Thea Bauriedl

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Thea Bauriedl (* 25. Juli 1938 in Berlin als Thea Kraus) ist eine in München lebende Psychologin und Psychoanalytikerin mit freier Praxis und Dozentur für Klinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie gilt als Begründerin der Beziehungsanalyse,[1] einer Weiterentwicklung der Psychoanalyse als Beziehungstheorie. Sie wirkt als Mitherausgeberin der Zeitschrift für Politische Psychoanalyse und ist im Beirat der Humanistischen Union. Des Weiteren ist sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.[2] Sie ist in zweiter Ehe mit Friedrich Wölpert verheiratet. Sie hat zwei Töchter und einen Sohn.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thea Kraus besuchte Schulen in Tirol, Oberbayern und München, die sie 1956 mit dem Abitur beendete. Anschließend studierte sie Musik in München und Sprachen in Genf. Aus der ersten Ehe mit Ruprecht Bauriedl hat sie zwei Töchter. 1966 begann sie Psychologie, Philosophie und Psychopathologie zu studieren. Bauriedl war von 1971 bis 1975 Assistentin am Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1975 promovierte sie mit einer Arbeit über Theoretische Probleme der ich-psychologischen Diagnostik. Von 1971 bis 1978 machte sie in München eine Ausbildung als Psychoanalytikerin. 1985 habilitierte sie sich in München. Seit 1981 ist Thea Bauriedl an der Münchner Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie in Ausbildung und Lehre tätig. Seit 1986 leitet sie das von ihr aufgebaute Institut für Politische Psychoanalyse.[3] Seit 1989 ist sie Lehranalytikerin. Bauriedl hält zahlreiche Funktionen und Ehrenämter, insbesondere im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung.

Thea Bauriedl war seit Beginn ihrer Studien an Beziehungen und deren Analyse interessiert. Sie bezog Stellung zum psychotherapeutischen Prozess, zu Fragen der analytischen Abstinenz und der Ethik. Sie publizierte insbesondere zu allen Facetten von Beziehungen und Paartherapie, ohne Couch, und setzte sich mit manipulativen und suggestiven Methoden der Psychotherapie auseinander.

Bauriedls Konzept der Beziehungsanalyse versteht sich als Weiterentwicklung der Objektbeziehungstheorie nach Melanie Klein und kann als verwandt mit dem in den 1970ern in den Vereinigten Staaten entstandenen Konzept der Interpersonellen Psychoanalyse nach Erik H. Erikson oder Harry Stack Sullivan angesehen werden. Die Patient-Therapeut-Beziehung wird als weitgehend symmetrisch angesehen, es besteht eine weitgehend unbewusste Verflechtung von Übertragung und Gegenübertragung. Bauriedls zentraler Beitrag zu den Wirkmechanismen dieser Therapieform lautet: „Die Veränderung beginnt im Therapeuten.“ Bauriedl lenkt die Aufmerksamkeit des akademischen Diskurses damit auf durchaus praktische Fragen, wie Setting und Abstinenz. Der Analytiker muss sich laut Bauriedl immer wieder in jenen Zustand inneren Gleichgewichts bringen und so dem Analysanden einen psychischen Freiraum anbieten, in dem dieser - in freier Assoziation nach Freud - bisher verdrängte Gefühle und Fantasien in sich finden, benennen und dadurch integrieren kann.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beziehungsanalyse. Das dialektisch-emanzipatorische Prinzip der Psychoanalyse und seine Konsequenzen für die psychoanalytische Familientherapie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-07291-9.
  • Zwischen Anpassung und Konflikt. Theoretische Probleme der ichpsychologischen Diagnostik. Verlag für Medizinische Psychologie im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, ISBN 3-525-45406-6.
  • Die Wiederkehr des Verdrängten. Psychoanalyse, Politik und der einzelne. 2. Auflage. Piper, München/ Zürich 1988, ISBN 3-492-10892-X.
  • Auch ohne Couch. Psychoanalyse als Beziehungstheorie und ihre Anwendungen. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart 1994, ISBN 3-608-91700-4.
  • Leben in Beziehungen. Von der Notwendigkeit, Grenzen zu finden. Herder, Freiburg 1996, ISBN 3-451-04483-8.
  • Psychoanalyse ohne Couch. 3. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-94214-9.
  • Wege aus der Gewalt – Die Befreiung aus dem Netz der Feindbilder. herder spektrum, Freiburg i.Br. 2001. (Vollständig neu bearbeitete Ausgabe des 1992 erstmals erschienenen gleichnamigen Titels)

