Heckscher-Ohlin-Modell

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Heckscher-Ohlin-Theorem)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Heckscher-Ohlin-Modell, kurz HO-Modell ist ein Modell des internationalen Handels, das den interindustriellen Handel durch Unterschiede in den Faktorausstattungen eines Handelsgebietes erklärt. Es wurde von Eli Heckscher und Bertil Ohlin entwickelt. Obwohl das HO-Modell auf David Ricardos Konzept des komparativen Kostenvorteils aufbaut, steht es dem Ricardo-Modell, das die komparativen Vorteile durch Technologieunterschiede erklärt, komplementär gegenüber. Das Phänomen des intraindustriellen Handels kann durch das HO-Modell nicht erklärt werden.

Die Kernidee des Heckscher-Ohlin-Modells wurde im Heckscher-Ohlin-Theorem zusammengefasst. Es gibt Aufschluss über die Struktur des Außenhandels, die sich aufgrund unterschiedlicher relativer Faktorausstattungen einstellt. Unter Faktorausstattung versteht man all die Bestandteile, die für eine Volkswirtschaft verfügbar und zur Produktion geeignet sind. Gemeint sind damit Arbeit und Kapital (klassische Inputfaktoren). Länder die relativ viel von einem Produktionsfaktor (z. B. Kapital) besitzen, werden Güter die diesen Faktor intensiv nutzen (also kapitalintensive Güter) exportieren. Beispielsweise ist Deutschland mit relativ viel Kapital ausgestattet, nutzt diesen Faktor intensiv und exportiert relativ viel Maschinen und Anlagen. Andererseits spezialisiert sich ein Land wie Brasilien, das über viele menschliche Arbeitskräfte verfügt, auf arbeitsintensive Güter, wie Kaffee.

Das HO-Theorem ist eines von vier zentralen Theoremen, die aus dem HO-Modell abgeleitet wurden: das Stolper-Samuelson-Theorem, das Faktorpreisausgleichstheorem und das Rybczynski-Theorem. Für diese Modellklasse ist auch der Begriff Faktorproportionentheorie geläufig.

Theoretische Entwicklung des Modells[Bearbeiten]

Das Modell wird klassischerweise auf Bertil Ohlins 1933 erschienene Abhandlung Interregional and International Trade zurückgeführt. Gleichwohl legte Ohlin bereits im Jahr 1924 in seiner nur in schwedischer Sprache vorgelegten und weniger rezipierten Dissertation Handelns Teori („Handelstheorie“) die Grundlagen des Modells vor.[1] Einige Elemente der Theorie wurden dabei auch schon von Eli Heckscher in seinem Artikel The Effect of Foreign Trade on the Distribution of Income im Jahr 1919 begründet; Ohlin griff auf diese Arbeit für seine Dissertation zurück.[2]

Das 2×2×2-Modell[Bearbeiten]

Heckscher-Ohlin-Theorie.

Die einfachste Version der Faktorproportionentheorie ist das sogenannte 2x2x2-Modell. In dieser Version gibt es 2 Länder unterschiedlicher Faktorausstattungen (oft als Inland und Ausland bezeichnet), 2 Faktoren (oft Arbeit und Kapital) und 2 Güter (entsprechend arbeits- bzw. kapitalintensiv in der Herstellung).

2 Länder[Bearbeiten]

Beide Länder verfügen zwar über die gleiche Art Produktionsfaktoren (z. B. Arbeit und Kapital), weisen aber unterschiedliche relative Faktorausstattungen auf. Die Menschen in den Ländern weisen identische und homothetische Präferenzen auf. Durch die erste Eigenschaft wird sichergestellt, dass keine Handelsanreize aufgrund von Präferenzunterschieden bestehen, durch die zweite, dass die relativen Mengen der beiden Güter im Konsumoptimum nur von den Relativpreisen und nicht vom Einkommen abhängig sind. Die Präferenzen lassen sich beispielsweise durch eine Cobb-Douglas-Nutzenfunktion darstellen: U = C_1^\beta C_2^{1-\beta}.

2 Produktionsfaktoren[Bearbeiten]

Zwei verschiedene Minimalkostenkombinationen. M_1 beschreibt ein Optimum einer möglichen arbeitsintensiven Technologie; M_2 analog eine kapitalintensive Technologie. Dargestellt sich Isoquanten, die sich aus der Produktionsfunktion ergeben.

