Haus Schminke

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Haus Schminke (Südansicht, Hauseingang)
Haus Schminke, Wohnzimmer

Das Haus Schminke, ein 1932 bis 1933 vom Architekten Hans Scharoun (1893–1972) errichtetes Fabrikantenwohnhaus in der sächsischen Kleinstadt Löbau, gehört zu den bedeutendsten deutschen Architekturschöpfungen der Zwischenkriegszeit.

Auftraggeber und Architekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gartenansicht (Nordseite)

Der Bau entstand unter intensiver Auseinandersetzung mit den Vorstellungen und Bedürfnissen des Bauherrn-Ehepaars Fritz und Charlotte Schminke, die mit den zeitgenössischen Bauideen wohlvertraut waren und nach einem Besuch der Weißenhofsiedlung an Scharoun herantraten, der dort schon ein von geschwungenen Linien und offenen Raumstrukturen bestimmtes Wohnhaus errichtet hatte. Bauplatz war das unmittelbar der Nudelfabrik Loeser & Richter von Schminke benachbarte Grundstück Kirschallee 1b. Scharoun gilt als Vertreter der Organischen Architektur; er berief sich immer wieder auf die Theorien Hugo Härings. Das Haus Schminke nimmt denn auch eine Gegenposition zu jenen anderen Richtungen innerhalb des Neuen Bauens ein, die dogmatischer an Rechtwinkligkeit und kubischen Formen festhielten. Scharoun ließ hier vielmehr je nach Funktion individuelle Formen entstehen.[1] Seine Bedeutung im Lebenswerk Scharouns steht hinter dessen späteren Bauten, wie der Staatsbibliothek zu Berlin (Haus Potsdamer Straße) und der Philharmonie Berlin nicht zurück. Unter den Wohnbauten der Epoche wird es in gleichem Atemzug beispielsweise mit der Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe, der Villa Savoye von Le Corbusier oder dem Haus Kaufmann (Fallingwater) von Frank Lloyd Wright genannt.

Das Bauwerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kern ist ein schlanker, in Ost-West-Richtung gelegter Riegel in Eisenskelettbauweise, der im Erdgeschoss den großzügigen, lichtdurchfluteten Wohnbereich und im Obergeschoss die eher schlicht gestalteten Schlafräume der Familie enthält. Vom Entrée am östlichen Kopfbau aus entwickelt sich eine eng miteinander verschränkte Raumfolge: Vorfahrt mit Flugdach, Windfang, und, offen ineinander übergehend die Treppenhalle mit Spiel- und Aufenthaltsplatz für die Kinder sowie ein Essplatz, beides in unmittelbarer Nähe zu den Wirtschaftsräumen der Hausfrau. Der Wohn- und Gesellschaftsraum, in seiner Transparenz erneut gesteigert, öffnet sich auch zum Wintergarten und dem kleinen Park. Eine stählerne Außentreppe verbindet die auskragenden Balkone beider Geschosse, welche dadurch an die Ästhetik von Sonnendecks auf Luxusdampfern erinnern. Der Bezug auf Elemente und Formensprache aus der Schifffahrt ist ein wiederkehrendes Motiv auch in späteren Bauwerken des in Bremerhaven aufgewachsenen Architekten. Wegen des im Süden anschließenden Fabrikgeländes ist der Garten mit seiner Aussicht in die ehemals freie Landschaft nach Norden orientiert. Er wurde von der Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher, der damaligen Ehefrau des Landschaftsarchitekten Hermann Mattern gestaltet. Hammerbacher und Mattern arbeiteten in Gemeinschaft mit dem Gärtner und Staudenzüchter Karl Foerster in Potsdam-Bornim. Die beiden in den 1950er-Jahren zugeschütteten Gartenteiche wurden 2006 wieder freigelegt.

