Sender Wilsdruff

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Sender Wilsdruff
Bild des Objektes
Basisdaten
Land: Sachsen
Staat: Deutschland
Höhenlage: 315 m ü. NHN
Verwendung: Rundfunksender
Zugänglichkeit: Sendemast öffentlich nicht zugänglich
Daten des Mastes
Bauzeit: 1952–1953
Baustoff: Stahl
Betriebszeit: 1954–2013
Gesamthöhe: 153 m
Gesamtmasse: 110 t
Umbauter Raum: 336,5 
Daten zur Sendeanlage
Wellenbereich: MW-Sender
Rundfunk: MW-Rundfunk
Stilllegung: 30. April 2013
Weitere Daten
Beginn Probebetrieb: September 1953
Einweihung: 8. Mai 1954
Leistung Sender: 250-kW-Sender
Positionskarte
Sender Wilsdruff (Sachsen)
Sender Wilsdruff
Sender Wilsdruff
Koordinaten: 51° 3′ 31,1″ N, 13° 30′ 26,9″ O

Der Sender Wilsdruff ist ein Rundfunksender für Mittelwelle, der von 1954 bis 2013 nahe der Kleinstadt Wilsdruff bei Dresden in Betrieb war. Der Komplex gilt als eine der letzten erhaltenen Sendeanlagen ihrer Art in Deutschland und steht einschließlich u. a. der Umfriedung, der Wohn- und Sozialbauten sowie des Sendemastes auf der sächsischen Denkmalliste (Nr. 08964292[1]).

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Antenne dient ein 153 Meter hoher, gegen Erde isolierter selbststrahlender Rohrmast. Die Länge des Mastes beträgt das 0,53fache der Wellenlänge bei 1043 kHz, was exakt diejenige Länge ist, bei der eine Groundplane-Antenne die beste Flächenabstrahlung (Bodenwelle) liefert[2]. Die Abspannseile sind je mehrfach durch Isolierstrecken unterbrochen, um möglichst wenig Einfluss auf die Antenne bzw. die abgestrahlten Felder zu haben.

Der Mast steht mit einem Keramikfuß auf dem Abstimmhaus, einem Beton-Rundbau, in dem die zur Anpassung des Speisekabels an die Antenne nötigen Spulen und Kondensatoren (Resonanztransformator) sowie Blitzschutzeinrichtungen untergebracht sind.

Der 250-kW-Sender arbeitete mit vier wassergekühlten Röhrentrioden des Typs SRW 357[3] und ist in einer abgesetzten Halle untergebracht. Er ist mit einer eigens konstruierten koaxialen, luftisolierten Freileitung (Reusenleitung) mit dem Sendemast verbunden, die nur noch in Überresten erhalten ist.

Der Keramikfuß mit Sockel und Einstiegsluke

Im Hauptgebäude des Senders befinden sich in einer Halle die Senderöhren, Kondensatoren und aus Rohr gefertigte Luftspulen. Im Keller darunter ist die Stromversorgung und Kühlung untergebracht.

Zwei in einem weiteren Raum zur Notstromversorgung („Dieselhaus“) installierte Dieselaggregate dienten dem sicheren Betrieb, versorgten in Notsituationen jedoch auch teilweise die Stadt Wilsdruff mit Strom. Es handelte sich nach[3] um Schiffsdiesel der Firma WUMAG (bzw. wohl VEB Görlitzer Maschinenbau) mit je 515 kW, die, mit Pressluft angeworfen, binnen 2…3 min betriebsbereit waren.

Der Sendemast bei Nacht. Die Befeuerung hat eine Leistung von je 1 kW.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Baubeginn des 153 Meter hohen Rohrmastes war im September 1952. Nach im September 1953 erfolgten Tests wurde das Sendezentrum Wilsdruff am 8. Mai 1954 offiziell eingeweiht.

Der Rohrmast mit Abspannseilen (Pardunen)

Bis in die 1990er Jahre wurde von diesem Sender mit einer Leistung von 250 Kilowatt auf der Frequenz 1044 kHz gesendet. In der DDR wurde über den Sender das Programm Radio DDR I abgestrahlt. Über den zunächst als Reserve vorgesehenen zweiten Sender wurde später mit 20 kW das Programm des Berliner Rundfunks auf 1089 kHz, ab 1978 auf 1431 kHz gesendet.

Von 1968 bis 1969 wurde auf 1430 kHz das Programm des zu propagandistischen Zwecken gegenüber der Tschechoslowakei betriebenen Radio Vltava ausgestrahlt.

Der Sender steht heute als technisches Denkmal auf der sächsischen Kulturdenkmalliste. Die Gesamtanlage ist als Relikt der Stalinära mit umfassenden Sicherungsanlagen (zweireihiger gekröpfter Stacheldrahtzaun mit Hundelaufbahn und Wachtürmen) fast original erhalten.

