Hans Nawiasky

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Hans Nawiasky (* 24. August 1880 in Graz; † 11. August 1961 in St. Gallen) war ein österreichischer Staatsrechtler und einer der Väter der Verfassung des Freistaates Bayern von 1946.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Nawiasky, Sohn des Opernsängers Eduard Nawiasky[1], promovierte 1902 bei dem der Schule Carl Mengers (1840–1921) zuzurechnenden österreichischen Ökonomen Eugen Philippovich (1858–1917) mit einer staatswissenschaftlichen Arbeit.[2] 1909 habilitierte er sich mit einer verwaltungsrechtlichen Arbeit.[3][4] 1910 nahm er als Privatdozent seine Lehrtätigkeit an der Universität Wien auf. Vier Jahre später wurde Nawiasky durch Zuerkennung einer Titular-Professur an die Ludwig-Maximilians-Universität München umhabilitiert, und 1919 wurden ihm Titel und Rang eines außerordentlichen Professors verliehen.

1920 begründete Hans Kelsen (1881–1973) seine reine Rechtslehre[5], die Nawiasky später weiter ausprägte. 1922 wurde er zu einem „etatmäßigen außerordentlichen Professor für Staatsrecht mit der Verpflichtung zur Abhaltung von Vorlesungen über Verwaltungsrecht, insbesondere Finanz- und Arbeitsrecht, Verwaltungslehre und österreichisches öffentliches Recht“ ernannt. 1928 folgte seine Ernennung zu einem Ordinarius. Ein Jahr später wurde er Erster Direktor des neu gegründeten Instituts für Reichs- und Landesstaats- und Verwaltungsrecht. Die Stadt München verdankt ihm den Aufbau einer Verwaltungsakademie. Wenig später wurde er der wichtigste Berater der Bayerischen Staatsregierung in staatsrechtlichen Fragen. In den Jahren 1928 bis 1930 war er Mitglied des Verfassungsausschusses der Länderkonferenzen.

Nach seiner durch den Nationalsozialismus betriebenen Vertreibung lehrte Nawiasky an der Handelshochschule in St. Gallen, erst in Form eines Extraordinariates, sodann als Ordinarius. Größtes Gewicht in Fachkreisen erlangt die Entwicklung einer allgemeinen Rechtslehre und einer allgemeinen Staatslehre, in der der Staat komplementär als Idee, als soziale Tatsache und als rechtliches Phänomen betrachtet wird.

1946 konnte Nawiasky durch die Bemühungen des zweiten Nachkriegsministerpräsidenten Bayerns, Wilhelm Hoegner, nach München zurückkehren. 1947 nahm er seine Lehrtätigkeit als Professor für öffentliches Recht, insbesondere Verfassungsrecht, an der Universität München wieder auf. Ein Jahr später beteiligte sich Nawiasky an den Arbeiten des Herrenchiemseer Konvents bei der Vorbereitung des Grundgesetzes. Sein Vorschlag eines Grundrechtekatalogs mit Konzentration auf traditionelle Freiheitsrechte ging weitestgehend unverändert zunächst in die Entwurfsfassung der neuen deutschen Verfassung und anschließend in das Grundgesetz ein. Sein Beitrag zu einem so genannten überpositiven Recht griff in die Debatte ein, die in der nationalsozialistischen Entartung des Rechts eine Folge des Positivismus vermutet.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1953: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
  • Im Münchner Stadtbezirk 16 Ramersdorf-Perlach ist eine Straße und eine Bushaltestelle nach ihm benannt