Auf den Faktormärkten herrscht vollständiger Wettbewerb und im Gleichgewicht werden alle Produktionsfaktoren eingesetzt (Vollbeschäftigung). Auch international herrschaft perfekter Wettbewerb: Weder Arbeit noch Kapital haben bei eingeschränkter Bereitstellung die Kraft, Preise oder Faktorraten zu beeinflussen. Beide Länder verwenden bei der Produktion identische Technologien mit konstanten Skalenerträgen. Das Faktorangebot ist unelastisch, das heißt unabhängig von den Faktorpreisen.

Kapital kann in jede Technologie aufgeteilt werden, sodass der industrielle Mix zwischen den Produktionstypen ohne Umrüstungskosten geändert werden kann. Zum Beispiel wird bei Ackerbau und Fischerei angenommen, dass Farmen verkauft werden und damit Boote gebaut werden können, ohne dass dabei Geld verloren geht.

2 Güter[Bearbeiten]

Es gibt ein kapitalintensives und ein arbeitsintensives Gut. Das heißt, jedes Gut wird mit unterschiedlicher Technologie hergestellt. Beide Länder haben also jeweils die identischen zwei unterschiedlichen Produktionstechnologien. Die Güter haben überall dieselben Preise. Jedes Gut für sich ist homogen, also immer von gleichbleibender Qualität.

Faktormobilität[Bearbeiten]

Die Faktoren sind innerhalb der Länder zwischen den beiden Sektoren vollständig mobil (Faktormobilität), während Faktorwanderungen zwischen den Ländern ausgeschlossen sind. Wie beim vergleichenden Vorteilsargument von Ricardo wird angenommen, dass eine Umverteilung von Faktoren ohne weitere Kosten geschehen kann. Wenn die zwei Produktionstechnologien der Ackerbau und die Fischindustrie sind, dann wird angenommen, dass Bauern als Fischer arbeiten können und umgekehrt, ohne dass weitere Kosten entstehen.

Die internationale Immobilität der Faktoren ist notwendig, um langfristigen Handel zu erklären. Könnte beispielsweise Kapital überall frei investiert werden, wird der Wettbewerb (der Investitionen) die Kapitalmengen weltweit ausgleichen. Hauptsächlich würde ein freier Handel bei den Investitionen einen weltweiten Investment-Pool bedeuten. Auch Bewegungen des Faktors Arbeit sind nicht vorgesehen. Dies würde zu einer Angleichung der relativen Menge der zwei Produktionsfaktoren führen.

Die nationale Faktormobilität und gleichzeitig internationale Faktorimmobilität sind strenge Annahme des Modells.

Weitere allgemeine Annahmen[Bearbeiten]

Es gibt keine Einschränkungen beim Handel durch Zölle und keine Marktkontrolle (Kapital ist unbeweglich, aber die Rückführung von ausländischen Verkäufen kostenlos). Für den Handel der Güter fallen keine Transportkosten an. Wenn zwei Länder unterschiedliche Währungen haben, beeinflusst dies das Modell in keiner Weise. Da es keine Transaktionskosten oder währungsbedingten Verluste gibt, werden Güter im Ausland zum gleichen Preis angeboten wie im Inland.

In Ohlins Zeit war das eine ziemliche Vereinfachung, aber ökonomische Veränderungen und ökonometrische Erfahrungen seit den 50er Jahren zeigten, dass lokale Preise von Gütern mit den Einkommen in Beziehung stehen (obwohl das weniger zutrifft bei Handelsgütern).

Gleichgewichte[Bearbeiten]

Autarkie[Bearbeiten]

Autarkie-Gleichgewichte zweier Länder A und B. Dargestellt sind deren Transformationskurven.

Als Referenzwert wird diejenige Situation ohne Handel definiert (Autarkie). Jedes Land wird hier eine optimale Minimalkostenkombination finden, die ihre Möglichkeiten (Transformationskurve) mit ihrem Ziel (Indifferenzkurven) in Einklang bringt. Im Autarkiefall wird das Land also seine Produktion selbst konsumieren: das heißt in den Punkten A^A, A^B, entspricht Produktion dem Konsum und es findet kein Handel statt. Es wurde angenommen, dass die Transformationskurve keine lineare Funktion ist, d. h. die Opportunitätskosten entlang der Kurve sind nicht konstant.

Im Optimum entsprechen die Opportunitätskosten dem relativen Preis von Gut 1.

Handel[Bearbeiten]

Autarkie-Gleichgewichte und Handelsgleichgewicht zweier Länder A und B. Dargestellt sind deren Transformationskurven und Indifferenzkurven (orange).

