Gerlach-Archiv

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Die 4 Brüder von Gerlach (vor 1815) von Friedrich Meier (Sign. WI01269). V.l.n.r.: Otto, Ernst Ludwig, Leopold und Wilhelm von Gerlach

Das Gerlach-Archiv ist das Familienarchiv der preußischen Beamten- und Politikerfamilie von Gerlach und zugleich eine ideengeschichtliche Forschungsstelle an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ihm zugeordnet ist auch ein Teilarchiv der Familie von Raumer.

Das Archiv umfasst hauptsächlich den Nachlass Ernst Ludwig von Gerlachs (1795–1877). Es hat einen Gesamtumfang von ca. 17.000 Unterlagen und befindet sich seit 1954 in Erlangen. Seit Ende der 1970er Jahre ist es am dortigen Institut für Politische Wissenschaft angesiedelt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gerlach-Archiv, auch „Gerlach-Rohrbecksches Familienarchiv“ bzw. „Rohrbecker Archiv“, ist das Familienarchiv der preußischen Beamten- und Politikerfamilie von Gerlach. Das seit Beginn des 19. Jahrhunderts vermutlich in Berlin und am ursprünglichen Landsitz der Familie, dem im ehemals östlichen Brandenburg gelegenen Gut Rohrbeck (heute: Rosnowo) entstandene, private Archiv wurde wohl zunächst von Ernst Ludwig von Gerlach selbst und dann von seinem Neffen Jakob geordnet und bearbeitet. Nach und nach um kleinere Nachlässe und Teilnachlässe seines Vaters, des Berliner Oberbürgermeisters Carl Friedrich Leopold von Gerlach († 1813), und seiner Brüder Wilhelm († 1834), Otto († 1849) und Leopold von Gerlach († 1861) erweitert, wurde ihm nach 1877 schließlich Ludwig von Gerlachs eigener umfangreicher Nachlass hinzugefügt. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wuchs das Archiv durch die Aufnahme weiterer Materialien späterer Familienmitglieder oder aus weiteren Zweigen der Familie von Gerlach weiter an.

Anders als vergleichbare Familienarchive aus dem ländlichen Preußen überstand das Gerlachsche Archiv den Zweiten Weltkrieg unbeschadet, auch da die Familie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in das bayerische Berchtesgaden übersiedelte. Ein größerer Teilnachlass Leopold von Gerlachs hingegen, der sich im Stettiner Staatsarchiv befand, ging 1945 verloren.

Im April 1954 hat Klaus von Gerlach das Archiv auf das Betreiben des Konservatismusforschers Hans-Joachim Schoeps hin an das Seminar für Religions- und Geistesgeschichte der Universität Erlangen übergeben. In der folgenden Zeit kam es zu reger Forschungs- und Veröffentlichungstätigkeit um das Archiv. Durch Ankäufe kleinerer Splitterbestände fremder Provenienz wurde das Archiv außerdem erweitert. Seit Ende der 1970er Jahre gehört es zum politikwissenschaftlichen Institut und wurde 1980 um das Raumer’sche Familienarchiv (Raumer-Archiv), einen Archivbestand aus dem Besitz der mit den von Gerlachs verwandten und in Erlangen ansässigen Familie von Raumer, ergänzt. Heute steht das Gerlach-Archiv zusammen mit der ihm zugeordneten Forschungsstelle unter der Leitung von Clemens Kauffmann. In den Jahren 2011 bis 2015 wurden die Bestände des Gerlach-Archivs im Rahmen eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten Drittmittelprojekts neu erschlossen und katalogisiert. Das Gerlach-Archiv ist seither vollständig in der Kalliope-Datenbank für Autographen und Nachlässe nachgewiesen.

