Historische Digital Literacy

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Der Begriff Literacy bezeichnet die Kompetenz, Lesen und Schreiben zu können. Im weiteren Sinne bezieht er alle Erfahrungen und Grundfertigkeiten rund um Erzähl-, Sprach- und Schriftkultur mit ein. Dabei handelt es sich um Fähigkeiten, wie Textverständnis und Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, sich schriftlich auszudrücken und die Vertrautheit mit Schriftsprache.[1] Digital Literacy bedeutet, dass man die oben genannten Kompetenzen auch bei der Benutzung digitaler Technologie, insbesondere Computer und Internet, effizient nutzen kann.

Historische Digital Literacy in der Öffentlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die «Digital Literacy» ist für die Partizipation an der modernen Wissensgesellschaft von wesentlicher Bedeutung. Dabei wird zwischen Medienkompetenz und inhaltlicher Kompetenz unterschieden.[2] Erstere ist verantwortlich für die technischen Einzelheiten der Mediennutzung (Bedienung). Letztere wird benötigt, um die Information zu verarbeiten, zu kommunizieren und letztendlich, um neue Inhalte zu erstellen.

Public History ist eine seit den 1970er-Jahren institutionalisierte Disziplin, die sich mit der Gegenwärtigkeit der Vergangenheit und damit dem Konstruktionscharakter von Geschichte ausserhalb akademischer Gegebenheiten auseinandersetzt.[3] Sie bezeichnet eine Form von öffentlicher Geschichtsdarstellung, die ausserhalb von wissenschaftlichen Institutionen, Versammlungen oder Publikationen konstruiert wird.[4][5]

Individuelle und kollektive Erinnerung sind im Web 2.0-Zeitalter allgegenwärtig, allerdings durch konkurrierende Ansichten keineswegs einheitlich. Begünstigt durch den digitalen Wandel können lokale Gemeinschaften ihre Vergangenheit über Social Media und Web-Veröffentlichungen aufarbeiten, um sie besser in die lokal-globale Erinnerung einzuordnen.[6] In Abgrenzung zur Digital History als einer digitalen Wissenschaft bezeichnet Public History die Produktion von Geschichte durch interaktive und digitale Mittel in einem öffentlichen Raum.[7] Sie ist eng mit dem Konzept der Oral History verknüpft.[8]

Digital Literacy beweist sich in öffentlichen Zusammenhängen durch eine auf historisches Mindestwissen basierende Fähigkeit, sich in verschiedenen digitalen Angeboten der Museen etc. zu orientieren und diese kritisch zu hinterfragen.

Digital Literacy und Geschichtswissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Digital History ist Teil des interdisziplinär ausgerichteten Praxisfeldes der Digital Humanities[9] und bezeichnet die Anwendung von digitalen Medien für das Vorantreiben von historischen Analysen, Darstellungen und Untersuchungen. Der Historiker Peter Haber forderte in diesem Zusammenhang einen „Kanon an Kompetenzen“ für die Geschichtswissenschaft.[10] Die Basis bildet hierbei wiederum die Medienkompetenz. Diese beinhalte laut Haber neben technischen und intellektuellen Kompetenzen vor allem die Fähigkeit zur Medien- und Informationskritik.[10] Die zunehmende Verfügbarkeit der digitalen Massendaten, Big Data, eröffnet neue Fragestellungen im Feld der computergestützten quantitativen historischen Analyse und neue Vernetzungsmöglichkeiten von Wissen und Menschen. Im deutschsprachigen Raum konzentriert sich die digitale Geschichte bislang vor allem auf die Präsentationen von Editionen und Forschungsergebnissen im Netz.[9]

Erzeugnisse von Digital History umfassen digitale Archive und Online-Präsentationen von interaktiven Karten, Zeitstrahlen, Audiodateien und virtuellen Welten. Gegenüber der klassischen Geschichtswissenschaft verändert sich nicht nur das Publikum sowie die Art und der Ort der Darstellung, sondern auch der Rohstoff der Geschichtsschreibung. Digitale Quellen stellen nicht nur neue Anforderungen bezüglich der Verarbeitung von grossen Datenmengen, sondern auch an die Quellenkritik (> Authentizität), die Überlieferung und Bewertung.[9]