Kommt es zum Handel zwischen zwei Ländern, wird jedes Land das relativ faktorintensive Gut noch mehr produzieren (vgl. Punkte P^A, P^B), um diesen Überschuss zu exportieren. Es kann entsprechend mehr vom anderen Gut importieren, sodass das neue Gleichgewicht außerhalb der individuellen Transformationskurven liegt (vgl. Punkte C^A = C^B). In diesem Modell hat Freihandel also auch weiterhin Vorteile für die Beteiligten.

Schlussfolgerungen aus dem Basismodell[Bearbeiten]

Das Heckscher-Ohlin-Theorem ist ein wichtiger Bestandteil der modernen Außenwirtschaftstheorie. Es dient zum einen zur Erklärung des interindustriellen Handels, d. h. desjenigen Teils des Handels, bei dem ein Land, Güter einer Branche exportiert, und im Gegenzug Güter einer anderen Branche importiert. Zum anderen zeigt es, welche Auswirkungen die Aufnahme von Außenhandel bzw. die Beeinflussung der entsprechenden Handelsströme durch wirtschaftspolitische Maßnahmen langfristig auf verschiedene Gruppen innerhalb eines Landes hat.

Klassische Theoreme im HO-Modell[Bearbeiten]

Basierend auf den Annahmen des Modells, wurden wichtige Ergebnisse als Theoreme formuliert.

  1. Heckscher-Ohlin-Theorem: reichlich vorhandene Faktoren werden exportiert.
  2. Stolper-Samuelson-Theorem (1941): Handel führt zu höherer Entlohnung der reichlich vorhandenen Faktoren.
  3. Faktorpreisausgleichstheorem (1948): durch Handel gleichen sich Faktorpreise an (und die Güterpreise).
  4. Rybczynski-Theorem (1955): Faktorwanderung erhöht den Output des Sektors der diesen Faktor intensiv nutzt.

Weitere Spezialaussagen[Bearbeiten]

Kommen bestimmte Rohstoffe ausschließlich in einem Land vor, dann exportieren diese Länder die entsprechenden Güter in jene Länder, die diese Produkte nachfragen, aber selbst nicht herstellen können. Das Modell erklärt also auch Handel im Extremfall, dass nur ein Gut gibt.

Im Falle identischer Technologie und Faktorausstattungen kann es beim Vorliegen homogener Güter dennoch zu Handel kommen, wenn sich die Nachfrageverhältnisse unterscheiden (unterschiedliche Präferenzen).[3]

Empirische Überprüfung und Kritik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Leontief-Paradoxon

Bei einer empirischen Überprüfung der Faktorproportionentheorie für die USA stellte Wassily Leontief 1953 fest, dass die USA entgegen dieser Vorhersage vorwiegend arbeitsintensive Güter exportierten und kapitalintensive importierten (sog. Leontief-Paradoxon). Das Leontief-Paradoxon löste eine Vielzahl von empirischen Folgestudien zum Widerspruch zwischen Empirie und Theorie aus.

Eine Lösung dieses Paradoxons fand Leontief, indem er unterschiedliche Qualitäten von Arbeit und Kapital unterschied: Die USA exportierten Güter, für deren Produktion man gut qualifizierte Arbeitskräfte benötigt, während die importierten Güter einen zwar großen, aber technisch nicht sehr anspruchsvollen Kapitalstock erforderten. Dies führte zur Formulierung der Neo-Faktorproportionentheorie.

Eine Erweiterung der Idee stellt das Faktorpreisausgleichstheorem bzw. Stolper-Samuelson-Theorem dar. Weiterhin versuchte Stuffan B. Linder mit der Linder-Hypothese Schwächen des Heckscher-Ohlin-Modells auszubessern.

Generell lassen empirische Untersuchungen jedoch den Schluss zu, dass dieses Theorem den Handel zwischen Industrie- und Entwicklungsländern weitaus besser abbildet, als den Handel zwischen Industrieländern, die sich meist in geringerem Maße bezüglich ihrer Faktorpreise unterscheiden.

Modellerweiterungen[Bearbeiten]

Das Modell wurde seit den 30er Jahren von vielen Ökonomen erweitert. Diese Entwicklungen änderten die fundamentale Rolle von variablen Faktorverhältnissen im internationalen Handel nicht, aber es fügte dem Modell verschieden reale Aspekte (z. B. Zollabkommen) hinzu in der Hoffnung die Voraussagekraft des Modells zu erhöhen oder es zu einem mathematischen Mittel zu machen, mit dem makroökonomische Probleme untersucht werden können.

Wichtige Beiträge kamen von Paul A. Samuelson, Roland Jones und Jaroslav Vanek, sodass diese Varianten manchmal als Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell oder Heckscher-Ohlin-Vanek-Modell bezeichnet werden.

