Göygöl (Stadt)

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Göygöl
Wappen
Wappen
Staat: AserbaidschanAserbaidschan Aserbaidschan
Rayon: Göygöl
Gegründet: 1819
Koordinaten: 40° 35′ N, 46° 19′ OKoordinaten: 40° 35′ 15″ N, 46° 19′ 0″ O
Höhe: 670 m
 
Einwohner: 18.200 (2014)
Zeitzone: AZT (UTC+4)
Telefonvorwahl: (+994) 2220
Postleitzahl: AZ2500
Kfz-Kennzeichen: 25
 
Gemeindeart: Stadt (şəhər)
Göygöl (Aserbaidschan)
Göygöl
Göygöl

Göygöl ist eine Stadt in Aserbaidschan. Sie ist Hauptstadt des Bezirks Göygöl. Die Stadt hatte 2014 etwa 18.200 Einwohner.[1] Der zunächst als Helenendorf gegründete Ort trug später den Namen Xanlar,[2] russisch Ханлар (Chanlar).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort wurde im Jahr 1819 von deutschen Siedlern unter Zar Alexander I. gegründet und trug den Namen „Helenendorf“. Die Stadt wurde zu einer der bedeutendsten Kolonien der Kaukasiendeutschen, die auch Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine deutliche Bevölkerungsmehrheit in Helenendorf stellten. Die deutsche Gemeinde organisierte sich in Vereinen, in der Stadt gab es eine eigene deutschsprachige Presse, darunter etwa die kommunistische Zeitung Lenins Weg. Als erstes Dorf im gesamten Kaukasus hatte Helenendorf 1912 elektrischen Strom, 1916 gar ein funktionierendes Telefonnetz. 1908 belief sich die Zahl der deutschen Bevölkerung Helenendorfs auf mehr als 2400 Personen. Mit dem Namen der Gebrüder Vohrer und Gebrüder Hummel verbindet man die Gründung und Blütezeit der Weinproduktion (auch Cognac und Wodka) in Aserbaidschan. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts stammte nahezu zwei Drittel des hergestellten Weins im Gouvernement Elisabethpol aus den Produktionsstätten deutscher Kolonisten in Helenendorf. Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich die ersten Genossenschaften wie etwa „Konkordia“ heraus.

Mit der Gründung der Demokratischen Republik Aserbaidschan (ADR) im Mai 1918 entstand der „Transkaukasische Deutsche Rat“, der sich auch um Belange der Deutschen in Georgien scherte. Darin waren u. a. Dr. med. Wilhelm Hurr und Gottlieb Hummel vertreten. In der Nationalversammlung der ADR repräsentierte Lorenz Kuhn aus Helenendorf als Abgeordnete die Interessen der deutschen Bevölkerung Aserbaidschans.[3]

Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, als Aserbaidschan bereits sowjetisiert war, begann die systematische Enteignung der Dorfgemeinschaft. Aufgrund ihres steigenden Wohlstands wurden die Deutschen von Kommunisten als „Kulaken“ gebrandmarkt. 1926 fand ein großer Gerichtsprozess u. a. gegen Gottlob Hummel, Heinrich Vohrer und Fritz Reitenbach, die prominenten Vorstandsmitglieder der „Konkordia“ aus Helenendorf, denen konterrevolutionäre und nationalistische Aktivitäten zur Last gelegt wurden. In der Folge wurden die Angeklagten nach Kasachstan deportiert und ihr Eigentum beschlagnahmt. Bereits 1935 wurden 600 Familien aus Helenendorf und aus dem nahegelegenen Annenfeld unter dem Vorwurf der Spionage nach Ostkarelien zwangsdeportiert.[4]

1938 bis 1941 wurden die verbliebenen Deutschen unter Stalin vertrieben. Am 29. November 1938 erhielt der Ort die Stadtrechte, bei gleichzeitiger Umbenennung in Xanlar nach dem aserbaidschanischen Arbeiterführer Xanlar Səfərəliyev (1885–1907).[5][2] Am 25. April 2008 wurde die Stadt nach einem nahe liegenden See in Göygöl umbenannt.[6][7]

