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Gertrude Degenhardt

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Gertrude Degenhardt (* 1. Oktober 1940 als Gertrude Schwell in New York City, New York; † 12. November 2025 in Greifswald[1]) war eine deutsche Lithografin und Zeichnerin. Sie lebte und arbeitete in Mainz-Gonsenheim.

Gertrude Schwell wurde am 1. Oktober 1940 in New York geboren. Dort hatten sich ihre Eltern, der Vater Deutscher und die Mutter Deutsch-Ungarin, in Brooklyn kennengelernt.[2] Sie wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg in West-Berlin auf. Ab 1956 lebte sie in Mainz, wo sie die Schule abschloss und bis 1959 an der Staatlichen Werkkunstschule für Gebrauchsgrafik studierte.[3] Ab 1966 arbeitete sie als freischaffende Malerin und Graphikerin. Ihre Zeichnungen und Radierungen tragen ihre individuelle, unverwechselbare künstlerische Handschrift. Ihr im Jahre 2002 verstorbener Mann Martin Degenhardt ist in ihren Werken wohl das meist wiederzufindende Bildmotiv. Ihre 2022 verstorbene Tochter Annette Degenhardt war Gitarristin und Komponistin.[4][5]

Mit Radiernadel, aber auch mit Pinsel und Zeichenstift, stellte sie ihre Mitmenschen verfremdet und skurril und trotzdem gut erkennbar dar.[6] Ihre Frauen und Männer sind aus dem Leben gegriffen – kauzig, ernst, heiter, nüchtern und trunken, erotisch und asketisch, individuell und originell. Die Künstlerin wirkte seit 40 Jahren wechselweise in Rheinhessen und an der irischen Westküste. Einige ihrer Zyklen wurden zuerst in Deutschland vorgestellt, andere, wie zum Beispiel „Fiddle & Pint“ wurden erstmals in Dublin gezeigt und kamen dann nach Deutschland. Liebenswerte und skurrile Gestalten aus der Liedermacherszene ihres Schwagers Franz Josef Degenhardt oder aus Irland, vielfach handfeste Stromer, Trinker und Spieler, können in ihren Radierungen und Farbradierungen aus früheren Jahren betrachtet werden.

Charakter der Werke

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Gertrude Degenhardt war eine genaue und lachende Beobachterin von Menschen im Allgemeinen und deren Charakter. Sie sprach über die Menschheit, offenbarte uns unsere eigene Absurdität und erinnerte uns an eine unserer wenigen erlösenden Kräfte: die Musik. Alles Ernsthafte und auch Komische wurde in Übertreibung zur Groteske. Sie fing in ihren Sujets Emotionen ein: Lebensfreude, Völlerei, Hass, Begehren, Bewundern, Entzücken, Verabscheuen, Trieb, Gier, Leiden und auch die Sinnenfreuden wie Fühlen, Berühren, Riechen, Genießen. Ein gutes Glas und Musiknoten waren unablässige Ergänzungen zu den Hauptmotiven.

Eine Vielzahl an Sujets erschließt ihre Wahrnehmung, ihr Leben:

In den 1990er Jahren entstanden Frauensujets wie Vagabondage – Zyklen wilder, eigenständiger Frauen – als Aquarelle, Pinselzeichnungen und Grafiken. Als Kaltnadelradierungen überwiegen: Women in Music, Vagabondage in Blue, Vagabondage en Rouge, Vagabondage Ad Mortem mit dazugehörenden Büchern.

Gertrude Degenhardt illustrierte zahlreiche Texte von O’Flaherty, Brecht, Biermann, François Villon, ihrem Schwager Franz Josef Degenhardt und anderen politischen Autoren. Ihre meisterhafte Technik setzte sie auch bei der Gestaltung von Schallplattencovern für die Liedermacher- und die Irish-Folk-Szene ein.

