Holocaustliteratur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Holocaustliteratur bezeichnet alle Arten von Literatur, die sich inhaltlich mit dem Holocaust befasst. Sie umfasst laut der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen viele Textsorten, die die Grenzen der klassischen Literaturgattungen von Epik, Lyrik und Drama überschreiten. Die Bezeichnung ist jedoch umstritten.

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung Holocaustliteratur stammt aus den USA und umfasst nach dem Gießener Modell der Holocaust- und Lagerliteratur „authentische“, von Überlebenden verfasste Schriften, und fiktionale Texte. Die Autoren können unmittelbar (als Täter oder Opfer) oder mittelbar (zum Beispiel als Angehörige der Holocaust-Nachfolgegenerationen) mit dem Holocaust verbunden sein. Auch von Unbeteiligten verfasste Texte zum Thema werden dazu gezählt.

Zu den Textsorten zählen Tagebücher und Chroniken aus der Zeit des Holocaust, danach verfasste Memoiren und Erinnerungen und fiktionale Texte (Romane, Gedichte, Dramen), die den Holocaust zentral behandeln. Unter „fiktional“ werden hier imaginäre oder erfundene Personen und Charaktere, Ereignisse und Orte verstanden.

Die Gießener Definition der Gattung grenzt literarische von historischen und wissenschaftlichen Texten („Metadokumenten“) ab. Sie versteht darunter Texte, die das Geschehen mit literarischen Stilmitteln (zum Beispiel Tropen und Archetypen) vermitteln wollen und das Geschehen in suggerierender Weise anordnen, ohne wissenschaftlichen Kriterien und Konventionen zu folgen.

Obwohl die Bezeichnung in Rezensionen und wissenschaftlichen Untersuchungen zunehmend akzeptiert und etabliert wurde, blieb sie unklar. Bisweilen sind nur fiktive oder nur von Holocaustüberlebenden verfasste Texte damit gemeint. Letztere wurde laut Imre Kertész bis in die 1960er Jahre hinein als „Lager-Literatur“ bezeichnet.[1]

Auch der Begriff „Holocaust“ wird in der Definition der Literaturgattung verschieden verstanden: Er kann auf die Vernichtung der europäischen Juden begrenzt oder auf alle Opfergruppen der nationalsozialistischen „Rassen“-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik ausgedehnt werden. Die Gießener Definition versteht den Begriff im weitesten Sinn, ohne die Einmaligkeit der planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden außer Acht zu lassen. Um diese zu erfassen, wird der Ausdruck „Shoah“ zur Verwendung empfohlen. Dieser steht in einem engen Verhältnis zur Bezeichnung „Holocaust“ und wird nicht losgelöst davon verwendet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Literatur und Holocaust. text + kritik # 144, München 1999, ISBN 3-88377-612-2.
  • Stephan Braese, Holger Gehle, Doron Kiesel u. a. (Hrsg.): Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Campus, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-593-36092-6.
  • Marc Caplan: Khurbn. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 3: He–Lu. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02503-6, S. 341–345.
  • Sam Dresden: Literatur und Holocaust. Jüdischer Verlag, Frankfurt 1997, ISBN 3-633-54133-0.
  • Sascha Feuchert (Hrsg.): Holocaust-Literatur: Auschwitz. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-015047-7.
  • Anita Haviv, Ralf Hexel (Hrsg.): Der Dornbusch, der nicht verbrannte. Überlebende der Shoah in Israel, Friedrich -Ebert- Stiftung Israel 2011, ISBN 978-3-86498-300-9.
  • Michael Hofmann: Literaturgeschichte der Shoah: Theorie und Beispiele. Aschendorff, Münster 2003, ISBN 3-402-04176-6.
  • Petra Kiedaisch (Hrsg.): Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter. Reclam, Stuttgart 1993, ISBN 3-15-009363-5.
  • Manuel Köppen und Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Bilder des Holocaust. Literatur, Film, Bildende Kunst. Böhlau, Köln 1997, ISBN 3-412-05197-7.
  • Matías Martínez, Hg.: Der Holocaust und die Künste. Medialität und Authentizität von Holocaust-Darstellungen in Literatur, Film, Video, Malerei, Denkmälern, Comic und Musik. Aisthesis, Bielefeld 2004 ISBN 3-89528-459-9.[2]
  • Andrea Reiter: “Auf daß sie entsteigen der Dunkelheit.” Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Löcker, Wien 1995, ISBN 3-85409-246-6.
  • Alvin Rosenfeld: Ein Mund voll Schweigen. Literarische Reaktionen auf den Holocaust. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-20808-1.
  • Mirjam Schmid: Darstellbarkeit der Shoah in Roman und Film. Kulturgeschichtliche Reihe, 12. Sonnenberg, Annweiler am Trifels 2012, ISBN 978-3-933264-70-1.
  • Thomas Taterka: Dante Deutsch. Studien zur Lagerliteratur. Erich Schmidt, Berlin 1999, ISBN 3-503-04911-8.
  • James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39231-X.
  • Katja Zinn: Literarische Versionen des Gettos Litzmannstadt. Holocaustliteratur als Spiegel von Erinnerungskultur, dargelegt an Texten von Opfern, Tätern, Zuschauern und Nachgeborenen. Dissertation, Justus-Liebig-Universität, Gießen 2009 (online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Imre Kertész: Dossier K.: eine Ermittlung. Übersetzt von Kristin Schwamm. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 11.
  2. über die Verknüpfung von Schrift und Sprache mit anderen Medien in der Literatur bei Ruth Klüger, Jakob Littner, Wolfgang Koeppen und Primo Levi; im Comic bei Art Spiegelman, Maus – Die Geschichte eines Überlebenden; beim Denkmal (Jochen Gerz); im Video- oder Fernsehspielfilm nach Victor Klemperers Tagebüchern; in der Malerei von Samuel Bak und in der Musik von Steve Reich