Paternalismus

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Mit Paternalismus (von lat. pater = „Vater“) wird eine Herrschaftsordnung beschrieben, die ihre Autorität und Herrschaftslegitimierung auf eine vormundschaftliche Beziehung zwischen Herrscher/Herrschern und beherrschten Personen begründet. Der familiäre Bereich wird dabei meist in der Betrachtung ausgeklammert.[1]

Als paternalistisch wird umgangssprachlich auch eine Handlung bezeichnet, wenn sie gegen den Willen, aber auf das vermeintliche Wohl eines anderen gerichtet ist. Paternalistische Regelungen werden von den Adressaten häufig als Bevormundung angesehen.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck „Paternalismus“ bezeichnet auch eine Idee Robert Owens zur Lösung der sozialen Frage in Deutschland im 19. Jahrhundert. Es bezeichnet die private betriebliche Sozialpolitik der Großunternehmer (wie Krupp, Stumm u.a.). Diese Leistungen boten den Arbeitern Betriebskrankenkassen, betriebliche Altersversorgung, Unterstützung in Notlagen, Werkswohnungen sowie Werkskantinen. Ziel dessen war es, den jeweiligen Betrieb als Kombination aus Herrschafts- und Produktionsbereich sowie einer Lebensgemeinschaft auszubauen.

Ein weiteres charakteristisches Beispiel für eine paternalistische Ideologie bildet die Selbstwahrnehmung der Sklaven haltenden Pflanzer in den Südstaaten der Vereinigten Staaten im 17. bis 19. Jahrhundert.[2] [3]

Auch in der heutigen westlichen Gesetzgebung finden sich Beispiele für eindeutig paternalistisch einzustufende Regelungen. So stellt die Anschnallpflicht eine Gesetzesregelung dar, die hauptsächlich darauf ausgerichtet ist, Personen davon abzuhalten, sich selber Schaden zuzufügen. Ähnlich verhält es sich mit der Gesetzgebung in Bezug auf sogenannte „Rauschdrogen“. In Großbritannien erregte in den frühen 1990er Jahren der „Spanner-Fall“ Aufsehen: es kam zur Verhaftung und Verurteilung von Sadomasochisten unter dem Tatbestand der Körperverletzung. Dabei wurde der Umstand nicht gewertet, dass alle Beteiligten im gegenseitigen Einvernehmen gehandelt hatten. Auch die Schulpflicht hat paternalistische Aspekte.

Ebenso wird das Verhältnis von Arzt und Patient oft als paternalistisch beschrieben: War die traditionelle, heute veraltete Patient-Arzt-Beziehung von einem asymmetrischen, sogenannten „paternalistischen“ Verhältnis gekennzeichnet, so setzt die zeitgemäße Medizin auf den mündigen Patienten und eine symmetrische, partnerschaftliche Beziehung, die an der Autonomie des Patienten orientiert ist und dessen Kompetenzen einbezieht.[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Giesinger: Paternalismus und Erziehung. Zur Rechtfertigung pädagogischer Eingriffe. In: Zeitschrift für Pädagogik, 52 (2006) 2, S. 265–284. (Volltext)
  • Malte-Christian Gruber, Sascha Ziemann (Hrsg.): Die Unsicherheit der Väter. Zur Herausbildung paternaler Bindungen. Beiträge zur Rechts-, Gesellschafts- und Kulturkritik, Band 9. Trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2009, ISBN 3-896-26886-4
  • Kai Möller: Paternalismus und Persönlichkeitsrecht. Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11679-8 (zugleich Dissertation, Universität Freiburg im Breisgau, 2004)
  • Heiko Ulrich Zude: Paternalismus. Fallstudien zur Genese des Begriffs. Alber, Freiburg im Breisgau 2010, ISBN 3-495-48178-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Paternalismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Johannes Giesinger: Autonomie und Verletzlichkeit: der moralische Status von Kindern und die Rechtfertigung von Erziehung
  2. Ira Berlin: Generations of Captivity: A History of African-American Slaves, Cambridge, London: The Belknap Press of Harvard University Press, 2003, ISBN 0-674-01061-2, S. 63.
  3. Dominik Nagl: No Part of the Mother Country, but Distinct Dominions - Rechtstransfer, Staatsbildung und Governance in England, Massachusetts und South Carolina, 1630-1769, Berlin: Lit, ISBN 978-3-643-11817-2, 2013, S. 680-683.[1]
  4. Linus Geisler: Arzt-Patient-Beziehung im Wandel. Stärkung des dialogischen Prinzips. In: Abschlussbericht der Enquête-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin", 14. Mai 2002 S. 216-220