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der deutschen Besiedlung blieben der Stadt eine lutherische Pfarrkirche, die zu Sowjetzeiten als Sporthalle genutzt wurde und heute ein Museum ist, die als Alleen angelegten Straßen und die spitzgiebeligen Häuser. Außerdem gibt es ein historisches Museum, ein Kino und die Brücke „Aq Körpü“ (Weiße Brücke), die im 12. Jahrhundert erbaut wurde.[2]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hummelstraße in Göygöl (Helenendorf)

Nördlich der Stadt verläuft die Fernstraße M2, die dort die gut 10 km nördlich (Zentrum) gelegene Großstadt Gəncə umgeht. In Gəncə befindet sich an der Bahnstrecke von Baku zur georgischen Grenze (weiter Richtung Tiflis) der Azərbaycan Dövlət Dəmir Yolu auch die nächstgelegene Bahnstation. Zur Erinnerung an die Errungenschaften großer Familienunternehmen wurde eine der Zentralstraßen nach der Familie Hummel umbenannt.[8]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jakob Hummel (1893–1946), sowjetischer Archäologe und Volkskundler deutscher Herkunft

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaukasiendeutsche

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Mohl: Schwäbischer Pioniergeist im Kaukasus – Die russlanddeutsche Kolonie Helenendorf. In: Schwäbische Heimat. Heft 2002/3, ISSN 0342-7595
  • Nazim Allahverdi oglu Ibragimov: Heimat in der Fremde – Der deutsche Einfluß auf die Entwicklung Aserbeidschans. Herausgegeben vom Autor zusammen mit der Rheinland-Pfälzischen Gesellschaft für Ostbeziehungen e.V., Mainz 1997, ISBN 3-00-001882-4
  • Jacqueline Grewlich-Suchet: Wine and Wagons – Helenendorf: Azerbaijan’s First German Settlement. In: Azerbaijan International, Sommer 2004 (12.2) S. 70–75

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Winfried Schnurbus: Abenteuer Seidenstraße. Die Karawane der Hoffnung. (Erstsendung 4. Dezember 2003; Dokumentation über einen Hilfstransport nach Afghanistan mit Helenendorf als Etappe. Kurzes Interview mit dort lebenden Deutschstämmigen.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Population by sex, economic and administrative regions, urban settlements of the Republic of Azerbaijan at the beginning of the 2014 (Memento vom 16. Juli 2014 im Internet Archive) auf der Website des Azərbaycan Respublikasının Dövlət Statistika Komitəsi (Staatliches Statistikkomitee der Republik Aserbaidschan)
  2. a b c azerb.com über Stadt und Rayon
  3. Helenendorf Xanlar Chanlar Göygöl. In: Deutsche Kolonisten. 15. August 2015 (deutsche-kolonisten.de [abgerufen am 22. Februar 2018]).
  4. Eva-Maria Auch: "Entgrenzung" - Deutsche auf Heimatsuche zwischen Württemberg und Kaukasien. Begleitheft zur Wanderausstellung anlässlich des 200. Jubiläums deutscher Ansiedlung in Südkaukasien. Hrsg.: Humboldt Universität zu Berlin. Berlin 2017, ISBN 978-3-9814384-3-7, S. 75–79.
  5. S. A. Melʹnikov, Č. G. Ibragimov: Azerbajdžanskaja SSR. Administrativno-territorialʹnoe delenie na 1 janvarja 1977 goda. 4. Auflage. Baku 1979 (russisch, online [PDF]).
  6. Изменились названия двух городов Азербайджана (Memento des Originals vom 11. Februar 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.1news.az
  7. Azerbaijani Khanlar Region Re-named. trendaz.com
  8. Philine von Oppeln, Frank Schüttig: Aserbaidschan. Mit Baku, Kaukasus und Kaspischen Meer. 3. Auflage. Trescher Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-89794-345-2, S. 224.