Geschichtenerzähler

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Geschichtenerzähler, häufig auch als Erzähler, Erzählkünstler oder Märchenerzähler bezeichnet, sind Personen, die in vielen Kulturen religiöse, kultische oder bildungserzieherische Aufgaben wahrnehmen, deren Kunst aber auch der Unterhaltung dient. In Mitteleuropa ging das Berufsbild des Geschichtenerzählers wohl aus dem Spektrum der mittelalterlichen Minnesänger, Troubadoure und Hofnarren hervor.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im anglo-amerikanischen und europäischen Sprachraum nutzt man den Begriff Geschichtenerzähler (bzw. storyteller) meist als Oberbegriff für Märchen- und Sagenerzähler, Stadt- und Museumsführer und Schriftsteller. In anderen Kulturkreisen wird dagegen oft strikt differenziert: Beispielsweise erzählen Frauen in der Sahelzone Märchen, die vor allem der Unterhaltung dienen, während der Beruf des Griot teilweise auch für den finanziellen Unterhalt sorgt.

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzlich ist es Aufgabe der Geschichtenerzähler, ihre Zuhörerschaft zu unterhalten und ihnen die Erfahrungen älterer Generationen oder bestimmter Kulturkreise zu vermitteln. Die mündlich vorgetragenen Geschichten können dabei als Beispiele für kulturell erwünschte oder verpönte Verhaltensweisen und für die Bewältigung von zwischenmenschlichen Konflikten oder Lebenskrisen dienen. Geschichtenerzählen ist dabei eine Kunstform mit Eventcharakter, die maßgeblich von der jeweiligen Interaktion von Erzähler und Zuhörenden geprägt ist.[1]

Das Repertoire eines Geschichtenerzählers kann Genres wie Volksmärchen, Kunstmärchen, Weisheitsgeschichten, Parabeln, Fabeln, Epen, Sagen, Schwänke, autobiographische Erzählungen, Anekdoten, Mythen, adaptierte Literatur oder Theaterstücke, Gedichte, Lieder etc. umfassen. Je nach Traditionslinie werden die Geschichten einer schriftlichen Vorlage entsprechend wortgetreu, oder aber gänzlich frei vorgetragen.

Dabei existiert eine große Bandbreite teils beabsichtigter Zwecke und Wirkungen. Märchen werden zum Beispiel als Unterhaltung, als Seelennahrung im Sinne von Tradierung menschlicher Erfahrung, als religiöse Botschaft oder philosophische Wahrheit, als Sinnbild abstrakter Prozesse und Gefühlszustände, als Hoffnungsträger und als Überlieferung aufgefasst.[2]

Dementsprechend werden Geschichten in verschiedenen Rahmen erzählt, aber auch bzw. rezitiert oder vorgelesen. Dazu gehören neben künstlerisch-unterhaltenden Formen in Literatur, Poetry Slams, Theater und Kabarett auch eher anwendungsorientierte Bereiche wie Rhetorik, Pädagogik und Psychologie.[3] In vielen Kulturen erfüllen Geschichtenerzähler auch rituelle und religiösen Aufgaben. Dies ist beispielsweise bei vielen Schamanen und im Sufismus der Fall. Das Berufsbild des Geschichtenerzählers überschneidet sich heute mit anderen Berufen, wie z. B. Pädagogen, Schauspielern, Autoren oder Therapeuten.

Zu den professionellen Volkssängern in Westasien, die epische Erzählungen vortragen, gehören der Aşık in der Türkei, der Dengbêj in den Kurdengebieten und der Manastschi in Kirgisistan.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Merkel, Michael Nagel: Erzählen, die Wiederentdeckung einer vergessenen Kunst. Reinbek 1982
  • Kristin Wardetzky: Erzählen - Kunst oder Nicht-Kunst?. Berlin, März 2005
  • Stefan Kuntz: Zuhören-Erzählen-Schreiben. WortSpiegel 3/4, 2004
  • Josef Mahlmeister: Pierre Gripari und seine Rue Broca Geschichten. Mit einem Exkurs zum Thema: Erzählen. GRIN Verlag, München 2012, ISBN 978-3656186137.
  • Barbara Greiner-Burkert: Richtig gut erzählen – Geschichten und Märchen gekonnt präsentieren. tausendschlau Verlag, München 2012, ISBN 978-3943328394.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Margaret Read MacDonald: The Storyteller's Start-Up Book. 1993, ISBN 0-87483-305-1, S. 92–94; Norbert Kober: Ja, natürlich! Ich erzähle frei. Lehr- und Lesebuch. 2015 (4. Auflage), ISBN 978-3-940190-87-1, S. 33–35, 211–224.
  2. Linde Knoch: Praxisbuch Märchen, 2010 (4. Auflage), ISBN 978-3-579-02309-0, S. 16–24.
  3. Norbert Kober: Ja, natürlich! Ich erzähle frei, S. 225–245.