Herman Lehmann

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Herman Lehmann (* 5. Juni 1859 bei Fredericksburg, Texas; † 2. Februar 1932 in Loyal Valley, Texas) war ein Kind der deutschen Einwanderer Moritz und Augusta Lehmann, die im Jahre 1846 nach Texas gekommen waren. Er wurde als Kind im Alter von zehn Jahren von Indianern geraubt und lebte anschließend zunächst bei den Apachen, später bei den Comanche. Im späteren Leben kehrte er zu seiner Familie zurück. Das Phänomen eines weißen Jungen, der von Indianern aufgezogen wurde, machte ihn zu einer Berühmtheit in den Vereinigten Staaten. Er publizierte im Jahre 1927 seine Autobiographie Nine years Among the Indians.[1]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vater Moritz Lehmann war am 29. Mai 1827 in Friedersdorf (jetzt „Biedrzychowice (Żary)“, zum Kreis Sorau gehörig) in der damaligen Niederlausitz[2] geboren, er starb am 11. Mai 1862 in Squaw Creek, Mason Co., Texas. Seine Frau Augusta Johanna Adams, geboren am 27. Februar 1833 in Kulm/Westpreussen, starb am 15. April 1911 in Texas.

Moritz Lehmann und Augusta Adams waren in einer der Auswanderungswellen des Mainzer Adelsvereins. Mit dem Schiff „Louise“ legten sie in Bremerhaven am 8. September 1846 ab und erreichten nach fast acht Wochen Überfahrt am 2. November 1846 den Hafen in Galveston (Texas).[3]
Erst drei Jahre später heirateten sie am 30. September 1849. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor:[4]

  1. Emelyn Lehmann; * 28. November 1850 in Mason Co., Texas; † 28. April 1851 Mason Co., Texas
  2. Gustave Adolph Lehmann; * 20. Mai 1855 in Mason Co., Texas; † 29. März 1940 in Mason Co., Texas[5]
  3. Wilhelmina Lehmann; * 1. September 1857 in Texas; † 12. März 1948 in Texas[6]
  4. Herman Lehmann; * 5. Juni 1859 in Mason Co., Texas; † 2. Februar 1932 in Loyal Valley, Mason Co., Texas
  5. Caroline Wilhelmina Lehmann; * 12. Oktober 1860 in Loyal Vallery, Mason Co., Texas; † 24. Januar 1937 in Texas
  6. William „Willi“ Frederick Lehmann; * 30. Oktober 1861 in Mason Co., Texas; † 11. September 1951 in Loyal Valley, Mason Co., Texas[7]
  7. Mathilde Lehmann; * 1863 Mason Co., Texas

Nach Moritz Tod heiratete Augusta am 5. Juni 1863 in Hilda Mason Co., Texas den Phillip Buchmeier[8](* 25. September 1820 aus Hessen; † 18. Dezember 1891 in Mason Co., Texas;[9] auch mit der Schreibweise als „Buchmeyer“ in den Staaten geführt). Mit ihm bekam Augusta sechs weitere Kinder:

  1. Sophie Buchmeier; * 1865 Texas
  2. Emma Buchmeier; * 15. März 1867 Texas[10]
  3. Auguste Buchmeier; * 1869 Texas
  4. Martha Buchmeier * 1870 Texas
  5. Amalie Buchmeier *>1871 Texas
  6. Henry Buchmeier * 10 März 1875 Texas[11]

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gefangennahme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Familie bewirtschafteten eine abgelegene Farm in der Nähe von Fredericksburg. Am 16. Mai 1870 wurde die Farm von einer Gruppe Apachen überfallen. Sein Bruder Willie und er wurden auf dem Feld gefangen und mitgenommen. Seine zwei Schwestern konnten ins Haus entkommen. Vier Tage später wurde die Gruppe Apachen von einer Armeepatrouille entdeckt und ein Feuergefecht entwickelte sich. Sein Bruder Willie konnte fliehen und kehrte nach Haus zurück. Die Apachen entkamen mit Herman als Beute.[12][13]

Leben mit den Apachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Apachen vom Volk der Mescalero nahmen Herman Lehmann mit zu ihrem Lager im Osten des US-Bundesstaates New Mexico. Er wurde zunächst persönliches Eigentum eines Häuptling namens Carnoviste und dessen Frau Laughing Eyes. Die Apachen gaben Herman Lehmann den Namen „En Da“, weißer Junge. Während seiner Zeit bei den Apachen kam er auch in Kontakt mit anderen entführten weißen Kindern. Mit einem Jungen, Adolph Korn,[14] verständigte er sich in der Gefangenschaft auf deutsch.[15] Lehmann lebte etwa neun Jahre mit den Indianern, davon vier mit den Apachen, und assimilierte sich völlig. Als junger Krieger war eine seiner bemerkenswerten Taten ein Gefecht mit den Texas Rangern am 24. August 1875. Dies Gefecht fand am Concho Plain, ungefähr 100 km westlich des heutigen San Angelo, Texas, statt. Der Texas Ranger James Gillett war nahe daran, Herman Lehmann zu erschießen, als er erkannte, dass Lehmann ein Weißer war. Als die Ranger ihn später zu fangen versuchten, konnte er entkommen.[16] Lehmann hatte sich inzwischen komplett den Lebensumständen der Apachen angepasst und galt als einer der Ihren.

Asyl bei den Comanche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ungefähr um die Frühlingszeit des Jahres 1876 brachte Herman Lehmann einen Medizinmann einer rivalisierenden Gruppe der Apachen bei einem Gefecht um und rächte damit dessen Mord an seinem Häuptling Carnoviste.[17] Weil er Revanche fürchtete und seine Gruppe im Gefecht aufgerieben worden war, flüchtete er in entlegenere Gebiete und versteckte sich dort für etwa ein Jahr. Das von ihm zunächst gewählte Rückzugsgebiet beschrieb er in seiner Autobiographie als ein Paradies mit viel Jagdwild, grünen Flussauen mit gutem Wasser und idealen Temperaturen. Als er jedoch merkte, dass andere einheimische Gruppen durch diese Gegend streiften, zog er weiter und fasste endlich den Entschluss, sich den Comanche anzuschließen. Zu dieser Zeit war er etwa sechzehn Jahre alt. Er näherte sich einer Gruppe der Comanche und nach einer Beobachtungszeit begab er sich in deren Lager. Er erzählte ihnen seine Lebensgeschichte und überzeugte sie von seinen guten Absichten. Schließlich nahmen sie ihn auf. Er durfte sich die Familie, zu der er gehören wollte, aussuchen und wählte als seinen Bruder Cotopa. Er selbst erhielt den Namen Montechena.[18]

Ende der Indianerkriege, Zeit im Reservat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Häuptling der Comanche Quanah Parker hatte im Jahr 1875 die Niederlegung der Waffen für sein Volk mit den Weißen abschließend verhandelt. Im Juli 1877 suchte er versprengte Gruppen, die die Waffen bisher nicht niedergelegt hatten, zur Aufgabe des Kampfes zu überzeugen. Herman Lehmann war Mitglied einer Gruppe, die Quanah Parker am Rio Pecos im östlichen New Mexico fand. Parker überzeugte sie, den Kampf aufzugeben und ebenfalls in das Reservat in der Nähe von Fort Sill, im heutigen Oklahoma zu kommen. Lehmann weigerte sich zunächst, kam jedoch später ebenfalls nach Fort Sill.