Die Version 2x2x2 entspricht der einfachsten Modellierung im HO-Modell. Eine Modellvariante mit mehreren Faktoren und mehreren Gütern wurde unter anderem von Harry Bowen, Edward Leamer und Leo Sveikauskas entwickelt (1987).[4]

Daniel Trefler (1995) entwickelte eine Variante für Länder unterschiedlicher Produktionstechnologie.[5]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Flam und Flanders 1991, S. 1. Eine vollständige Übersetzung der Dissertation ins Englische findet sich unter dem Titel The Theory of Trade in Harry Flam und M. June Flanders (Hrsg.): Heckscher-Ohlin Trade Theory. MIT Press, Cambridge und London 1991, ISBN 0-262-08201-2, S. 71–214.
  2. Vgl. Jones 2006, S. 91 ff.; Flam und Flanders 1991, S. 1. Heckschers Artikel (Heckscher 1919) erschien ursprünglich nur in schwedischer Sprache, eine partielle Übersetzung ist enthalten in Howard S. Ellis (Hrsg.): Readings in the theory of international trade. Blakiston, Philadelphia u. a. 1949, S. 272–300, für eine vollständige Übersetzung ins Englische siehe Harry Flam und M. June Flanders (Hrsg.): The Effect of Foreign Trade on the Distribution of Income. MIT Press, Cambridge und London 1991, ISBN 0-262-08201-2, S. 39–69.
  3. Thieß Petersen: Fit für die Prüfung: Außenwirtschaft. UTB GmbH; Auflage: 1. Aufl. (4. Oktober 2012). ISBN 978-3825238056. S. 25.
  4. Bowen, Harry P., Edward E. Leamer, and Leo Sveikauskas. "Multicountry, multifactor tests of the factor abundance theory." The American Economic Review (1987): 791-809.
  5. Trefler, Daniel. "The case of the missing trade and other mysteries." The American Economic Review (1995): 1029-1046.

Literatur[Bearbeiten]

Primärliteratur
  • Interregional and International Trade. by Bertil Ohlin. Review by: James W. Angell. Political Science Quarterly. Vol. 49, No. 1 (Mar., 1934) , pp. 126–128. Published by: The Academy of Political Science. Stable URL: http://www.jstor.org/stable/2143331
  • Heckscher, Eli Filip. The effect of foreign trade on the distribution of income. 1919.
Sekundärliteratur
  • Robert E. Baldwin: The Development and Testing of Heckscher-Ohlin Trade Models. A Review. MIT Press, Cambridge und London 2008, ISBN 978-0-262-02656-7.
  • Harry Flam und M. June Flanders: Introduction. In: Dies. (Hrsg.): Heckscher-Ohlin Trade Theory. MIT Press, Cambridge und London 1991, ISBN 0-262-08201-2, S. 1–37.
  • Ronald W. Jones: Eli Heckscher and the Holy Trinity. In: Ronald Findlay u. a. (Hrsg.): Eli Heckscher, International Trade, and Economic History. MIT Press, Cambridge und London 2006, ISBN 0-262-06251-8, S. 91–105.
  • Paul Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft. Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 6. Aufl. Pearson Studium, München 2004, ISBN 3-8273-7081-7 (zum Heckscher-Ohlin-Theorem vgl. S. 105 ff.).
  • Edward E. Leamer: The Heckschler-Ohlin model in theory and practice. Princeton University, Princeton 1995, ISBN 0-88165-249-0.
  • Bertil Ohlin: Interregional and International Trade. Harvard University Press, Cambridge 1933 (überarbeitete Ausgabe: Cambridge 1967; Nachdruck der Erstausgabe: Routledge, London u. a. 1998, ISBN 0-415-15891-5)
  • Tadeusz M. Rybczynski: Factor Endowment and Relative Commodity Prices. In: Economica. 22, Nr. 88, 1955, S. 336–341 (JSTOR).
  • Paul A. Samuelson: International Trade and the Equalisation of Factor Prices. In: Economic Journal. 58, Nr. 230, S. 163–184 (JSTOR).
  • Paul A. Samuelson: International Factor-Price Equalisation Once Again. In: Economic Journal. 59, Nr. 234, S. 181–197 (JSTOR).
  • Akira Takayama: International Trade. An Approach to the Theory. Holt, Rinehart and Winston, New York u. a. 1972.
  • Wolfgang Ströbele und Holger Wacker: Außenwirtschaft.Einführung in Theorie und Politik. Oldenburg Verlag, München 2000.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heckscher-Ohlin-Modell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien