Hermann Emminghaus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hermann Emminghaus

Hermann Emminghaus (* 20. Mai 1845 in Weimar; † 17. Februar 1904 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Psychiater und Universitätsprofessor. Er gilt als Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Von ihm stammt der Begriff „Psychopathologie“.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Emminghaus hatte zunächst nach Beendigung seines Medizinstudiums am Physiologischen Institut der Universität Leipzig gearbeitet, bevor ihn seine Laufbahn nach Würzburg führte, wo er ab 1874 an der dortigen Universität als Dozent tätig war. Im Anschluss war er für einige Zeit klinischer Psychiater an der damaligen Irrenanstalt in Heppenheim a.d. Bergstraße, es folgte eine kurze Zwischenstation an der Universität Jena, an welcher er seine Habilitationsschrift verfasste (s. unter: Auswahlverzeichnis); dort erreichte ihn eine Berufung als Professor an die Universität Dorpat (heute: Tartu/Estland). Wissenschaftlich hatte sich Emminghaus mit den Fragen verschiedener hirnorganischer Erkrankungen und Degenerationsprozesse auseinandergesetzt; auch hatte er sich mit allgemeiner Psychopathologie, Forensik und besonders mit den psychischen Störungen bei Kindern und Heranwachsenden beschäftigt. Seine diesbezüglichen Arbeiten finden noch heute in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Beachtung.

Als 1886 der Lehrstuhl für Psychiatrie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau eingerichtet wurde, wurde Emminghaus zum Ordinarius berufen.

In Freiburg musste er sich zunächst auf seine Lehrtätigkeit beschränken, da die neue Irrenklinik (diesen Namen sollte sie erhalten und bis 1912 führen) sich noch im Bau befand und erst am 18. Mai 1887 ihren Betrieb aufnehmen konnte, danach konnte sich Emminghaus auch der klinischen Tätigkeit zuwenden.

Emminghaus war ein konsequenter Vertreter des „No restraint“, einer aus England stammenden Bewegung, deren Ziel es war, Zwangsmittel im klinischen Alltag der psychiatrischen Anstalt möglichst zu vermeiden. Zieht man die steten Klagen und Eingaben der Anwohner der Klinik an die Gerichte über das ´Geschrei und Toben der Kranken in Betracht (eine dieser Klagen auf Schließung und Verlegung der Psychiatrie wurde bis vor das Reichsgericht in Leipzig gebracht), so ist daraus abzuleiten, dass die ebigen tapferen Bemühungen Emminghaus´ kaum von tatsächlichem Erfolg gekrönt gewesen sein können.

Das Direktorat von Hermann Emminghaus war überschattet von vielerlei Problemen; zum einen musste sich der Ordinarius mit den nicht enden wollenden Klagen und Beschwerden der Klinikanrainer herumschlagen, dann wiederum mussten bauliche Nachbesserungen durchgesetzt werden, so beispielsweise der Anschluss des Krankenhauses an die städtische Wasserversorgung und die Kanalisation, die Installation von elektrischem Licht (zumindest im Mitteltrakt) und dergleichen. Da es zu jener Zeit noch kein examiniertes Krankenpflegepersonal für psychiatrische Kliniken gab, musste man sich mit der Einstellung ungelernter Kräfte begnügen (Wärter und Wärterinnen, die dem sogenannten Oberwartpersonal unterstanden); diese Arbeit wiederum war denkbar schlecht vergütet, was, in Verbindung mit langen Dienstzeiten, dem sog. „Kostzwang“, der Verpflichtung, am Kosttisch der Anstalt teilzunehmen, und weiteren Drangsalierungen zu hoher Personalfluktuation führte, da jedermann, dem sich etwas Besseres bot, die Gelegenheit zu kündigen sogleich ergriff.

Ab der Jahrhundertwende kam es zu stetig steigender Überbelegung der Klinik, was – wie der Jahresbericht 1901 beschreibt – zu erhöhter Sedativanwendung führte, außerdem musste Emminghaus weitere „Tobzellen“ einrichten lassen.

Die Wesensart des als zurückhaltend, aufrecht, gewissenhaft und gütig beschriebenen und oftmals angesichts der Misere seiner Kranken von Skrupeln gequälten Emminghaus war nicht geeignet, sich in Fragen der Verwaltung, beim Auftreten von Differenzen mit dem Wartpersonal oder den Querelen mit den Klinikanwohnern über eigene Bedenken und über diejenigen anderer Menschen hinwegzusetzen, und die Vermutung liegt nahe, dass die steten Überwerfungen dieser Art für ihn zu schweren Lasten wurden, die seine Gesundheit untergruben.

1902 trat Emminghaus von seinem Posten als Ordinarius und Direktor der Irrenklinik Freiburg aus Krankheitsgründen zurück. Ein progredientes Hirnleiden begann, ihm seine geistigen Fähigkeiten zunehmend zu rauben, worunter er in Augenblicken der Klarheit stark gelitten haben muss.

1904 ist Emminghaus im 58. Lebensjahr verstorben.

Sein Nachfolger Alfred Hoche hat ihm im zweiten Band des Werkes „Deutsche Irrenärzte“ 1921 einen warm empfundenen, ehrenden Nachruf geschrieben, der auch dem heutigen Zeitgenossen die menschlichen wie fachlichen Gaben und Qualitäten von Hermann Emminghaus lebendig vor Augen führt.

Die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Freiburg hat eine Station nach seinem Namen benannt und ehrt ihn auf diese Weise bis heute.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Über hysterisches Irresein: Ein Beitrag zur Pathogenese der Geisteskrankheiten. Dissertationsschrift, Universität Jena 1870.
  • Über den Werth des klinischen Unterrichts in der Psychiatrie. Verlag Schnakenburg, Dorpat 1881.
  • Die psychischen Störungen des Kindesalters. In: Gebhardt: Handbuch der Kinderkrankheiten. Bd. VIII, Verlag Laupp, Tübingen 1887. (Digitalisat)
  • Allgemeine Psychopathologie zur Einführung in das Studium der Geistesstörungen. F. C. W. Vogel, Leipzig 1878 (Digitalisat)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Degkwitz (Hrsg.): Chronik der Psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg i. Br. 1886-1986. Forum Medizin, Jansen/Neuss 1987.
  • A. E. Hoche: Hermann Emminghaus. In: Deutsche Irrenärzte. Bd. II. Verlag Julius Springer, Berlin 1924, S. 231 ff.
  • Werner Leibbrand: Emminghaus, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 485 f. (Digitalisat).
  • H. K. W. Pieper: Kleine Freiburger Psychiatrie-Geschichte. Anlage (2008) zum internen Manual für Krankenpflegeschüler und -schülerinnen von E. Kohlscheen et al., Freiburg 1996 (nicht publiziert).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]