Rückkehr und versuchte Anpassung an die Lebensumstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehmann lebte mit der Familie Quanah Parkers im Kiowa-Comanche Reservat nahe Fort Sill von 1877 bis 1878. Während dieser Zeit war einigen Personen aufgefallen, dass er als Weißer unter den Indianern lebte. Seine Mutter hatte die Hoffnung ihn wiederzufinden niemals aufgegeben. Adolph Korn, der früher aus seiner Gefangenschaft zurückgekehrt war, hatte ihr gesagt, dass er Lehmann bei den Apachen getroffen hatte.[19] Sie traf den Kommandanten von Fort Sill, Ranald S. McKenzie, in Fredericksburg, Texas. Nach der Beschreibung, die dieser ihr von Herman Lehmann gab, ging sie jedoch nicht davon aus, dass das ihr Sohn sei. Trotzdem bat sie darum, dass der Junge zu ihr gebracht würde.[20]

Im April 1878 wurde Lehmann zu seiner Familie nach Texas gebracht. Fünf Soldaten und ein Fahrer begleiteten ihn in einem von vier Mauleseln gezogenen Ambulanzwagen nach Loyal Valley in Mason County, Texas. Dort kam er am 12. Mai 1878 an. Die Einwohner von Loyal Valley kamen zusammen, um den heimgekehrten Jungen zu sehen. Lehmann hatte die deutsche Muttersprache verlernt und konnte sie nicht mehr verstehen. Auch des Englischen war er nicht mehr mächtig. Sowohl Mutter und Sohn erkannten einander nicht. Lehmann selbst war lange Zeit davon ausgegangen, dass seine Familie von den Indianern ausgerottet worden war. Eine nähere Untersuchung Herman Lehmanns stellte endgültig fest, dass er der Gesuchte war.[21]

Die Wiederanpassung an das Leben der Siedler fiel ihm schwer.[22] In der Folgezeit schwankte er zwischen der Anpassung an die Lebensweise der Siedler und seiner indianischen Lebensweise. Während seiner Zeit mit den Indianern hatte er nie einen Versuch gemacht, wieder in die Siedlergesellschaft zurückzukehren. Nach seinen Diskrepanzen mit den Apachen hatte er sich den Comanche angeschlossen und nicht die Nähe der Weißen gesucht. Häufig trug er auch in seinem späteren Leben Indianerkleidung.

Seine erste Ehe, die er 1885 mit N. E. Burke schloss, scheiterte. Mit seiner zweiten Frau Fannie Light ging er zurück ins damalige „Indian Territory“, wo er eine Landzuteilung als Mitglied des Volks der Comanche erhalten hatte. Herman und Fannie bekamen fünf Kinder: Henry, John, Amelia, May und Caroline.[23] Im Jahre 1926 verließ er diese Gegend wieder, um endgültig zu der Familie seines Bruders Willie nach Loyal Valley zurückzukehren.

Lehmann starb am 2. Februar 1932 in Loyal Valley, Mason County, Texas, und ist dort neben seiner Mutter und seinem Stiefvater begraben.

Lehmanns Autobiographie als historische Quelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehmanns Lebensbeschreibung geht weit über persönliche Erlebnisse eines Einzelnen hinaus und enthält ein facettenreiches und lebhaftes Zeit- und Gesellschaftsbild der Indianergesellschaft am Ende der Indianerkriege. Der Schreiber des Vorwortes seiner Autobiographie, Dale F. Giese, lobt das Buch, das er in seinen Universitätsseminaren seit 20 Jahren als Grundlage für die Lebensweise der Plains Indianer benutze.

So schildert Lehmann insbesondere die Härte der Apachen gegen sich selbst wie z. B. das völlige Ignorieren auch heftigster körperlicher Schmerzen und körperlicher Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen. Lehmann beschreibt diesen Anpassungsprozess in seiner Autobiographie anschaulich und eindringlich. Weiterhin schildert er die verschiedenen Strömungen innerhalb des Volkes der Comanche und die wesentlichen Feinde: alle Weißen allgemein, andere Indianergruppen, Texas Ranger oder die die Lebensgrundlage der Indianer bedrohenden Büffeljäger. Deutlich wird auch die prekäre Situation der Indianer in jener Zeit, die immer häufiger in das weniger besiedelte und kontrollierte Mexiko ausweichen mussten. Weitere Themen sind die indianische Religionsauffassung, Verhältnis von Mann und Frau, Auffassung der Natur, Essen, Trinken, Jagen, Krieg und Waffen, Erziehung usw. Daraus ergibt sich ein völkerkundlicher Gesamtüberblick über die indianische Lebensweise der Apachen und Comanche in der Zeit der Indianerkriege.