Bildbände und Kataloge

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  • Das Fest kann beginnen. Maison de Rhénanie-Palatinat und Edition GD, Mainz 2006. ISBN 3-923929-12-9
  • Tanzende Paare. Edition Villa Musica und Edition GD, Mainz 2004. ISBN 3-923929-11-0
  • Vagabondage en rouge. Pinselzeichnungen, Lithographie, Radierungen. Edition GD, Mainz 2001. ISBN 3-923929-10-2
  • Fiddle & Pint. Edition GD, Mainz 2000. ISBN 3-923929-09-9
  • Quartette. Edition Villa Musica und Edition GD, Mainz 1998. ISBN 3-923929-08-0
  • Vagabondage in blue. Frauen an Trommeln. Edition GD, Mainz 1996. ISBN 3-923929-07-2
  • Vagabondage ad mortem. Musikanten des Todes. Edition GD, Mainz 1995. ISBN 3-923929-06-4
  • Musikfrauen – Women in Music. Mittelrhein-Museum Koblenu und Edition GD, Mainz 1990. ISBN 3-923929-03-X
  • Farewell to Connaught. 65 Kaltnadel-Radierungen von der irischen Westküste. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 1989. ISBN 3-7632-2859-4
  • Von der anderen Musik. Zeichnungen und Radierungen 1970–1985. Kulturamt Böblingen 1985
  • In praise of pints oder Maria zu Ehren. 40 Zeichnungen mit dem Gänsekiel. Edition GD, Mainz 1983, ISBN 3-923929-00-5
  • So ein Tag, so wunderschön wie heute. Limpert, Frankfurt/M. 1974. ISBN 3-7853-1197-4
  • Nostalgia. Edition GD, Mainz-Gonsenheim 1971
  • Loppe Loppe Leiter. Linkisch Lied für Lust und Lümmel. Eberwein, Offenbach 1967
  • Gertrude Degenhardt: Gegen das „neue Mittelalter“. Eine Künstlerin aus der BRD über sich selbst. In: Bildende Kunst, Berlin, 5/1977, S. 235–237
  • Willy Barth: Vorwort. In: Quartette. Mainz 1998, ISBN 3-923929-08-0
  • Andreas Räsch: Bilder, auf dass das Leben bleibe. Eine Vagabondage durch das Werk von Gertrude Degenhardt. Stadtmuseum Borken, Borken 2007
  • Andreas Räsch: Die Welt der Gertrude Degenhardt. Ein Porträt. In: Muschelhaufen. Jahresschrift für Literatur und Grafik. Viersen 2007, Nr. 47/48, ISSN 0085-3593
  • Klaus Weschenfelder: Music In Women. In: Musikfrauen – Women in Music. Mainz 1990, ISBN 3-923929-03-X
  • Stefanie Mittenzwei: Den Klängen verfallen. Gertrude Degenhardts neuer Bilderzyklus »Musikfrauen«. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. Nummer 1. Jahrgang 1991. Verlag H. Schmidt Mainz, S. 78–89, ISSN 0720-5945
  1. Gertrude Degenhardt gestorben. In: junge welt online. junge welt, 14. November 2025, abgerufen am 14. November 2025.
  2. Mit der Nadel gezeichnet. Die Graphikerin Gertrude Degenhardt. In: Marginalien: Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophile. Band 181 - 183. Pirckheimer-Gesellschaft, 2006, S. 12 ff. (google.de [abgerufen am 16. November 2025]).
  3. Die unbändige Lust an der Übertreibung UZCategories Kultur, UZ vom 9. Oktober 2020
  4. Offizielle Webseite von Annette Degenhardt. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 7. Juli 2017; abgerufen am 12. Februar 2017.
  5. Andreas Räsch: Bilder, auf dass das Leben bleibe – Rede zur Ausstellungseröffnung im Kunstverein Borken. 6. Mai 2007, abgerufen am 12. Februar 2017.
  6. Etwa John Lennon in der zehnfarbigen Aquatinta-Radierung Give Peace a Chance.
  7. Abbildung in Bildende Kunst, Berlin, 5/1976, S. 249.