Helfersyndrom

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Als Helfersyndrom bezeichnet man ein Modell seelischer Probleme, die häufig in sozialen Berufen (wie Lehrer, Arzt, Altenpfleger, Pfarrer, Psychologe, Sozialarbeiter) anzutreffen sind. Es wurde erstmals 1977 von dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem Buch Die hilflosen Helfer beschrieben und postuliert; es wurde bislang nicht empirisch bestätigt.[1] In der Psychologie, der Psychotherapie und der Psychoanalyse des 21. Jahrhunderts wird es häufig als Begriff der altruistischen Abtretung, einer Konfliktbewältigungsstrategie, die auch einen Abwehrmechanismus darstellt, äquivalent verwendet.[2]

Laut Modell hat ein vom Helfersyndrom Betroffener ein schwaches Selbstwertgefühl und ist auf seine Helferrolle fixiert; das Helfen bzw. Gebraucht-werden-wollen wird zur Sucht. Dabei versucht er ein Ideal zu verkörpern, das er selbst bei seinen Eltern oder generell in seiner Kindheit vermisst hat. Seine Hilfsbereitschaft geht bis zur Selbstschädigung und Vernachlässigung von Familie und Partnerschaft; dabei übersieht oder unterschätzt er die Grenzen des Möglichen und ignoriert auch die Frage, ob seine Hilfe überhaupt erwünscht oder sinnvoll ist. Hilfe anderer bei seiner Mission lehnt er ab. Als Folge kann es zu Burn-out oder Depressionen kommen.[3]

Zu den Risikofaktoren zählen spezifische Berufsfelder sowie Persönlichkeitsstrukturen, die gehäuft zur entsprechenden Berufswahl führen. Den Persönlichkeitsstrukturen ihrerseits liegen oft biographische Erfahrungen zugrunde, die den Eigenwert des Betroffenen infrage stellten. Das Helfersyndrom kommt in allen Bevölkerungsschichten vor. Dabei gibt es spezifische Persönlichkeitsmerkmale, die das Risiko erhöhen. Zu nennen sind: Depressive Persönlichkeitsmuster, Abhängige Persönlichkeitsmuster, Borderline- bzw. emotional-instabile Persönlichkeitsmuster.

Grenzen zwischen gesundem und pathologischem Helfen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bedürfnisse und Nöte anderer Menschen zu sehen, ist ein Zeichen von Empathie, ihnen zu helfen oder etwas Gutes zu tun, ist grundsätzlich etwas Positives und ein natürliches und gesundes Bedürfnis des Menschen. Das gilt auch dann, wenn zeitweilig eigene Interessen hintangestellt werden. Dabei gilt es, eine gesunde Balance zwischen Geben und Nehmen zu finden und beim Helfen die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und körperlichen Grenzen, wie auch den Nutzen und die Bedürfnisse desjenigen, dem man Hilfe angedeihen lässt, zu beachten. Man sollte sich darüber im Klaren zu sein, aus welchen Motiven man hilft und ob die geleistete Hilfe für den Hilfeempfänger auch wirklich dienlich ist (ihm einen Dienst im positive Wortsinn erweist). Verliert der Helfende über seinem eigenen Bedürfnis des Helfen-Wollens das Bedürfnis des Anderen, wie auch seine eigenen Wünsche, Ziele und körperlichen Grenzen aus dem Blick und hilft vor allem deshalb, um die eigene Person aufzuwerten, wird sein Helfen pathologisch.[4][5]

Unter dem Begriff ‚Helfersyndrom‘ versteht man die Neigung einer Person, sich in zwischenmenschlichen Begegnungen überwiegend als Helfer anzubieten. Dabei hängt der Helfende wegen seines eigenen Bedürfnisses nach Bestätigung, Sozialkontakt oder gesellschaftliche Anerkennung so sehr von Dank, Zuwendung oder Bestätigung durch den Hilfeempfänger oder die Gesellschaft ab, dass er seine Hilfsbereitschaft auch dann nicht reduziert, wenn seine Hilfe nicht benötigt wird oder er sich überlastet, ausgelaugt, ausgenutzt oder missbraucht fühlt. Der Helfer befriedigt durch seine „Selbstaufopferung“ sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und nach Bestätigung des Eigenwerts (Selbstwertgefühl) und ermöglicht ihm als Konfliktbewältigungsstrategie die Abwehr seiner Trennungsangst wie auch eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit eigenen Problemen, indem er sich mit dem Leid des Anderen beschäftigt. Er ist auf das Helfen angewiesen, um sein intrapsychisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten und gerät dabei in eine abhängige Position oder schafft wechselseitige Abhängigkeiten, indem er die Hilfeempfänger unselbständig erhält und Schuldgefühle erzeugt.[6]

Während solidarische Hilfe primär am Nutzen dessen ausgerichtet ist, der die Hilfe empfängt, ist pathologisches Helfen an egozentrischen Motiven und unbewussten psychologischen Bedürfnissen des Helfers ausgerichtet.