Digital Literacy im Geschichtsunterricht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittlerweile gibt es unzählige Möglichkeiten digitale Medien im Geschichtsunterricht einzusetzen, was im Unterricht je nach Lehrperson und Schule unterschiedlich gehandhabt wird. Die digitalen Medien sind grundsätzlich nicht mehr aus dem Unterricht wegzudenken. Sie verändern den Geschichtsunterricht nicht grundlegend, aber als Informationsmedien ermöglichen sie einen Zugang, wie er ohne Internet nicht möglich wäre. Insbesondere ermöglichen sie den Lernenden eine neue Form der Informationsbeschaffung und -verarbeitung.[11] Die Funktion des Copy-Paste-Verfahrens erleichtert den Akt der Bricolage bei der Konstruktion des eigenen Geschichtsbildes. Die Wichtigkeit der Thematisierung dieses Prozesses im Geschichtsunterricht ist laut dem Geschichtsdidaktiker Jan Hodel essentiell für eine reflektierte digitale Geschichtskultur.[12]

Die Verwendung der digitalen Medien erfordert von der Lehrperson und den Lernenden Kompetenzen im Bereich der Digital Literacy. Marko Demantowsky plädiert dafür, dass "die Eigenheiten des Geschichtslernens im Web 2.0 (…) zu einem zentralen Gegenstand der Lehreraus- und Lehrerfortbildung gemacht werden müssen."[13]

Digitale Lernumgebungen können sich nicht selbst an die didaktischen Besonderheiten einer Zielgruppe und Situation anpassen. Sie existieren als verfügbares Lernangebot und sind auf die Lehrperson angewiesen, die sie  situativ in den Unterricht integriert. Diese Problematik, die letztlich in jeder Art von professionellem Unterricht auftritt und von Demantowsky als „Disponibilitäts-Problem“ beschrieben wird, fordert das didaktische Geschick die eigene Unterrichtsplanung der Komplexität und Eigenheit einer jeder Unterrichtsstunde spontan und adäquat anzupassen.[14] Ein weiteres Problem bezieht sich auf den komplexen Kommunikationscharakter, der dem historischen Denken innewohnt. Aus diesem kognitiven Prozess resultieren Narrationen, die in einer Gemeinschaft diskutiert werden können. Digitale Lernmaterialien lassen diese, für das geschichtsbezogene Lernen essentiellen dialogischen Elemente, meist vermissen.[15] Dies bezeichnet Demantowsky als „Performanz-Problem“.    

Der Ansatz von Kerber (2016) einer "historischen Medienbildung" ist breiter angelegt und berücksichtigt nicht nur eine "digital literacy". Es lassen sich technische von fachbezogenen historischen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten unterscheiden. Für die Förderung einer historischen "digital literacy" im Geschichtsunterricht sind sowohl technische wie fachliche Kompetenzen notwendig und stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Als Kompetenzbereiche zu nennen sind: die Suche, Bewertung und Interpretation von analogen wie originär digitalen und digitalisierten Quellen und Darstellungen mit Hilfe digitaler Medien, die Analyse medialer Entstehungsbedingungen und Wirkungen unter Berücksichtigung gattungsspezifischer und medienhistoriografischer Merkmale sowie das Erstellen eigener Narrationen mit digitalen Medien.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniel Bernsen / Ulf Kerber (Hrsg.): Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter. Budrich academic, Opladen 2017, ISBN 978-3-8474-2033-0.
  • Marko Demantowsky / Christoph Pallaske (Hrsg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-486-85866-2.
  • Peter Haber: Digital Past. Oldenbourg, München 2011, ISBN 978-3486707045.
  • Jan Hodel: Verknüpfen und Verkürzen. Geschichte als Netz narrativer Fragmente. Wie Jugendliche digitale Netzmedien für die Erstellung von Referaten im Geschichtsunterricht verwenden. hep-Verlag, Bern 2013, ISBN 978-3-03905-964-5.
  • Guido Koller: Geschichte digital. Historische Welten neu vermessen. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-028929-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sylvia Näger: Literacy: Kinder entdecken Buch-, Erzähl- und Schriftkultur. Herder, Freiburg/Br. 2007, ISBN 3-451-28691-2, S. 11.
  2. Jan van Dijk: Digital skills: Unlocking the Information Society. Palgrave Macmillan, New York 2014, ISBN 978-1-137-43703-7, S. 7.
  3. Serge Noiret: Internationalizing Public History. In: Public History Weekly. Band 2014, Nr. 34, 9. Oktober 2014, doi:10.1515/phw-2014-2647 (oldenbourg-verlag.de [abgerufen am 13. April 2017]).
  4. Frank Bösch, Constantin Goschler: Der Nationalsozialismus und die deutsche Public History. In: dies. (Hrsg.): Public History. Öffentliche Darstellungen des Nationalsozialismus jenseits der Geschichtswissenschaft. Campus Verlag, Frankfurt a.M. / New York 2009, ISBN 978-3-593-38863-2, S. 10.
  5. Marko Demantowsky: “Public History” – Sublation of a German Debate? In: Public History Weekly. Band 2015, Nr. 2, 29. Januar 2015, doi:10.1515/phw-2015-3292 (degruyter.com [abgerufen am 2. Mai 2017]).
  6. Serge Noiret: Internationalizing Public History. In: Public History Weekly. Band 2014, Nr. 34, 9. Oktober 2014, doi:10.1515/phw-2014-2647.
  7. Serge Noiret: Digital Public History: bringing the public back in. In: Public History Weekly. Band 2015, Nr. 13, 23. April 2015, doi:10.1515/phw-2015-3931 (oldenbourg-verlag.de [abgerufen am 13. April 2017]).
  8. Serge Noiret: Internationalizing Public History. In: Public History Weekly. Band 2014, Nr. 34, 9. Oktober 2014, doi:10.1515/phw-2014-2647 (oldenbourg-verlag.de [abgerufen am 13. April 2017]).
  9. a b c Guido Koller: Geschichte digital. Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-028929-1.
  10. a b Peter Haber: Digital Past. Oldenbourg, München 2011, ISBN 978-3-486-70704-5, S. 104.
  11. Hilke Günther-Arndt: Geschichtsunterricht und Computer. In: dies. / Mein Zülsdorf-Kersting (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Cornelsen, Berlin 2014, S. 227–237, hier S. 227 f.
  12. Jan Hodel: Narrative Bricolage. Jugendlicher Umgang mit digitalen Netzmedien zur Bewältigung des "narrativen Paradox" von Neu-Nacherzählungen. In: Marko Demantowsky / Christoph Pallaske (Hrsg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-486-85866-2, S. 17–33, hier S. 31 f.
  13. Marko Demantowsky: Die Geschichtsdidaktik und die digitale Welt. Eine Perspektive auf spezifische Chancen und Probleme. In: ders. / Christoph Pallaske (Hrsg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-486-85866-2, S. 149–161, hier S. 159.
  14. Marko Demantowsky: Die Geschichtsdidaktik und die digitale Welt. Eine Perspektive auf spezifische Chancen und Probleme. In: ders. / Christoph Pallaske (Hrsg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-486-85866-2, S. 149–161, hier S. 155.
  15. Marko Demantowsky: Die Geschichtsdidaktik und die digitale Welt. Eine Perspektive auf spezifische Chancen und Probleme. In: ders. / Christoph Pallaske (Hrsg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-486-85866-2, S. 149–161, hier S. 156.
  16. Ulf Kerber: Historische Medienbildung - ein transdisziplinäres Modell für den Geschichtsunterricht. In: Daniel Bernsen, Ulf Kerber (Hrsg.): Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter. Budrich academic, Opladen 2017, ISBN 978-3-8474-2033-0, S. 45–82.