Seine zweite Autobiographie, „Nine Years Among the Indians“, die 1927 in Austin erschien, war mit Hilfe von J. Marvin Hunter auf seine Initiative erschienen. Eine erste Version war vom Ghostwriter zu stark nach dessen Wünschen verändert worden. Von dem amerikanischen Literaturwissenschaftler J. Frank Dobie wurde die Autobiographie als eine der Besten zu diesem Thema gerühmt.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herman, der Apache. Ein Deutscher unter Indianern[24]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Louis E Brister: Neun Jahre unter den Indianern. Gefangenschaft und Leben eines Texaners unter den Indianern. Wagner-Verlag, 2005, ISBN 3-935232-73-X.
  • Herman Lehmann, J. Marvin Hunter: Nine Years Among the Indians. Boeckmann-Jones, Austin 1927. (Nachdruck: University of New Mexico Press, Albuquerque 1993, ISBN 0-8263-1417-1)
  • William Chebahtah, Nancy McGown Minor: Chevato. The Story of the Apache Warrior Who Captured Herman Lehmann. University of Nebraska Press, Lincoln (NE) 2007, ISBN 978-0-8032-1097-4.
  • Moritz Tiling: The German Element in Texas from 1820 to 1850 and historical sketches of the German Texas Singers’ League and Houston Turnverein from 1853 to 1913. Houston 1913.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Herman Lehmann, J. Marvin Hunter: Nine Years Among the Indians. Boeckmann-Jones, Austin 1927. (Nachdruck: 4. Auflage. University of New Mexico Press, Albuquerque 1998) (google-books)
  2. Auswanderungsakten Brandenburg, Preußen; Ernst Moritz Lehmann, Geburtsinfo: 1827, Herkunft: Laubnitz/Sorau, Abreise 1846, Alter: 19; Ziel Nord-Amerika.
  3. Rootsweb; Auswanderung von Bremen mit dem Schiff Louise, Schiffsliste mit Ankunft von Moritz Lehmann
  4. Genealogie bei Rootsweb Dito
  5. Gustave Adolph Lehmann bei Find a Grave
  6. Mina Lehmann bei Find a Grave
  7. William F. Lehmann bei Find a Grave
  8. Robert R. Robinson, Fritz Goldbeck: Die Bremerverwandtschaft in Deutschland und in Texas. Band 2, Nortex Press, 1979. Original von University of Wisconsin – Madison, ISBN 0-89015-131-8.
  9. Grabstein bei „Find a Grave
  10. Emma Buchmeyer (∞ Holcomb) bei Find a Grave
  11. Rootsweb: 2. Ehe von Augusta ADAMS
  12. Moritz Tiling: The German Element in Texas from 1820 to 1850 and historical sketches of the German Texas Singers’ League and Houston Turnverein from 1853 to 1913. 1. Auflage. Houston 1913, S. 106f.
  13. „Marker“–Geschichtstafel (Bild)
  14. Captured By Indians
  15. Lehmann: Nine years. 1927, S. 43.
  16. Lehmann: Nine years. 1927, S. 106 ff.
  17. Lehmann: Nine years. 1927, S. 126 ff.
  18. Lehmann: Nine years. 1927, S. 144 ff.
  19. Lehmann: Nine years. 1927, S. 197.
  20. Lehmann: Nine years. 1927, S. 192.
  21. Lehmann: Nine years. 1927, S. 202.
  22. auch in Chebatah u. a.: Chavato. a.a.O., S. 113.
  23. Herman Lehmann: Jewish “Little Big Man” Apache & Comanche.
  24. Herman, der Apache. In: Terra X. Sendung vom 21. Februar 2016.
  25. Herman Lehmann: L'indiano bianco. Daim Press, Milano 1975.