Henryk Mandelbaum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Henryk Mandelbaum (links), mit Übersetzer

Henryk Mandelbaum (* 15. Dezember 1922 in Olkusz, Polen; † 17. Juni 2008 in Bytom) war ein Holocaust-Überlebender, der zum Sonderkommando des KZ Auschwitz-Birkenau gehörte, das in den Krematorien eingesetzt worden war. Von 2000 Häftlingen des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau überlebten lediglich 110. Als Zeitzeuge berichtete er später von seinen Erlebnissen und erzielte damit eine breite Resonanz.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Henryk Mandelbaum entstammte einer armen jüdischen Familie aus Olkusz. Seine Heimatstadt wurde 1939 im Zuge des Überfalls auf Polen durch die Wehrmacht besetzt. 1941 wurde seine Familie in das offene Ghetto Dąbrowa Górnicza verbracht, wo Henryk Mandelbaum in einer deutschen Baufirma Zwangsarbeit als Maurer leisten musste. Ende 1942 wurde seine Familie in das Ghetto Sosnowiec verlegt. Henryk Mandelbaum gelang es, während der Zwangsumsiedlung zu fliehen und unter falschem Namen in wechselnden Verstecken unterzutauchen bis er im März 1944 von einem volksdeutschen Bekannten erkannt und denunziert wurde. Er wurde von der Gestapo verhaftet, ins Gefängnis Sosnowiec eingewiesen und am 22. April 1944 nach Auschwitz überstellt.[1]

Mandelbaum wurde im Gegensatz zur Mehrzahl der mit ihm zusammen eingelieferten Juden aus Sosnowiec nicht sofort ermordet, weil er als Arbeiter in den Krematorien eingesetzt werden sollte. Dort wurde er u. a. dazu gezwungen, die Leichen in das Krematorium oder in die Verbrennungsgruben zu tragen, die sterblichen Überreste nach in den Körperöffnungen versteckten Wertsachen zu untersuchen oder Zahngold auszubrechen. Dem Sonderkommando KZ Auschwitz-Birkenau war auch Alberto Errera zugeteilt, dessen heimlich gemachten Aufnahmen von Leichenverbrennungen wichtige Zeugnisse darstellen. Henryk Mandelbaum war ein Augenzeuge des missglückten Fluchtversuches Erreras und berichtete darüber[2].

Am 7. Oktober 1944 war er an einem Aufstand der dort eingesetzten Häftlinge beteiligt, der niedergeschlagen wurde. 451 der Häftlinge wurden daraufhin erhängt oder erschossen. Es war einer der wenigen Aufstände in einem Konzentrationslager.

Auf dem Todesmarsch im Januar 1945 gelang es Mandelbaum zu fliehen. In Zivilkleidung entkam er und konnte sich auf einem Bauernhof für drei Wochen verstecken. Nach der Befreiung von Auschwitz meldete er sich bei der Wahrheitsfindungskommission als Augenzeuge.

Mandelbaum lebte bis zu seinem Tod 2008 in Polen. Er ließ nie die eintätowierte Nummer 181 970 auf seinem linken Unterarm entfernen, mit der die Häftlinge gekennzeichnet worden waren. Bei einem Besuch von Papst Benedikt XVI. am 28. Mai 2006 in Auschwitz stand er in einer Reihe von ehemaligen Gefangenen und küsste als einziger den Papst auf beide Wangen.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eric Friedler, Barbara Siebert, Andreas Kilian: Zeugen aus der Todeszone: das jüdische Sonderkommando in Auschwitz. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-34158-0.
  • Nur die Sterne waren wie gestern: Henryk Mandelbaum, Häftling im Sonderkommando von Auschwitz 1944/1945; Ausstellungskatalog. Bildungswerk Stanisław Hantz, Kassel 2006, ISBN 3-00-018142-3.
  • Nur die Sterne waren wie gestern: Ausstellung über den ehemaligen Sonderkommando-Häftling Henryk Mandelbaum. Aus: analyse & kritik Nr. 506, 19. Mai 2006, ISSN 0945-1153.
  • Jan Poludniak: Sonder. An Interview with Sonderkommando Member Henryk Mandelbaum. Frap-Books, Oswiecim 2008. ISBN 978-83-921567-3-4.
  • Henryk Mandelbaum: Bericht eines Zeitzeugen. In: Bettina Schaefer (Hg.): Lass uns über Auschwitz sprechen. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2009. ISBN 978-3-86099-391-0. S. 45–60.
  • Igor Bartosik, Adam Willma: Ich aus dem Krematorium Auschwitz – Gespräch mit Henryk Mandelbaum, ehemaliger Häftling des Sonderkommandos im KL Auschwitz. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 2017. ISBN 978-83-7704-199-4.
  • Piotr M. A. Cywinski: Henryk Mandelbaum: Ich aus dem Krematorium Auschwitz (2009). In: Markus Roth/Sascha Feuchert (Hg.): Holocaust Zeugnis Literatur. 20 Werke wieder gelesen. Wallstein, Göttingen 2018. ISBN 978-3835332928.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Kilian: „Jestem unikatem / Ich bin einmalig“. Zum Tode von Henryk Mandelbaum. In: Mitteilungen der Lagergemeinschaft Auschwitz, Freundeskreis der Auschwitzer. 28. Jg., H. 1, August 2008, S. 8. PDF
  2. Igor Bartosik et Adam Willma, Dans les crématoires d'Auschwitz – Entretien avec Henryk Mandelbaum, Auschwitz-Birkenau State Museum, 2012.
  3. Ian Fisher: A German Pope Confronts the Nazi Past at Auschwitz New York Times, 29. Mai 2006