Ruth Klüger

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Ruth Klüger (2016)

Susanne Ruth Klüger, früherer Ehename Ruth K. Angress oder Ruth Angress (geboren 30. Oktober 1931 in Wien, Österreich; gestorben 5. Oktober 2020 in Irvine, Kalifornien, Vereinigte Staaten[1]), war eine österreichisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin sowie Überlebende des Holocausts.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruth Klügers Mutter, die ein Kind aus erster Ehe hatte, kam aus einer wohlhabenden Ingenieursfamilie, ihr Vater war der sozialistische Frauen- und Kinderarzt Viktor Klüger. Bereits in ihrer Kindheit erlebte sie den Antisemitismus und die systematische Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben in ihrer Heimatstadt, auch in ihrer eigenen Familie: Ihr Vater musste nach dem Anschluss Österreichs 1938 nach Frankreich fliehen, er wurde 1944 im KZ Auschwitz vergast. Ihr Halbbruder Jiří wurde 1941 aus Prag nach Riga deportiert und dort in einem Massaker von den Deutschen erschossen.

1942 wurde Klüger im Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter ins KZ Theresienstadt deportiert. Anschließend war sie im Theresienstädter Familienlager des KZ Auschwitz-Birkenau und danach in Christianstadt, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen. 1945 gelang ihr die Flucht noch kurz vor dem Kriegsende. Nach dem Krieg lebte sie mit ihrer Mutter im bayerischen Straubing in der Amerikanischen Besatzungszone, wo sie ein Notabitur ablegte. Diese Jugend beschreibt sie in ihrer 1992 erschienenen und viel beachteten Autobiographie weiter leben.

1946 nahm Klüger im Alter von 15 Jahren ein Studium an der damaligen Philosophisch-theologischen Hochschule in Regensburg auf. Ein Studienkollege war Martin Walser, den sie in weiter leben in der Figur des Christoph darstellte. Die Freundschaft, die sich aus dem Studium entwickelte, beendete Klüger 2002 durch einen Offenen Brief an Walser nach dem Erscheinen seines Romans Tod eines Kritikers.[2] Klüger emigrierte mit ihrer Mutter[3] 1947 in die USA und studierte in New York Bibliothekswissenschaften und Germanistik an der University of California, Berkeley. Das Studium schloss sie 1952 mit dem Master of Arts ab. In den fünfziger Jahren war Ruth Klüger mit dem Historiker Werner Angress verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Percy und Dan.[4] Obwohl die Ehe nicht lange hielt, publizierte Klüger bis in die 1980er Jahre unter dem Namen Ruth K. Angress. 1967 promovierte sie beim Barockforscher Blake Spahr. Der Titel ihrer Dissertation lautete The Development of the German Epigram in the 17th Century.

Ruth Klüger mit ihrem Buch unterwegs verloren, 2008

Von 1980 bis 1986 war sie Professorin an der Princeton University und danach Professorin für Germanistik an der University of California in Irvine sowie seit 1988 Gastprofessorin an der Georg-August-Universität Göttingen. Klüger lebte abwechselnd in Irvine und in Göttingen.[5] Sie befasste sich mit Heinrich von Kleist und war langjährige Herausgeberin der Zeitschrift German Quarterly. Ihre 1996 erschienene Essaysammlung Frauen lesen anders fand große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. 2005 war Ruth Klüger Dozentin im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur. Sie war Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und in der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, Wuppertal. 2008 veröffentlichte Ruth Klüger unter dem Titel unterwegs verloren eine Fortsetzung ihrer Autobiographie, die sich den Jahren im amerikanischen Exil und danach widmet.[2][6]

Klüger starb im Oktober 2020 im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Kalifornien.[7][8][9] Sie wurde am 11. Oktober 2020 auf dem Mount Sinai Memorial Park Cemetery in Hollywood Hills bestattet.[10]

Gedenkrede im Bundestag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 27. Januar 2016 hielt Ruth Klüger im Rahmen der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag die Gedenkrede, in der sie ihre Erlebnisse als Zwangsarbeiterin im Konzentrationslager schilderte. Am Ende der Rede lobte sie die Öffnung der deutschen Grenzen in der Flüchtlingskrise und bezeichnete Angela Merkels Satz Wir schaffen das als „heroisch“.[11][12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Schriftstellerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruth Klüger schrieb auch unter dem Namen Ruth Angress.