Seit Mitte der 1990er Jahre betrug die Sendeleistung nur noch 20 Kilowatt. Der hierfür benutzte moderne Sender ist vollkommen halbleiterbestückt und mit in dem Rundbau, auf dem auch der Antennenmast steht, untergebracht. Eine Zeit lang wurde nun das Programm MDR Sputnik (entstanden aus DT64) abgestrahlt, nachdem dessen UKW-Übertragung über den Fernsehturm Dresden abgeschaltet worden war.

Bis 2003 befand sich in Wilsdruff auch eine Dreiecksflächenantenne als Ersatzantenne für die Frequenz 1044 kHz, Hauptantenne war der Rohrmast.

In Wilsdruff wurde bis 2013 auf der Frequenz 1044 kHz das Programm des Senders MDR Info abgestrahlt. Auch Direktübertragungen von den Sitzungen des Sächsischen Landtages waren über diese Frequenz zu empfangen, hierfür wurde dann das Programm von MDR Info unterbrochen. Von 2001 bis 2003 wurde in Wilsdruff noch ein zweiter Sender für Megaradio auf 1431 kHz betrieben. Er bediente sich ebenfalls des Rohrmastes.

Nach der Neuausschreibung wurde die Frequenz 1431 kHz durch die Sächsische Landesmedienanstalt SLM an die Stimme Russlands vergeben. Sendebeginn in Wilsdruff war der 1. April 2006, es wurden Programme aus Moskau in deutscher, englischer und russischer Sprache übertragen. Im Dezember 2012 kündigte die Stimme Russlands an, ihre Mittelwellensendungen aus Wilsdruff aus finanziellen Erwägungen heraus zum 1. Januar 2013 einzustellen. Von dieser Maßnahme waren auch die Mittelwellensender in Cremlingen-Abbenrode und Wachenbrunn betroffen.[4][5]

Am 30. April 2013 um 06:00 Uhr morgens endete die Mittelwellenübertragung von MDR Info aus Wilsdruff mit der Aufschaltung einer Hinweisschleife, die auf den alternativen Empfangsweg DAB+ hingewiesen hatte und noch bis 6. Mai 2013 lief. Nach deren Abschaltung um 06:00 Uhr lief über den Sender Wilsdruff ein Leerträger, bis um 09:00 Uhr auf allen drei Mittelwellensendern (Wilsdruff, Wiederau und Reichenbach) die Hinweisschleife erneut aufgeschaltet wurde. Der Sender in Wilsdruff wurde um 11:37 Uhr als letzter der drei Sender von einem Techniker des Senderbetreibers Media Broadcast vor Ort manuell abgeschaltet.[6] Damit gibt es keine Rundfunkübertragungen mehr von diesem Standort.[7][8] Ein Abriss des Sendemastes soll folgen.[9][10]

Das Heimatmuseum der Stadt Wilsdruff widmet dem Sender Wilsdruff einen besonderen Ausstellungsraum, wo überdies eine sehr informative, allerdings nicht zum Verkauf bestimmte Video-DVD (50 Minuten Länge) zum Sender angeschaut werden kann. Bis zum 1. November 2015 war eine Sonderausstellung im Heimatmuseum der Stadt Wilsdruff dem Sender gewidmet.

Der Sender war auch zum „Tag des offenen Denkmals“, einem jährlichen Termin, zur Besichtigung geöffnet. Regulär ist das Gelände nicht frei zugänglich.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Joachim Böhme: Mittelwelle, 1043/1044 Kilohertz – 60 Jahre Großsender Wilsdruff. In: Das Archiv Heft 3/2014; S. 82–86
  • Siegfried Hermann, Wolf Kahle, Joachim Kniestedt: Der deutsche Rundfunk. Heidelberg 1994
  • Hagen Pfau: Mitteldeutscher Rundfunk. Radio-Geschichte(n). Altenburg 2000
  • Bundesarchiv Signatur DM303/1307

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen - Denkmaldokument Nr.08964292, abgerufen am 11. Apr. 2019
  2. http://www.bbceng.info/Install/Transmitter%20Projects/Reminiscences/Lisnagarvey/Lisnagarvey_Blaw-Knox.htm Aubrey McKibben: Lisnagarvey and the Blaw-Knox mast (Auswirkungen der Länge und Gestalt von Sendemasten), abgerufen am 11. Apr. 2019
  3. a b https://www.radiomuseum.org/forum/mw_sender_wilsdruffsachsen.html, abgerufen am 10. Apr. 2019
  4. dxaktuell.de: Russischer Rotstift: Stimme Russlands kürzt Mittelwellensendungen aus Deutschland
  5. dxaktuell.de: Stimme Russlands: Keine analogen Kurzwellen mehr aus Moskau für Deutschland, nur 693 kHz verbleibt
  6. radioeins.de: MW-Sender in Sachsen abgeschaltet
  7. youtube.com: Video mit Hinweis auf die Abschaltung der MDR-Mittelwellen am 30. April 2013
  8. soundcloud.com: Aufnahme vom Übergang zur Hinweisschleife am morgen des 30. April 2013
  9. Annett Heyse: Wilsdruffer Funkmast soll aus der Landschaft verschwinden. In: Sächsische Zeitung, 31. Mai 2013
  10. Riesenantenne wird abgerissen. Abgerufen am 7. Februar 2019.