Bibliographie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Frauen im österreichischen Staatsdienst. (= Wiener staatswissenschaftliche Studien. Bd. 4.1). Wien 1902. VIII, 246 S.
  • Deutsches und österreichisches Postrecht. Der Sachverkehr. Ein Beitrag zur Lehre von den öffentlichen Anstalten. Bd. 1: Die allgemeine Rechtsstellung der Post. Wien 1909. 282 S.
  • Der Bundesstaat als Rechtsbegriff. Tübingen 1920. XII, 254 S.
  • Die Grundgedanken der Reichsverfassung. (= Die innere Politik). Bd. 3. München 1920. 164 S.
  • Grundprobleme der Reichsverfassung. T. 1: [mehr nicht erschienen] Das Reich als Bundesstaat. Berlin 1928. XII, 200 S.
  • Der Sinn der Reichsverfassung. München 1931. 16 S.
  • Staatstypen der Gegenwart. (= Veröffentlichungen der Handelshochschule St. Gallen. Reihe A. Bd. 9). St. Gallen 1934. 208 S.
  • Allgemeine Rechtslehre als System der rechtlichen Grundbegriffe. Einsiedeln 1941. XVI, 272 S. – 2., durchgearb. u. erw. Aufl. 1948. XX, 314 S.
  • Allgemeine Staatslehre. Einsiedeln 1945–1958.
    • Tl. 1: Grundlegung. 1945. XII, 180 S.
    • Tl. 2.1: Staatsgesellschaftslehre. Volk, Gebiet, Zweck, Organisation. 1952. XIV, 288 S.
    • Tl. 2.2: Staatsgesellschaftslehre. Staatsfunktionen, Staatsmittel, Staatsgewalt, Staatsleben, Staatenwelt. 1955. XII, 220 S.
    • Tl. 3: Staatsrechtslehre. 1956. XIV, 176 S.
    • Tl. 4: Staatsideenlehre. 1958. 172 S.
  • Die Grundgedanken des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Systematische Darstellung und kritische Würdigung. Stuttgart 1950. XII, 138 S.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Behrendt: Hans Nawiasky und die Münchner Studentenkrawalle von 1931. In: Elisabeth Kraus (Hrsg.): Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze. Teil 1. Utz, München 2006, ISBN 3-8316-0639-0, S. 15–42 (= Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1).
  • Kathrin Groh: Hans Nawiaskys Bundesstaatstheorie, in: Detlef Lehnert (Hrsg.): Verfassungsdenker. Deutschland und Österreich 1870–1970, Metropol Verlag, Berlin 2017 (= Historische Demokratieforschung, 11), S. 239–261.
  • Hellmuth Günther: Hans Nawiasky als Staats- und Beamtenrechtler. In: Bayerische Verwaltungsblätter, Jg. 2011, S. 453–466.
  • Florian Herrmann: Hans Nawiasky. In: Hermann Nehlsen, Georg Brun (Hrsg.): Münchener rechtshistorische Studien zum Nationalsozialismus. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1996, ISBN 3-631-30988-0, S. 411–443 (= Rechtshistorische Reihe, 156).
  • Stephanie Summermatter: Nawiasky, Hans. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Hans F. Zacher: Hans Nawiasky. Ein Leben für Bundesstaat, Rechtsstaat und Demokratie. In: Helmut Heinrichs, Hans-Harald Franzki, Klaus Schmalz, Michael Stolleis (Hrsg.): Deutsche Juristen jüdischer Herkunft. C. H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-36960-X, S. 677 ff.
  • Hans F. Zacher: Hans Nawiasky. In: Juristen im Portrait. Verlag und Autoren in 4 Jahrzehnten. Festschrift zum 225jährigen Jubiläum des Verlages C. H. Beck. C. H. Beck, München 1988, ISBN 3-406-33196-3, S. 598–607.
  • Hans F. Zacher: Nawiasky, Hans. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 4–6 (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tp 118785796
  2. Die Frauen im österreichischen Staatsdienst. (= Wiener staatswissenschaftliche Studien. Bd. 4.1). Wien 1902. VIII, 246 S.
  3. Deutsches und österreichisches Postrecht. Der Sachverkehr. Ein Beitrag zur Lehre von den öffentlichen Anstalten. Bd. 1: Die allgemeine Rechtsstellung der Post. Wien 1909. 282 S.
  4. Hans F. Zacher: Neue Deutsche Biographie, Band 19. 1999 (deutsche-biographie.de [abgerufen am 3. Februar 2019]).
  5. Hans Kelsen: Das Problem der Souveränität und die Theorie des Völkerrechts. Beitrag zu einer reinen Rechtslehre. Tübingen 1920. X, 320 S.