Als Literaturwissenschaftlerin und Essayistin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Early German Epigram: A Study in Baroque Poetry. University Press of Kentucky 1971.
  • Frauen lesen anders. Essays. dtv, München 1996, ISBN 3-423-12276-5.
  • Katastrophen. Über deutsche Literatur. dtv, München 1997, ISBN 3-423-12364-8.
  • Auf dem Weg zur dritten Strophe. Rezension des Deutschlandlieds von A. H. Hoffmann von Fallersleben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. März 1998.
  • Dichter und Historiker: Fakten und Fiktionen (= Wiener Vorlesungen im Rathaus. Band 73). Picus, Wien 2000, ISBN 3-85452-373-4.
  • Schnitzlers Damen, Weiber, Mädeln, Frauen (= Wiener Vorlesungen im Rathaus. Band 79). Picus, Wien 2001, ISBN 3-85452-379-3.
  • Zwickmühle oder Symbiose: War Heinrich Heine ein Geisteswissenschaftler? (= Heidelberger Universitätsreden. Band 17). Müller, Heidelberg 2003, ISBN 3-8114-5120-0.
  • Thomas Mann als Literaturkritiker. In: Michael Braun, Birgit Lermen (Hgg.): „Man erzählt Geschichten, formt die Wahrheit.“ Thomas Mann: Deutscher, Europäer, Weltbürger. Peter Lang, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-631-38046-1, S. 25–32.[18]
  • Ein alter Mann ist stets ein König Lear – Alte Menschen in der Dichtung (= Wiener Vorlesungen im Rathaus, Band 104). Picus, Wien 2004, ISBN 3-85452-504-4 (Vortrag anlässlich der Eröffnung des 6. Wiener Internationalen Geriatriekongresses Aktives Altern – Active Ageing am 21. Mai 2003, Vorwort von Hubert Christian Ehalt).
  • Wien schreit nach Antisemitismus. In: Martin Doerry (Hrsg.): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA, München 2006, ISBN 3-421-04207-1.
  • Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur. Wallstein, Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0026-1.
  • Gemalte Fensterscheiben. Über Lyrik. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 3-89244-490-0.
  • Was Frauen schreiben. Zsolnay, Wien 2010, ISBN 978-3-552-05509-4.
  • Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten. Mandelbaum, Wien 2016, ISBN 978-3-85476-521-9.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Mitscherlich: Reisen ins Leben. Weiterleben nach einer Kindheit in Auschwitz. 1996.[19]
  • Renata Schmidtkunz: Ich komm’ nicht von Auschwitz her, ich stamm’ aus Wien – Ruth Klüger im Portrait. Uraufführung am 1. März 2005 in Wien. Produktion von 3sat, ORF und Bayern alpha Österreich, 2005.[20]
  • Renata Schmidtkunz: Das Weiterleben der Ruth Klüger. Dokumentation. 83 Minuten, 2011.[21][22]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ruth Klüger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ruth Klüger im Munzinger-Archiv, abgerufen am 2. Juni 2021 (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. a b Paul Jandl: Wie man den Holocaust überlebt und das Patriarchat verachten lernt, welt.de vom 7. Oktober 2020
  3. Hubert Spiegel: Autorin und Zeitzeugin: Das Ungeheure blieb ihr geläufig. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 13. Oktober 2020]).
  4. Das Weiterleben der Ruth Klüger - In memoriam. Abgerufen am 8. Oktober 2020.
  5. Wolfgang Paterno: Mord kann ich nicht entschuldigen. In: Profil, 34/2008, S. 108.
  6. a b lyrikwelt (Memento vom 5. November 2010 im Internet Archive) Jochen Vogt: Abrechnung im Zorn. Kritische Besprechung zu unterwegs verloren. In: Neue Ruhr/Rhein Zeitung, 5. Januar 2008.
  7. Helmut Böttiger: Nachruf auf Ruth Klüger – In der Minute des Überlebens, sueddeutsche.de, erschienen und abgerufen am 7. Oktober 2020.
  8. Sigrid Löffler: Zwischen Aufklärung und Endlösung. [...] Ruth Klüger ist 88-jährig verstorben, in Falter (Wochenzeitung), Wien, Nr. 42 / 2020, 14. Oktober 2020, S. 36 f.
  9. Iris Radisch: Der Sinn ihres Lebens, in: Die Zeit, Hamburg, Nr. 43, 15. Oktober 2020, S. 51
  10. Traueranzeige Ruth Klüger. In: lebenswege.faz.net. 20. Oktober 2020, abgerufen am 12. Dezember 2020.
  11. Rede von Ruth Klüger: „Zwangsarbeiterinnen“. Auf der Website des deutschen Bundestages.
  12. Rede von Ruth Klüger: „Zwangsarbeiterinnen“. Videomitschnitt der Rede auf der Website des deutschen Bundestages.
  13. Laudatio von Eva Geber; Klügers Antwort: Theodor Kramers Judentum, beides am 20. Mai 2011; sowie Hans Höller: Das Verdrängte „der Vernunft zur Verfügung“ stellen, über Klüger, in: Zwischenwelt. Literatur, Widerstand, Exil. Zeitschrift der Theodor-Kramer-Gesellschaft, 28, Heft 3, Oktober 2011, ISSN 1606-4321 S. 6–13.
  14. Norm für menschengerechtes Dasein gesetzt. In: Börsenblatt vom 7. Oktober 2011, abgerufen am 8. Oktober 2011.
  15. Paul-Watzlawick-Ehrenring. Abgerufen am 22. April 2015.
  16. a b derStandard.at – Ruth Klüger erhält Watzlawick-Ehrenring und Ehrendoktorat. APA-Meldung vom 22. April 2015, abgerufen am 22. April 2015.
  17. Ehrenpreis für Ruth Klüger Börsenblatt des Deutschen Buchhandels vom 15. November 2016, abgerufen am 19. November 2016.
  18. Zugl. Denkrede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises 1999. Auch in: Thomas-Mann-Jahrbuch, 13, 2000, S. 229–236.
  19. Text zu Reisen ins Leben – Weiterleben Nach einer Kindheit in Auschwitz auf filmzentrale.com
  20. Stadt Wien Filmuraufführung 1. März 2005.
  21. Premiere am 30. Oktober 2011 bei der Viennale, in Anwesenheit von Ruth Klüger. Siehe Filmarchiv auf der Website des Festivals, abgerufen am 24. Februar 2012.
  22. Bilder vom Weiterleben in: FAZ vom 10. Mai 2013, Seite 36.