Hörtypologie

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Die Hörtypologie (vom griechischen τυπος für das „Urbild“ oder „Vorbild“ und vom altgriechischen λόγος für die „Lehre“ oder „Wissenschaft“) gliedert und erklärt die Art und Weise des Hörens, der akustischen Rezeption.

Hörtypologie nach Adorno[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adornos Theorie entsprang rein gedanklicher Natur und ist somit empirisch nicht bewiesen. Deshalb wird sie von vielen Wissenschaftlern kritisiert. Seiner Ansicht nach beruht die Art der Rezeption auf der Gewichtung zwischen Kenntnissen der Musiktheorie, Vertrautheit mit bestimmten Musikarten und Besonderheiten der Wahrnehmung. Dabei sind die folgenden Typen reine Idealtypen, die sehr selten sind; das heißt, dass fast ausschließlich Mischformen dieser Typen existieren.

Experte Dieser Typ ist recht selten und wenn, dann eher bei Berufsmusikern zu finden. Seine Fähigkeit liegt darin, aus dem bereits Vergangenen des Musikstückes auf das Zukünftige zu schließen, sodass er bereits weiß, was als Nächstes kommt. Er versteht und hört gleichzeitig die Kompositionstechnik und kann den Gedanken des Komponisten folgen.

Gute Zuhörer Der gute Zuhörer besitzt die gleichen Fähigkeiten wie der Experte, nur dass er nicht Herr im Umgang mit den Kompositionstechniken ist. Er kann zwar die Musik charakterisieren und interpretieren bzw. beurteilen und hört auch den Stil, versteht aber die Technik nicht. Vergleichbar ist dieses mit einem Menschen, der gut eine Sprache beherrscht und einem auch sagen kann, dass etwas falsch klingt, aber aufgrund seiner fehlenden Grammatikkenntnisse dieses nicht begründen kann.

Bildungskonsument Dieser Typus hört viel und ist gut informiert über das, was er hört. Er weiß im Grunde genommen alles über den Komponisten, Sänger oder die Band. Er zählt auch zu den regelmäßigen Konzertgängern. Meistens kennt er schon die Stücke und wartet nur noch auf Höhepunkte. Weiterhin besitzt er nicht die Kompetenzen der vorhergegangenen Typen.

Emotionale Hörer Der emotionale Zuhörer assoziiert Gefühle und Momente seines Lebens mit der Musik. Dabei verabscheut und verachtet er die Formanalyse von Musikstücken. Seiner Meinung nach spricht dieses nicht für einen Menschen. Zusätzlich kann er sich besonders für emotionale Musik begeistern.

Ressentiment-Hörer Er zeichnet sich dadurch aus, dass er ein Anhänger einer sehr seltenen Musikrichtung ist, sich mit dieser identifiziert und sich somit automatisch von der Masse abhebt. Diese oftmals sehr skurrile Musikrichtung zählt zu seinen Grundlagen des Lebens. Weiterhin verachtet er das offizielle Musikleben der Öffentlichkeit. Der Jazzexperte oder Jazz-Fan oder auch ein Anhänger barocker Orgelmusik ist ein Subtyp des Ressentiment-Hörers, hält sich für fortschrittlich, weil er sich von Klassik und Romantik abwendet, bleibt aber in seinen Grenzen gefangen.

Unterhaltungs-Hörer Der Unterhaltungszuhörer betrachtet Musik als Reizquelle, wie Alkohol und Zigaretten. Er will sich einfach nur ablenken, abschalten und vom Alltag wegkommen. Dabei ist dieser Typ am zahlreichsten vertreten und für die Musikindustrie am bedeutendsten.

Gleichgültige, Unmusikalische, Antimusikalische Dieser Typus ist sehr selten. Die Gründe liegen meistens in der frühkindlichen Erziehung in Kombination mit technischen Spezialbegabungen. Die dem Typus zugehörigen Hörer sind realitätsnah.

Hörtypologie nach Heinrich Besseler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heinrich Besseler verbindet die Epochen der Musikgeschichte mit verschiedenen Hörstilen. Zum Beispiel nennt er die Art des Hörens bei Musik der Renaissance „vernehmendes Hören“ und bei Barockmusik „verknüpfendes Hören“. „Aktives Hören“ benutzt er für die Klassikmusik und „passives Hören“ für die romantische Musik.

Hörtypologie nach Rauhe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er erfand das Prinzip des integrativen Hörens. Dieses unterteilt sich in bewusstes und unbewusstes Hören.

Bewusstes Hören

  • Empathische Rezeption

Man lässt sich von der Musik einstimmen, das heißt, sich in eine Stimmung versetzen.

  • Strukturelle Rezeption

Man hört konkret mit, hört die Strukturen der Musik und lässt sie von diesen Strukturen auch einstimmen lassen. Vergleichbar ist dieses mit Adornos Experten.

  • Subjektorientierte Rezeption

Diese Rezeption beruht auf dem Interpretieren der Musik, dem sich Hineinprojizieren beziehungsweise Hineinversetzen in die Musik, um daraus einen eigenen Nutzen zu ziehen.

Unbewusstes Hören

  • Zerstreute Rezeption

Die Art der Rezeption tritt meistens dann auf, wenn man bereits auf etwas sehr konzentriert ist und nebenbei Musik hört. Da man sich nicht auf alles konzentrieren kann, hört man auch nur Bruchteile der Musik. Man ist sich zwar bewusst, dass Musik gespielt wird, nimmt diese allerdings nicht bewusst wahr. Besonders tritt dies bei Lounge-Musik auf.

  • Motorisch-reflektorische Rezeption

Gesamtheit der willkürlichen Bewegungen des Körpers, die durch einen Reflex bedingt sind. Dazu zählen unter anderem das Kopfwippen oder das Fußwippen. Die Musik wird durch Bewegung reflektiert.

  • Assoziativ-emotionale Rezeption

Erlebnisse werden unbewusst mit der Musik assoziiert beziehungsweise umgekehrt.

Weitere Hörtypologien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Musikwissenschaftler und Musikpädagoge Klaus-Ernst Behne untersuchte in den 1980er Jahren in einer Stichprobe von über 1200 Schülern die Musikpräferenzen von Kindern und Jugendlichen. Die Daten wurden mittels Clusteranalyse ausgewertet und zu Typologien der verbalen und der klingenden Präferenzen zusammengefasst.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adorno, Theodor W.: Einleitung in die Musiksoziologie. 1. Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt a. M., 1975, S. 14 ff
  • Rauhe, Hermann; Reinecke, Hans-Peter; Ribke, Wilfried: Hören und Verstehen. Theorie und Praxis handlungsorientierten Musikunterrichts. Kösel München, 1975.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klaus-Ernst Behne: Hörertypologien. Zur Psychologie des jugendlichen Musikgeschmacks. Gustav Bosse Verlag Regensburg 1986

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]