Beiträge in Sammelwerken und Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Balint-Gruppen. In: Wolfgang Mertens: Psychoanalyse - Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Urban & Schwarzenberg, München 1983, S. 112–122.
  • Geht das revolutionäre Potential der Psychoanalyse verloren? - Gedanken zur politischen Bedeutung der Psychoanalyse und zum politischen Engagement der Psychoanalytiker. In: Psyche. 38, 1984, S. 489–515.
  • Die Aufhebung von Unbewußtheit in Balint-Gruppen - ein politisch bedeutsamer Prozeß. In: Supervision. 8, 1985, S. 55–59.
  • Feindbilder - Bilder gegen die Angst. In: Anmerkungen aus dem Institut für Politische Psychoanalyse München. 7, 1987, S. 68–84. (auch in: Thea Bauriedl: Wege aus der Gewalt. Herder, 1992, ISBN 3-451-04129-4)
  • Das Leben riskieren. Psychoanalytische Perspektiven des politischen Widerstands. Piper, München 1988.
  • Wege aus der Gewalt - Analyse von Beziehungen. Herder, Freiburg 1992.
  • Zur Psycho-Ökologie der Gewalt. In: Ch. Rohde-Dachser (Hrsg.): Beschädigungen - Psychoanalytische Zeitdiagnosen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992.
  • Die Gefahr muß zugänglich bleiben. Zur ethischen Problematik des Umgangs mit radioaktiven Abfällen aus psychoanalytischer Sicht. In: Anmerkungen aus dem Institut für Politische Psychoanalyse München. 10/11, 1993, S. 66–74.
  • Psychoanalytische Perspektiven in der Supervision. In: Supervision. 23, 1993, S. 9–35.
  • Die Dynamik des sexuellen Mißbrauches. In: KiZ. 1999, S. 62–74.
  • Auf der Suche nach den Spuren der Väter - eine kritische Analyse. In: Thea Bauriedl, Astrid Brundke (Hrsg.): Psychoanalyse in München - eine Spurensuche. Psychosozial-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-89806-849-9, S. 111–191.
  • Der Vatermord. In: Die Zeit. 6/2000. über Menschen, denen der politische Ziehvater zur Last geworden ist (am Beispiel von Merkel und Kohl)

Thea Bauriedl im Gespräch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Norbert Copray: Wenn Stärke entgleist. Gespräch mit Thea Bauriedl. In: Norbert Copray u. a. (Hrsg.): Die Stärkeren im Recht? Der alltägliche Lebenskampf. München 1992, S. 75–90.
  • Ich übernehme gerne ein geistiges Erbe. Thea Bauriedl im Gespräch mit Arist von Schlippe. In: D. Hosemann, J. Kriz, A. von Schlippe (Hrsg.): FamilientherapeutInnen im Gespräch. Lambertus, Freiburg 1993, S. 17–32.
  • Thea Bauriedl und Helm Stierlin: Systemisches und psychoanalytisches Denken. Eine Podiumsdiskussion, moderiert von Eva Jaeggi. In: Traumwerkstatt (Hrsg.): Träume in der Paartherapie. Thea Bauriedl, Eva Jaeggi und Helm Stierlin im Gespräch über einen Paartraum. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 32–40.
  • Brennpunkte der Ohnmacht. In: Die Zeit. 18/2006. Interview über Burn-out- und Helfersyndrom.

Texte über Thea Bauriedl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Simone Zimansl: Thea Bauriedl. In: Gerhard Stumm, Alfred Pritz u. a.: Personenlexikon der Psychotherapie. Wien/ New York 2005, S. 34f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. G. Stumm u. a.: Personenlexikon der Psychotherapie. Wien/ New York 2005, S. 34 f.
  2. Mitglieder Wissenschaftlicher Beirat Attac (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) (Stand Januar 2016)
  3. Hildegard Baumsart: Lehrstunde bei Kassandra. In: Die Zeit. 3. Oktober 1986, abgerufen am 20. Juli 2011.