Bestände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansicht einer Seite aus einem der Tagebücher Ernst Ludwig von Gerlachs (II A), Eintrag vom 23. September 1817 (Sign. ER02784)

Das Gerlach-Archiv besteht überwiegend aus dem echten und angereicherten Nachlass des Richters, Politikers und Publizisten Ernst Ludwig von Gerlach (1795–1877). Daneben hat es im Laufe der Zeit weitere Teilnachlässe und Nachlasssplitter aufgenommen. Der Nachlass Ludwig von Gerlachs bildet heute den Kern des seit seiner Entstehung als Familienarchiv angelegten Archivs. Bei dessen Bearbeitung und Ordnung als Ganzes wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein alle Abgrenzungen innerhalb des Gesamtbestands größtenteils verwischt, so z. B. von Ludwigs Nachlass zu den anderen Teilnachlässen der Brüder Wilhelm, Leopold und Otto. Diese zum Teil späteren Beifügungen sind in ihrer ursprünglichen Form als physische Teilbestände deshalb heute nicht mehr genau rekonstruierbar.

Die hauptsächlichen Bestandsbildner des Gerlach-Archivs sind:

Daneben existierten zwei „Erweiterungen“, Nachlasssplitter von Karl Witte und Franz von Lucadou (1783–1860), die auf Ankäufe zurückgehen und als getrennte Bestände gelagert sind.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Schwerpunkt bildet das sog. „Rohrbecker Archiv“, welches den umfangreichen Briefwechsel Ernst Ludwig von Gerlachs (ca. 15.000 Briefe von fast 9.000 Korrespondenten), sowie einiger Verwandter, verschiedenstes dienstliches und politisches Schriftgut sowie seine Tagebücher (1815–1877) enthält. Daneben umfasst es unter anderem größere Teile des Nachlasses seines älteren Bruders, des Generals Leopold von Gerlach, sowie des Nachlasses seines Vaters, des Berliner Oberbürgermeisters Carl Friedrich Leopold von Gerlach. Letzterer enthält neben Korrespondenz ebenfalls amtliches Schriftgut.

Das Archiv beinhaltet im Allgemeinen reichhaltige Materialien zur politischen Geschichte Preußens, zur Theologie und Kirchengeschichte (Neupietismus), zur Rechtsgeschichte sowie – dank der Freundschaften der Gebrüder Gerlach mit namhaften Gelehrten der Zeit und mit bekannten Künstlern der Romantik – zur deutschen Wissenschafts-, Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die früheren Bearbeiter gliederten den Gesamtbestand in insgesamt 177 Faszikel oder Bände, die überwiegend Provenienzen oder geschlossene Kommunikationszusammenhänge abbilden sollten (z. B. Briefe Ernst Ludwig von Gerlachs an seine Frau Luise geb. von Blankenburg oder Briefe des Vaters Carl Friedrich Leopold von Gerlach an seine Söhne). Da Bestände und Teilbestände aus verschiedenen Überlieferungen zusammengeführt wurden, zieht sich diese Struktur nicht völlig einheitlich und mitunter redundant durch das Archiv; so etwa, wenn Briefe desselben Verfassers in zwei verschiedenen Familienzweigen und daher an unterschiedlichen Orten überliefert wurden. Obgleich sich in diesem Aufbau sicherlich verschiedene historische Erweiterungsphasen des Gesamtbestands abbilden, konnten diese bisher jedoch noch nicht systematisch untersucht werden. Detaillierte Aufzeichnungen über die bisherigen Bearbeitungsschritte liegen nicht vor. Die überlieferte Gliederung des Bestands ist im Rahmen der jüngsten Neuerschließung allerdings respektiert und weitestgehend bewahrt worden; sie liegt für spätere Benutzer somit als gewissermaßen physischer Teil seiner Überlieferungsgeschichte weiterhin vor.

Im Rahmen der Neuerschließung wurden die Unterlagen außerdem jeweils virtuellen, personenbezogenen Beständen zugeordnet (gegliedert nach den ursprünglichen Bestandsbildnern: „ER“ für Ernst Ludwig von Gerlach, „FA“ für Familienarchiv, „LE“ für Leopold von Gerlach, „WI“ für Wilhelm von Gerlach, „OT“ für Otto von Gerlach etc.), welche in ihrer Ganzheit eine archivarische Klassifikation bilden, wodurch das Archiv nunmehr sowohl personenbezogen sowie auch nach Materialarten (Korrespondenz, Dokumente etc.) durchsucht werden kann. Die Zuordnung der Archivalien zu Personenbeständen findet sich in den neuvergebenen Signaturen wieder, z. B. „ER02117“.

Neuerschließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der gesamte Bestand wurde in den Jahren 2011 bis 2015 im Rahmen des aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Projekts Erschließung und digitale Erfassung des Gerlach-Archivs EDV-gestützt und aktuellem wissenschaftlichen Standard entsprechend neu erschlossen und verzeichnet. Ziel des Projekts war seine erstmalige umfassende Erschließung einschließlich aller Nebenarchive und die Erstellung eines elektronischen Nachlassverzeichnisses.

Im Laufe des Projekts wurden mehr als 3.300 Katalog-Datensätze erstellt, mit denen insgesamt gut 17.000 Briefe und Dokumente nach Verfassern, Datierung und Ort, zum Teil auch nach Beschaffenheit und Inhalt erfasst wurden. Seit Abschluss des Erfassungsprojekts im Frühjahr 2015 sind die Bestände des Archivs im Kalliope-Verbundkatalog für Autographen und Nachlässe vollständig katalogisiert.

Signaturgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der bisherige Gesamtbestand aus 177 Faszikel gliederte sich in die folgenden Signaturgruppen:

Signatur Anzahl
1–11 11
I–XIX 19
A–Z 25
AA–EY 122
Summe: 177

Die Verzeichnungseinheiten der Neuerschließung gliedern den Gesamtbestand außerdem in die folgenden Personenbestände (Klassifikation):

Bestand Anzahl ggf. Bestandsbilder
ER 1777 Ernst Ludwig von Gerlach
FA 778 Familienarchiv
LE 179 Leopold von Gerlach
WI 395 Wilhelm von Gerlach
OT 28 Otto von Gerlach
KW 95 Karl Witte
JL 3 Johann Paul Franz von Locadou
RA 62 Raumer-Archiv
Summe: 3317

Da die bei der Neuerschließung gebildeten Verzeichnungseinheiten eine Feinerschließung der bisherigen Ordnung darstellen, ist die Faszikelgliederung ungestört erhalten geblieben und kann mittels Konkordanz oder Archivkatalog den neuen Signaturen zugeordnet werden.

Benutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gerlach-Archiv ist der wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit zu Forschungszwecken zugänglich. Die Benutzung ist kostenfrei, Kopien und elektronische Reproduktionen können nach Absprache und gegen Gebühr angefertigt werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hellmut Diwald (Hrsg.): Von der Revolution zum Norddeutschen Bund. Politik und Ideengut der preußischen Hochkonservativen 1848 - 1866, zwei Bände. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1970.
  • Ernst Ludwig von Gerlach: Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken 1795–1877. Herausgegeben von Jakob von Gerlach, zwei Bände. Bahn, Schwerin, 1903. (Band 1: 1795–1848, Band 2: 1848–1877)
  • Ernst Ludwig von Gerlach: Gottesgnadentum und Freiheit. Ausgewählte politische Schriften aus den Jahren 1863 bis 1866. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hans-Christof Kraus. Karolinger, Wien u. a. 2011, ISBN 978-3-85418-141-5.
  • Jürgen von Gerlach: Von Gerlach: Lebensbilder einer Familie in sechs Jahrhunderten. Insingen, Degener, 2015, ISBN 978-3-7686-5209-4.
  • Hans-Christof Kraus: Ernst Ludwig von Gerlach. politisches Denken und Handeln eines preussischen Altkonservativen (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 53, 1–2). Zwei Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, ISBN 3-525-36046-0 (Zugleich: Göttingen, Universität, Dissertation, 1992).
  • Hans-Joachim Schoeps (Hrsg.): Aus den Jahren preußischer Not und Erneuerung. Tagebücher und Briefe der Gebrüder Gerlach und ihres Kreises 1805–1820. Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, 1966.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 49° 35′ 58″ N, 11° 0′ 50,7″ O