Literatur und der Türkei beschäftigte. Sie war Mitbegründerin des zweisprachigen Webportals taz.gazete (2017–2020), als Reaktion auf die staatlichen Repressionen gegen die Pressefreiheit in der Türkei.[3] Seit 2023 ist sie Kolumnistin der europäischen Ausgabe des Guardian.[4] Seit September 2023 gibt sie gemeinsam mit Enrico Ippolito, Miryam Schellbach und Hengameh Yaghoobifarah das Literaturmagazin Delfi heraus.[5]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr 2017 erschienener Debütroman Ellbogen[6], der von einer Gewalteskalation in einer U-Bahn-Station handelt, spaltete die Kritik. Rezensent Philipp Bovermann schätzt in der Süddeutschen Zeitung Aydemirs klare Sprache und empfindet das Buch als zwei Tritte in den Magen: „Einer für die misogyne türkische Gesellschaft. Und einer für die Verlogenheit der ach so liberalen Deutschen.“[7] Andrea Diener von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dagegen hätte sich differenziertere Beobachtungen der deutsch-türkischen Protagonistin Hazal gewünscht: „Die Autorin legt nicht besonders großen Wert darauf, dass uns diese Hazal im Laufe des Buches sympathisch wird, und so entgleitet sie dem Leser“.[8] Aydemirs 2022 erschienener zweiter Roman Dschinns lobte die Literaturkritikerin Meike Feßmann als „ein Wunderwerk an Präzision und Einfühlung.“[9] In der ZEIT kritisierte Iris Radisch dagegen, das Buch sei in einem „stereotypen, politaktivistischen Jargon“ geschrieben; „Literatur, auch überzeugende engagierte Literatur, die immer einen Sinn für die Form und die gesellschaftliche Dialektik hat, klingt anders“.[10]

Gemeinsam mit Hengameh Yaghoobifarah gab sie den Essayband Eure Heimat ist unser Albtraum[11] heraus. Das Buch versammelt Texte von 14 Autoren, die sich mit Rassismus und Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft befassen, und sich kritisch mit dem Heimatbegriff auseinandersetzen.

Im Auftrag des Schauspiel Essen verfasste sie ihr erstes Theaterstück Doktormutter Faust, welches in der Regie von Selen Kara im September 2023 uraufgeführt wurde.[12]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Ellbogen erhielt Aydemir 2017 den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael Kühne-Preis des Harbour-Front-Literaturfestivals für den besten Debütroman des Jahres[13] sowie als deutsche Preisträgerin den Franz-Hessel-Preis für 2017.[14] 2018 erhielt sie ein Jahresstipendium für Schriftsteller des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg. 2019 war sie Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles.[15] Für ihr Romanprojekt Dschinns wurde ihr 2020 ein Robert-Gernhardt-Preis zuerkannt.[16] Nach Veröffentlichung des Familienromans gelangte dieser auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022.[17] Am 13. April 2023 wurde ihr der Preis der LiteraTour Nord[18] für ihren Roman Dschinns überreicht.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Transfers in Theater und Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 18. Januar 2020 feierte ihr Roman Ellbogen unter der Regie von Selen Kara am Nationaltheater Mannheim Premiere[19] und auch Dschinns erlebte in einer Bühnenfassung unter gleicher Regie am 8. Juli 2022 seine deutsche Uraufführung am NTM.[20] Die Bühnenrechte für Dschinns und sechs weitere Romane auf der Longlist 2022 des Deutschen Buchpreises hatte sich der Rowohlt Theater Verlag gesichert.[21]

Des Weiteren entstand die Romanverfilmung Ellbogen (2024) von Regisseurin Aslı Özarslan.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Fatma Aydemir – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Susanne Lenz: Roman „Ellbogen“: Wut, wie sie einem in der Literatur lange nicht begegnet ist. In: Berliner Zeitung. (berliner-zeitung.de [abgerufen am 2. April 2017]).
  2. taz. die tageszeitung: Abschiedskolumne von Fatma Aydemir - taz.de. Abgerufen am 2. April 2017.
  3. Debütroman über junge Berliner Türkin: Kartoffeln kommen nur am Rande vor - SPIEGEL ONLINE - Kultur. Abgerufen am 2. April 2017.
  4. GNM press office: The Guardian launches new Europe edition alongside global marketing campaign. In: The Guardian. 20. September 2023, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 26. September 2023]).
  5. Harald Staun: Neues Literaturmagazin „Delfi“ beschwört Kraft des gedruckten Wortes. In: FAZ.NET. 1. September 2023, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 12. November 2023]).
  6. Fatma Aydemir - Autoren - Hanser Literaturverlage. Abgerufen am 2. April 2017.
  7. Philipp Bovermann: Diese Wut gehört ihr. In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 2. April 2017]).
  8. Andrea Diener: Roman „Ellbogen“: Ihr zügelloser Hass. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. März 2017, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 2. April 2017]).
  9. Meike Fessmann: Fatma Aydemirs zorniger Familienroman „Dschinns“. Rezension. In: Süddeutschen Zeitung. 16. Februar 2022, abgerufen am 17. Februar 2022.
  10. Iris Radisch: „Verficktes Land“ – Fatma Aydemir hat sich an einem Migrationsroman versucht. Ihre Ansichten sind ehrenwert, die literarische Qualität ist bedrückend. In: DIE ZEIT - Feuilleton. No. 9, 24. Februar 2022 (zeit.de).
  11. Eure Heimat ist unser Albtraum - Hardcover. (ullstein.de [abgerufen am 12. November 2023]).
  12. Dorothea Marcus: Doktormutter Faust – Schauspiel Essen – Ko-Intendantin Selen Kara inszeniert den aberwitzigen, zeitkritischen Faust-Remix der Autorin Fatma Aydemir. 12. November 2023, abgerufen am 12. November 2023 (deutsch).
  13. Kühne-Preis an Fatma Aydemir, boersenblatt.net, 20. September 2017, abgerufen am 21. September 2017.
  14. Kulturministerinnen Grütters und Nyssen verleihen Franz-Hessel-Preis am 1. Juni 2018 in Paris an Fatma Aydemir und Michel Jullien@1@2Vorlage:Toter Link/www.stiftung-genshagen.de (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2023. Suche in Webarchiven)Dossier Franz-Hessel-Preis 2017 / 2018. (PDF; 0,3 MB) Stiftung Genshagen, S. 7, abgerufen am 12. Februar 2023.
  15. Villa Aurora: Stipendiaten 2019
  16. Robert Gernhardt Preis 2020 für drei Romanprojekte, wissenschaft.hessen.de, erschienen und abgerufen am 3. Juli 2020.
  17. 2022 Shortlist. In: deutsch-buchpreis.de. Abgerufen am 20. September 2022.
  18. LiteratourNord. 14. April 2023, abgerufen am 30. April 2023.
  19. "Ellbogen" nach dem Roman von Fatma Aydemir - Nationaltheater Mannheim. 11. Januar 2020, abgerufen am 13. September 2023 (deutsch).
  20. „Dschinns“ Premiere: Freitag, 08. Juli 2022, Uraufführung, nationaltheater-mannheim.de, abgerufen am 29. September 2022
  21. Longlist für den Deutschen Buchpreis bekanntgegeben – darunter auch Bühnenstoffe, rowohlt-theaterverlag.de, abgerufen am 29. September 2022