Meist wird das Muster, sich von der Anerkennung durch Andere abhängig zu machen, bereits in der Kindheit erlernt. Betroffene halten sich nur dann für liebenswert und wertvoll, wenn sie sich opfern und dafür Bestätigung durch andere bekommen und so eine Aufwertung ihres Selbst erfahren („Märtyrer-Rolle“). Dabei verlernen sie, ihre eigenen Wünsche, Bedürfnisse und körperlichen Grenzen zu sehen, wie auch selbst Hilfe anzunehmen.[7]

Das Dramadreieck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch: Dramadreieck

Die Transaktionsanalyse hat sich viel mit Beziehungsmustern befasst. Dabei hat sie das Konzept des Dramadreiecks entworfen.[8] Das Konzept kann dabei helfen, der Falle pathologischer Hilfsbereitschaften zu entgehen. Das Konzept des Dramadreiecks weist darauf hin, dass es zwischen drei typischen sozialen Rollen oft zu einer Dreiecksbeziehung kommt. Die besagten Rollen sind: ► Opfer ► Verfolger ► Retter.[9]

Beispiele: a) Paulchen kommt weinend zum Papa. Max habe seine Playstation geklaut. Der Vater greift ein.

b) Stefan klagt über die Gesellschaft. Diese sei dran schuld, dass er Drogen nimmt. Frau Retterich füllt seine Formulare fürs Versorgungsamt aus.

Nicht dass den Opfern von Verfolgung niemals Rettung gebühre. Kandidaten für ein Helfersyndrom sprängen aber allzu schnell auf jeden Fingerzeig von Opferrollenspielern an. Ein wirksamer Helfer, im Sinne eines reifen und partnerschaftlichen Verhaltens, wird dem Opfer „nur“ zur Selbsthilfe verhelfen. Falls notwendig, wird er das Opfer auch aus der „Schusslinie“ nehmen, aber ihm immer nur soweit Hilfe geben, bis die Person sich wieder selbst helfen kann.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Helfersyndrom – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Schmidbauer: Die hilflosen Helfer: Über die seelische Problematik der helfenden Berufe. Rowohlt, 1978, ISBN 3-498-06123-2.
  • Wolfgang Schmidbauer: Das Helfersyndrom. Hilfe für Helfer. Rowohlt, 2007, ISBN 978-3-499-62208-3.
  • T. Bendikowski: Die Entdeckung des Helfersyndroms, in: ders., Helfen. Warum wir für andere da sind. München 2016. S. 259-265, 270-274.
  • Michael Schumann (Hrsg.): Lebenslust statt Helfersfrust – Umsteiger aus sozialen Berufen – Reportagen. Extrabuch-Verlag, 1985, ISBN 3-88704-119-4.
  • Beattie, Melody.: Die Sucht, gebraucht zu werden. 14. Aufl. Heyne, München 2011, ISBN 978-3-453-08520-6.
  • Röhr, Heinz-Peter.: Wege aus der Abhängigkeit: Destruktive Beziehungen überwinden. Ungekürzte Ausg Auflage. Dt. Taschenbuch-Verl, München 2008, ISBN 978-3-423-34463-0.
  • Mellody, Pia.: Verstrickt in die Probleme anderer: Über Entstehung und Auswirkung von Co-Abhängigkeit. Kösel, München 1991, ISBN 978-3-466-30309-0.
  • Ulsamer, Bertold.: Zum Helfen geboren: Antworten für hilflose Helfer aus dem Familien-Stellen. 1. Aufl. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2004, ISBN 978-3-87868-644-6.
  • Schmidbauer, Wolfgang.: Helfersyndrom und Burnout-Gefahr. 1. Aufl. Urban & Fischer, München [u.a.] 2002, ISBN 978-3-437-26940-0.
  • Gerd Rudolf: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik: Ein einführendes Lehrbuch auf psychodynamischer Grundlage. Thieme, 2007, ISBN 978-3-13-125176-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schmidbauer, Wolfgang.: Die hilflosen Helfer : Über die seelische Problematik der helfenden Berufe. 24. - 31. Tsd Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1978, ISBN 3-498-06123-2.
  2. G. Rudolf, P. Henningsen: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik: Ein einführendes Lehrbuch auf psychodynamischer Grundlage. Thieme Verlag, 2007.
  3. Schmidbauer, Wolfgang.: Helfersyndrom und Burnout-Gefahr. 1. Aufl. Urban & Fischer, München [u.a.] 2002, ISBN 978-3-437-26940-0.
  4. Beattie, Melody.: Die Sucht, gebraucht zu werden. 14. Aufl. Heyne, München 2011, ISBN 978-3-453-08520-6.
  5. Röhr, Heinz-Peter.: Wege aus der Abhängigkeit : Destruktive Beziehungen überwinden. Ungekürzte Ausg Auflage. Dt. Taschenbuch-Verl, München 2008, ISBN 978-3-423-34463-0.
  6. Mellody, Pia.: Verstrickt in die Probleme anderer: Über Entstehung und Auswirkung von Co-Abhängigkeit. Kösel, München 1991, ISBN 978-3-466-30309-0.
  7. Ulsamer, Bertold.: Zum Helfen geboren : Antworten für hilflose Helfer aus dem Familien-Stellen. 1. Aufl. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2004, ISBN 978-3-87868-644-6.
  8. Stephan Karpman: Fairy tales and script drama analysis. Hrsg.: Transactional Analysis Bulletin 7, 26. S. 39–43.
  9. Barry K. Weinhold PhD; Janae B. Weinhold PhD.: How to break free of the drama triangle and victim consciousness. Colorado Springs, CO, ISBN 978-1-4991-0029-7.
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