Die spätere Geschichte des Hauses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1939 musste der Bauherr Fritz Schminke in den Krieg ziehen. Wie viele andere floh auch die Familie Schminke im Mai 1945 vor der heranrückenden Kriegsfront aus Löbau. Als sie wieder nach Löbau kam, war ihr Haus von der Roten Armee beschlagnahmt und diente als vorläufige Militärkommandantur für den damaligen Kreis Löbau. In dieser Zeit nahm ein Soldat der Roten Armee heimlich persönliche Post der Familie Schminke mit nach Russland, die seine Enkeltochter im Jahr 2010 wieder zurückgab.[2] Im Juli 1946 wurde das Haus an seine Eigentümer zurückgegeben, gleichzeitig wurden diese aber von ihrer Firma Loeser & Richter enteignet. Schminkes galten als „Kriegsverbrecher“, weil ihre Nudeln auch an die deutsche Wehrmacht geliefert wurden. 1951 verließ Familie Schminke die Stadt Löbau und zog nach Celle. Das Haus wurde zeitgleich an die FDJ als Klubhaus vermietet. Im Sommer 1952 enteignete die Ostberliner „Verordnung zur Sicherung von Vermögenswerten“ die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Schminkes von ihrem Eigentum (siehe: Offene Vermögensfragen). Ab Dezember 1963 diente es als Pionierhaus „Oswald Richter“. Seit dem Sommer 1990 führte die Stadt Löbau im Haus ein Freizeitzentrum. 1993 wurde die Stadt Löbau Eigentümerin des Hauses und übergab die Trägerschaft einem Verein. Ab Februar 2006 wurde es dann wieder in Eigenregie der Stadt betrieben, die es in die am 24. Mai 2007 gegründete „Stiftung Haus Schminke“ einbrachte. Die Stiftung wurde gemeinsam mit der Hess AG aus Villingen-Schwenningen gegründet und im Mai 2009 durch die Landesdirektion Dresden als rechtsfähig anerkannt.

Heute ist das Haus wieder öffentlich zugänglich und wird den Besuchern in Führungen gezeigt. Als Leitbau der Moderne ist das Haus Ziel zahlreicher Touristen.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mit Licht gebaut. Ein „Lebensschiff“ von Hans Scharoun. Dokumentarfilm, Deutschland, 2012, 26 Min., Buch und Regie: Niels-Christian Bolbrinker, Produktion: NDR, arte, Erstsendung: 21. Oktober 2012 bei arte, Inhaltsangabe von ARD.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Haus Schminke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Kürvers: Entschlüsselung eines Bildes Eigenverlag, Berlin 1995.
  • Peter Emrich, Guido Storch: Haus Schminke in Löbau. Oberlausitzer Verlag, Spitzkunnersdorf 2008, ISBN 978-3-933827-92-0.
  • Berthold Burkhard: Scharoun. Haus Schminke: Die Geschichte einer Instandsetzung Krämer, Stuttgart 2002, ISBN 3-7828-1514-9.
  • Lars Scharnholz: Die unbekannte Moderne Philo Fine Arts, Aufl. 2004, ISBN 3-86572-389-6.
  • Eberhard Syring, Jörg C. Kirschenmann: Scharoun Taschen Verlag; 4., unveränd. Nachaufl. 2008, ISBN 978-3-8228-2449-8. S. 45–49.
  • Peter Pfannkuch: Hans Scharoun: Bauten, Entwürfe, Texte (Schriftenreihe der Akademie der Künste; Band 10) Gebr. Mann Verlag 1974.
  • J.Christoph Bürkle: Hans Scharoun Birkhäuser Verlag 1993, ISBN 3-7643-5581-6.
  • Max Risselada, Jos Bosmann, Klaus Kürvers, Jereen Schitt: Funktionalismus 1927–1961. Hans Scharoun versus die Opbouw. Niggli (1999), ISBN 3-7212-0373-9.
  • Christine Hoh-Slodczyk u.a.: Hans Scharoun – Architekt in Deutschland 1893–1972, München 1992, S. 40–45.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Richard Reid: Baustilkunde. Seemann-Verlag, Leipzig 2009, ISBN 978-3-86502-042-0, S. 352.
  2. Website des Generalkonsulat Sankt Petersburg

Koordinaten: 51° 6′ 1″ N, 14° 39′ 34″ O